Post aus Halle an der Saale

Neulich kam die Postfrau nicht klar. Ein Plattenpäckchen adressiert nur an frohfroh. Am nächsten Tag klappte es dann doch – mit einer schönen Überraschung darin.

Und zwar ein Unikat der ersten Orobos-Platte, einem soeben gestarteten Label aus Halle. Auf der weißen Plattenhülle eine amorphe Form, ein breiter Tuschestrich, der viel Raum für Assoziationen lässt – jedes Motiv ist von Hand gezeichnet und existiert nur einmal. Die Platte aus transparentem Vinyl – ein Gesamtkunstwerk, eine Kunstedition. Orobos entstand von Franz Paul Senftleben im Rahmen eines Seminars zum Thema „Simple“.

In Leipzig geboren, lebt er seit einiger Zeit 40 Kilometer weiter westlich und studiert an der Hallenser Kunsthochschule Burg Giebichenstein. In dem „Simple“-Seminar wurde „auch über Muster, Geometrische Formen und Aneinanderreihungen gesprochen“, erzählt Senftleben in einem aufschlussreichen Interview auf sceen.fm.

Und weiter dort: „Häufig musste ich an den modularen Aufbau von elektronischer Musik denken. Wie sie sich aus Ebenen, Flächen und Fragmenten zusammen setzt.“Als Paul Rewind produziert er ebenfalls Musik, eingedunkelten federnden Techno. Die Idee von Label, Design und Kunst lag also sehr nahe. Mit zwei Tracks ist er auf der ersten Orobos-Platte zu hören.

Die zwei Freunde Sub.Made und Prismic ergänzen die Mini-Compilation mit super reduzierten Dub Techno komplettieren. Die vier Stücke sind dabei so reduziert, dass ihnen leider die Spannung abhandenkommt. Trotz der klassischen Ansätze, die ja stark auf dem schwebenden Loop beruhen.

Interessant aber, dass Franz Paul Senftleben bei der Namensfindung für das Label auf den Begriff „Ouroboros“ stieß. Denn parallel greifen auch Pentatones bei ihrem neuen Album diese antike Figur des völlig Autarken auf.

Je nachdem wie es die Zeit hergibt, sollen auf Orobos weitere Platten folgen. Dann aber nicht mit derart aufwendigem Cover-Artwork. Also nicht lange zögern mit der ersten Katalognummer. 100 Stück gibt es nur davon.

Orobos Facebook

CVBox „What You Hear Is What You Get“ (Lunatic)

Nach nur zwei Platten ist Lunatic soweit, dass man sich unwillkürlich auf die nächste freuen kann. Sie kommt erneut vom Dresdner CVBox.

Er hatte das Debüt von Lunatic schon sehr angenehm analog und angeraut bespielt. Danach kam im letzten Frühsommer die wunderbar dunkel-poppige EP von Jennifer Touch. Es geht analog pulsierend und mit CVBox weiter auf Lunatic. Und wir bekommen tatsächlich das, was wie hören: Einerseits roh belassene und weitgehend klassische Acid- und Electro-Sounds, andererseits sphärisch flimmerte Wärme.

Kernstück der EP ist „Hitchhike The Plain“, das nach einem verschlungenen Anfang zur Mitte hin plötzlich zu einem pumpenden House-Track mutiert. Durch die Vocals mischt sich sogar so etwas wie ein dunkel schwelender Pop-Appeal mit hinein. Ein Track mit zwei Gesichtern.

„Apolda13“ und „TP-One“ erweitern das Spiel aus dunklen und gleißend-hellen Momenten – auf polyrhythmische und geradlinige Weise. Und es gibt ein Wiederhören mit „Drive By Circle“, dem wunderbar deepen, britzelten House-Track der ersten Lunatic-EP.

Die „Zappa Version“ entzieht sich der Deepness, dafür bleibt ein Britzeln an den Bassdrum- und HiHat-Rändern, während im Hintergrund eine stoische Bassline und später eine wirre Snyth-Schleife ihre Runden drehen – auf sehr andere Weise anziehend.

Neben einem Sticker liegt der Platte übrigens auch noch ein Kunstdruck bei. Komplettpaket also.

Parallel zur Lunatic-EP gibt es bei Uncanny Valley auch gerade eine neue EP von CVBox. Zusammen mit Micha Freier – auf der ersten Blackred-Platte waren beide bereits als Invalog zu hören – entstanden vier Tracks für „Transparency“.

