Nanu, da machen drei Labels gemeinsame Sache – zum Glück, denn sonst würden wir die Synth-Abenteuer von VEF 137 verpassen.
Ein sich steigernder, langgezogener Ton, der am Ende von „Introvert“ höhepunktlos verebbt, gefolgt von uralter Telefon-Werbung am Anfang von „Telefon 1-800“: So beginnt das Album „VEF Radio“ von Kirill Junolainen alias VEF 137, das unter gemeinsamer Anstrengung von Yuyay, PossblThings und R.A.N.D. Muzik auf Vinyl, digital und als Tape herausgebracht wurde (wobei die 12″ elf der insgesamt zwanzig Tracks sammelt).
Eine Liebeserklärung an einst moderne Technik sei dies, erklärt der Promo-Text. Anhand der Tracklist wird dies deutlich: Da tauchen obsolet gewordene Geräte wie „Matrixprinter“, „Floppydisc“ oder „Telefax“ auf, aber auch solche wie der „SL-1200“, die vielleicht schon mehr Menschen vermisst werden. Track Nr. 12 heißt dann auch „Nostalgie“ – eigentlich klar, dass die Musik in der retro-futuristischen Welt zwischen Drum-Machines und Synthesizer, Electro und russischen Sprachsamples zuhause ist.
Die verschiedenen Geschwindigkeiten und Stimmungen auf „VEF Radio“ sind knackig auf den Punkt gebracht und dabei auf Albumlänge gesehen abwechslungsreich gestaltet. Meistens ist dies genre-typisch eher dark, wird aber auch ziemlich funky wie bei „Retroman“, rockt sehr munter nach vorne wie bei „UKW“ oder schaut verträumt in die Sterne wie bei „Kinofilm“. Zwischendurch hören wir nochmal rein, wie eigentlich ein „AM Transmitter“ klang und trauern darüber, dass mit Verschwinden des „56k Modem“ auch ein ikonischer Sound abhanden kam, der die vielversprechenden Weiten des Internet akustisch prägte. Ein feines Release und außerdem ein gutes Beispiel für gelungene Label-Kooperationen.
Braucht jede Party einen großen, bekannten Namen auf dem Plakat? Verschiedene Partyreihen und Kollektive treten den Gegenbeweis an, darunter Changing Factors aus Frankfurt. Und was nun Frankfurt mit Leipzig zu tun hat, lest ihr hier.
„Wer is‘n da Headliner?“, fragt der eine die andere in der Tram. Blick aufs Smartphone, Scrollen, Scrollen – ah, Antwort gefunden. Die Entscheidung ist gefallen – „kenn ich nicht“, was wohl so viel heißt wie „Nee, weitersuchen“, denn nun wird weitergescrollt und andere Locations und Namen werden aufgesagt. Nach drei erneuten Anläufen wird entschieden, man kenne genug der Auftretenden und die Abendgestaltung scheint gerettet. Handy in die Tasche, Blick nach vorn. Der subjektive Bekanntheitsgrad der Künstler*innen im Line-Up hat entschieden – denn manchmal will man nicht rumeiern, da muss man wissen, wo’s hingeht. Partys, die gar kein Line-Up präsentieren, kämen bei den zwei Tramfahrer*innen von eben eher mal so gar nicht durch. Schade eigentlich. „Oder auch nicht“, wie mir einer der Initiatoren einer neuen Line-Up-losen Partyreihe in Leipzig erzählt.
Volle Hütte Ich glaube kaum, dass es allzu viele Raver*innen gibt, die völligst frei von der Anziehungskraft großer, bekannter Namen sind. DVS1 all night long, Kobosil diesdas und noch irgendwer vom Berghain – volle Hütte, geile Party. Nicht dass noch einer denkt, ich wolle mich da nun besonders individuell zeigen. Oft bis ganz oft sind bekannte Künstler*innen nicht umsonst gefeiert, erfolgreich, „in aller Munde“ – sondern eben richtig gut, in dem, was sie machen. Oder besonders vermarktbar, gehyped und überschätzt. Das gibt’s auch.
Wer schon mal eine eigene Veranstaltung im Nachtleben auf die Beine gestellt hat oder sich auch nur fantasiereich der Frage „Wenn ich eine Party machen würde …“ gewidmet hat, der weiß um die Bedeutung des Headliners, bestenfalls noch in der Mehrzahl. Dazu gerne noch nationale und lokale Künstler, die vom Austausch und eben auch von Publikumsmagneten profitieren, um Menschen zu erreichen. Eine Veranstaltung ohne Line-Up ist eine vergleichsweise risikoreiche Angelegenheit, denn viele Gäste möchten vorher „sicher“ sein, wofür sie 10-12-14 Euro am Einlass zahlen. Die Kuration einer Veranstaltung nach Grundsätzen, Werten jenseits der Verwertungslogik und einem bestimmten Soundstil, das ist ja gut und schön, aber wirtschaftlich – für alle Beteiligten – soll’s bitte auch sein.
Rillendisko, Made to Fade und Changing Factors Ob mit oder ohne großen Headliner, nur um den Sound, nur um die Musik, geht es in der Clublandschaft nicht mehr. Entwicklungsreich wie eh und je haben sich weitere Kunstformen wie Lichtdesign, Performance, Literatur (ja, auch das gab es schon, ich bin Zeuge) oder Installationen angeschlossen. Bereicherung und_oder Distraktion.
