Täter an den Decks – Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt durch Leipziger DJs

Sie legen in Clubs und Off-Locations auf, veranstalten Open Airs, partizipieren in Kollektiven und sind fester Teil der Leipziger Clubkultur. Sie labeln sich als tolerant und feministisch, während sie die Grenzen anderer verletzen, sexuell übergriffig sind und sexualisierte Gewalt ausüben. Wir haben ein Problem in den vermeintlichen Safer Spaces unserer linken Rave-Bubble. Und das betrifft uns alle.

Triggerwarnung: In diesem Teil des Features werden Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt und anderen extremen Grenzüberschreitungen explizit geschildert. Wenn du dich mental nicht in der Lage fühlst, dich mit solchen Inhalten zu konfrontieren oder während des Lesens merkst, dass die Erfahrungsberichte dich triggern oder stark negative Gefühle auslösen, überspringe gern Teil I – in Teil II werden die Erfahrungen eingeordnet, ohne sie detailliert zu thematisieren, und Handlungsmöglichkeiten innerhalb unserer Szene aufgezeigt.

Das Feature als Podcast

„Die Täter werden geschützt. Entweder verschließen die Kollektive die Augen davor oder nehmen es in Kauf.“ – Clara

Ursprünglich sollte dieses umfangreiche Feature ein knapper, angepisster Rant über diejenigen DJs in unserer Szene werden, die ihre toxische Männlichkeit zelebrieren, mackern und mansplainen, sexistische Kommentare oder ‚Witze‘ raushauen und anderen Menschen durch grenzüberschreitendes Verhalten ein unangenehmes Gefühl geben. 

Mit Blick auf unsere clubkulturellen Räume, die sich mehrheitlich als emanzipatorische und antisexistische Safer Spaces begreifen, hatte ich zu Beginn meiner Recherche die Erwartung, ausschließlich Schilderungen solcher Mikroaggressionen zu hören. Retrospektiv ziemlich naiv – als ich Betroffene über einen öffentlichen Instagram-Aufruf bat, ihre Erfahrungen mit sexistischen und übergriffigen DJs mit mir zu teilen, zeigte sich schnell, dass ich das Ausmaß der Gewalt gegen FLINT*1 in unserer Clubkultur vollkommen unterschätzt hatte. 

Deshalb fokussiert sich dieses Feature – anhand des Beispiels der Leipziger Szene – auf sexuelle Belästigung, sexuelle Übergriffe, sexualisierte Gewalt sowie weitere drastische Grenzüberschreitungen durch cis-männliche2 DJs und Veranstalter.

Weil ich den Erfahrungen jeder Person, die mir derartige Erlebnisse anvertraut hat, Raum geben möchte, enthält der erste Teil zwölf Erfahrungsberichte – mal kompakt, mal sehr ausführlich. Im zweiten Teil verorte ich, was das alles für unsere Szene bedeutet und weise auf Möglichkeiten für Betroffene, Clubs und Kollektive sowie für alle anderen Leser*innen hin, die meiner Meinung nach dabei helfen können, mit solchen Vorfällen umzugehen und diesen enormen Missstand zu bekämpfen.

1 FLINT* bedeutet: Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-Binäre- und Trans-Personen – also alle, die durch patriarchale Strukturen benachteiligt werden. Mehr dazu hier.

2 Cis-männlich bedeutet: Männer, deren Geschlechtsidentität mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Mehr dazu hier.

Die Spitze des Eisbergs: Was bereits öffentlich wurde

Im Dezember 2019 wurde eine Frau bei einem Konzert im Conne Island vergewaltigt. Der Täter: Ein Mitglied des auftretenden Performance-Kollektivs HGich.T. Während die HGich.T-Crew nur einen Tag später wieder auf einer Bühne stand, übernahm das Kollektiv des Conne Island in einer Stellungnahme Verantwortung, solidarisierte sich mit der Betroffenen und zog Konsequenzen.

