IN2IT #2 – DAY ONE von KERB

Für die zweite Ausgabe von IN2IT haben sich Soey und Max einen Breakbeat-Roller von KERB ausgesucht. Get into it!

Es ist wieder soweit: Die nächste Ausgabe von IN2IT ist da! Vorab nochmal ein großes Dankeschön an alle Künstler:innen für ihre tollen Einsendungen, ohne die dieses Projekt nicht möglich wäre. Bei der Wahl des Tracks für die zweite Edition waren wir uns diesmal recht schnell einig. Auch wenn sich diese Produktion maßgeblich von der aus dem Dezember unterscheidet, hat sie uns keinesfalls weniger fasziniert. Without further ado:


IN2IT #2 KERB – DAY ONE. 

Dieser Breakbeat-Roller überzeugt mit seiner laut pulsierenden out-of-space Hauptschlagader. Sanft wird man in das Geschehen eingeleitet, um dann über die gesamte Dauer immer mehr in den Track hineingezogen zu werden. Die anfängliche Melancholie des Tracks findet ihre Auflösung im ersten Break, wenn der satte analoge Bass kein Stillsitzen mehr zulässt. Anschließend führen die gebrochenen Drums in Verbindung mit den Vocals und Pads zu einer Synthese aus abwechselnd hypnotischen und ergreifenden Elementen. Day One greift dabei teilweise in die Retrokiste, ohne jedoch altbacken oder abgedroschen zu klingen. Vielmehr sind wir der Meinung, dass KERB die alte Schule gekonnt neu interpretiert. Er selbst beschreibt den Track als „looking down onto another planet“.  

Seit 8 Jahren produziert KERB elektronische Musik. Auch wenn es eine Weile dauerte, bis er das passende Umfeld fand, um sich musikalisch zu äußern: Leipzig scheint ihm dieses Gefühl zu vermitteln. Hier ist der gebürtige Südafrikaner nun schon seit Oktober 2019 und wird uns hoffentlich auch weiterhin mit seiner Musik überraschen. Zwar konnte er 2020 nicht den „classic“ Leipziger Open-Air-Sommer erleben, dennoch genoss er einige Clubabende im vorherigen Winter. Im Unterschied zu anderen großen Städten hatte er das Gefühl, dass Clubkultur in Leipzig mehr gesellschaftliche Anerkennung findet. Zudem sei auch der Vibe hier etwas anders – seiner Meinung nach dadurch bedingt, dass der wirtschaftliche Druck auf den Clubs weniger zum Vorschein kommt. 

Clubkultur – Ein großes Partizipieren  

Sein erster Kontakt zum Produzieren kam durch einen Kurs an seiner ehemaligen Schule in Großbritannien. Dort lebte er seit seinem elften Lebensjahr und gelang ziemlich bald an die Techno & House Szene in London Hackney. Sein frühestes Ausgesetztsein mit tanzbarer Musik deklariert er deswegen als „the prodigy“. 

„I called it rave music without knowing what rave means.“

Im Clubkontext liegt das Augenmerk meist auf DJs oder Produzent:innen. Wenn man jedoch genauer hinschaut, dann offenbart sich etwas wundervolles, das KERB in unserem Interview sehr schön beschreibt:

 „Everyone is a participant. Everyone co-creates.“

Wir können wahrscheinlich für viele Lesende sprechen, wenn wir sagen, dass wir unsere ersten Partys – abseits der Musik natürlich – wegen eines besonderen Gefühls besucht haben. KERB schafft es, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Das Besuchen unserer ersten Partys fühlte sich an wie eine Art Rebellion gegen die Norm, in der alle Menschen plötzlich eine Einheit bilden. Es ist eine Koproduktion aus den Sounddesigner:innen, den Raver:innen, den Künstler:innen, dem Staff, den Menschen, die die Anlage entwerfen und einstellen und und und… Der Vibe scheint nur dadurch zu entstehen, dass alle Partizipierenden ein Stück von sich selbst zu diesem Ganzen beitragen.

Als wir KERB nach weiteren Einflüssen und Inspirationen fragen, bekommen wir eine vielschichtige Antwort. Zunächst nennt er den Bass sowie und die, die sein Vater auf ihn nahm. Er hätte sich damals wahrscheinlich als Metalhead beschrieben, mit Einflüssen von Metallica bis Iron Maiden. Irgendwann brachte er sich dann das Gitarrespielen bei und erwähnt in diesem Zuge, dass das Schreiben von Musik ihn immer mehr interessiert hat als nur das bloße Rezipieren. Neben aktuellen Releases von R.A.N.D Muzik nennt er auch UK Garage, Dubstep und Drum & Bass als Inspirationsquellen. Allerdings versucht KERB stets, sich nicht zu stark von äußeren Einflüssen leiten zu lassen – aus Angst davor, Bestehendes einfach nur nachzuahmen.  

„The goal is to one day make the tracks you dream of, even though it’s so hard to translate them into real life.“

credit: prism_o

Ko-Kreation mit der Hardware 

Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es für KERB kein festgefahrenes Schema. Trotzdem scheint es ihm wichtig, eine gewisse Routine zu finden, an der man sich orientieren kann. Die Idee für Day One entsprang beispiels durch das Vocal Sample. Danach kamen weitere Elemente wie die Drums oder die Bassline hinzu. Bedeutend sind für ihn die Interaktionsprozesse mit der Hardware wie dem bekannten SH101 von Roland oder auch VST-Effekten von D16.

„It feels like I am co-creating with the hardware.“

Das Arrangement versucht er anschließend mit Hilfe von Controllern selbst einzuspielen. Der Track bekommt dadurch mehr Leben eingehaucht und das Arrangement fühlt sich nicht mehr so statisch an, wie KERB findet. Hilfreich sind hier auch kleine Effekte und Sounds für die Übergänge. Um einem Projekt anschließend das finale finish zu geben, kommt es für ihn vor allem auf das Mixing an, das ihm fast genau so viel Freude bereitet wie das Produzieren an sich. KERBs Ansatz ist hierbei, vor dem Mixing ähnliche Musik zu hören, die seiner Meinung nach perfekt gemixt ist. Mit Hilfe von Stereobild, Räumlichkeit, Kompression und Gain-Staging versucht er hier die einzelnen Elemente des Tracks aufeinander abzustimmen und zu einem Ganzen werden zu lassen. Als unbedingten Tipp für alle Produzent:innen nennt er das Buch Mixing With Your Mind von Michael Stavrou.