Aber keine Bewegung kommt ohne Gegenbewegung aus. Es gibt sie, die Partys ohne Line-Up, ohne viel Licht, dafür mit Soundverliebtheit bis über beide Ohren. Beispielsweise die Rillendisko, die mittlerweile im IfZ als eigene Sonntagsreihe etabliert ist oder die Made to Fade-Partys („no names, just music“) im Elipamanoke folgen diesem Prinzip.
Zum Jahresende hin besucht nun eine Frankfurter Crew das Leipziger mjut, um dort ihre Partyreihe namens Changing Factors zu veranstalten. Eben jene Party kommt ebenfalls ohne Line-Up daher und kommuniziert vor allem mit einem Mix, was das Publikum zu erwarten hat und stellt die Frage in den Tanzraum, durch welche Kriterien unser gängiges Entscheidungsverhalten und die Erwartungshaltung an eine Party bestimmt wird.Kritik an Clubkultur Die eine Seite des Konzepts von Changing Factors ist Kritik an bestehender Clubkultur. Gängige Marketingstrategien zielen darauf ab über Namen eine Erwartung zu generieren, die bestenfalls auch bedient wird. Orientierung bieten aktuelle Trends, um eine „erfolgreiche“ Party zu machen, was größtenteils über einen visuellen Zugang, einen gewissen Style funktioniert. In der Konsequenz geht es dann eher darum, seine Individualität durch das Aneignen dieses Styles auszudrücken; kurz: es geht um soziales Kapital. Was auf der Party selbst stattfindet, ist die Wiederholung dieser Erwartung, die durch den „Markt“ erzeugt wurde.
Die performative Seite des Konzepts besteht in der Ablehnung einer solchen Verwertungslogik, die das, was CF-Crew unter Cluberfahrung versteht, stark überformt. Im zweiten Schritt zielt Changing Factors darauf ab eine andere kollektive Erfahrung zu ermöglichen, welche über einen Fokus auf das Zusammenspiel von Musik und Tanz verläuft (mehr zu diesem Thema findet ihr hier).
„Um diese unmittelbarere Begegnung mit der Musik und seinem Körper zu ermöglichen, welche eben mehr als Wiederholung einer vorgefertigten Erfahrung sein will, ist es noch vor der Ablehnung der gängigen Verwertungslogik und der Minimierung von visuellen Reizen auf dem Dancefloor, nötig ein Awareness-Konzept umzusetzen, welches überhaupt erst für alle Gäste die Möglichkeit zu dieser Erfahrung garantieren soll“, erklären sie weiter.
Gerade das Augenmerk auf Awareness ist eine maßgebliche Verbindung zwischen Changing Factors und dem Leipziger mjut, wo hierfür auf jeder Party Personal vertreten ist. Ein weiterer Berührungspunkt des Kollektivs und des Clubs ist natürlich Techno – wobei hier die ‚Detroit-Perspektive‘ vorherrscht, welche Mad Mike wohl am besten erklären kann.
Eine weitere Referenz an die „goldene Era“ ist eine Rave-Line (better call: 0178/4189444), über die ihr Infos über die Party und ein wenig Musik zu hören bekommt. Ob und wie der Versuch gelingen wird, die Party und das dahinterstehende Konzept von Frankfurt nach Leipzig zu bringen und dabei bewusst auf das gewohnte Namedropping zu verzichten, bleibt nicht ganz unspannend.
Wer sich das ganze anhören möchte, möge am 14.12. die Reise ins mjut zur Changing Factors antreten. Neben dem großen Techno-Floor wird es auch einen Chill-Out-Floor mit entspannter Atmosphäre und Sitz- bzw. Liegegelegenheiten geben. An diesem Abend zählen keine Namen.
Kalt, schwerfällig, intensiv: Das Debüt-Album von Signalstoerung ist dieses Jahr erschienen.
Ein weiterer in Leipzig ansässiger Musiker, der bisher unter unserem Radar flog, ist Signalstoerung. Als Teil von Adventurous Music und des Kollektivs Global Noise Movement ist er seit geraumer Zeit im weiten Feld der experimentellen elektronischen Musik aktiv. Aber erst dieses Jahr wurde sein Debüt-Album bei Hymen Records veröffentlicht.
Signalstoerung „S“ (Hymen Records)
Das umtriebige Label Defrostica hat ja Anfang des Jahres vermutet, dass die CD ein Comeback haben wird. Nun, Hymen Records scheint dies zu bestätigen und veröffentlicht die elf Tracks des Album „S“ auf einer kleinen Silberscheibe. Eine passende Wahl, wie ich finde, denn wie auch das Medium selbst wirkt auch die Musik von Signalstoerung aufgeräumt, streng, ja fast schon klinisch. Auch die Tracklist folgt dem Konzept: Jeder Titel wurde mit dem Buchstaben „S“ und einer anschließenden Ziffer benannt.