Im Februar 2020 offenbarten anonymisierte Aushänge auf der Eisenbahnstraße, dass ein damaliger Mitarbeiter des Goldhorn Personen gegen ihren Willen zu sexuellen Handlungen gebracht hatte. Auch das Goldhorn bezog in einem Statement Stellung und sanktionierte den Täter. 

Ebenfalls Anfang 2020 zeigten Recherchen von Strg_F, dass Besucher*innen der Festivals Monis Rache und Fusion ohne ihr Wissen auf der Toilette und in Duschen gefilmt und die Videos auf Porno-Seiten hochgeladen wurden. Der Täter im Fall der Aufnahmen auf Monis Rache, damals selbst Mitarbeiter des Festivals, lebte bis zur Publikation der Recherche in einem linken Leipziger Hausprojekt und war von einzelnen Mitbewohner*innen gedeckt worden

Auch der sexuelle Übergriff durch den in linken Strukturen vernetzten Betreiber von Pivo und Rimini im Jahr 2018 wurde verschwiegen. Mitwissende unterstützten weiterhin seine Läden – und damit auch ihn – und beteiligten ihn aktiv an clubkulturellen Kontexten. Im Frühjahr 2020 wurde der Übergriff durch Unterstützer*innen der Betroffenen öffentlich thematisiert. Daraufhin wurde ein Statement anonymer Autor*innen veröffentlicht, das den Täterschutz durch Mitwissende innerhalb linker Kontexte in diesem Zusammenhang konkretisiert.

Im November 2020 erschien ein Erfahrungsbericht über die Leipziger Graffiti-Crew Radicals. Die anonyme Autorin schildert unter anderem, wie sie selbst und andere Personen sexualisierte Gewalt durch Crew-Mitglieder erlebt haben und wie das Geschehene von anderen Radicals-Mitgliedern verharmlost oder ignoriert wurde.

Diese Fälle von sexualisierter Gewalt in linken und subkulturellen Räumen in Leipzig sind nur die Spitze des Eisbergs. Für alle, die sich in raveaffinen Kreisen bewegen, sich mit elektronischer Musik beschäftigen und/oder mehr oder weniger regelmäßig im Conne Island, in der Distillery, im Elipamanoke, im Institut fuer Zukunft, im Mjut oder auf Open Airs zu elektronischer Musik feiern gehen, gilt: Unmittelbar in unserem Umfeld, quasi direkt vor unseren Augen, erleben FLINT* in Clubs, auf Afterhours und selbst im Freund*innenkreis Gewalt durch Cis-Männer, die als DJs von eben diesen Clubs gebucht werden oder selbst Open Airs oder Club-Veranstaltungen in Leipzig organisieren. 

Die nachfolgenden Erfahrungsberichte basieren auf Gesprächen mit den jeweiligen Betroffenen und geben die beschriebenen Erlebnisse gemäß ihrer Aussagen wieder. Sie enthalten keine fiktiven Elemente. Manche der Erfahrungen liegen wenige Jahre zurück, andere ereigneten sich vor einigen Monaten. 

Um die Identität der Betroffenen zu schützen, wurden sowohl ihre Namen als auch die Namen der Gewaltausübenden geändert. Aus demselben Grund werden die Namen der Kollektive und Clubs, die in den jeweiligen Erfahrungen eine Rolle spielen, nicht genannt. 

Illustration von Jasmin Biber

„Woher nimmt er sich das Recht, so etwas zu tun?“

Als auf Evas Handydisplay das Profil von Moritz erscheint, swipt sie nach rechts – ‚It’s a match!‘. Bei ihrem Treffen dreht sich das Gespräch hauptsächlich um ihn: „Leider kannte er kein anderes Thema als sein geiles DJ-Leben.“ Moritz spielt gelegentlich in Clubs oder auf Festivals und veranstaltet mit seinem Kollektiv regelmäßig Partys in kleineren Locations. Auch wenn er es offenbar darauf anlegt, lässt Eva sich von seinen ausschweifenden Erzählungen nicht beeindrucken – zwischen den beiden passt es einfach überhaupt nicht.