Auch für KERB hatte die Pandemie einen gewaltigen Einfluss auf seinen kreativen Prozess. Auf der positiven Seite bringt sie – wie für viele andere auch – die scheinbar gewonnene und kostbare Zeit für die Musik mit sich. Dazu kam, dass er sich letztes Jahr in einem Studio angemietet hat und so eine feste zeitliche Routine zum Produzieren fand. Andererseits fühlt er sich aber auch abgekoppelt vom Zweck seiner Musik.

„I feel like I was losing reference. What am I making, what does it mean? I am producing dance music although I haven’t danced for such a long time.“

Auch wenn uns bewusst war, was er damit meinte, hat DAY ONE hat uns gedanklich sofort wieder in die Clubs und auf die Festivals geholt. KERB scheint also alles richtig gemacht zu haben, darin sind wir uns einig.

Auch hoffen wir, dass der Track eure Hoffnung auf die kommende Zeit aufleben lässt. Partys lassen leider noch ein wenig auf sich warten – IN2IT aber nicht! Deswegen fiebern wir weiterhin auf eure Einsendungen hin. Wir mussten feststellen, dass wir es manchmal nicht rechtzeitig schaffen, zeitlich begrenzte Downloadlinks zu öffnen. Deshalb schickt uns bitte Soundcloud-Links mit Downloadfunktion an opencall (@) frohfroh.de. Wir freuen uns weiterhin über eure Einsendungen und genauso auf die nächste Ausgabe! 


Die Grafik(en) sind wie immer von Sophia Krasomil. Vielen Dank!

Talk Talk – Wie wir selbst eine Platte veröffentlicht haben

Ein neuer Talk Talk-Podcast ist online – dieses Mal sprechen wir über unsere erste eigene Platte, die im letzten Dezember herauskam. Zu Wort kommen auch drei der vier beteiligten Musiker:innen.

Ja, wir waren unerfahren darin, aber wir haben es gewagt und eine Platte rausgebracht. Die FF001 erschien im Dezember 2020 über Bandcamp und ihr voraus ging ein Open Call an euch!

Wir durften also dieses Mal die andere Seite eines Platten-Releases kennenlernen und alle Phasen selbst durchleben. Während wir normalerweise Musik rezensieren, ging es nun darum, die Tracks auszuwählen, zu mastern, ein Presswerk zu finden und natürlich auch das passende Artwork entwickeln zu lassen. Danke hierfür an Anna-Lena-Erb.

Wie der Prozess vom Open Call bis zum Release war, erzählt euch frohfroh-Chefredakteurin Antoinette Blume in der neuen Talk Talk-Folge.

„Wir wollten eine Leipzig-based-Platte rausbringen – mit dem Open Call haben wir dann den Kontakt zu Musiker:innen außerhalb der frohfroh-Bubble gesucht.“

Außerdem kommen unsere Musiker:innen Sithara, ARVØ und Lea Matika im Podcast zu Wort.

Redaktion: Kathi Groll
Aufnahme: fragmentiert

Two Play To Play #4 – UPDATE

Sehr cool, die spannende Gewandhaus-Reihe Two Play To Play geht weiter – in die vierte Saison mitttlerweile. Dieses Mal treffen Kiki Hitomi und Disrupt von Jahtari auf den Bassklarinettisten Volker Hemken. Hier die Termine.

Nach Martin Kohlstedt, Micronaut und P.A. Hülsenbeck öffnet sich Two Play To Play mit Kiki Hitomi und Disrupt von Jahtari dem Dub-Kosmos. Das Leipziger Label hat darin in den letzten zehn Jahren einiges bewegt – und zwar international. Mit Kiki Hitomi und Disrupt lassen sich die zwei bekanntesten Musiker*innen von Jahtari auf das Experiment Two Play To Play ein.

Gemeinsam mit dem Bassklarinettisten Volker Hemken vom Gewandhausorchester entwickeln sie ein gemeinsames Konzertprogramm. Wie schon bei den vorherigen Ausgaben ist der Entstehungsprozess transparent – mit Blog-Beiträgen und Öffentlichen Proben. Pandemiebedingt werden die Proben in den nächsten Monaten aus Conne Island heraus gestreamt. Die Premiere wird dann bestenfalls im Mendelssohn-Saal des Gewandhauses stattfinden. Hier sind alle Termine – Achtung, bei der Uraufführung hat sich der Termin und Ort geändert:

Öffentliche Probe, 6. März 2021, 20 Uhr – Stream via Facebook
Öffentliche Probe, 30. März 2021, 20 Uhr – Stream via Facebook
Öffentliche Probe, 14. April 2021, 20 Uhr – Stream via Facebook
Uraufführung, 1. Mai 2021, 20 Uhr – Live im Gewandhaus

Uraufführung, 28. Mai 2021, 20 Uhr – Live-Stream aus dem Conne Island

Wir empfehlen einen Klick in den Blog – dort findet ihr das Artist-Gespräch mit den drei Musiker*innen, moderiert von Kathi. Außerdem sind die ersten beiden Treffen dokumentiert.

Foto-Credit: Postrach, Rothe

Inch by Inch – Laden, Label und Vertrieb

Im September letzten Jahres wurde bekannt gegeben: Der Inch by Inch Store und die ehemalige Shite Music Distribution arbeiten nun unter gemeinsamen Namen zusammen. Wir haben uns zum Gespräch mit den drei jeweiligen Gründern getroffen.

