In diesem Frühjahr erscheinen gleich zwei Alben von Leipziger Producern auf Uncanny Valley. CVBox macht den Anfang.
In den letzten fünf Jahren hat sich CVBox mit einer ganzen Reihe an EPs auf Uncanny Valley, Lunatic, Ortloff und Blackred in den Herzen vieler Analog-Synth-Fans verewigt. Aus Roland TR-808, TR-707, MC-202, TB-303, Roland SH-7, Roland Juno-60, Korg Monopoly und Akai MPC entstanden mal rauere mal deepere Stücke zwischen Electro, Techno und Ambient.
Dies ist auch der musikalische Rahmen für das Debütalbum „So ist es im Nadelwald“. Allerdings fällt im direkten Vergleich mit den älteren EPs ein viel fokussierterer Sound auf. Viele scharfe Kanten sind geschliffen, auch wenn der analoge Charakter der Maschinen weiterhin zu jedem Zeitpunkt herauszuhören bleibt. Doch es ist insgesamt aufgeräumter und sauberer.
Oft führt genau dies zur Beliebigkeit und die Langeweile lauert. Bei CVBox ist es aber das beste, was passieren konnte. Viele Stücke klingen so subtil ausformuliert und auf das Wesentliche reduziert, dass „So ist es im Nadelwald“ durchaus Klassikerpotential entfaltet. Wie ein roter Faden zieht sich atmosphärisch eine nächtlich gedimmte Innerlichkeit durch das Album. Es ist ein zeitentbundenes, harmonisch-flächiges Gleiten in ausgeglichener Melancholie, teils auch mit dubbigen Elementen. Nur bei „New Oberla“ und „SH7 SHT“ gelangt das neurotische Electro-Flackern der EPs kurz zurück, doch es ist weich eingebettet.
Im August 2016 gab Apollo Static mit dem Video zu „Flowers of Despair“ einen Ausblick auf das gleichnamige Debüt-Album. Nun ist es da – und es ist Pop im besten Sinne.
Pop ist oft ein schwieriges Thema. Nicht selten bedeutet Pop übertriebenes Pathos, kalkulierte Nostalgie und peinliche Gefühlsduselei. Da hilft es auch nicht, das Kürzel „Indie-“ als Entschuldigung davor zu schreiben.
Andererseits gibt es dann die Momente, in denen alles passt. Vielleicht, weil ein Song mit zeitlichen Abstand erst seine Wirkung entfaltet. Weil bestimmte Ideen beeindrucken, experimentelle Sounds vielleicht pointiert eingesetzt werden und damit auch versponnenere Musik einem größeren Publikum näher gebracht werden.
Disco eignet sich hervorragend als Beispiel dafür, wie Dancefloor-Ideen vom Mainstream aufgesogen wurden und in geglätteter Form dem Publikum verkauft wurde. Aber auch wie dadurch die Club-Kultur eine breitere Akzeptanz erreichte.Apollo Statics „Flowers of Despair“ setzt hier musikalisch an. Der Sound des Ketzerpop-Mitbegründers sehnt sich nach den Dancefloors der 80er und 70er zurück, das Songwriting behandelt eher zeitlose Themen. Das Gefühl, an sich und seiner Umwelt zu (ver-)zweifeln, dabei trotzdem die Momente der Schönheit und Zufriedenheit wahrzunehmen, steht im Zentrum.
Quasi „finding your balance with blood on your knees feet“ wie er in „Evergreen“ zu Klavier-Begleitung singt.
Glücklicherweise wird die vorherrschende Wehmut von Disco-beeinflusster Instrumentierung aufgefangen – mal funky wie in „Falcons Love“, mal balearisch wie in „Symmetry Reduction“. Gleichzeitig nimmt die Melancholie auch so einigen häufig als cheesy empfundenen Stilmitteln ihre Abgeschmacktheit. Das spürt man spätestens, wenn sich zu den 80er-Keyboards in „Sophisticated Heart“ ein Saxophon gesellt.
Und doch wirkt das nicht ironisch oder als Trash gemeint. Hier findet durchaus eine Auseinandersetzung mit der popmusikalischen Vergangenheit statt, die auch die im Nachhinein als albern empfundenen Möglichkeiten ernst nimmt. Auch das fast schon Badesee-taugliche instrumentale Outro „The Dog“ zeugt davon, dessen Konterpart „The Cat“ wiederum verschmitzt über den Dancefloor bolzt.
Apollo Static bringt das Kunststück fertig, zwar eingängige und harmonische, aber immer auch unaufdringliche Songs zu schreiben. Oder anders gesagt: Gut vorstellbar, dass die Stücke im Radio rotieren können, ohne bereits nach wenigen Tagen zu nerven.
Was gibt es am KW 04-Freitag? Es gibt eine große Jahtari-Nacht und Aerger. Das ist aber nicht alles.
Partyname:
Cosmic Geisha From Outer Space
Datum:
27.01.2017 | 23:30 Uhr
Location:
Distillery
Line-up:
Kiki Hitomi, Roger Robinson, LXC, MRN
Yeah, eine würdige Jahtari-Label-Nacht mit Kiki Hitomi im Konzert. Die Wahlleipzigerin hat im letzten Jahr ein unglaublich smartes Album rausgebracht. Zusammen mit Roger Robinson (aktuell auch mit mit einem Tape auf Jahtari) sind sie Zweidrittel von Hyperdubs King Midas Sound.
Partyname:
Aerger
Datum:
27.01.2017 | 23:00 Uhr
Location:
xxx
Line-up:
Hodge, Gramrcy, DJ bwin, DJ aннеттe
Noch einer weiterer super UK-Besuch mit Hodge und Gramrcy – mit herrlich britischen offenporigen, hybriden Sounds. Hier gibt es einen Video-Flyer.
Partyname:
Laut & Luise
Datum:
27.01.2017 | 23:55 Uhr
Location:
Institut fuer Zukunft
Line-up:
Dwig, Wide Awake, Constanijn Lange, Johannes Ton, Dübl & Nase, Maes, Caleesi
Das Köln-Berliner Label-Event-Kollektiv Laut & Luise schlägt in der Stadt auf. Da spielen neben den Residents auch Wide Awake und Dwig live. Es wird schwelgerisch und deep.
Partyname:
Kashual Plastik Japanese Disco Tour
Datum:
27.01.2017 | 22:00 Uhr
Location:
Dr. Seltsam
Line-up:
Japan Blues, Herc E. Rillen, Philipp Matalla
Das spannende Kashual Plastik-Label ist auf Tour. Mit exotischen Sounds und großem Eklektizismus. Auch Philipp Matalla scheint irgendwie involviert zu sein.
Partyname:
All Night Long
Datum:
27.01.2017 | 22:30 Uhr
Location:
Blaue Perle
Line-up:
Marbert Rocel
Marbert Rocel legen die ganze Nacht auf. Da verschwimmen die Grenzen zwischen House, Pop, HipHop und mehr.