„Blinking Lights“ offenbart dabei große Hit-Qualitäten – Gus Gus-inspiriert vielleicht. Als Konter: Ambient mit „XOXO“. Unbedingt mit zur Lunatic dazu packen.

Lunatic Facebook
CVBox Facebook
Mehr zu Lunatic bei frohfroh

Radio Blau wird grün

In diesem Jahr feiert Radio Blau sein 20-jähriges Bestehen. Um künftig Kosten zu sparen, will der Sender nun in neue Technik investieren. Mit euch zusammen.

Unter dem Motto „Radio Blau wird grün“ versucht Leipzigs freies Radio derzeit, 5.000 Euro über die Crowdfunding-Seite Visionbakery zu sammeln. Die Idee: Alte Technik für den Radiobetrieb mit hohem Energieverbrauch gegen neue energieeffizientere Technik ersetzen.

Pro Jahr sollen so 900 Euro eingespart werden. Hinzu kommt die umweltschonende Komponente: Es werden dadurch 400 Watt weniger Strom und 1,9 Tonnen CO2 im Jahr verbraucht.

Die Wunschliste mitsamt den sinkenden Verbrauchswerten klingt wie ein IT-Poem:

Switches von 140W auf 40W
VirtServer von 150W auf 60W
FileServer von 150W auf 60W
BackServer von 150W auf 60W
FirewallRouter von 150W auf 30W
Pult von 200W auf 150W

Bis 1. Februar ist Zeit zum Spenden, Gegenleistungen gibt es selbstverständlich auch. 

Auf Distanz zu den Techno-Düster-Standards – DUR

Neues Jahr, neues Glück. Stimmt, denn mit DUR startet ein neues Label für die experimentelleren Ränder von Techno und Ambient. Niklas Kraft alias Talski beantwortet ein paar Fragen dazu.

Es hat dann doch etwas länger gedauert als gedacht. Insgesamt, aber auch seit der ersten Ankündigung bei frohfroh im letzten März. Zwischendurch gab es mehrere Podcast-Mixe und eine Label-Nacht im Institut für Zukunft. Mit der Katalognummer 001 startet DUR nun als Label. Nicht nur von Talski betrieben – wie es dazu kam, erklärt er später selbst.

Ein Grund für die Verzögerung war auch die Suche nach einem passenden Vertrieb. Mit Ready Made aus Berlin wurde einer gefunden, der mit Blackest Ever Black und Downwards Records einige Perlen einige sperrige Perlen vertreibt.

Das DUR-Debüt teilen sich Talski, Konrad Wehrmeister, Emrauh sowie Detlef Diamand & Lukas Rabe. Was sofort auffällt, ist der hypnotisch-kontemplative Sound aller Stücke. In vier verschiedenen Nuancen – angereichert um Dub- und Ambient-Elemente – kommt er zum Tragen.

So tritt selbst in der bedrohlich-düsteren Atmosphäre von Talskis „Eckbert“ und der kaum helleren, dubbig-hallenden Weite von Emrauhs „Vademecum“ ein angenehmes Gefühl der Losgelöstheit hervor.

Eingerahmt von diesen beiden Stücken strahlenDetlef Diamand & Lukas Rabe sowie Konrad Wehrmeister mit „Projection“ und „Search“ mehr Wärme und sogar einen Hauch von klassischer House- und Ambient-Deepness aus. Eine tatsächlich herausragende Platte zum Versinken. Im Sound und in Assoziationen.

Warum DUR entstanden ist und was noch passieren soll, erklärt Niklas Kraft alias Talski nun selbst:Bei Facebook steht „Ist am 18. Oktober 2010 beigetreten“ – die Idee zum Label schlummert schon lange?

Ja, der Gedanke eine Plattform für elektronische Musik mit Labelstrukturen zu gründen, ist tatsächlich schon ein längerer Plan von mir gewesen. Allerdings haben mir zur realistischen Umsetzung die finanziellen Mittel und das bis vor einem Jahr noch viele Unterwegssein mit Projekten einen Strich da durch gezogen.

Daher habe ich die Idee für ein paar Jahre wieder auf Eis gelegt und als Utopie schlummern lassen. Als dann die Produktionen für die erste Platte entstanden, gab es für mich keine Zweifel mehr, das endlich auf Vinyl rauszubringen und dabei hat sich wiederum die Label-Idee manifestiert.