Nachdem Reece und Oli (alias Carmel und Oliver Bernstein) jahrelang nebeneinander bei R.A.N.D. Muzik, dem Plattenpresswerk, arbeiteten, entschlossen sie sich, gemeinsam eine Distribution, einen Vertrieb, zu gründen. Dieser Vertrieb sitzt bis heute im selben Gebäude wie R.A.N.D. – ein großer Vorteil. Zu meiner Überraschung lernten beide Philipp (alias Drunkenstein) erst durch seinen Laden, das Inch by Inch, kennen. Auch hier bildete sich eine Freundschaft und diese führte wiederum dazu, dass die gemeinsame Geschäftspartnerschaft – die schon zwischen Laden und Vertrieb bestand – sich vertiefte. 

Aber wie kam es denn nun zur Fusion? Vorab gesagt: Natürlich sind sowohl das Inch by Inch als Laden und als auch Inch by Inch als Distribution nach wie vor zwei getrennte Unternehmen. Shite Music, wie die Distribution vorher hieß, wurde vor drei Jahren gegründet. Gewählt wurde der Name, um zu suggerieren, dass das Unternehmen Arbeit mit Humor machen würde, jedoch wurde es unter diesem Titel vor allem im englischsprachigen Raum mit der Zeit schwieriger, zu arbeiten. Weil dieser Wunsch nach einer Namensänderung schon länger im Raum stand, schlug Philipp irgendwann eine Übernahme vor – Oli fragte, ob das einfach so ginge.

„Wir haben gefragt, Philipp hat ja gesagt. Das war cool.“

Name geändert, schön und gut. Aber hat sich intern etwas verändert? Was die Arbeitsweise an sich angeht: nicht viel, meinen die Jungs. Stattdessen heiße ein „Blick in die Zukunft (…), dass beide Unternehmen immer mehr zueinander finden“. Klar mussten Sticker, Plakate und Paketbandrollen neu designed und bestellt werden, der Effekt der Außenwirkung ist aber größer. 

„Dass der Vertrieb den gleichen Namen hat, wie mein Laden, trifft bei Kunden definitiv auf Anklang,“ meint Philipp beispielsweise. Schon vorher hat er Leute im Laden, die nach einem Vertrieb gefragt haben, an Oli weitergeleitet – oder eben nicht. 

Dass die Wirkung nach außen angepasst wurde, kommt gelegen, denn die Namensänderung ist auch eine Chance für eine Änderung im Sound. Wo Shite vorher für House- und Disco-Edits stand, ist man nun aus diesem Bereich ein wenig weggekommen – „was ja nichts Schlechtes ist“, wie Reece anmerkt. Eher ein Vorteil: „So haben wir verschiedene und andere Labels mit dem Vertrieb bekommen, mit denen es so vielleicht nicht geklappt hätte.“

Was sich nicht geändert hat, ist der Faktor Leipzig-Support. Weiterhin ist es der Distribution wichtig, junge, lokale Labels und Künstler*innen zu fördern. „Unabhängig von den Labels, die dabei sind, wollen wir die Stadt [Leipzig] nach außen repräsentieren.“ So sind nicht nur etablierte Leipziger Labels wie R.A.N.D. Muzik Recordings, blaq numbers oder O*RS im IBI-Roster aufzufinden, sondern auch jüngere Labels wie Sachsentrance oder Wellness Records. Philipp merkt dazu an: „Ich bin sehr stolz, dass das R.A.N.D. Muzik Label unter dem Namen Inch by Inch läuft.“ 

Natürlich ist ein weiterer Vorteil des Zusammenschlusses, dass man nun noch stärker Kontakte austauschen und Netzwerken kann – und obwohl die internen Arbeitsweisen sich nicht viel verändert haben, fällt viel gemeinsame Labelarbeit an.

„Genauso wie ich mir im Laden überlege, was ich reinstelle, müssen die Jungs mit den Labels abwägen, wen sie reinnehmen“, kommentiert Philipp. Insgesamt probieren sie bei der Inch by Inch Distribution viel aus; wenn mindestens einer der beiden beziehungsweise einer der drei dahinter steht, dann nehmen sie ein Label meist auf. Oli äußert hierbei den Wunsch nach mehr Hip Hop Releases und Labels – auch wenn sich die Distribution auf (typische) elektronische Musik konzentriert. Warum typisch? Zum Thema ob sich Hip Hop als elektronische Musik bezeichnen lässt, hat unsere Autorin Paula bereits 2019 einen spannenden Artikel geschrieben.

Bei dem Standing, das die Distribution in Leipzig hat, vergisst man schnell, wie jung das Unternehmen eigentlich ist: Drei Jahre sind nicht nur wenig Zeit für ein Laden, wie Philipp einen hat, sondern auch für einen Vertrieb. So sieht es auch Oli: „Wenn man so will, steckt der Vertrieb immer noch in seinen Kinderschuhen.“ Dennoch wird ein gleiches, professionelles Niveau angestrebt, wie bei Vertrieben, die es schon seit 15 oder 20 Jahren gibt. Und sowieso ist der Anspruch da, alle Labels gleich zu behandeln – egal wer größer oder bekannter sein mag. 

Apropos Labels:

Neben einer Distribution und einem Store ist im vergangenen Monat ein Label unter dem Namen Inch by Inch gegründet worden, Philipps Baby. Auch dieses Projekt war schon länger im Gespräch, bis dann endlich der richtige Moment gekommen war, um es zum Leben zu erwecken. Die Zusammenarbeit mit dem Vertrieb war gegeben und somit war klar, dass die Labelarbeit nicht alleine zu bewältigen war. Das erste Release ist am 19. Februar erschienen –  Horns of Nippes heißt die EP – produziert vom Künstler T_NO. Denn: „Wenn es einen Vertrieb und ein Plattenladen gibt, muss es auch ein Label geben.“

Tino alias T_NO, der seine Roots bei Kompakt und groove attack hat, war schon lange Kunde in Philipps Laden, bis er ihm irgendwann seine Tracks vorspielte. Er hatte schon lange Musik gemacht, aber noch nie etwas veröffentlicht. Philipp erzählt: „In dem Moment war für mich klar: Das könnte das erste Release werden.“ Tatsächlich bewegt sich das Release mit drei eigens produzierten Tracks und einem Remix von DJ Balduin alias Trevor J. Baldwin irgendwo zwischen House, Techno und Electro, dreamy Melodien und clubtauglichen Kicks.