Partyname:
Voltage Musique Showcase
Datum:
27.01.2017 | 23:00 Uhr
Location:
Elipamanoke
Line-up:
The Glitz, Marquez Ill, Beth Lydi, Mind Escape, Fujimi, Lars Goldammer, Nienein
Tech House-Showcase mit Voltage aus Berlin, naja. Gekontert vom lokal besetzten Techno-Floor – unsere Empfehlung.
Aus dem Jahtari-Umfeld gibt es neue Musik. Zwei sehr gute Kassetten erscheinen im Januar.
Jahtari legt nach: Nach dem tollen Dub Poetry-Album „Dis Side Ah Town“ gibt es nun mit „Dog Heart City“ ein weiteres Album von Roger Robinson. Diesmal aber als limitiertes Tape. Im Grunde schließt Robinson hier direkt an das Album an und vertieft die dort aufgegriffenen Themen wie Armut, Rassismus, Gentrifizierung und Arbeitslosigkeit.
Die Riddims stammen von diversen Jahtari-Produzenten wie Bo Marley und John Frum. Das ist diesmal sogar noch eine Spur beklemmender, urbaner, auch trostloser. Auch die Lyrics gehen vom vorher Beschreibenden hin zu deutlicheren Vorschlägen wie in „Bun Bun Bun“. Angesichts des Brexit und des Zustands Großbritanniens anno 2017 auch nicht verwunderlich.
Von Kiki Hitomi gibt es diese Tage ebenfalls ein neues Tape. Dieses Mal im Rahmen des Projekts NoinoNoinoNoino, bei dem außer ihr Dead Fader, DJ Die Soon und DJ Hotel beteiligt sind. Die Aufnahmen stammen aus improvisierten Sessions im Jahr 2014.
Und die haben es in sich: Rauschende Noise-Experimente treffen auf verstörende Beats treffen auf den apokalyptischen Gesang von Kiki Hitomi. Das ist in etwa der finstere, halluzinierende Zwilling zum Debüt-Album „Karma No Kusari“.
Tracks wie „Murderer“ verweisen auch deutlich darauf. „8“ sollte keinesfalls nachts auf dem Nachhauseweg in schlecht beleuchteten Straßen oder Parkanlagen gehört werden. Zu große Paranoia-Gefahr.
Bei manchen Artists schält sich mit der Zeit eine bestimmte Sound-Ästhetik heraus, die irgendwie wiedererkennbar ist. Für unseren neuen Talk Talk-Podcast fragten wir Leibniz, wie es dazu kommt.
Leibniz ist gerade schwer berechenbar. Nach den ersten roughen, rasselnden House-Tracks schlägt er quasi mit jeder neuen EP eine andere Richtung ein. Und doch sind da ästhetische Fäden, die den Leibniz-Sound irgendwie zusammenhalten. Wir wollten wissen, wie das geht. Alles weitere erfahrt ihr in unserem neuen Podcast.
Es rumort im Westwerk. Neue Pläne sehen mehrere große kommerzielle Nutzer und ein Parkhaus vor, die Mieten wurden stark erhöht – auch das Pferdehaus ist davon betroffen.
Zwischen „Wieder aufblühen“ und „Teuer verkauft“ liegen in manchen Stadtteilen nur wenige Jahre. Plagwitz kann ein Lied davon singen. Nach dem Rückzug des Westbesuchs von der Karl-Heine-Straße scheint nun auch das Westwerk teilweise bedroht. Und so ging gestern die Aktionsseite „Westwerk retten“ online, die zum Erhalt des Plagwitzer Westwerks als „symbolischen Ort für einen unkommerziellen, kreativen und auch subversiven Charakter“ aufruft.
Demnach soll in einer Etage ein großer Billardclub einziehen. Den aktuellen Mietern dort, darunter der Kunstraum Westpol, wurde bereits gekündigt.
Auch ein Konsum und ein Parkhaus sind geplant bzw. im Gespräch.
Darüber hinaus erhöhten sich für alle anderen Mieter die Nebenkosten in wohl drastischer Weise, teilweise um 100 Prozent, wie die Leipziger Internet Zeitung schreibt. Betroffen ist auch der KulturKollektiv Plagwitz e.V., der im Pferdehaus als „offener Raum für Kultur“ u.a. Partys und die Midway-Reihe veranstaltet. Inwieweit sich die gestiegenen Kosten kompensieren lassen, ist für den Verein derzeit noch nicht einzuschätzen, heißt es dort.
Für den 5. Februar ist ein Vortrag mit Diskussionsrunde im Westwerk geplant, am 11. Februar folgt eine Demonstration durch Plagwitz.
Update
Bei LVZ Online kommt nun auch der Westwerk-Verwalter Peter Sterzing zu Wort. U. a. sagt er: „Wir sehen das Westwerk als Stadtteilzentrum und das braucht auch Vielseitigkeit. […] Es wird auch jetzt Umstrukturierungen geben, aber wir werden den Charakter und die Vielseitigkeit des Stadtteilzentrums nicht zerstören.“ Vorbild ist für ihn die Baumwollspinnerei, wo sich neben Galerien und Ateliers zum Querfinanzieren auch ein großes Call Center Platz einreiht. Ob die kleinen Mieter jedoch mit den steigenden Mietkosten zurecht kommen, wird sich erst zeigen.
R.A.N.D. Muzik presst Platten, klar. Aber eigentlich nur für andere Labels. Zum letzten Weihnachten gab es eine Ausnahme.
Es ist aber nicht die erste: Vor fast sieben Jahren gab es schon einmal eine Platte von R.A.N.D. Muzik, in Zusammenarbeit mit Mikrodisko Recordings. Und nicht zu vergessen die große Zeit von Out Of Lunch, 3B, Science City und United States Of Mars, jenem Label-Quartett, dem R.A.N.D. Muzik ein Dach bot und aus dem schließlich das Presswerk und Lowtecs Workshop-Label entstand.
Nach all der historischen Einordnung soll es aber um die Gegenwart gehen. Die „RM241216“ ist nicht nur das Highlight hinter dem 24. Türchen des R.A.N.D. Muzik-Adventskalenders 2016, es ist zugleich ein schöner Ansatz zum Aufbau einer möglichen Tangente Leipzig-Australien. Denn an der Entstehung der Mini-Compilation war maßgeblich Reece Walker alias Carmel aus Perth beteiligt.
Seit Anfang Herbst des letzten Jahres lebt er in Leipzig und fand über Jens Kuhn alias Lowtec einen guten Kontakt zu R.A.N.D. Muzik. Und weil der Adventskalender so gut ankam, sollte am Ende eine Platte entstehen – mit einer Dance- und einer Listening-Seite.