Ursprünglich war nur von dir als Betreiber die Rede. In der Zwischenzeit hat es sich erweitert – wie kam es dazu?

Das damalige Hirngespinst bzw der „Grundstein“ wurde von mir gelegt, um die ganze Sache in Gang zu bringen und zu konkretisieren. Für mich war aber von Anfang an klar, dass ich dabei Gleichgesinnte brauche, die ein musikalisches Konzept teilen und sich für verschiedene Bereiche mitverantwortlich fühlen.

Emrauh hat jetzt beispielsweise das Grund-Mastering der gesamten Platte übernommen – mit einem abschließenden Feinschliff von Lake People. Perm kümmert sich um verschiedene organisatorische Bereiche, wie z.B. Promo und Vertriebsangelegenheiten. Beide hatten Lust auf die Labelarbeit und ich bin sehr froh, sie als Austauschpartner zu haben. DUR sind also wir zu dritt.

Gibt es ein musikalisches Konzept hinter Dur?

Wir wollen mit diesem Label vor allem Produktionen veröffentlichen, bei der die hypnotisch-meditative Ebene die Basis ist und auch mit kommenden Releases versuchen, noch mehr das Augenmerk auf ambient beeinflusstes Sounddesign zu legen. Einen starken Hang zur experimentellen elektronischen Musik habe ich persönlich sowieso, daher kann theoretisch in diesem Rahmen auch alles passieren. Auf jeden Fall wollen wir versuchen „anders“ zu klingen.

Warum eigentlich Dur? Irgendwo habe ich aufgeschnappt, dass viele Techno-Tracks in Moll sind.

„Durus“ ist das lateinische Adjektiv für „hart“. Ich finde die etymologische Herkunft dieses Wortes, bezogen auf das Wort Dur, welches im deutschen ja nur im Musikwortschatz zu finden ist, sehr interessant. Eine Tonart, die in Dur ist, bezeichnet ja ein freundliches, warmes Gefühl, das für mich schwierig mit Härte in Einklang zu bringen ist.

Darin liegt für mich eine Art Zwiespältigkeit verborgen, die ich wiederum mit meiner persönlichen Hörgewohnheit mit Techno in Einklang bringen konnte. Daher kam ich zu jenem Namen. Ich hoffe, dass hierbei auch eine gewisse Ironie erkennbar wird, denn die Welt braucht wahrscheinlich mittlerweile sowieso keine neuen Techno-Labels mehr, aber schon gar keine mit pseudo-düsteren Messages, die einem nur so ins Gesicht geballert werden, damit auch jeder versteht, dass Techno eine extrem tiefgängige Angelegenheit ist.

Vielleicht ist DUR eben mehr als eine Metapher zu sehen, um sich ein wenig von jener standardisierten „Düsterness“ zu distanzieren und trotzdem für tiefgründige und anspruchsvolle Musik stehen zu können.

DUR Facebook
Mehr zu DUR bei frohfroh

Daniel Stefanik „Genesis“ (Statik Entertainment)

Daniel Stefanik hat ein neues Album – ein sehr klassisches und tief im Sound grabendes.

Sechs Jahre liegt „Reactivity“ zurück, zwei Jahre „Confidence“. „Genesis“ spannt nun den Bogen zwischen beiden Alben. Musikalisch und strukturell. Denn während  Statik Entertainment im Herbst 2008 einen stärkenden Rückzugsort für Daniel Stefanik bot, beschert er dem Leipziger Label heute einen würdigen Abschluss. „Genesis“ wird die letzte Veröffentlichung von Statik Entertainment sein. Nach 20 Jahren.

Für Daniel Stefanik dürfte es jedoch nicht der letzte Meilenstein sein. „Genesis“ klingt so, als hätte er eine Balance zwischen dem sehr introvertierten, dub-beeinflussten „Reactivity“ und dem weitaus offensiveren „Confidence“ gefunden.

Es ist eine neue Ebene mit den ihm vertrauten Mitteln. Sphärisch und tief lässt sich ein Großteil der neuen Stücke einfach fallen. In fein arrangierte Momente, Loop-Artefakte. Ohne direkte Ziele, ohne zwingende Effekte für den Dancefloor. Selbst „Sad Sweet Strange“, „Backyard Soul“ und „Lifted“ definieren Techno in einer dramaturgisch sehr offenen Form.