Eben, dass Tino noch nie etwas veröffentlicht hat, macht die Musik für Philipp so interessant. „Das ist vielleicht ein romantischer Gedanke, aber vielleicht sucht man nach Künstler*innen, die schon lange Musik machen, aber sich selber nicht trauen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen“. Welche Strategie man betreiben muss, um solche Leute zu finden, weiß Philipp auch noch nicht ganz – das zweite Release steht aber immerhin auch schon. Das Inch by Inch Label wird kein Label sein, wo es eine gerade musikalische Richtung gibt, für das jeweilige Publikum und die jeweilige Nische aber soll es immer den richtigen Ton treffen. Und sowieso: ein roter Faden wird bei demselben Kurator sowieso gegeben sein.

Nicht nur beim Vertrieb, sondern auch bei seinem Label kümmert sich Philipp um die grafische Handschrift. Das Cover auf der IBI001 bezieht sich auf Produzent Tinos Berufung als Lokführer: das Bild des Güterzugs ist ein Still aus einem Video von Philipp. Auf der Rückseite befindet sich eine Grafik der Voyager-Sonden 1 und 2. Die Zug-Referenz findet sich auch im von DJ Balduin erstellten Musikvideo zu Horns of Nippes wieder.

Um das Corona-Thema nicht ganz beiseite zu schieben: Wie läuft denn das Distributions-Business unter Pandemiebedingungen? Einerseits muss es doch einen Überfluss an Produktionen durch Produzent*innen, die den ganzen Tag Zuhause sitzen geben, andererseits haben die Plattenläden zu und DJs keine Gigs. Wie viele Releases in den letzten Monaten herausgekommen sind, dürften wir alle mitbekommen haben.

Überraschenderweise ist das Feedback gut; business as usual. Reece erzählt, dass er im letzten März dachte, er müsse seine Koffer packen und zurück nach Australien ziehen, ihn überrascht es, dass trotzdem so viele Menschen Musik kaufen. Oli denkt, viele würden trotz der Krise ihre Lieblingslabels und -künstler*innen unterstützen wollen. 

Auch Philipp muss nochmal nachfragen: Wie bedeutend waren Plattenläden für die Summe der Verkäufe? Auch die Plattenläden finden Lösungen, um mit der Pandemie umzugehen, meint Oli – siehe Online-Shops und Pick-Up-Lösungen. Auch Reece merkt an, welche Rolle Discogs in der Plattenindustrie spielt, denn auch kleinere Läden bestellen trotzdem noch. Philipp sieht das anders: Er traue sich nicht, neu erschienene Sachen zu bestellen. Klar ist die Lage im Moment bescheiden, aber er zieht durch.

„Ich bin jeden Tag im Laden, aber es sind keine Kunden da – das ist ein komisches Gefühl.“

Wie lange dieser Optimismus von Seiten des Vertriebs gegeben ist, weiß keine*r. Reece überlegt: „Platten sind ein Luxusprodukt – wer weiß, wenn es in einem Jahr eine wirtschaftliche Rezession geben sollte, wer dann noch Platten kauft.“ „Das Musikbusiness ist ein ehrliches Business – egal, ob die Platte von einem*r Starproduzent*in ist oder nicht, wenn der Track scheiße ist, kauft es keine*r“- so Oli. 


Alle Bilder sind von Kim Camille. Vielen, vielen Dank!

Inch by Inch, den Laden, findet ihr unter anderem auf Instagram, Facebook und Discogs.

Inch by Inch Distribution findet ihr unter anderem auf Instagram, Facebook und SoundCloud.

KW 11 – Sonntag

Ihr könnt noch bis zum 21. März die Drag Performance ‚Fuck me today, kill me tomorrow‘ anschauen. Digital, direkt von zuhause. Inhaltswarnung: Sexualisierte Gewalt!

„Ich weiß nicht, was mir beim Sex gefällt. Ich kenne meine Grenzen nicht. Ich kann meine Grenzen nicht ausdrücken. Meine Grenzen werden überschritten. Die Grenze verschwimmt irgendwo zwischen Gewalterfahrung und der Suche nach Lust.“

‚Fuck me today, kill me tomorrow‘ ist eine feministische Drag Performance. Sie hinterfragt Scham, Schuldgefühle und Harmonie. Wer gelernt hat, die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen, der verlernt, sie zu formulieren. So wird sexuelle Gewalt zur Kollektiverfahrung.

Können wir uns Sex und Lust ohne Gewalt überhaupt vorstellen? Gibt es Konsens im Patriarchat?

Die Performance ist noch bis zum 21. März unter folgendem Link verfügbar: http://werkstatt-lofft.de/?udt_portfolio=fuck-me-today-kill-me-tomorrow

KW 10 – Sonntag

Trotz Lockdown „eröffnete“ die Ausstellung STAND DER DINGE, eine installative Performance des Künstlerkollektivs Vino Magico im Leipziger Kunstraum Bistro21. Am Montag ist der letzte Tag, um die Ausstellung durch die Schaufensterscheibe sehen zu können.

Bei diesem experimentellen Ausstellungsformat setzen sich die drei Künstler, Miles Schuler, Monty Richthofen, auch bekannt als Maison Hefner, und Philipp Zrenner performativ mit der gesellschaftlichen wie auch politischen Relevanz von Kunst während der Pandemie kritisch auseinander.

In einem Zeitraum von zwei Wochen widmeten sie sich den Restriktionen, Möglichkeiten und Herausforderung unter denen ein begehbarer Raum für Kunst erhalten werden und für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben kann. Über die Zeit konstruieren sie ein Mahnmal für die existenzielle Extremsituation in der sich Kunst und Kultur aktuell aufhalten müssen. Zu sehen  ist die Ausstellung nur analog, durch die großen Schaufenster des kleinen Art Spaces, ganz Lockdown Konform. Die Vernissage, tja die fiel recht bescheiden aus: Niemand dort, nichts zu sehen, es brennt ein Licht, als hätte es jemand letzten Herbst vergessen. So der Stand der Dinge.