Natürlich ist es heiß, dass Kassem Mosse mit einem ebenso rasenden wie unbedarft daherkommenden Track dabei ist. Die wirklichen Kicker kommen aber von Reece Walker. Einmal solo mit seinem gedrosselten, leicht ätherischen Jungle-Track „DOC 2“ und in zwei Kollaborationen mit Alex Campell (als Senate) sowie mit Jefferson Burrow (als Fishermans Friend). An dem hektisch bollernden Breaks-Stück „Braunschweig Breaker“ von Senate bin ich sofort hängengeblieben. So simpel, so pur, so energiegeladen. Ich komme nicht daran vorbei, mein Hit dieser Platte.
Als Kontrast wird es mit Fishermans Friend dann wesentlich kontemplativer. Perkussiv und in Südseeromantik getüncht schleicht der „Deep Florist“ schier endlos entlang der Ambient-New Age-Traditional-Linien. Sehr angenehm und unaufgeregt, und vor allem: sehr unkitschig.
Diese extrem gute und vielseitige Compilation gibt es übriges ausschließlich im Possblthings-Plattenladen in Connewitz.
Deko Deko haben uns den letzten Herbst mit ihrem Debüt-Album „Neustadt“ dunkel versüßt. Nun gibt es sehr flashende Remixe.
Das ist mal eine Ansage. Nicht nur ein paar Remixe hauen O*RS und Deko Deko heraus, um „Neustadt“ nochmals in anderen Perspektiven in Erinnerung zu rufen. Nein, es sind zwölf Stück und der Großteil davon haut mich wirklich weg.
Nun sind Deko Deko sicherlich ein dankbarer Ausgangspunkt zum Remixen, liefern die Songs des Duos neben dem einnehmenden Gesang auch eine ganze Reihe an markanten Sounds. Trotzdem scheinen sich die meisten Remixer extra tief in die Deko Deko-Materie eingegraben zu haben.
Hier wurde nicht einfach nur Pop vorwiegend in House übertragen.
Stattdessen wurde einerseits sehr behutsam und filigran die Melancholie entzerrt und neu betont, wie bei Map.ache, Jennifer Touch, Panthera Krause, Lootbeg, Braunbeck und Grizzly.
Oder andererseits: die Düsterheit der Originale in ein sehr überschwängliches Gegenteil gebracht. Jacob Korn, Micronaut und Yandom entschieden sich für diesen Weg.
Und dann gibt es noch zwei Ausreißer: QY lotsen „Tommi“ überzeugend in eine statisch-flimmernde Footwork-Welt mit kurzen Trance-Attacken – mein großer Favorit. Ultralala dimmen dagegen alle Lichter und Harmonien und pitchen „Outside“ zu einem theatralisch-düsteren, undefinierbaren Pop-Performance-Hybriden. Sind das nicht sogar Deko Deko selbst?
Wie auch immer: Eines der besten Remix-Alben aus der Stadt ever.
Neulich haben wir ein Tape aus Halle vorgestellt, nun gibt es ein weiteres aus Jena: No Accident In Paradise haben verstreute Compilationbeiträge neu zusammengetragen.
No Accident In Paradise sind Stachy.DJ, Inannia und der in Leipzig lebende Albrecht Ziepert. Wir hatten sie vor einiger Zeit schon einmal mit ihrem ersten Album vorgestellt. Unabhängig davon entstanden zwischen 2009 und 2016 immer wieder Tracks, die unterschiedlichen Compilations erschienen, verstreut im Internet. Mit „Kolekcja“ bringt das Ambient-Trio sechs dieser Schätze noch einmal gebündelt selbst heraus – digital und als auf 33 Exemplare limitierte Tape-Edition.
Die kleine Werkschau zeigt die verschiedenen Ebenen von No Accident In Paradise auf: stille, filigran geschichtete Passagen neben hörspielartigen Sprachsamples bis hin zu tief verschütteten Techno-Rhythmen. Immer gibt es Wendungen in den Stücken, schälen sich neue Elemente und Dramaturgien heraus. Es gibt keine statischen Momente, alles ist in Bewegung und von großer Erhabenheit. Fast klingt es, als würde hier eine unberechenbare, weithin respektierte Maschine ihre Geschichten erzählen. Zumindest erinnert der Bann an das Zuhören beim Vorlesen einer gewissen Autorität.
In den letzten Monaten gab es aus Leipzig neue Musik im Bass-Bereich. Hier unser Überblick.
Während hier und da Jungle wiederentdeckt wird und in dem ein oder anderen Techno-Track durchschimmert, wird sich andernorts darüber kurz gewundert und einfach weiter kontinuierlich bassige Musik produziert. Auch in Leipzig, denn hier gab es in den letzten Monaten so einiges neues im Bereich Dub, Jungle, Drum & Bass und allen möglichen Kombinationen daraus. Ein kleiner Überblick:
FLeCK & Blue Hill „Aphreka EP“ (Ulan Bator)
Eine neue Platte auf Ulan Bator gibt es seit November letzten Jahres. Nach all den Junglelivity-Releases ein schönes Lebenszeichen der vorrangig als Party-Crew wahrgenommenen Reggae-, Dub- und Jungle-Institution aus Leipzig. Diesmal ist mit von Fleck & Blue Hill aus Griechenland der Fokus stark auf Dub der klassischen Variante gerichtet.
Vier Tracks gibt es auf der 12″ zu hören, allesamt mit Instrumenten eingespielt und durch allerlei Effekte gejagt. Zum Teil schrammt das aufgrund der Instrumenten-Auswahl, der Vocals und der Ernsthaftigkeit leider nah am Weltmusik-Kitsch entlang.
Lee „Scratch“ Perry „The Upsetter Meets Jahtari In The Secret Laboratory“ (On-U Sound)
Irgendwie gab’s wohl zum Record Store Day 2016 eine superrare 7″ mit zwei Jahtari-Versionen zu von Adrian Sherwood produzierten Lee Perry-Tracks auf Sherwoods Label On-U Sound. „Scientific Dancehall“ und „Scientific Dub“ sind dann auch zwei Soundclash-Bomben voller 8bit-Jahtari-Wahnsinn.
Einmal von Rootah, einmal von Disrupt, die sich vermutlich sehr über die Möglichkeit gefreut haben dürften, eine Dub-Legende zu remixen. Neulich gab es noch einige Platten davon im Jahtari-Shop, die aber seit dem ersten Relaunch der Website seit zwölf Jahren nun wieder vergriffen zu sein scheinen.
Various Artists „Bass & Breaksfest“-EP (Alphacut Records)
„Bass & Breaksfest“ heißt die neue EP auf Alphacut. Ich frage mich ja immer, wie LXC auf die Titel kommt und ob es irgendwo ein Kreativ-Büro gibt, das sich den ganzen Tag neue Namen für Drum & Bass-Tracks, -EPs und -DJs ausdenkt. Jedenfalls gibt es hier einen dunklen Stomper von Coleco und ein Drum-Funk-Scratch-Monster von Phuture-T auf der A-Seite, beides ziemlich ruffe und trockene Tracks.