Hier hat alles seinen Platz: Schwerfällige, an Dubstep erinnernde Beats schieben intensive Bässe voran und stellen einzelne, manchmal sanfte, manchmal lärmige Sounds in den Mittelpunkt. Gerade durch die wenigen Komponenten entfalten die reduzierten Melodien wie in „S9“ eine immense Kraft. Das ist keine Tanzmusik für Roboter – das ist eher der Soundtrack zur Präzision autonomer Waffensysteme. In den besten Momenten, wie „S8“, scheint die Zeit stehen zu bleiben, während die KI die nächsten hundert Schritte berechnet. Und wenn im „Copenhagen Edit“ von „S2“ plötzlich entfernter Gesang auftaucht, weiß ich nicht, ob ich fasziniert inne halten oder besser doch die Flucht ergreifen soll. Was für eine Dystopie!
Signalstoerung „IDR“ (Inner Demons Records)
Etwas roher hingegen klingen die vier Tracks, die auf einer – noch so ein obskures Medium – 3″-CD auf dem Label Inner Demons Records erschienen sind. Die Herangehensweise ist eine ähnliche, aber Noise spielt hier noch eine dominantere Rolle als auf „S“. Und wütender klingen die vier Tracks irgendwie auch: Das fällt mir spätestens bei dem fast schon punkigen Schreien auf „IDR4“ auf.
Sehr funky: Credit 00 präsentiert vier Tracks abseits der geraden Bassdrum.
Es ist immer wieder spannend zu hören, wenn sich Musiker abseits der üblichen Pfade bewegen und neue Spuren hinterlassen. Ok, Credit 00 pendelt ja schon immer munter von House zu Techno zu Electro zu Disco und allen möglichen Spielarten elektronischer Musik. Aber dennoch überrascht mich die „Cosmic Funk Collection“ auf Bordello A Parigi, da ich so deutlich im Zentrum stehende Breakbeats dann doch nicht erwartet hätte. Zugegebenermaßen habe ich auch nicht alle Veröffentlichungen von Credit 00 verfolgt, vielleicht gibt es also Nachholbedarf für mich.
Die Cosmic Side beginnt mit einem Breakbeat, der aus tiefsten Trip Hop-Zeiten zu stammen scheint, und einigen einleitenden Worten, bevor dann die „Traumorgel“ geheimnisvolle Melodien in den Weltraum schickt. „Sultan of Sansibar“ bohrt sich da schon intensiver in die Gehörgänge: Eine irgendwie ornamentale 303-Melodie mit schönen Hall legt sich über einen perkussiven Disco-Beat. Ohrwurm-Gefahr!
Platte einmal umdrehen. Die Funk Side rockt gleich mit dem Electro-Hip-Hop-Track „System Down“ los, der mit einer weirden Bassline, funkigen Synths und ordentlich Vocoder-Spaß die Bude wackeln lässt. Sehr fresh! Die EP endet mit „Cruisin“, dessen Beat direkt von einer 25 Jahre alten R’n’B- oder Rap-Platte gesamplet sein könnte und mit sonnig-verpeilten Sounds versetzt wurde.
Auffällig ist, wie simpel die Tracks funktionieren – im Grunde hätten sie auch schon in den 80er oder 90er Jahren so entstehen können, man höre nur die geloopten Breakbeats der damaligen Zeit. Vielleicht bin ich ja spät dran und die nächste Retro-Welle bzw. Genre-Plünderung ist schon in vollem Gange. So oder so, das macht hier eine Menge Spaß und ich freue mich gern über weiteren Funk.
Fast verpasst: Dieses Jahr gab es zwei neue Veröffentlichungen von Syncboy.
2018 nähert sich dem Ende und wir waren rezensionstechnisch ganz schön faul. Dabei ist sehr viel spannende Musik herausgekommen. Jene von Syncboy hätte ich beinah komplett verpasst. Wahrscheinlich haben wir Syncboy bisher noch nicht bei frohfroh vorgestellt, dochvielleicht hattet ihr bereits die Gelegenheit, eines seiner Live-Sets in Leipzig zu erleben und dabei seine Skills am Modular-Synthesizer kennenzulernen. Nun also gibt es auch mehrere Releases, die seine Musik dokumentieren.
Syncboy „Aufnahme Koch EP“ (Lustpoderosa)
Die „Aufnahme Koch EP“ von Syncboy, erschienen auf dem in Zürich ansässigen Label Lustpoderosa. Zu Beginn das Cover der EP: Das angeschnittene Gesicht von Bodo Hansen, der mit Zigarette im Mund eine Mücke betrachtet. Ein Hinweis?
Die EP startet unbeschwert: „Stolpern 0.3“ versetzt mich schlagartig in den Sommer zurück – Wochenende, Sonnenschein, auf der Wiese rumliegen, dazu nettes Modularsynth-Gebimmel … das klingt angesichts der Winter-Tristesse doch sehr verlockend. Ernster dagegen „Green Market“, hier melden sich dunklere Töne zu Wort, als würden sie der Unbedarftheit des ersten Stücks misstrauen. Vielleicht löst sich aber auch die selige Ruhe auf, weil bereit gesichtete Mücke hungrig in der Nähe herumschwirrt. „Kiss An Elefant“ führt diese Anspannung fort; einige aufblitzende Sounds piesacken nun den Hörer. Folgerichtig klingt „Waterfalls“ nicht zuletzt wegen der Handclaps wie die Vertonung der sich anschließenden Mückenjagd. Verrückt, wie gut die Musik zu dieser nervenaufreibenden Tätigkeit passen würde. Wie die Jagd wohl ausgeht?