Dieser Fokus auf die lang gedehnten, repetitiven Momente lässt jedoch nur wenige richtige Anker zu. Trotz Dauer-Repeat schälen sich keine einzelnen Tracks als Solitäre heraus. Müssen sie auch nicht. Es ist ein Album mit sehr konzentrierter introvertierter Stimmung und sehr dicht zusammengehaltenem Sound. Federnd die Bassdrums, dicht verästelt die einzelnen Elemente, erneut mit einer gewissen Patina überzogen.

Am stärksten hallen bei mir die Ambient-Tracks „And There Was Morning“, „The Seventh Day“, „Secret Garden“ und „Spiritual“ nach. Ihrer kompletten Losgelöstheit wegen. „Greater Than Yourself“ und „Reverting“ greifen dies ebenfalls auf, allerdings mit anziehend holprigem Schub.

„Genesis“ zeigt einmal mehr die tiefe Verwurzelung von Daniel Stefanik im Techno und Ambient der klassischen Form. Wo es ganz klar um die Faszination der Zeitlosigkeit geht und weniger um das Ausloten von neuen Grenzen.

Daniel Stefanik Website
Statik Entertainment Website
Mehr zu Daniel Stefanik bei frohfroh
Mehr zu Statik Entertainment bei frohfroh

Mix-Tipps im Dezember

Kurz vor Weihnachten noch ein paar Tipps für hörenswerte Mixe aus Dezember. Mit pneuma-dor, QY und mehr.

Ja, Beschaulichkeit, Besinnlichkeit, Sanftmut. An Weihnachten geht alles gedämpfter zu. Oder auch nicht. Denn im Dezember erschien nicht nur die erste Platte des noch jungen Leipziger Labels pneuma-dor, sondern auch die erste Ausgabe des Label-Podcasts.

Und der Berliner Shō läutet sie durchaus brachial und düster ein. Ein Hauch Industrial-Kälte hängt da zwischen vielen Tracks. Doch es gibt auch einige lichtere Momente. Gutes Konterprogramm.

Die Drum’n’Bass-Party-Reihe Boundless Beatz hat bereits länger einen Podcast. Bei Nummer 8 ist die Reihe mittlerweile angekommen. Dass ausgerechnet er nun in die Mix-Tipps kommt, hat nur bedingt mit dem Mix des Mannheimers Kaiza zu tun – auch wenn er sich darin sehr kickend der Szene von Manchester widmet.

Noch spannender: Boundless Beatz wächst im nächsten Jahr zum Label. Ende Januar gibt es die Launch-Party in der Distillery. Dreadmaul wird dabei sein – ihm ist die Katalognummer 1 vergönnt.

Dann aber doch noch etwas Beschaulichkeit. Einmal von Luvless, der kürzlich seine wunderbare „Part Of Me“-EP veröffentlichte. Der französische Blog Delicieuse Musique hat den Leipziger für den Start seines Delicast ausgewählt. Zu hören: Viel Soul- und Disco-Schwingungen.

Und noch etwas sehr besinnliches: Die Miami-Promoter von Dionysian Mysteries mochten eines der ultradeepen Live-Sets von QY in den Podcast aufnehmen. Sehr gute Entscheidung.

Luvless „Part Of Me“ (Sleazy Beats Black Ops)

Beinahe wäre sie auf dem Weg zum Vertrieb verloren gegangen: Die limitierte Vinyl-Auflage der neuen Luvless-EP. Sie kam aber an und ist bereits nahezu ausverkauft.

Was ist da los? Sleazy Beats Black Ops, das Nachfolge-Label von Sleazy Beats scheint einen guten Lauf haben. Es dürfte aber auch Luvless selbst sein, der nach nur zwei Solo-EPs und seinem mehr als wohlwollend aufgenommenen Rose Records-Background mittlerweile einige Begehrlichkeiten weckt. Völlig zurecht.

Die drei neuen Tracks auf der „Part Of Me“-EP strahlen eine große Eleganz aus, der sich nur schwer entziehen lässt. House im Mid-Drive – sehr reduziert arrangiert, eingebettet in herrlich deepe Chords, weit ausholende Strings und dem genau richtigen Soul-Disco-Appeal in bei den Vocals. So klassisch, so umarmend.