Auf der B-Seite browst dann Hidden Element einmal geschickt durch seine Sample-Library und setzt mit atmosphärischen Sounds einen Kontrast zum Breakbeat-Massaker.
Dissident hinterlässt zum Schluss den stärksten Eindruck. Obwohl die Drums genauso peitschend nach vorne gehen wie bei seinen Kollegen, setzt er sie weniger krachig ein und überrascht außerdem mit einem astreinen Übergang zu einer Art Uptempo-Broken-Techno-Beat. Damit lässt sich so einiges anstellen.
Dissident „Glowworm“-EP (Alpha Cutauri)
Mit der „Glowworm“-EP von Dissident kehrt auch das Alpha Cutauri-Imprint zurück. Schon die ersten Sekunden ziehen mich in den Bann. Verrückt, was passiert, wenn die Drum & Bass-Leute sich Zeit für die Entfaltung ihrer Tracks nehmen und gleichzeitig das produktionstechnische Level ihres Genres beibehalten.
Auch bei Dissident entstehen da fantastisch verträumte Sound-Galaxien, die in EP-Form erst recht ihre Wirkung entfalten. Irgendwann, zwischen den all den Soundscapes und den vertrackten Beats, schleicht sich bei „Bricolage“ eine simple Melodie ein, die den Hörer behutsam aus dem Kopfkino weckt. Ein Gänsehaut-Moment.
Rainforest „Jungle Is Our Dub / Dub To Jungle“ (45 Seven)
Ok, worum es hier geht, ist nicht schwer zu erraten, schon gar nicht bei 45 Seven. Aber auch anhand der Vocal-Samples gibt uns Rainforest hier Nachhilfe in Sachen Soundsystem-Kultur.
Das Fazit: Egal, ob Dub oder Jungle, Hauptsache Bass und am besten gleich die Kombination aus beiden Genres. Rainforest schafft vor allem mit „Dub To Jungle“ den Übergang sehr charmant.
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frohfroh lebt von seinem kleinen Team aus Leipziger Musikliebhabern, die ehrenamtlich Musik-Rezis schreiben, Interviews führen und wöchentlich die besten House- und Technopartys der Stadt zusammen suchen. Wir würden uns gern ein wenig vergrößern und suchen eine/n Mitmacher/-in für unsere regelmäßig Blogarbeit.
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Im Januar 2007 spielten Map.ache und Sevensol erstmals unter dem Namen Manamana. In den letzten zehn Jahren ist daraus Leipzigs bekanntestes DJ-Duo entstanden. Es gibt viel zu erzählen.
Wahrscheinlich hat jeder in Leipzig, der in den vergangenen zehn Jahren etwas mit House anfangen kann, sein individuelles Manamana-Erlebnis. Oder mehrere.
Mein liebstes spielt in der Spinnerei. In irgendeinem Atelier oder Kunstraum fand eine Ausstellung statt, die später zur Clubnacht ausuferte. Ich kann es zeitlich nicht mehr genau einordnen. Doch das Beiläufige und die nicht-clubbige Atmosphäre begeisterte mich nachhaltig. Es ist genau das Umfeld, in dem Jan Barich (Map.ache) und Alex Neuschulz (Sevensol) sich als DJ-Duo gefunden haben. In dem sie gewachsen sind und aus dem letztendlich zusammen mit Bender auch Kann Records entstand.
Erstaunlicherweise gab es in all der Zeit nie ein längeres Interview mit den beiden bei frohfroh. Das holen wir hiermit in epischer Länge nach. Besonders freuen wir uns über die exklusiven, analog aufgenommenen Manamana-Porträts von Gregor Barth. Er hat sich mit seiner „Artists“-Foto-Reihe mit Robyrt Hecht bereits bei uns verewigt und traf Manamana zu Hause. Außerdem haben uns Manamana ein paar alte Party-Impressionen geschickt. Danke an Mariann Dietrich und die unbekannten Fotografen/-innen.
Und noch etwas: Map.ache und Sevensol haben eine Playlist mit ihren Manamana-Classics zusammengestellt. Am besten gleich anstellen und bis zum Schluss lesen.
In einem Groove-Interview habe ich gelesen, dass ihr immer aus dem Bauch heraus entscheidet, was ihr auflegt. Ist das nach zehn Jahren immer noch so? Oder haben sich bestimmte Platten herauskristallisiert, die ihr immer mitnehmt?
Jan: Eigentlich bleibt es intuitiv. Es hat sich insofern geändert, dass wir mittlerweile die verschiedensten Slots spielen. Irgendwann fing es an, dass wir plötzlich auch zwei Stunden Primetime spielen konnten. Damit haben wir uns anfangs sehr schwer getan, weil wir mehr mit langen ausgiebigen Set gemeinsam gewachsen sind und es nicht gewohnt waren, auf den Punkt genau abzuliefern. Mittlerweile ist es aber so, dass wir schauen zu welcher Zeit wir spielen und uns dann, soweit es geht, absprechen, worauf wir gerade Bock haben. Aber mehr Absprachen gibt es nach wie vor nicht.
Habt ihr identische Plattensammlungen oder deckt jeder verschiedene musikalische Bereiche ab?
Alex: Nein, jeder kauft seine Musik. Manchmal gibt es Tracks, die man sich abguckt und nachkauft. Ich finde es schön, dass manche Platten zu einer Person gehören. Und dadurch, dass wir uns oft sehen und zusammen spielen, reicht es aus, die im Set zu hören – ich muss die nicht auch haben, um sie das nächste Mal selbst zu bringen. Jan würde manche Platte, die ich spiele vielleicht selbst nicht spielen – und umgekehrt. Aber in dem gemeinsamen Kontext finden wir das gut so.
Aber gibt es bestimmte Präferenzen bei jedem?
Jan: Manchmal ist es so, dass man sich Tracks schickt, auf die man selbst gerade Bock hat. Aber meist hören wir die Tracks des Anderen erst im Club und überraschen uns gegenseitig.
Alex: Es ist auch nicht so, dass wir längere Pausen hatten, in denen wir nicht zusammen gespielt haben. Dadurch gab es nie eine Lücke von einem halben Jahr, wo sich jemand vielleicht ganz woanders hinentwickelt. Man bekommt jede kleine Phase mit. Ich denke aber, dass sich die gemeinsamen Sets von unseren Solo-Sets unterscheiden.
„Wir haben uns, ohne groß darüber zu reden, einen Manamana-Rahmen geschaffen.“
Jan: Darin bleibt es dann eben intuitiv. Das macht es aber auch schwierig, denn wir sind für die Leute gefühlt immer noch nicht richtig greifbar. Was passiert und was wir spielen, ist immer sehr abhängig davon, was für eine Party es ist, wie wir drauf sind, wer vorher und nachher spielt, wie lange wir spielen und vor allem was für Leute da sind. Der allgemeine Trend geht aber schon mehr in Richtung Professionalisierung. Viele DJs scheinen oft genau vorher zu wissen, was sie spielen. Bei Manamana ist es jedoch immer eher ein Experiment. Es ist vergleichbar mit einem Abend mit alten Freunden: Man freut sich, sich zu sehen, reisst Witze, diskutiert und verabschiedet sich im besten Fall versöhnlich.