Das Cover ist optimistisch: Auf der Rückseite finden wir die Mücke in Einzelteile zerlegt.
Syncboy „Pracht live Tapes #1“
Aber es gibt noch mehr von Syncboy. Die Pracht hat eines seiner Live-Sets auf Tape gebannt und im Grunde wirkt die „Aufnahme Koch EP“ fast wie ein ausgearbeiteter Ausschnitt aus dieser oder einer ähnlichen Session. Einerseits zeigt der Mitschnitt gerade durch die Länge von über fünfzig Minuten die hypnotisierende Qualität seiner Musik. Andererseits aber auch, wie Syncboy immer wieder ruppige Drums einsetzt, die den Hörer aus der Trance herausreißen und an die doch auch punkige Seite des Musikers erinnern.
Mit „Omega Station“ stellt Disrupt neue Soundforschungen abseits von Dub und Reggae vor.
Es ist ja so ein Kreuz mit Library Music. Unzählige Musiker haben in der Vergangenheit diese Art der Gebrauchsmusik für Fernsehen und Werbung produziert, um ihre Miete zu zahlen, aber bestimmt auch, um in gut ausgestatteten Studios experimentieren zu können. Ebenso unzählige Reissues zeugen davon, dass diese Sounds auch abseits des Gebrauchswert (wieder) Interesse hervorrufen. Angesichts der zum Teil extrem kurzen Stücke frage ich mich aber, worin der Sinn für den Hörer und Käufer eigentlich liegt. Am logischsten erscheint mir die Verwendung als Sample-Material; gegen DJ-Zwecke und gegen Home-Listening spricht die Kürze der Stücke und die fehlende Entwicklung in der Musik.
Was hat das alles mit dem neuen Album von Disrupt zu tun? Ganz einfach, auf „Omega Station“ gibt es zwölf kurze atmosphärische Sound-Collagen zu hören, die zumeist ohne Beats auskommen. In der Label-Info wird direkt Bezug auf Library Music genommen und das macht durchaus Sinn: Selten sind die Tracks länger als drei Minuten. Das ist manchmal schade, denn oft habe ich das Gefühl, dass die Geschichten, die hier angedeutet werden, zu schnell abbrechen. Gleichzeitig passiert aber auch einiges in den Tracks: Es sind eben nicht nur reine Soundausschnitte, die auf weitere Verwendung warten. Erst im Gesamtpaket, also beim (gern auch mehrmaligen) Durchhören wird das deutlich – wenn sich das über die Tracktitel und Cover angedachte Science-Fiction-Kopfkino entfaltet.
Disrupt zeigt, dass er ein Meister darin ist, ein vielfältiges Klangspektrum voller liebevoller Details in wenige Minuten zu packen, auch wenn er auf das für Jahtari typische Dub-/Reggae-Korsett verzichtet. Und es macht sehr viel Spaß, den Ergebnissen seiner Studio-Forschungen zu lauschen, sich mit auf die Reise nehmen zu lassen. Diese Reise ist so atmosphärisch dicht und spannend erzählt, dass ich an vielen Orten gern länger verweilen möchte.
Bonus: Jahtari hat auch eine Reihe experimenteller Videos veröffentlicht, die das Album passend visualisieren.
2008 bis 2018 – Kann Records feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Hier ein Überblick über die Platten des Kann-Jubiläumsjahrs.
Zehn Jahre sind gefühlt mittlerweile ein Jahrhundert, wenn es um das Betreiben eines Labels geht. Viele andere Labels sind seit 2008 gekommen und wieder gegangen – Kann Records hat sich als Instanz gehalten und wirkt in diesem Jahr vitaler als je zuvor.
So ging die Kann-Crew um Map.ache, Bender, Sevensol, cmd q und Polo auf Jubiläumstour durch Europa. Und der Backkatalog ist um gleich fünf Platten gewachsen. „Das Ideale Geschenk“ von Sevensol & Bender hatten wir bereits vorgestellt.
Danach folgte die erste Artist-EP von Mary Yalex auf Kann Records. Und sie hat auf der „River EP“ ihren feingliedrigen Ambient-House noch weiter verfeinert. Wobei sich Mary Yalex hier eher von House entfernt hat.
Bis auf den Titeltrack stehen ihre dicht verwobenen, organisch pulsierenden Sounds sehr für sich, ohne von einer drückenden Bassdrum angetrieben zu werden. Das macht „River EP“ zu einer hervorragenden Listening-EP.
Das Konterprogramm lieferte cmd q kurz darauf. „Long Distance Call“ lotet die House-Techno-Übergänge sehr deep und classic aus. Mit Verweisen zum Dub-Techno und Power-House. „Fjord“ taucht noch einmal anders ab: neurotisch zuckend zum einen, subtil treibend zum anderen. Er ist der heimliche Hit der EP.
Höhepunkt des Kann-10-Years-Jubiläums war die große Compilation „Familiy Horror X Good Times“. Als 3-fach-Vinyl kam sie bereits im Frühjahr – kurz vor der Tour – heraus. Mit dabei viel fotografierte Kann-Euphorie, Rave-Impressionen und natürlich viel wahnsinnig gute Musik.