„Direkt nach dem Treffen bekam ich über mehrere Tage massenhaft Nachrichten. Ich wollte nicht mies sein und antwortete ab und an, jedoch nicht immer direkt.“ Offenbar ist Moritz der Meinung, dass Eva ihm mehr Aufmerksamkeit schenken müsse und schreibt penetrant, warum sie sich nicht direkt zurückmelde. Und dann: ‚Wenn wir uns das nächste Mal sehen, kassierst du dafür eine Schelle!‘. Eva ist schockiert, nimmt die Nachricht aber nicht ernst: „Ich dachte, das wäre ein Witz.“

Einige Zeit später laufen sich die beiden auf einem Open Air zufällig über den Weg. Moritz begrüßt Eva mit einem freundlichen Lächeln. Weil es ihr gerade körperlich schlecht geht, will sie ihre Freund*innen suchen. Bevor sie weggehen kann, sagt Moritz: ‚Ich hab noch was zu erledigen‘ und schlägt ihr ins Gesicht. 

Eva erstarrt. Der Schlag tut zwar kaum weh, doch sie ist so perplex von diesem Versuch der Erniedrigung und vermeintlichen Machtdemonstration, dass sie nicht weiß, wie sie reagieren soll. Ein Kumpel von Moritz hat das Geschehen mit einem Bier auf einer Picknickdecke sitzend mitverfolgt – er sagt nichts. 

Wortlos dreht Eva sich um und geht. „Ich habe mich wie im falschen Film gefühlt und diese Situation erstmal für ein paar Sekunden sacken lassen. Innerlich habe ich mich gefragt, ob das jetzt wirklich passiert ist und woher er sich das Recht nimmt, so etwas zu tun.“ 

„Nach vorne immer das tolerante Kollektiv vertreten, und dann sowas.“ – Eva 

In Moritz und Evas Freund*innenkreis gibt es Überschneidungen. So bekommt sie mit, dass Moritz etlichen Leuten erzählt, sie sei eine ‚Schlampe‘ und würde die ‚Lüge‘ verbreiten, dass er ein ‚Frauenschläger‘ sei. Ein Freund von Eva schreibt einem Bekannten, der auch in Moritz‘ Kollektiv aktiv ist, was passiert ist und fragt, wieso sie eine Person mit solchem Verhalten in ihrer Crew tolerieren. 

Moritz‘ Crewbuddy antwortet erst, das sei wohl eine Verwechslung, da sei er sich sicher. Er fragt nach weiteren Details und schreibt dann: ‚Mit den wenigen Infos ‚Moritz + Frauen schlagen‘ wäre ich ganz (!) vorsichtig.‘ Er würde die Angelegenheit gerne zeitnah klären – ‚Gerüchte‘ in Richtung seines Kollektivs könne er nicht stehenlassen. ‚Sollte (Konjunktiv!) da etwas dran sein, bekommt Moritz einen deftigen Einlauf von mir, da kannste dir sicher sein.‘

In derselben Nacht wird Eva mehrfach von Moritz angerufen. Eva geht nicht ran. Er schreibt ihr mehrere aggressive Nachrichten, wie ‚Was erzählst du für einen Scheiß?‘. Danach schreibt Evas Freund Moritz‘ Crewkollegen noch einmal. Dieser antwortet: ‚War nicht das Schlauste von ihm, der Hype darum aber auch nicht. Bin froh, dass es jetzt geklärt ist. Bitte haltet in Zukunft unser Kollektiv da raus, das würde mir sonst Fleisch aus meinem Herzen schneiden.‘ Wütend schreibt Evas Freund, dass der ‚Hype‘ seiner Meinung nach viel zu gering ausfiel. Daraufhin kommt keine Antwort mehr.