Alex: Dass wir das nach den ersten Jahren einfach immer weiter gemacht haben, hat auch damit zu tun, dass immer etwas passiert ist, was super viel Spaß gemacht hat. Natürlich rennt man so einem Gefühl immer wieder hinterher, aber wir wollten das nie in diese Richtung hin proben oder inszenieren. Tatsächlich lässt sich das nicht immer reproduzieren und wir merken auch manchmal, dass nach zwei Stunden nicht das Feeling aufgekommen, was wir wollten. Trotzdem gibt es das noch oft genug, so dass es uns auch Spaß macht. Andererseits haben wir uns in den letzten Jahren durch das Reisen auch eine gewisse Professionalität antrainiert, um auch von zwischen 4 bis 6 Uhr Party zu machen.
Jan: Gerade hier in Leipzig war das anfangs sehr intensiv und im positiven Sinne aufwühlend. Da es jetzt immer noch so intuitiv ist, geht es nach so langer Zeit nicht immer auf.
Weil man die Leute nicht immer richtig einschätzen kann oder wo sie hinwollen?
Jan: Genau. Und auch, weil wir das sicher unterschiedlich lesen und interpretieren. Wir quatschen schon während des Sets darüber, aber am Ende ist es die ganze Zeit ein straightes Back-to-back-Spielen und da passiert es auch mal, dass der Faden nicht da ist.
Gibt es eine Essenz, die den Sound von Manamana ausmacht? Oder was ihr unbedingt vermitteln wollt?
Jan: Es muss natürlich Musik sein, die wir oder einer von uns geil finden. Es ist ja auch sehr vielseitig. Beim Nachtiville Festival gab es gefühlt drei Stunden leichteren balearic Sound, beim letzten IfZ-Set im Oktober ging es dagegen viel schneller zu. Insofern kann man gar nicht sagen, dass es immer soulful oder was auch immer sein soll.
Alex: Aber sicherlich ist House die Grundlage, die wir beide mögen. Ich glaube, dass sich das, was wir anfangs mochten gar nicht so sehr verändert hat. Wenn man sich Sets von 2010 anhört und mit heute vergleicht, hat sich der Vibe nicht groß geändert.
Wie war das ganz am Anfang, die erste Party war ja eigentlich eine Drum & Bass-Party. Ihr hattet den zweiten Floor, was habt ihr da gespielt?
Alex: Also, das war nicht das erste Mal, dass wir zusammen aufgelegt haben. Es war das erste Mal, dass wir uns diesen komischen Namen gegeben haben. Das war schon House, gerade weil es in der Distillery war, war das clubbiger als zuvor. Davor haben wir bei Galerie-Partys im HGB-Zusammenhang und im Saal hinter der alten Alpha 60-Videothek eine Art Pop-Disco gespielt, wo man alles durchfährt.
Jan: Genau, da haben wir uns kennengelernt. Die Leute fanden Alex und mich einzeln gut und haben uns zusammen gebucht. Als das dann immer öfter passierte, haben wir überlegt, ob daraus nicht ein Projekt entstehen sollte. Daher kommt sicher auch das Vielseitige an Manamana.
„Wir sind nicht im klassischen Clubkontext zusammen gekommen.“
Alex: Es gab ja damals auch schon einige Clubs, in denen straighte Clubmusik lief, da konnte man aber natürlich nicht alles spielen, was einem sonst noch gefällt. Vor allem war es so, dass die Leute, die wir mochten und die zu diesen Partys kamen, gar nicht unbedingt in der lokalen Underground-Techno-Szene dabei waren. So hat sich das eben viel in Off-Locations abgespielt, was viel Spaß gemacht hat. Da konnte man in den Sets anders aufgehen.
Ihr seid also in der Off-Szene zusammengewachsen.
Jan: Ja, oft in einem nicht so definierten Raum, wie man es aus Clubs kennt. Wobei es das auch gab. Ich hatte vorher Electric Island gegründet, wo wir beide einzeln gespielt haben. Alex hatte in der Distillery und im Kosmophon richtige Clubpartys veranstaltet. Aber die Leute, die uns gemeinsam eingeladen haben, kamen eher aus dem, sagen wir mal, HGB-Umfeld.
Dieser undefinierte Raum hat für uns immer viel zugelassen und das war jedes Mal sehr dankbar. Jahrelang haben wir die HGB-Rundgang-Partys gespielt, die Enrico aus der Fotografie-Klasse organisiert hat – Donnerstagnacht im Hochschulen-Gang, das waren eigentlich die geilsten Partys. Man konnte die ganze Nacht House spielen, obwohl es kein puristischer Clubrahmen war. Ich glaube, dass hat uns sehr geprägt. Da haben wir gemerkt, wie wir zusammen spielen und dass nicht immer alles genau passen und auf einer Linie sein muss.
Wie war es dann, als ihr das erste Mal offiziell in der Distillery zusammen gespielt habt?
Alex: Es war ein Freitag. Und der Distillery-Freitag war immer eine andere Sache als so ein Techno- und House-Samstag. Das hat sich auch vom Publikum unterschieden.
Jan: Aber es gab generell jetzt keinen Bruch. Jetzt ist alles offiziell und alles anders. Das hat sich auch vermischt von der Stimmung her – sowohl bei späteren Partys in der Distillery oder im Island.
Alex: Wir wollten natürlich auch gern in Clubs spielen, weil wir Bock darauf hatten. Manchmal hatten wir da aber das Gefühl, dass manche Leute die Freiheit einer HGB-Party vermissen – als in der Mitte des Abends auch mal Whitney Houston kam. Im Club hatten wir darauf aber nicht unbedingt Lust. Angefangen hat es als Spaß. Wann wurde euch klar, dass Manamana etwas ist, wo ihr länger dran bleiben wollt?
Jan: Wir haben uns im Plattenladen kennengelernt, ich hatte um 2001 in einem Ableger des Dresdner Drop Out-Ladens gearbeitet. Wir hatten beide Bock auf die Art von Musik und haben uns gegenseitig an neue Sachen herangeführt. Es war damals schon ein Spaß. Die heutige Generation geht heute viel mehr mit konkreten Visionen an Dinge heran. Die Leute wissen viel genauer, was und wohin sie damit wollen. Wir wussten, dass wir das machen wollen und haben uns über jede Einladung gefreut. Das war aber auch gekoppelt an all die anderen Sachen, die wir gemacht haben: Ich habe mit Christian zusammen Techno und House zurück ins Island gebracht. Und auch die Midi im Ilses Erika war total wichtig für Manamana. Filburt, Ralf und Alex haben das gegründet – leider ein paar Jahre zu früh. Wir haben die allererste Midi in der Ilse gespielt. Dort wurde dann mit dem Vibe und den Leuten die „Indie-Ilse“ in einen mittwöchlichen Club verwandelt. Man hat sich sozusagen auf vielen Ebenen die eigenen Clubkontexte geschaffen.