Mit Lawrence, Matt Karmil sowie Jacques Bon & Eugene Pascal, Art Alfie & Axel Boman waren auch ein paar internationale Label-Kumpels mit exklusiven Tracks dabei. Aber das Gros bestritt der aktuelle Inner Circle von Kann Records. Meine Superhits: Perms „HEGDL“ – wow, Perm lässt sich mal einen Tracktitel entlocken –, „Island Jam“ von Philipp Matalla und „Thank U Again“ von Map.ache.
Jetzt am Wochenende kommt noch eine weitere Mini-Compilation heraus, das kleine Post-Finale zum Ausklang des Jahres. „Banana Split“ featuret vier Tracks. Und hier punktet besonders Falke mit seinem extrem endorphinstreuenden „Music Institute“.
Durch His Masters’s Voice kommt außerdem ein ungewohnter Western-Blues-Post-Rock-Vibe in den Kann-Kosmos.Das 30-stündige Rave-Finale findet ebenfalls am kommenden Wochenende statt. Dann lädt die Kann Crew zur langen langen Party bis in den Montagmorgen. Mit dabei a lot of Wegbegleiter:
Bender, cmd Q, Daniel Stefanik, DJ Assam, Dwig, Ergin Erteber, Feinrausmarcel, Fr Fels HW Rhapsody, I$a, Johannes Beck, Kali Avaaz, Kleine Klinke, Llewellyn, Lux, Manamana, Map.ache, MM/KM, Natascha Kann, Neele, Oceanic, Perm, Polo, Rentek, Sevensol, Victor
Btw: Map.ache hat übrigens gerade sehr überraschend sein neues Album veröffentlicht – auf Giegling. „Vom Ende Bis Zum Anfang“ heißt es, und es erzählt in bester Artist-Album-Weise eine sehr vielschichtige Geschichte zwischen House-, Electronica-, Ambient- und Breakbeat–Momenten.
Es ist damit sogar noch vielseitiger als das Debüt-Album, ohne zu zerfasern. Warum das so gut klappt? Ich vermute das: Map.aches Tracks strahlen immer eine große Persönlichkeit und Authentizität aus – das ist hier nicht anders und scheint ein guter Kit zu sein, um verschiedene Welten zu vereinen.
Am kommenden Wochenende findet zum dritten Mal das TransCentury Update Festival statt. Dieses Jahr wird alles etwas größer – das wollten wir genauer wissen.
Es ist kein lupenreines frohfroh-Thema, aber irgendwie trotzdem spannend. Denn das TransCentury Update Festival ist gerade dabei, sich zu einem konstanten Highlight im Leipziger Konzert-Herbst zu etablieren. Stilistisch sehr offen und anspruchsvoll kuratiert traten in den vergangenen Jahren Acts wie Bohren und Der Club Of Gore, Thurston Moore, John Maus und Midori Takada auf. Also durchaus große Namen – und das alles im wunderbaren UT Connewitz mit aufwendiger Visuals-Begleitung.
In diesem Jahr erweitert sich das TransCentury Update Festival um weitere Locations und erstreckt sich über drei Tage. Wir wollten genauer erfahren, was ist mit dem Festival auf sich hat und warum es auch für frohfroh-Leser*innen interessant ist. Einer der Veranstalter hat uns geantwortet.
Was ist die konzeptionelle und musikalische Idee des Festivals?
Begonnen hat das ganze 2015 – als Kirmes unter „Eine Welt aus Hack“ sein letztes lokales Konzert im UT Connewitz veranstaltet hat. Wir fanden uns sympathisch und haben uns fix vorgenommen, in der Zukunft trotzdem weiter „Dinge“ zusammen zu machen.
Aus diesen „Dingen“ wurden irgendwann ziemlich konkrete Festivalpläne. Es gab verschiedene Ideen, letztendlich war unser kleinster gemeinsamer Nenner aber, spannende, neue, vergessene und genre-übergreifende Bands und Künstler*innen einzuladen.
Wir haben das als kleines Update für die Leipziger begriffen – ein musikalisches Update sozusagen. Und dass es in der Pre-Zweitausender-Generation dann eine Fernsehsendung gab, die sich „TransCentury Update“ nannte und den Mensch über das Thema Transhumanismus „geupdated“ hat – wurde von uns als spannend eingeschätzt. So kam es dann zu dem – für die meisten unserer Gäste – eher kryptisch wirkenden Namen.
Aber um auf die Frage zurück zu kommen: Das Konzept besteht darin, spannende Musik zu programmieren – und seit der letzten Edition auch mit passenden Visuals zu bestücken, dafür sind die talentierten Kollegen von Wisp zuständig. Klingt einfach, ist aber so.
In diesem Jahr erweitert ihr den Rahmen über das UT Connewitz hinaus – warum?
Wir hatten vor, ein besseres Festivalgefühl zu etablieren, da wir in den ersten beiden Editionen ausschliesslich im UT Connewitz stattgefunden haben. Das UT bleibt auch dieses Jahr als Festivalzentrum für alle Festivaltage erhalten, nur wird es zusätzlich Freitag auch ein Konzert im Ilses Erika geben, Samstag drei Konzerte im Conne Island und Sonntag eine Kurzfilmrolle bzw. Lecutre am Tage in der Kinobar Prager Frühling.