KW 10 – Donnerstag

Ausgehend von den Ereignissen um Moni’s Rache Anfang Januar 2020, und allen weiteren Veröffentlichungen sowie Aufarbeitungsprozessen in Bezug auf sexualisierte Gewalt in der Leipziger Linken, stellt sich seit Langem die Frage des Täterschutzes. Was ist das überhaupt? Wie passiert er? Wie kann er gestoppt werden? Ein Online-Vortrag beschäftigt sich mit diesen Fragen.

Der Vortrag entwickelt die These, dass wir alle immer Betroffene und Täter*in zugleich sind und wir uns durch das Konstrukt ‚Täterschutz‘ oftmals nur abgrenzen wollen von denjenigen, die wir als ‚schlechte Menschen‘ verstehen. In dem Moment, in dem wir begreifen, dass auch wir Täter*innen sind bzw. es werden können, fällt es leichter sich mit der Thematik tatsächlich zu befassen, als dem Abwehrimpuls und dem Externalisieren des Problems zu folgen.

‚Täterschutz‘ wurde in den letzten Monaten bzw. im letzten Jahr häufig als Vorwurf an diverse Einzelpersonen und/oder Gruppen gerichtet, ohne möglicherweise zu wissen, was das genau bedeutet. Der Vortrag versucht sich anhand von verschiedenen Texten, Blogeinträgen usw. dem Thema auf mehreren Ebenen, losgelöst von Emotionen und konkreten Beispielen, zu nähern, um die begriffliche Einordnung und die damit verbundenen Herausforderungen und Fragen für die Linke zu konkretisieren.

Referentin: Jule ist Sozialarbeiterin im Frauenhaus, seit vielen Jahren aktiv als Unterstützin von Betroffenen von sexualisierter Gewalt, Feministin.

Den Vortrag könnt ihr ab dem 11.03. auf der Mixcloud-Seite der Veranstlter*innen anhören. Mehr Infos gibt’s bei Facebook.

Track-Premiere – Maltin Worf „4AM (DJ Detox Remix)“

Defrostatica kontert die Krisenstimmung mit zwei EPs in kurzer Taktung. Einen Track daraus gibt es bereits vorab bei uns – und zwar einen Detroit-Hit.

„4AM“ heißt die kürzlich neu erschienene EP von Maltin Worf. Der Ur-Dresdner und nun Wahl-Berliner ist einer der beständigsten Acts bei Defrostatica. Vier Uhr früh, Peaktime in den Clubs – ja, diese EP ist nichts anderes als eine Hommage an die wilden, aufpeitschenden, befreienden und beglückenden Momente auf dem Dancefloor. Und die vier Tracks bringen diese Power voll auf den Punkt – mit unterschiedlich temperierten Breakbeats, wehmütigen Synths und mit einnehmenden Worten des Bristol-based MCs Rider Shafique.

Die A-Seite trägt auch einige darke Nuancen in sich, auf der B schimmert mit „Thirsty“ und „Cream“ dann mehr Licht durch die mit schwarzem Molton abgehängten Floor-Fenster. Besonders „Cream“ holt mich voll ab – klar, die Entschleunigung, der Mix aus Melancholie und Zuversicht, perfekt zum Fallenlassen und Entgleiten.

Nun aber zur Track-Premiere: Denn Mitte März folgen direkt die Remixe zum Titeltrack „4AM“. Mit dabei ist auch der Leipziger DJ Detox, der zuletzt mit extrem guten Rave-Hymnen auf R.A.N.D. Muzik aufhorchen ließ. Er überführt „4AM“ als einziger auf den Techno-Floor. Und das auf beste analoge Weise: Ich habe schon lange keinen so erfrischenden, positiv losziehenden Detroit-Vibe mehr gehört – noch dazu eingebettet in eine perkussive Lässigkeit. Umso mehr freut es mich, dass wir genau diesen Track hier präsentieren dürfen.

Checkt aber auch die anderen Remixe. Tinkah ist ebenfalls großartig dabei – herrlich slow und verspult, lost in time heißt sein Remix passenderweise denn auch. Und Yazzus‘ „Midnight Rave Remix“ flasht durch seine Verwandlung: vom spooky, introvertierten hin zu einem hektisch rasenden Rave-Track. Insgesamt ein sehr gutes Package, die beiden EPs.

Pre-Order-Link für die Remixe: https://maltinworf.bandcamp.com/album/4am-remixes

Neu, neu: The Kiki Queen

Aktivist*in, Tänzer*in und Podcaster*in L Fierce ist eine der glamourösesten Erscheinungen Leipzigs. Wir haben uns den neuen Podcast der series be-Gründer*in angehört.

Wer sich noch an Leipziger Festivals erinnern kann, der kennt sicher auch noch das Balance Club / Culture Festival. Bei der ersten und dritten Edition war L als Perfomer*in dabei. Seitdem, seit der ersten Performance in der Galerie KUB, das muss 2017 gewesen sein, verfolge ich Ls Schaffen und bin, ja, sagen wir es ruhig so: Fan.

Ein ausführliches Interview mit Luke über Lukes Aktivismus und Zugang zur Leipziger Clubkultur lest ihr hier, denn jetzt soll es um Lukes Podcast gehen. Yes, another Podcast! Denn, wenn mir, ganz persönlich, Corona und die Maßnahmen eines gebracht haben, neben viel Schmerz, viel Alleinsein, intensivere Beziehungen zu den Menschen, mit denen ich mich eng verbunden fühle, viel Papiermüll vom Take-away-Essen und vom Online-Shopping, dann das: Zeit! Zeit, um Podcasts zu hören.

The Kiki Queen

Die Geräuschkulisse von Podcasts, ob nun Musik oder Sprache, ist willkommene Abhilfe zur Stille und füllt meinen Kopf mit Input. Künstler*innen bleiben hiermit sichtbar, ob als DJs oder Producer*innen, als Gäst*innen in Talk-Podcasts oder mit einem Set. Podcasts, so wichtig! Ernsthaft. Spazieren gehen und dabei Podcasts hören, macht vieles erträglicher, finde ich. Und ein Podcast der als Mini-Inside-Serie 30 Minuten mit Sluttalkz füllt, den höre ich mir ganz, ganz sicher an. Wenn eben jener Podcast namens The Kiki Queen (überall wo es Podcasts gibt, pls google it and you’ll find it) von L Fierce gestaltet und moderiert wird, dann erübrigt sich der Rest wohl…

In den ersten Folgen des Podcasts geht es um die persönlichen Icons von L, Rassismuserfahrungen, Cancel Culture und Sex. Wer L noch nicht kennt, bekommt eine Einführung who L is in den ersten Minuten von Folge eins. Der Podcast soll auch Themen rund um Clubkultur und der LGBTQIA*-Szene bearbeiten (so stay tuned!).