Alex: Ein wichtiger Moment war auf jeden Fall, als wir zum ersten Mal beim Nachtdigital spielen durften. In der Spinnerei gab es ja eine zeitlang die Bar, wo wir einige Male aufgelegt haben und da kamen auch Steffen Bennemann und Leo vom Nachtdigital hin. Irgendwann haben sie uns eingeladen. Da sind wir zum ersten Mal raus gekommen aus der Stadt. Im Herbst danach haben wir gleich in Amsterdam gespielt. Das war eine Bühne und auch eine Ventil für uns. Denn bis dahin haben wir wirklich viel in Leipzig gespielt, weil wir einfach auch immer Bock darauf hatten – teilweise dreimal im Monat.
„Irgendwann nervt man natürlich die Leute.“
Den Nachtdigital-Auftritt empfand ich damals als befreiend, weil wir danach auch außerhalb spielen konnten.
Jan: Ja, die Bar war sehr wichtig. Die war als Club auch seiner Zeit voraus. Enrico hat damals ein super Programm gemacht. Als ich das erste Mal dort gespielt habe, waren Modeselektor dabei. Aber auch Efdemin und Pantha du Prince hat er eingeladen.
Alex: Enrico hatte ein Praktikum bei der Groove gemacht und kannte dadurch einige Leute. Er wollte einfach, glaube ich, eine andere Art von Clubmusik bringen als das, was es zu der Zeit in Leipzig gegeben hat.
Jan: Mit den Orten, die man sich selbst geschaffen hat, wie Midi, Electric Island und in Verbindung mit der Bar und den HGB-Partys fing das alles an. Zugleich haben sich darüber auch viele Leute kennengelernt, die bis heute miteinander verbandelt sind.
Alex: Das Nachtdigital war für uns auch deshalb erfreulich, weil sie ja eigentlich die Policy fahren, jedes Jahr neue Künstler einzuladen. Nach unserem ersten Mal 2008 vor Lawrence konnten wir im Jahr darauf den See-Floor mit Kann Records machen. Da haben wir viele Ideen und Energien rein gesteckt, was an den zwei Tagen voll gut aufging. So sind wir da reingewachsen. Crazy ist auch, dass wir das Nachtdigital vorher gar nicht richtig kannten. Es gab zwar ein paar Freunde, die davon geschwärmt haben, aber das ist an uns eher vorbeigegangen.
Jan: Neben dem Nachtdigital 2008 haben wir auch – mit einem Jahr Vorlauf – Kann Records ins Leben gerufen, worüber sich relativ schnell gute Kontakte ergeben haben, zu Smallville nach Hamburg und zu White nach Berlin und zu Giegling nach Weimar. Da waren wir einfach in einer guten Zeit, in der es mit den sogenannten Underground-Deep House-Labels noch recht überschaubar war und wo das alles ziemlich familymäßig ablief, mit gegenseitigem Einladen. Von da an ging das recht flott, weil die erste Platte zum Glück auch sofort gut aufgenommen wurde. Und wie ist es jetzt, wenn ihr auf zehn Jahre zurückschaut – mir kommt das alles noch nicht so lange vor.
Jan: Neulich haben wir festgestellt, wie schnell sich das gewandelt hat: Am Anfang waren wir irgendwie immer die jungen House-Hüpfer, die versucht haben, alles ein wenig aufzumischen und gleichzeitig mit Party und viel Saufen nicht alles so ernst zu nehmen. Mittlerweile sind wir fast die House-Opis, weil man sieht, dass jetzt zwei neue Generationen ausgehen und glücklicherweise trotzdem noch vor einem tanzen. Das liegt natürlich auch an der Entwicklung von Leipzig in den letzten vier Jahren – da gibt es eine große Dynamik.
Es ist nicht mehr so, wie wir das gewohnt waren, dass auf jeder Party dieselben Leute sind. Und ganz Allgemein betrachtet, konnten wir die zehn Jahre gar nicht anders, als das zu tun, was wir einfach machen wollten. Es gab keinen Masterplan, trotzdem ging es irgendwie auf. Insofern ist das schon erstaunlich, dass es nun schon seit zehn Jahren läuft. So sind wir darüber recht dankbar, dass wir mittlerweile damit Geld verdienen können – auch wenn sich damit natürlich auch der Druck erhöht.
Lange ward ihr auch noch an andere Sachen gebunden, Jan als Booker im Conne Island, Alex mit dem Plattenladen. Konntet ihr euch mehr auf Manamana und das Label fokussieren, als beides wegfiel? Oder wurde der Druck vielleicht auch größer?
Alex: Für mich hat es bisher noch nie einen wirklich krassen Druck gegeben. Es soll Bock machen und das geht am besten mit einem natürlichen Antrieb. Wenn wir aber beide Leute wären, die auf Sicherheit aus sind, wäre es wahrscheinlich gar nicht so weit gekommen, dass wir jetzt als reisende DJs selbstständig sind und unser kleines Leipzig-Leben leben können. Wahrscheinlich würden Finanzberater uns davon abraten.
Aber hat das Aufhören mit dem Laden und dem Island auch entspannt?
Jan: Das ist beides ja erst zwei Jahre her. Aber man hat natürlich mehr Zeit und ich merke schon, dass sich durch mehr Zeit ganz andere Energien freisetzen, wenn man sich nur auf ein paar Baustellen konzentriert. Das ist total positiv. Aber, da stimme ich Alex zu: Wir hätten die zehn Jahre nicht so gemacht, wenn wir Planschweine wären und uns eine sichere Zukunft wünschen würden. Nur deshalb gibt es das vielleicht auch, weil wir uns da wohl sehr ähnlich sind.
Gleichzeitig ist natürlich ein kleiner Druck da, weil wir uns eben jetzt dafür entschieden haben. Die Entscheidung sich dann eben mehr aufs Auflegen zu konzentrieren und alles andere hinter sich zu lassen, kam allerdings erst auf dem Weg und war genauso wenig geplant. Da würde ich auch das Label mit einbeziehen.
„Wenn man von Kann oder Manamana spricht, meint das eine immer auch das andere.“
Das machen wir genauso, es läuft nach denselben Mechanismen.
Druck ist auf jeden Fall dazu gekommen, was normal ist, wenn sich Sachen professionalisieren bzw. wenn man sich entscheidet, dass man etwas macht, um davon seine Miete zahlen zu können. ohne die sichereren Standbeine von vorher. Aber gleichzeitig ist es auch etwas sehr befreiendes und ein krasser Luxus. Wir haben das beide nicht bereut, sich auf das zu konzentrieren, worauf man am meisten Bock hat. Es war genau richtig, das Label zu machen, Musik von uns und anderen zu releasen, selbst Musik zu machen und weiterhin aufzulegen.