Welche Konzerte sollten wir „Raver“ nicht verpassen?
Wir würden es euch „Ravern“ ans Herz legen, alle Konzerte zu besuchen. Schließlich finden fast alle Konzerte vor eurer eigentlichen „Raver-Ausgehzeit“ statt, und man ist schon warm getanzt und kann locker bis in den morgen weiter raven.
Wer es aber dennoch ausschliesslich elektronisch will: dem sind WaqWaq Kingdom am Samstag im Conne Island, Mario Batkovic am Sonntag im UT Connewitz – btw. der perfekte Afterhour-Soundtrack! –, Gewalt – für den 80ies-Wave-Raver am Freitag im Tanzcafe Ilses Erika und Klaus Johann Grobe am Freitag im UT Connewitz ans Herz gelegt. Wir freuen uns über alle Besucher.
Ein weiteres Jubiläum: Das Zonic Magazin feiert am 9.11. im IfZ sein 25-jähriges Bestehen mit einem Doppel-Event, das sich sehen und hören lässt.
Zweimal zurückspulen, bitte: Vor zwei Jahren gab es an dieser Stelle bereits ein Interview mit Alexander Pehlemann, der im Institut für Zukunft die Reihe Gegenkrach! kuratierte und Herausgeber des Magazins Zonic ist. Außerdem verfasste er die Liner Notes der Magnetband-Compilation, mit der rares Material der DDR-Kassetten-Szene wiederveröffentlicht wurde und die sich ebenfalls auf eine vom Zonic Magazin zusammengestellte Doppel-CD bezieht. Nun feiert Zonic am 9.11. 25-jähriges Bestehen im Institut für Zukunft und knüpft thematisch an die genannten Projekte an.
New Composers live 1985
Zunächst gibt es unter dem Motto Notes from the Underground zwei Talks: Erst werden Jan Kummer und Frank Bretschneider von Frank Apunkt Schneider zu ihrer Zeit als AG. Geige interviewt – ihre Frühwerke werden gerade wiederveröffentlicht. Wer bereits die Kassettentäter-Veranstaltung besucht hat, kann sich vorstellen, wie unterhaltsam das werden kann. Danach wird der Blick auf die Ex-USSR erweitert: Alexander Pehlemann spricht mit dem Valery Alakhov von den New Composers aus St. Petersburg über sein Schaffen, das von Magnetband-Experimenten über Rave bis zu Ambient reicht. Zwei Konzerte runden die Talks ab: Valery Alakhov spielt Material der New Composers aus den späten 80ern, danach stellt Karl Marx Stadt eine Auswahl von Musik aus, nun ja, Karl-Marx-Stadt derselbigen Zeit vor.
AG Geige live 1986
Bleiben wir kurz in der Vergangenheit: Die Talks und Konzerte hängen mit der Veröffentlichung der Compilation „Unearthing The Music presents Notes From The Underground. Experimental Sounds behind the Iron Curtain“ zusammen, auf der nicht nur AG. Geige und New Composers, sondern eine Vielzahl weiterer Underground-Musiker aus dem ehemaligen Ostblock und Jugoslawien vertreten sind. Die Aufnahmen stammen aus der Zeit vor dem Mauerfall und dem Ende des Eisernen Vorhangs, zum Teil auch aus der sich daran anschließenden Transformationszeit.
Zur Musik selbst sagt Alexander Pehlemann: „Die versammelten Sounds sind experimentell im weitesten Sinne, stilistisch wie im damaligen Kontext. Von elektrischem Post Punk über Dada-Noise oder Schamanen-Punk bis hin zu vokaler Avantgarde-Poesie im Cut-up.“
Das auf der Compilation enthaltene Lied „Elektrische Banane“ von der AG. Geige gibt einen Eindruck, wie das klingen kann:
Die Zusammenstellung wurzelt in der Ausstellung „Notes from the Underground“, welche zuerst im polnischen Lodz und in der Berliner Akademie der Künste den Zusammenhang von Kunst und Klang im Osten zum Thema hatte. Sämtliche vertretenen Musiker waren dort ebenfalls präsent – es handelt sich also um eine Art Audio-Katalog, der von den beiden Kuratoren David Crowley und Daniel Muzyczuk in Zusammenarbeit mit Alexander Pehlemann, dem portugiesisches Online-Archiv-Projekt Unearthing The Music und dem Leipziger Major Label realisiert wurde. Wer in das Thema tiefer einsteigen möchte, kann zur Doppel-LP auch noch ein zusätzliches Buch über den Mailorder des Labels erwerben.
Das sich Alexander Pehlemann darüberhinaus für alle möglichen (nicht nur musikalischen) Subkulturen interessiert, bestätigen einerseits 25 Jahre Zonic wie auch auch der zweite Teil des Doppel-Events. Auf die Konzerte folgt unter dem Namen Electronica Eclectica eine Party auf zwei Floors, die von befreundeten DJs und Live-Acts bespielt werden: Unter anderem Frank Bretschneider, Cora S., Disrupt, Krystoff, LXC sowie diverse Teile der Al-Haca-Crew feiern das Jubiläum des Magazins. Das dürfte dann auch was für Freunde aktuellerer Sounds sein.
Moniker Eggplant feiert das fünfjährige Bestehen – mit einer Compilation, die wie auch das Label Bezug zu Leipzig aufweist.