Bisher sind fünf Folgen online, jeden Freitag erscheint eine weitere Episode. Der Podcast ist auf Englisch, wir können also alle unsere Fremdsprachenskills etwas auffrischen.

Listen and enjoy!

PS: And here comes my personal note, for you, Miss Fierce aka The Kiki Queen: Thank you for being that badass boss bitch, getting us through that second lockdown with your glamour, sexyness, views and politics. Great voice, great topics and production.

Please, please keep going.


Fotos von Diana Sandu und Carl Van Godtsenhoven
Graphic Design von Anja Kaiser

KW 06 – Sonntag

My body is still not your porn! Am Sonntag findet ab 14 Uhr eine Demo (mit Maske und Abstand) im Lene-Voigt-Park in Leipzig statt. Unsere Autorin Lea Schröder wird dort über ihre Recherche zu sexualisierter Gewalt in der Clubkultur sprechen.

My body is still not your porn!

Das schreiben die Veranstalter*innen der Demo zur Aktion

Unter dem Motto „My Body is not your Porn!“ haben wir vor einem Jahr auf Grund der Vorfälle sexualisierter Gewalt auf dem Festival Monis Rache eine Kundgebung mit Straßenfest und Demo veranstaltet. Bekanntlich wurden Sexismus, Gewalt und Patriarchat seither noch nicht über Bord geworfen, sodass wir erneut auf die Straße gehen werden!

Gemeinsam mit Euch wollen wir einen Blick darauf werfen, was in diesem Jahr alles passiert ist. Wie ein Brennglas haben die Taten auf Monis Rache den anhaltenden Sexismus und die Gewalt in der linken Szene schmerzhaft offenbart. Neben all der Scheiße, die das alles mit sich gebracht hat, wurden aber auch zahlreiche kritische Diskussionen und Auseinandersetzungen angestoßen, die (nicht nur) diese Szene dringend braucht.

Das (öffentliche und private) Sprechen über sexualisierte Gewalt hat mehr Raum bekommen, Betroffene haben sich vielseitig und selbstbestimmt organisiert, Fragen nach (kritischer) Männlichkeit oder zum richtigen Umgang mit Tätern wurden heiß diskutiert, und auch Überlegungen zur Gestaltung von sicher(rer)en Räumen beim Feiern und darüber hinaus haben neuen Aufwind bekommen. Gerade letztere wurden durch die Corona-Pandemie zwar zunächst ausgebremst, da Festivals und wildes Nachtleben erstmal in weite Ferne gerückt sind.

Doch wir wollen diese Pause des Rauschs nutzen, um Forderungen zu stellen und männliche, sexistische Strukturen – auch im Partykontext – zu zerschlagen. Der Täter von Monis Rache war nicht nur zufällig auch Teil des Orga-Teams. Wir lassen uns diese Räume aber nicht nehmen! Wir haben Bock auf Partys, auf denen sich alle wohl und sicher fühlen. Dafür braucht es Veränderungen!

In diesem Sinne: lasst uns weiter gemeinsam kämpfen und kein Stillschweigen über sexualisierte Gewalt (in der linken Szene) dulden! Unsere Selbstorganisation und Sichtbarmachung war und ist einzigartig, danke an alle! 

Wann & wo: Sonntag, 14.02.2021 | 14:00 Uhr im Lene-Voigt-Park Leipzig

KW 06 – Samstag

Schnee, überall Schnee. Für viele ist das schön anzusehen. Aber das extreme Wetter ist lebensgefährlich für alle, die kein Zuhause haben. Wenn ihr Menschen seht, die obdachlos sind, sprecht sie an und ruft den Kältebus.

Hilfebus in Leipzig

Täglich von 18:00 Uhr bis 22:00 Uhr

Telefon: 01523 3661087

Alle Infos von der Stadt Leipzig: https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/soziale-hilfen/hilfe-bei-obdachlosigkeit-in-leipzig/

Konsequenzen für Täter: Das kannst du tun, wenn du sexualisierte Gewalt im Kontext der Leipziger Clubkultur erlebt hast

Wenn du sexualisierte Gewalt durch eine Person erfahren hast, die sich im Leipziger Clubkontext bewegt, gibt es einige Wege, Unterstützung zu erhalten und gegen die Person vorzugehen – auch, wenn diese als DJ, Veranstalter oder in anderen Machtpositionen unterwegs ist. 

Vorab: In den Erfahrungsberichten zeigt sich, dass es mehrere Menschen geben kann, die Gewalt durch dieselbe Person erlebt haben. Wenn du mitbekommst, dass eine Freundin oder ein Bekannter von dir von derselben Person sexistisch, respektlos, übergriffig oder anderweitig gewaltvoll behandelt wurde, connected euch. Egal, ob ihr euch an gemeinsame Freund*innen wendet, an das Kollektiv der Person oder an einen Club, in dem die Person als Gast oder DJ unterwegs ist oder selbst Raves veranstaltet – gemeinsam kämpft es sich leichter. 

Doch auch wenn du keine andere betroffene Person kennst, mit der du dich verbünden kannst, hast du die Möglichkeit, dich konkret gegen Leute zu wehren, die im Clubkontext unterwegs sind und Gewalt ausüben1

Auch wenn es dir unangenehm ist, auch wenn du dich schlecht fühlst, auch wenn du erst mal nur drüber reden willst oder auch gar keinen Bock hast drüber zu reden. Sprich uns an.“ – Support-AG des Institut fuer Zukunft, Website

Die nachfolgend beschriebenen Prozesse in den Clubs gelten nicht nur für jegliche Art sexistischer Diskriminierung, Grenzüberschreitungen und/oder Gewalt, sondern für jede Art von Diskriminierung, Grenzüberschreitungen und/oder Gewalt – also auch bei Erfahrungen von Rassismus, Klassismus, Ableismus, Queerfeindlichkeit und anderen Diskriminierungserfahrungen.