„In My Arms“ kommt hier noch einmal im Original auf Platte – bei der „Turning Points“-EP schaffte es nur der Ooft!-Remix. Es ist das Herzstück der neuen EP, mit einem sanften Piano-Break. Noch deeper und mit leichtem Dub versehen: „Precious Kind Of Love“. Die für mich bisher eindrücklichste Luvless-EP.

Luvless Facebook
Sleazy Beats Black Ops Website
Mehr zu Luvless bei frohfroh

Techno-Referate

Mit der Eröffnung vom Institut für Zukunft hat auch der Kulturraum e.V. begonnen, sich in Referaten und Diskussionen verschiedenen Themen der Clubkultur zu nähern. Nun gibt es Mitschnitte.

Die Clubkultur ist ein weites Feld, nicht nur musikalisch. Auch wirtschaftlich und soziologisch. Und in ihr schlummern – wie in jedem Lebensbereich – zahlreiche Eigenheiten, Faszinationen und Widersprüche.

Einige davon thematisiert der Kulturraum e.V. seit einigen Monaten in eigenen Veranstaltungen. Den Spagat zwischen wirtschaftlicher Effizienz und Selbstverwirklichung im subkulturellen Clubbetrieb etwa. Oder wie sich Techno und House begrifflich näher beschreiben lassen, als mit „Jawoll“.

Von drei Veranstaltungen wurden nun die Mitschnitte der Referate und Diskussionsbeiträge auf Soundcloud gestellt. Spannende Podcasts sind das, die etwas mehr Aufmerksamkeit einfordern und die sicherlich in erster Linie als Ausgangspunkt für weitere Auseinandersetzungen dienen sollen – egal ob öffentlich oder im kleinen Rahmen ausgetragen.

Danke für den Gedanken-Dance.

Kulturraum e.V. Facebook

Various Artists „Inhouse Vol. 6“ (Moon Harbour Recordings)

Moon Harbour beschließt das Jahr mit einer neuen Ausgabe seine „Inhouse“-Werkschau.

Die sechste „Inhouse“-Compilation ist das mittlerweile. Das Prinzip ist klar. Eine große Werkschau mit exklusiven neuen Tracks der Label-Künstler und einigen Freunden und Bekannten.

Durchaus überraschend: Ein Track von Barem. Von M_nus kannte ich ihn noch, doch richtig viel kam in den letzten Jahren nicht mehr von dem Argentinier. Das Wiederhören auf der „Inhouse 6“ ist jedoch eher fad.

Leider gilt dies auch für zweidrittel der restlichen elf Tracks. Moon Harbour ist nun länger ein Tech- als Deep House-Label. Jaja, Geschmacksache, jaja die Beatport-Charts.

In der Mitte aber, da gibt es ein Refugium an Reibung und Deepness. Belebt durch Marco Faraone, Luna City Express sowie in Ansätzen auch von Sven Tasnadi, Dan Drastic & Matthias Tanzmann und Sable Sheep. Beim Rest fehlen mir die Anknüpfpunkte. Mal wieder.

Moon Harbour Website
Mehr zu Moon Harbour bei frohfroh

Various Artists „Tetsampler 2014“ (Tetmusik)

Nach Musik für Füchse, Pfauen und Wildschweine bringt Tetmusik nun den Soundtrack für Igel.

Wer es bisher verpasst hat: Seit einigen Jahren bringt das lose Label-Kollektiv Tetmusik musikalisch freigeistige Sampler heraus, die einen guten Querschnitt durch die House- und Indie-Szenen von Leipzig bieten – vorwiegend Leipzig zumindest.

Etwas wundert aber doch: Warum hat es Tetmusik nie geschafft, sich über dieses jährliche Statement hinaus zu entwickeln? Immerhin scheint es für nicht wenige Musiker aus der Stadt durchaus eine relevante Schnittstelle zu sein. Gerade beim Überwinden der Genregrenzen.

Wie auch immer. Der „Igel“-Sampler knüpft an die Tetmusik-Tradition an und verbindet Sampler, Synth und Gitarre zu einem einigermaßen kohärenten Mix. Den Anfang bestreiten Lootbeg und das Studio Rauschenberg mit zwei entspannt eingängigen Tracks – mit Electro- und HipHop-Lässigkeit.