Irgendwie ist das ja auch manchmal kompliziert mit Leipzig. Einerseits habe ich längst den Überblick verloren, wer was so alles an Musik macht, andererseits ziehen auch immer wieder spannende KünstlerInnen weg. Das IDM-Duo Meier & Erdmann weilt bereits seit einigen Jahren in Berlin, hält aber nicht zuletzt mit der Auswahl ihrer Musiker auf dem hauseigenen Label Moniker Eggplant Kontakt zu Leipzig. Nun wird fünfjähriges Bestehen gefeiert: Zehn Tracks gibt es digital und auf Vinyl zum Geburtstag.
Ein Blick auf die Tracklist verdeutlicht den Netzwerkgedanken des Labels. Wie auch schon bei den vorangegangenen Compilations versammelt das Label eine Menge MusikerInnen, die sich gefühlt seit Ewigkeiten mit wilderen elektronischen Sounds beschäftigen, aber auch von den größeren Musikmedien ignoriert werden. Da tauchen IDM-KünstlerInnen wie Karsten Pflum, MimiCof, Ivan Shopov und Roel Funcken neben Skweee- und House-Maestro Duke Slammer und dem Bass-Experten Desmond Denker auf. Und auch Leipziger Musiker sind vertreten.
Beginnen wir mit Leise im Kran, den wir einerseits als Teil von Meier & Erdmann kennen, dessen Welding Sessions wir aber auch bereits vorgestellt haben. Sein „Krafthammer“ ist der zweite Track der Platte und vielleicht auch der wildeste: Er klingt, als ob verspulte Comic-Figuren Keller-Clubs stürmen, um auf dem Techno-Floor zu pogen. Ich kann mir keine größere Freude vorstellen, als „Krafthammer“ auf ein unvorbereitetes Publikum loszulassen.
Außerdem gibt es ein Wiederhören mit PorkFour: Sein „Specular Reflections“ ist eine gutgelaunte Frickel-Electro-Funk-Nummer, die durch ihren Reichtum an Melodien und durch verspielte Synthesizer beeindruckt, beides jedoch mit einem durchgängigen Groove zusammenhält. Selbst nach mehrmaligen Durchhören habe ich nicht das Gefühl, den Detailreichtum des Tracks erfasst zu haben, gleichzeitig wirkt er aber auch nicht überfrachtet.
Wie Leise im Kran hat auch Karl Marx Stadt Leipzig Richtung Hauptstadt verlassen. Möglicherweise deutet der Name „Wedding Sofa Crasher“ an, in welcher Lebensphase der Track entstanden ist. Roboterhafte Beats sind da auf dem Sofa entstanden, die zwischendurch unkontrollierte Laser durch die Luft ballern und eine bedrohliche Atmosphäre aufbauen.
Kommen wir zum Ende zurück zu Leise im Kran: Zu „Krafthammer“ gibt es ein fulminantes Video, in dem ein Werbevideo des VEB Maschinen- und Apparatebau Schkeuditz remixt wurde. Seht selbst, wie gut DDR-Technik zu IDM passt:
Zum Spaß das Original:
Und hier die gesamte Compilation zum Reinhören und natürlich auch zum Kauf:
Im Mai fragten wir uns, ob Defrostatica „das fleißigste Label in der Stadt“ ist. Die letzten Wochen scheinen diese Annahme zu bestätigen: Zwei neue EPs von Maltin Worf sind erschienen: „City of Meth I“ und „City of Meth II“, wobei die erste nur digital erhältlich und die Vinyl-Ausgabe der zweiten fast ausverkauft ist. Diesen Oktober legt Defrostatica nach und veröffentlicht eine weitere 12″ von Detroit’s Filthiest.
Maltin Worf „City of Meth I EP“ (Defrostatica)
Maltin Worf war bereits auf der Defrostaticas Leipzig-Compilation zu hören und bekommt nun seine erste eigene, aus fünf Tracks bestehende EP. Diese beginnt mit den sommerlichen Tracks „Exploration“ und „IWP“, wobei das erste Stück noch im Jungle zuhause ist und das zweite bereits Footwork-Patterns enthält. Maltin Worfs Hip Hop-Einfluss ist hier übrall in den Samples deutlich zu hören, die für Drum & Bass-Verhältnisse relativ dreckig klingen. Das leicht derangierte Leiern in „New Ground“ zeigt das ganz wunderbar. Während ich „Proxima Centauri“ und „Warp“ durchhöre, kommt mir in den Sinn, dass die EP eigentlich den klassischen Ninja-Tune-Sound fortführt und ins Jetzt überführt.
Maltin Worf „City of Meth II EP“ (Defrostatica)
Natürlich knüpft die „City of Meth II EP“ daran direkt an. Und beginnt direkt mit dem Knaller „Dream“, bei dem gechoppte Soul-Samples im Juke-/Footwork-Korsett umherspringen. „Old Love“ bleibt dieser Mischung treu, es ist dann aber „Clave“, dessen Percussions aufhorchen lassen. Wahnsinns-Track! Mit „Rock On“ greift Maltin Worf die sommerliche Stimmung vom Anfang der ersten EP auf, womit sich der Kreis schließt.