Unterstützung durch den ASL

Wenn du im Umgang mit sexueller Belästigung oder sexualisierter Gewalt – egal durch wen und in welchem Kontext – Unterstützung suchst, kannst du dich zunächst an den Antisexistischen Support Leipzig (ASL) wenden. 

Die Gruppe schreibt auf ihrer Website: „Wir [möchten] mit dem Antisexistischen Support Leipzig eine feste Struktur schaffen, die es betroffenen Personen ermöglicht, Rückhalt und Unterstützung zu erfahren – die in Gruppen oder Freundeskreisen eventuell zu kurz kommen – um Geschehenes zu reflektieren, es ansprechbar zu machen und politisch zu thematisieren.“

Wenn du dem ASL unter support-asl@riseup.net eine Mail schreibst, vereinbart die Gruppe mit dir ein Treffen an einem Ort deiner Wahl. Das läuft dann so ab: Dieses Gespräch ist anonym und es ist auch nicht notwendig, den Vorfall explizit zu schildern […] – Du entscheidest selbst, was du uns erzählen möchtest. Auch unsere Unterstützung richtet sich danach, was du möchtest und brauchst. Wir werden gemeinsam schauen, was für dich passt und wir unternehmen nichts, was du dir nicht ausdrücklich von uns wünschst. […] Wir [sind] solidarisch mit dir und [stellen] deine Wahrnehmung des Geschehenen nicht in Frage.“ (Mehr dazu hier)

Darüber hinaus hat der ASL auf seiner Website einige Hinweise und weitere Anlaufstellen verlinkt, wenn es um einen Notfall geht.

Hausverbote und andere Sanktionen durch Clubs

Wenn du beispielsweise Clubs meidest, in denen die gewaltausübende Person häufig unterwegs ist, dich beim Feiern unwohl fühlst, weil du Angst hast, der Person zu begegnen oder wenn du befürchtest, die Person könnte auch gegenüber anderen Leuten gewalttätig werden, kannst du die jeweiligen Clubs auffordern, der Person ein Hausverbot zu erteilen, was im Fall eines DJs auch ein Gigverbot einschließt. 

Conne IslandElipamanoke und das Institut fuer Zukunft haben auf Anfrage hin erläutert, wie Betroffene sich an sie wenden können und wie die Prozesse um Unterstützung für Betroffene und Konsequenzen für Gewaltausübende von ihren Crews gehandhabt werden. Mjut und Distillery haben dazu keine Angaben gemacht. 

Conne Island

Wenn ein Vorfall während einer Veranstaltung stattfindet, kannst du dich direkt an die Mitarbeiter*innen des Conne Island wenden – zum Bespiel die Leute am Einlass, das Security-Team oder das Barpersonal. 

Außerhalb des Clubbetriebs kontaktierst du am besten die Unterstützungsgruppe des Conne Island per Mail: unterstuetzung@conne-island.de. Alternativ kannst du selbst oder eine Vertrauensperson am wöchentlichen, zentralen Montagsplenum teilnehmen und der Crew deine Erfahrungen bzw. Forderungen in diesem Rahmen mitteilen. 

Falls du lieber erstmal im kleinen Rahmen mit den ehrenamtlichen Mitgliedern der Unterstützungsgruppe reden möchtest, gibt es die Möglichkeit zu einem vertraulichen Gespräch. Du wirst darüber informiert, welche Möglichkeiten es neben einem Hausverbot gibt und wie der Entscheidungsprozess über Sanktionen im Conne Island abläuft.

Wenn du dir wünschst, dass deine Forderungen stellvertretend für dich ins Montagsplenum gebracht werden, übernimmt das die Unterstützungsgruppe für dich – und zwar „so transparent wie möglich, um eine gute Entscheidungsgrundlage zu haben und gleichzeitig so diskret/anonym/abstrakt wie möglich, um die Anonymität der betroffenen Person zu schützen“. 

Ob deine Geschichte dabei so anonymisiert werden soll, dass das Plenum keinen Rückschluss auf deine Identität ziehen kann, was genau dabei gesagt werden darf, und was nicht, bestimmst du. Das gilt auch für den gesamten Prozess: „Es wird mit der Betroffenen immer rückgekoppelt, was passiert – nichts wird gegen den Wunsch der Betroffenen getan“, schreibt die Unterstützungsgruppe. 

Das Montagsplenum entscheidet letztendlich über die konkreten Konsequenzen für die gewaltausübende Person. Die Gruppe betont, dass wegen der Individualität und Komplexität jedes Falls nie nach einem bestimmten Schema vorgegangen wird. Dennoch gibt es einige Faktoren, die bei einer solchen Diskussion berücksichtigt werden: Zuerst deine Wünsche oder Forderungen, außerdem „die Schwere der Tat bzw. des Vorfalls“, „der Verlauf der bisherigen Auseinandersetzung“, „ob die betroffene Person/die gewaltausübende Person am Laden aktiv ist“ sowie „die Reflexion, Einsicht und die aktive Mitarbeit der gewaltausübenden Person“. Letzteres kann sich auf die Dauer des Hausverbots auswirken. 

Im Plenum werden alle Belange, also auch die Anfrage für eine Hausverbot, im Konsensprinzip entschieden – somit kann es auch passieren, dass das Ergebnis der Diskussion nicht deinen Forderungen entspricht.

Angenommen, das Montagsplenum entscheidet für ein Hausverbot. Die gewaltausübende Person erhält das Hausverbot in der Regel immer mit einer Begründung sowie Bedingungen, die an die Aufhebung geknüpft sind. Wenn du dir Anonymität gegenüber der gewaltausübenden Person wünschst – wenn die Person also nicht wissen soll, dass du das für sie geltende Hausverbot gefordert hast – werden im Gespräch Formulierungen genutzt, die Rückschlüsse auf dich erschweren. Die Frage, wie viele Informationen zur Begründung eines Hausverbots kommuniziert werden müssen, werde derzeit im Plenum diskutiert, schreibt die Unterstützungsgruppe.