Ron Deacons überträgt seinen hypnotischen Loop-Sound mit viel Soul unter die Discokugel – fast ein Querverweis hin zu Rose Records. Die Überraschung ist aber Lowcuts „Dr. Bowman’s Theme“. So episch und aufgeräumt habe ich ihn noch nie gehört. Sehr achtziger und ungewohnt glamourös.

Mit Pumamontana kommt auch etwas von den Tetmusik-Wurzeln mit den „Igel“-Sampler. Nach wie vor faszinierend, wie hier stoisch da an allen Trends vorbei neue Stücke entstehen, die so emotional reinlangen.

Großer Dance-Pop kommt weiterhin von MHYH – wann kommt da eigentlich mehr? Tomika beschließt die 2014-Ausgabe mit einem cineastischen Instrumental. Bis zum nächsten Jahr.

Tetmusik Facebook
Mehr zu Tetmusik bei frohfroh

Grizzly „O*RS Grizzly Cuts 303“

Was macht ein Liebhaberlabel aus? Zum Beispiel 100 7″-Platten zum 3. Advent raushauen – so wie es O*RS heute tut.

Mit O*RS tobt sich Filburt ganz besonders aus. Alle möglichen Vinyl-Formate werden bespielt, Newcomer gefeatured, dazwischen eine Kunst-Edition und Tapes. Und quasi jede Platte, jedes Tape – vielleicht sogar jede MP3-Datei – wird vom Labelchef persönlich veredelt.

Nun eine Advents-7″ vom Berliner Producer Grizzly, tief verbunden mit den Kann-, Doumen- und O*RS-Crews – vor einem Monat erst gab es einen Kannpod von ihm – entlässt er hier zwei äußerst rough belassene Analog-Tracks. Mit mäanderndem Session-Charakter.

Ernste und dunkel wabernde Sound-Artefakte, die gar nicht mal so weit von der Kassem Mosse-Ästhetik entfernt sind – insbesondere bei „Morph AD“ ähnelt die Spannung und die derbe Bassdrum sehr. Doch: Es ist eben immer wieder dieser scheißklassische Analog-Sound, der so tief berühren kann. Warum auch immer.

Also: Happy Advent.

Grizzly Website
O*RS Facebook
Mehr zu O*RS bei frohfroh

Kontextentrückungen mit pneuma-dor

Es tut sich etwas im experimentellen Bereich. Mit pneuma-dor veröffentlichte Anfang Dezember ein neues Label seine erste Platte. Zeit für ein Interview.

Der Name pneuma-dor ist nicht gänzlich neu. Mit Partys im Westwerk und dem Institut für Zukunft wurde bereits deutlich, dass hier mehr ausgelotet werden soll als bloss den Dancefloor zu bespielen. Vielmehr ist es ein sehr experimenteller Umgang mit verschiedenen Genres.

Die erste Platte von pneuma-dor ist zugleich das Vinyl-Solo-Debüt der Musikerin Corecass. Sonst spielt sie wohl im Post-Punk und düsteren Metal-Set-up. Ihre vier Solo-Stücke sind das genaue Gegenteil. Elegische und schaurig-bedrückende Arrangements mit sehr klaren und schneidenden Sounds – die durchaus sich teilweise ins Folkloristische hinauswagen.

Keine Elektronik. Richtige Instrumente – unter anderem eine Harfe –, selbst eingespielt und mit ihrem beiläufig eingebetteten Gesang als besonderen Gegenpart zu Quasi-Electronica neu zusammengestellt. Ein mutiger Start, der noch einmal eine völlig andere Note reinbringt als bei Holger, Doumen und Privatelektro.

Dass pneuma-dor die Faszination des House und Techno ebenso schätzen, zeigt die B-Seite der „Sacer EP“. Dort remixten Mod.Civil, Carina Posse und Technical Grief. Als Kollektiv antworteten die pneuma-dor-Betreiber die frohfroh-Fragen zum Start des Labels.Promoter, Booking-Agentur, Label – ihr habt einiges vor mit pneuma-dor, oder?

Einen festen Fahrplan, der genau vorschreibt, was in den nächsten Monaten passieren soll oder muss, gibt es so nicht. Natürlich ist für uns schon klar, wie das nächste Release aussehen wird, aber das ist momentan noch in der Konzeptionsphase.