Alex: Es ist auch gut, dass nun auf die ganze Woche verteilen zu können. Mit Pausen nach dem Wochenende. Zusammen wolltet ihr aber nie Musik machen? Mit Alex und Bender gibt es ja bereits eine Duo-Konstellation innerhalb des Labels.
Jan: Wir hatten schon Ideen dazu in einer Zeit, in der das bei uns intensiver wurde. Vor fünf Jahren war das noch mehr daran gekoppelt, dass DJs nur gebucht werden, wenn sie auch produzieren und Platten machen – die alte Techno-Weisheit also. Aber das wäre wiederum etwas Konstruiertes gewesen und hätte nicht zu dem ganzen gepasst. Möglicherweise hätte man das dann auch gemerkt. Es hat aber auch individuelle Gründe. Ich habe vorher nur Musik mit anderen in Bands gemacht, für mich war es total befreiend, allein Musik zu machen. Dafür haben wir vor zwei Jahren das Sub-Label Mana-All-Nite gegründet, um dem DJ-Projekt eine Plattform zu geben, die versucht, eine ähnliche musikalische Bandbreite aufzumachen.
Alex: Wir sehen uns auch oft genug – am Wochenende und mindestens zwei Tage unter der Woche, weil wir mit Dennis ein Kann-Treffen haben und wir uns beide noch einmal für den Label-Alltag treffen. Darüber hinaus auch noch im Freundeskreis.
Jan: Man braucht auch seine Freiräume.
Ihr harmoniert aber auch so, es gibt keine großen Reibereien?
Jan: Nein, grundsätzlich nicht. Aber wie in einer Partnerschaft, was es ja am Ende auch ist, kennt man nach zehn Jahren die Macken und Stimmungsschwankungen des anderen. Manchmal sind wir am Wochenende 72 Stunden ununterbrochen unterwegs. Logisch, dass es da nicht immer harmoniert, aber wir haben gelernt, damit umzugehen. Wir wissen, warum und wofür wir das machen. Wir reden auch oft und gut über alle möglichen Sachen. Es ist wie eine Beziehung.
Gibt es Arbeitsteilungen bei euch? Der eine plant dies, der andere übernimmt das?
Jan: Ich möchte schon immer wissen, wo es lang geht, wer uns abholt, wann müssen wir wohin. Wahrscheinlich brauche ich das für mich, wenn man schon so weit weg ist von zu Hause. Wir sind ja eigentlich doch Heimchen und gern zu Hause.
Alex: Es ist ja aber auch nicht besonders schwer, zu reisen, abgeholt zu werden, Essen zu gehen und aufzulegen.
Jan: Ja, aber da sucht man dann komischerweise trotzdem immer Sicherheit. Aber das ist dann auch abhängig davon, wie wir gerade so drauf sind.
Alex: Bei den Label-Sachen teilen wir uns schon mehr auf. Das haben wir im ersten halben Jahr nach dem Ende im Plattenladen und Conne Island so ausgebaut. Bis dahin hatten wir uns von Platte zu Platte gehangelt, aber wenn man zweistellige Katalognummern hat, macht es Sinn, etwas Struktur reinzubringen.
Wie fühlt es sich an, wenn ihr allein spielt?
Jan: Oftmals ist es schon befreiend, weil man ausschließlich das machen kann, was man sich wünscht. Gleichzeitig ist es aber auch überfordernd und einsam, weil man gewohnt ist, zu zweit unterwegs zu sein. Zu zweit sein bedeutet auch, gefühlt mehr Sicherheit zu haben, man federt schlechte Vibes zusammen besser ab, nimmt sich Sachen nicht so zu Herzen. Das ist beides. Vor allem aber geniesst und freut es sich gemeinsam besser. Es ist aber schon etwas besonderes, dass jeder von euch weiterhin als eigenständiger Künstler wahrgenommen wird. Es ist nicht so, dass man Manamana nur mit einem von euch beiden buchen könnte.
Alex: Stimmt. Das wollten wir auch nie. So was gibt es ja immer mal, dass bestimmte Acts erfolgreicher werden und die Nachfrage steigt, so dass sie vor der Entscheidung stehen, an einem Tag zweimal spielen können. Aber das ganze geht nur mit uns beiden. Das lässt sich vielleicht nicht von nur einem allein reproduzieren.
Jan: Es spielt auch eine Rolle, dass jeder noch eigene Interessen hat. Ich mache allein Musik, Alex mit Dennis.
Alex: Es gab bisher aber auch noch nicht die Möglichkeit, vier Gigs an einem Wochenende zu spielen.
Jan: Bei uns wächst das nach wie vor langsam und kontinuierlich. Das fühlt sich auch gut an und passt zu uns. Es gab nie so einen Hype. Das nimmt einem auch etwas Druck. Wenn etwas schon so lange und konstant funktioniert, ist die Gefahr vielleicht auch geringer, dass etwas ganz plötzlich aufhört. Es ist eine konstante, natürliche Entwicklung. Was auch wichtig ist: Wir sind gern faul und gern zu Hause. Das spielt schon eine Rolle. Obwohl man viel wegfährt, gibt es jetzt keinen riesigen Stress. Natürlich würden wir auch mehr wegfahren, wenn es mehr Angebote gäbe, aber es ist irgendwie alles gut so wie es ist.
Wo seht ihr euch in zehn Jahren? Ist es für euch vorstellbar, noch weiter unterwegs zu sein und aufzulegen?
Jan: Für mich ja.
Alex: Ja, für mich ist es auch vorstellbar.
Es gibt ja auch gute Vorbilder, die in Würde alt damit werden.
Alex: Stimmt, es ist das erste Mal, dass eine Alterung in der Techno-Szene stattfindet und es ist gut zu sehen, dass das geht, ohne peinlich zu sein. Man muss natürlich immer reflektieren, ob man noch darauf Lust hat.
Gibt es aber schon einen Generations-Gap, wo ihr junge DJs seht, die in ihren Gedanken, in der Musik oder Straightheit wo ganz anders?
Jan: Ich würde es weniger an den Generationen fest machen als vielmehr an der Entwicklung der Szene. In den letzten fünf bis zehn Jahren ist die so riesig geworden und hat sich mega ausdifferenziert. So sind im Clubbereich viele neue Sachen entstanden, die mit unserer kleinen Clubwelt wenig zu tun haben. Und trotzdem vergleicht man natürlich. Denn das sind auch alles DJs, trotz verschiedenster Ambitionen und Absichten.
Außerdem sind wir trotz der recht langen Zeit, die wir das machen, immer noch viel zu vorsichtig, wollen nicht zu aufdringlich sein und möglichst wenig Leute nerven. Auch wenn man eigentlich sieht, dass die Szene ganz anders funktioniert. Wie überall musst du heutzutage mehr und mehr präsent sein und am besten ständig am Planen und Networken sein. Darin sind wir nach wie vor alles andere als Profis. Das sieht man schon daran, dass eine neue Generation von Anfang an mehr weiß, was sie will, daran auch arbeitet. Und das funktioniert dann auch.