Das Conne Island handelt in solchen Fällen nach dem Ansatz der Transformativen Gerechtigkeit bzw. ‚Transformative Justice‘. Deshalb kann sich die gewaltausübende Person gegenüber der Crew äußern, wenn sie ein Hausverbot erhalten hat: „Es gibt die Möglichkeit für die gewaltausübende Person, ins Plenum zu kommen, sich zu erklären und für eine Aufhebung des Hausverbots zu plädieren. Grund dafür ist der Ansatz, dass statt einem Ausschluss von gewaltausübenden Personen die Möglichkeit zur Transformation gegeben sein soll.“ Wenn du der Person gegenüber anonym bleiben möchtest, kann dies „unter Umständen zulasten des transformativen Anspruches gehen. Allerdings ist dieser in solchen Fällen sekundärer Natur, denn wie gesagt: Im Zentrum steht die betroffene Person und ihre Wünsche.“

Elipamanoke

Im Elipamanoke sprichst du während einer Veranstaltung am besten das Awareness-Team an, du kannst dich aber grundsätzlich auch an alle anderen Mitarbeiter*innen wenden. 

Außerhalb von Veranstaltungen kannst du oder eine Vertrauensperson dem Awareness-Team jederzeit eine Mail schreiben (awareness@elipamanoke.de) oder nach Absprache außerhalb der Club-Öffnungszeiten vorbeikommen, wenn du ein persönliches Gespräch bevorzugst.

Wie es dann weitergeht, wird natürlich zuerst mit dir und danach erstmal nur innerhalb des Awareness-Teams besprochen. Dabei richtet es sich nach deiner Definitionsmacht. Wenn du anonym bleiben möchtest: „Der betroffenen Person wird Anonymität nach eigenem Ermessen gewährleistet. Alle persönlichen Daten der betroffenen Person (oder Dritter) werden selbstverständlich sensibel behandelt und geschützt. Niemand außerhalb des Awareness-Teams erhält Informationen über die Person oder Details des Tathergangs“. Die Entscheidungen basieren grundsätzlich auf deinen Wünschen und Forderungen, schreibt das Awareness-Teams.

Im Anschluss teilt das Team der Club-Leitung alle notwendigen Informationen mit und spricht deine Empfehlung bzw. Forderung aus. Wenn es möglich ist, wird dann die gewaltausübende Person kontaktiert und über die Konsequenzen informiert. 

Auch, wenn du kein Hausverbot forderst, kann sich das Awareness-Team dafür entscheiden: „Wir machen aber auch von unserem Hausrecht Gebrauch. Stellt nach unserer Einschätzung der Täter/die Täterin eine Gefahr für andere dar (z.B. durch diskriminierendes Verhalten jeglicher Art), bieten wir diesem Menschen nicht länger eine Plattform und sprechen dann ein Hausverbot und Auftrittsverbot aus.“

Institut fuer Zukunft

Im IfZ kümmern sich die Support-AG (per Mail: support@ifz.me) oder die Safer-Clubbing-AG um dein Anliegen. 

Wenn du etwas bei einer Veranstaltung erlebst und unmittelbar Support bzw. Konsequenzen wünschst, kannst du dich an alle Mitarbeiter*innen des Clubs wenden – am besten an das Safer-Clubbing-Team (in weißen T-Shirts) oder an die Security-Mitarbeiter*innen an der Tür (die bei Bedarf auch das Safer-Clubbing-Team anfunken können). 

Die Safer-Clubbing-AG schreibt dazu: „Bei unklaren, komischen, unangenehmen Situationen können wir jederzeit gern angesprochen werden.“ Wie es danach weitergeht, entscheidest du selbst: „Jeder Schritt wird mit der Betroffenen abgestimmt. Wir arbeiten nach dem Konzept der Definitionsmacht – das heißt, wir orientieren uns am subjektiven Erleben der Betroffenen.“

Wenn du außerhalb einer Veranstaltung nach Unterstützung fragen möchtest, kannst du die Support-AG per Mail kontaktieren. „Wenn sich jemand übergriffig verhalten hat, kann man auch eine Sanktion als Club aussprechen – schließlich möchten wir als Club unseren Raum vor gewaltausübenden Menschen schützen, besonders wenn diese uneinsichtig sind“, schreibt die Support-AG. 

Ob und welche Sanktionen es gebe, werde anhand der individuellen Fälle im Plenum der AG entschieden. Dabei wird so vorgegangen: „In erster Linie spielt immer die wichtigste Rolle, was die betroffene Person sich wünscht. Im zweiten Schritt wird sich angeschaut, was davon wiederum den Club tangiert. Im dritten Schritt ebenfalls, welche Infos es zur gewaltausübenden Person gibt, wie glaubwürdig diese ist, wie einsichtig, oder interessiert an einer Verhaltensänderung oder generell schon einem Verständnis der übergriffigen Situation.“

Falls du möchtest, dass die gewaltausübende Person ein Hausverbot bekommt: „Die Support AG bespricht im Plenum das Vorgehen und stimmt sich mit der Security AG ab, die ja wiederum Hausverbote durchsetzen. Ein Hausverbot schließt ein Gig-Verbot ein, das wird dem Booking dann kommuniziert.“ 

Wenn du dir wünschst, gegenüber der gewaltausübenden Person anonym zu bleiben: Es werden keine Namen genannt, keine Infos dringen nach außen und die Fälle werden so abstrakt wie möglich umschrieben, um den Rückschluss auf dich zu erschweren. Die gewünschte Anonymität schränke zwar die Möglichkeit einer Aufarbeitung und Reflektion des Falls mit der gewaltausübenden Person ein, schreibt die AG – doch „dem Wunsch, der gewaltausübenden Person mitzuteilen, inwiefern sie sich grenzüberschreitend verhalten hat, sind die Sicherheit und die Bedürfnisse der betroffenen Person übergeordnet.“ 


Illustration von Jasmin Biber.