Hinter dem, was sich bis jetzt so zugetragen hat – und darauf bezieht sich auch die von dir erwähnte Aufzählung – , stand und steht viel mehr der Gedanke, experimentierfreudige und für uns interessante Künstler und Künstlerinnen zu unterstützen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Musik mit einer gewissen Öffentlichkeit zu teilen.

Hat Leipzig genug Potential für experimentelle Musik – oder schaut ihr da eher über die Stadt hinaus nach Künstlern und Künstlerinnen?

Sowohl als auch. Natürlich besteht in Leipzig, gerade was elektronische Musik anbelangt, eine sehr vitale und uns beeinflussende Szene, die mehr oder weniger offensichtlich Potential schafft und auch gewisse musikalische Nischen bedient.

Und selbstverständlich ist es oft naheliegend, dass Label mit den Künstlern und Künstlerinnen aufzubauen, die aus dieser Szene stammen und im Freundes- und Bekanntenkreis in Erscheinung treten. Dennoch will sich pneuma-dor nicht an diese Stadt binden, d.h. es geht nicht darum, nur lokale Künstler und Künstlerinnen zu finden und zu unterstützen. Entscheidend ist viel mehr der musikalische Aspekt.

Wer steckt alles dahinter?

Der kreative Kopf hinter pneuma-dor ist Andreas Gaist, über den es an dieser Stelle gar nicht so viel zu sagen gibt. Zusätzlich dazu gibt es noch einen Kreis von Freunden und Freundinnen, die ihn unterstützen, wenn nötig. Maßgeblich formen aber die Künstler und Künstlerinnen, die auf pneuma-dor ihre Musik veröffentlichen oder anderweitig damit in Verbindung stehen das Label und dessen Output.

Wollt ihr euch auf einen bestimmten Sound fokussieren?

Andreas empfände es als ziemlich beengend, sich in der heutigen Zeit, in der sich Genregrenzen immer weiter auflösen und verschieben, auf einen bestimmten Sound zu beschränken und sich so unnötige Grenzen zu setzen. Daher ist es auch schwer dazu etwas Allgemeines zu sagen.

Grundsätzlich gibt es sicherlich ein Interesse an einer gewissen Sperrigkeit und auch Neuartigkeit im Sound und daran, dass Musik nicht belanglos wirkt. Das hängt auch damit zusammen, dass beispielsweise Techno oder elektronische (Tanz)musik im Allgemeinen bei pneuma-dor nicht nur als Gebrauchsmusik für den Dancefloor begriffen wird.

Wie das dann konkret in der Umsetzung aussieht, entscheidet sich natürlich von Release zu Release. Bei der „Sacer EP“ findet da beispielsweise eine Kontextentrückung im doppelten Sinne statt. Einerseits treten Instrumente, die man eher aus klassischen oder folkloristischen Kontexten kennt, in einem Kontext zumindest teilweise elektronischer Musik auf und werden dort gebrochen. Und andererseits werden die Songs auf der B-Seite der Platte, in einen Dancefloor-tauglichen Zustand umgewandelt.

Die Veranstaltungen scheinen auch diese Kontextentrückungen im Sinn zu haben: Mit Konzert- und Club-Parts?

Ja, ganz gewiss beeinflusst der Ansporn, der dazu führt, sich mit bestimmter Musik zu beschäftigen und diese zu releasen auch die Veranstaltungen und umgekehrt. Man kann sagen, dass es bis jetzt sicherlich stellenweise darum ging, den Clubkontext, in dem Tanzmusik funktioniert, aufzubrechen und etwas Andersartiges, vielleicht auch Unbequemes oder Irritierendes einzuschleusen.

Solche Verschiebungen, die eventuell gewisse musikalische Gewohnheiten stören, führen ja bestenfalls auch zu besonderen musikalischen Erlebnissen und einer Sensibilisierung für Ungewöhnliches, einer Öffnung neuer Perspektiven, etc.. Das soll aber natürlich nicht heißen, dass jede pneuma-dor Veranstaltung zwingend diese „Aufgaben“ erfüllen muss und es nicht auch mal eine Clubnacht geben kann, die sich auf zum Tanzen einladende Musik konzentriert. Das Veranstaltungsspektrum soll sich eben bestenfalls nur nicht darin erschöpfen. Auch hier geht es um Diversität und Musik, die uns anspricht.

pneuma-dor Website