Neue Generationen brauchen natürlich auch nicht mehr zehn Jahre, um sich ein musikalisches Wissen anzueignen – da reichen zwei Tage Youtube. Ich finde es aber dennoch voll gut, dass der Zugang zu bestimmten Dingen heutzutage viel einfacher und offener ist. Trotzdem gehörte das bei uns noch enorm dazu, um authentisch zu wirken und das prägt natürlich auch das eigene, oftmals träge Handeln. Außerdem hast du aber eben nicht nur die alternde Generation im Techno, sondern auch die Kinder, die durch ihre Eltern schon von klein an geilen House hören. Oftmals gibt es dann gar nicht die Rebellion, die gehen in den in Clubs ihrer Eltern ab und werden mit 14 DJs. Voll geil.
Wie Filburt seid ihr ja Ur-Leipziger und könnt auf zwanzig Jahre Clubkultur zurückschauen. Wie habt ihr die Entwicklung über die Jahre wahrgenommen?
Jan: Es gibt natürlich immer einen Unterschied zwischen dem, wie etwas beschrieben wird und wie es tatsächlich war. Es gab schon immer Clubs und in der Art, wie sich Leute Sachen ausdenken und sich über die Musik freuen, hat sich nicht viel geändert. Natürlich verändern sich musikalische Interessen und es gibt neue Entwicklungen. Aber im Prinzip ist es noch immer das Gleiche.
Was in den letzten Jahren in Leipzig passiert ist, ist trotzdem schon krass. Auch diese Dynamik mitzuerleben. Man kannte immer alle Leute, die etwas damit zu tun hatten, bis wir vor ein paar Jahren in Läden wie der Ostapotheke dachten, in einer anderen Stadt zu sein. Das hat uns total begeistert.
Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass durch das viele darüber Schreiben und Erzählen die Erwartungen steigen. Die Leute kommen mit hohen Erwartungen und denken, dass hier alles möglich sei. Das kommt meiner Meinung nach langsam an seine Grenzen, weil zu viele Leute zu viel davon wollen. Es machen alle cooles Zeug, aber es ist auch mittlerweile sehr viel geworden. Nicht umsonst haben einige Leute aufgehört Partys zu machen.
Wird das nicht durch den großen Zuzug kompensiert?
Jan: Das muss es ja jetzt schon, weil das Angebot größer geworden ist. Ich weiß noch, dass es in den ersten frohfroh-Umfragen den Wunsch gab, Electric Island alle zwei Wochen zu veranstalten. Das würde sich heute leider kein Mensch mehr wünschen, weil es einfach viel zu viel gibt. Es ziehen ja auch nicht nur clubaffine Leute her. Dasselbe Problem hat auch die Konzertlandschaft in Leipzig – das stößt genauso an die Grenzen, tausend Veranstalter, tausend Konzerte. Zu den geilsten Acts kommen dann nur 200 Leute.
Alex: In den letzten Jahren hatte ich aber auch das Gefühl, dass man, wenn man nicht viel falsch macht, recht sicher in Leipzig eine gut laufende Party machen kann. Egal, ob man sich einen Gast von außerhalb oder lokale Leute holt. Vorher hat man sich schon mal Partys ausgedacht, zu denen dann nur wenige Leute kamen. Das war gut, dass dieser Knoten geplatzt ist. Sonst hätte sich das vielleicht tot getreten mit den immer gleichen Leuten.
Jan: Ja, der Zuzug hat natürlich Möglichkeiten eröffnet. Aber es gibt schon die Tendenz, dass die auch überschätzt wird. Natürlich kommen mittlerweile ein paar Leute von außerhalb am Wochenende ins IfZ oder die Distillery, aber um das ganze kontinuierlich zu ernähren, braucht es eben viele Tausend Techno-Touristen wie in Berlin. Auch wenn es sich geöffnet hat, ist es auch weiterhin überschaubar.
„Es kann in Leipzig noch keine sieben Clubs geben, die alle das gleiche machen und jedes Wochenende voll sind.“
Gibt es mittlerweile aber ein anderes Selbstbewusstsein? Ich weiß nicht, ob es vor zehn Jahren einen Club wie das IfZ hier hätte aufmachen können.
Jan: Ja, das denke ich schon. Wobei es dort ja nur zum Teil eine neue Generation ist, die den Club aufgemacht hat. Aber die selbstbewusstere Stimmung trägt das natürlich auch.
Alex: Beim IfZ wurde ja auch gleich größer gedacht, sich nicht nur auf die Leipzigsuppe fokussiert. Es wurde ja darüber hinaus kommuniziert, so dass es viele Leute wahrgenommen wurde. Dass Leute hier in ihrer Ossi-Bescheidenheit nicht mehr so schüchtern mit ihren Sachen und Projekten umgehen, hat sich auf jeden Fall geändert.
Bisher ist bei euch alles organisch gewachsen – habt ihr dennoch Ziele, die ihr gern noch schaffen wollt?
Jan: Man merkt schon, dass man mit der intuitiven Herangehensweise in der heutigen Zeit an Grenzen stößt. Wir reden schon seit ein paar Jahren darüber, Sachen mehr zu forcieren oder uns neue Ideen ausdenken. Man kann nicht immer warten bis jemand was von dir will. So funktioniert das ja heute überall, nicht nur im Clubbusiness.
Man muss Initiative ergreifen, damit Sachen weitergehen. Ansonsten wünsche ich mir, dass das, was man sich aufgebaut hat, sich in ähnlicher Art und Weise weiterentwickelt. Und dass sich der Glaube daran weiterhin bestätigt, dass das, was am meisten Spaß macht auch den meisten Erfolg bringt. Ich glaube, das ist der größte Antrieb für all das, was wir machen. Ansonsten wollen wir das Label noch besser strukturieren.
Alex: Wir gleichen uns da auch oft ab, gerade am Ende eines Jahres.
Was sind die Ziele für das neue Jahr?
Alex: Im Frühjahr veröffentlichen wir ein Album von Falke, wobei das eigentlich schon ein Projekt von 2016 war. Und es kommt die zweite EP von cmd q. Auf jeden Fall wollen wir mehr gemeinsame Labelnächte außerhalb von Leipzig machen. Jedes Mal, wenn wir das mit Polo, Janosch, Lake People, Philipp Matalla und anderen gemacht haben, waren das sehr schöne Abende.
Jan: Es ist auch befriedigender als einfach nur irgendwohin gebucht zu werden. Wir freuen uns darauf zwar genauso jedes Mal, aber es geht auch darum, was man als Komplettpaket innerhalb einer ganzen Nacht vermitteln kann und was man selbst als Gefühl mit nach Hause nimmt. Ansonsten: Kommt alle zur Party ins Island.
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