Detroit’s Filthiest „Honor Among Thieves EP“ (Defrostatica)
Ganz frisch ist die achte EP auf Defrostatica, mit der das Label sein Sound-Spektrum erweitert: Ghetto-Tech ist das Thema der „Honor Among Thieves EP“, eines der vielen aus dem Electro stammenden Genre-Bastarde, das auch wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung von Juke und Footwork hatte und offensichtlich auch bei 160bpm angekommen ist. Wie ungemein funky und leichtfüßig das dann klingen kann, zeigen die ersten beiden Tracks „Funky Sperm“ und „Clap Back“ – für Liebhaber des Detroit-Sounds quasi zwei No-Brainer für den Einkaufskorb. Es ist dann aber „Secret Sauce“, dass die Verbindung zwischen Detroit, Hip Hop und Drum & Bass aufzeigt und damit die Fäden wieder zusammenführt: Klassische, hochgepitchte B-Boy-Breaks mit gesampleter (oder nach einem Sample klingender) Bassline treffen auf Detroit-Techno-Strings – „Secret Sauce“ steht damit kurz vor der Mutation zu Jungle. Der dazugehörige „Salsa Secreta Remix“ von der BSN Posse komplettiert die EP, indem er den Track auf Halfstep-Geschwindigkeit drosselt, im Verlauf aber zum Amen-Monster ausbaut.
Noch ein Wort zum Artwork: Defrostatica produziert parallel zu ihren Platten auch einiges an Merchandise. Für die Gestaltung der „Honor Among Thieves EP“ ist das Duo Doppeldenk verantwortlich, die zudem nicht nur ein zugehöriges T-Shirt sondern auch ein Bandana entworfen haben. Wer noch nicht deren unzählige Bilder in Galerien, auf Flyern oder an Wänden gesehen hat, sollte unbedingt mal einen Blick auf ihre Website werfen. Die beiden „City of Meth“-EPs wurden von Peter M. Hoffmann gestaltet, der Illustrationen u.a. für Tageszeitungen wie die Süddeutsche Zeitung anfertigt, aber auch für das früher noch als gedruckte Ausgabe erschienene Leipziger Indie-Pop-Magazin Persona Non Grata. Auch der legendäre Bau-Biber der LVB geht auf sein Konto. Seine Website findet ihr hier. Freunde des schwarzen Humors sei noch seine legendäre Comic-Reihe Kreuzfeld & Jacob empfohlen, die Ende der 90er veröffentlicht wurde und sicherlich auf so manchen Flohmärkten zu finden ist.
Mit dem Herbst gibt es wieder ein großes Update bei Alphacut und seinen Sub-Labels.
Various Artists „A Phuture Never Happened EP“ (Alphacut)
Eine Zukunft, die nie stattgefunden hat: Mit der neunten EP der dritten Welle wirft Alphacut einen Blick zurück auf die Jungle-Anfänge. Achtung, Nostalgie-Verdacht! Und ja, hier klappern die Drums und grummeln die Bässe, als hätten 20 Jahre Drum’n’Bass-Geschichte nicht stattgefunden. Find ich gut: Irgendwie bringt dieser Sound eine Leichtigkeit mit, die der hochverdichteten Drum’n’Bass-Suppe so häufig fehlt. Wahrscheinlich hätten die Tracks so auch schon Mitte der Neunziger veröffentlicht werden können. Mit einer Ausnahme: Paranoid One’s „Sumo Spectah“ lässt seine Samples so im Hall- und Filternebel verschwimmen, als handelt es sich um eine bruchstückhafte Erinnerung an fast vergessene Tunes statt um eine originalgetreue Reproduktion.
Dyl „Infinite Dylays EP“ (Alpha Cutauri)
Alpha Cutauri setzt wie gewohnt seine Raumfahrtmission fort, diesmal mit Dyl am Steuer. Na sowas: Dyl kennen wir bereits von einer 7″ auf Minor, die der Alpha Cutauri-Ästhetik sehr nah kommt. Tatsächlich ist die EP weitaus aufgeräumter, aber schon allein aufgrund der sechs Tracks sehr viel hypnotischer. Natürlich sind die Zutaten bereits bekannt, aber es ist immer wieder faszinierend, wie gebannt man den Erzählungen auf Alpha Cutauri folgt. Wenn aktuelle Science-Fiction-Filme genau so aussehen würden wie diese EP klingt, würde ich die ganze Zeit im Kino verbringen.
Inushini „Organisierte Ruhestörung“ (Alphacute, Minor Obscur, Ohm52, Phantomnoise & Scrotum)
Die größte Überraschung ist aber, dass das Alphacute-Label nach fünf Jahren reaktiviert wurde. In Zusammenarbeit mit gleich vier weiteren Labels erscheint die 7″ „Organisierte Ruhestörung“, die vier lärmige Breakcore-Tracks von Inushini sammelt. Unwillkürliches Grinsen angesichts dieser zweieinhalb-Minuten-Punk-Ausbrüche: Damit kann man auch im Jahr 2018 immer noch Connaisseure des schönen Klangs ärgern. Das wird bei mir sicherlich nicht in Dauerrotation laufen, erinnert aber gut daran, wie häufig sich radikal gebende Musiker eigentlich konventionelle Musik machen. Inushini ist da ein gutes Gegenbeispiel.
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