„Ich konnte noch nicht einschätzen, dass das richtig falsch und scheiße war“

Sophia und Niklas begegnen sich auf der Tanzfläche. Im Club kreuzen sich ihre Wege immer wieder, zunächst ein paar Blicke, dann ein erstes Gespräch. Niklas ist DJ und Veranstalter in einem aufstrebenden Leipziger Kollektiv. Die Vibes zwischen den beiden stimmen – sie vereinbaren ein Treffen. Er scheint ein angenehmer Typ zu sein, denkt Sophia. Bei ihrem Date haben sie schließlich Sex. 

Unmittelbar danach liegen die beiden nebeneinander im Bett. Niklas dreht sich zu Sophia, grinst sie an und sagt: ‚Schätz mal, wie alt ich bin.‘ Ein mulmiges Gefühl breitet sich in ihr aus. ‚Was soll das? Warum soll ich schätzen? Du hast mir doch gesagt, wie alt du bist!‘ 

Gut gelaunt und offenbar ohne jedes Schuldgefühl teilt Niklas ihr mit, dass er in Wahrheit einige Jahre älter sei, als er ihr gegenüber behauptet hatte. Er sei sich sicher gewesen, dass sie nicht mit ihm schlafen würde, wenn er ihr sein richtiges Alter genannt hätte. Deshalb habe er sie bewusst angelogen. „Der Sex war zwar konsensual – aber unter Vorbehalt. Ich hätte tatsächlich nicht mit ihm geschlafen, weil ich noch sehr jung war und mir dieser Altersunterschied zu groß gewesen wäre.“

„Ich habe überlegt, gegen ihn vorzugehen. Aber ich hab schon so oft gehört, wie die Leute, die das getan haben, danach Probleme hatten. Wenn man die Täter mit Namen benennt, hat man in unserem patriarchalen System einfach die Arschkarte gezogen.“ – Sophia

Wenige Augenblicke nachdem sie von Niklas Täuschung erfahren hat, realisiert Sophia, dass sie ohne Kondom Sex hatten. „Er ist einfach in mir gekommen. Das fand ich sehr übergriffig.“ Sie hatte nicht darauf geachtet – es schien für sie selbstverständlich, ein Kondom zu verwenden, wenn man zum ersten Mal mit einer Person schläft. Niklas hingegen hat das Risiko von sexuell übertragbaren Krankheiten oder einer Schwangerschaft schlicht ignoriert. 

Als sie ihn darauf anspricht, erwidert er gleichgültig: ‚Easy, ich dachte, du nimmst die Pille.‘ Vorher gefragt hatte er natürlich nicht. „Ich konnte zu dem Zeitpunkt noch nicht einschätzen, dass das richtig falsch und scheiße war. In dem Moment habe ich nicht so reagiert, wie ich gern reagiert hätte.“

Sophia ist nicht die Einzige, die sexualisierte Gewalt durch Niklas erlebt hat. „Er bringt die ganze Zeit Sprüche nach dem Motto, wann wir denn endlich miteinander schlafen“, erzählt Maja. Sie hatte nie ein sexuelles Interesse an ihm geäußert. Auch gegenüber Freundinnen von ihr war Niklas „verbal ziemlich aufdringlich“, sagt sie. „Einmal hat er mir beim Tanzen sogar einfach an den Arsch gegriffen, geht also absolut gar nicht klar.“ 

Hannah berichtet, dass Niklas ihren Körper ungefragt und abfällig bewertete, indem er einmal beim Feiern sagte, ihm ‚gefällt nicht‘, dass sie Gewicht verloren habe und sie früher ‚besser aussah‘. Als Niklas erfuhr, dass Hannah etwas mit einer gemeinsamen Bekannten gehabt hatte, sagte er zu dieser, dass er Hannah ‚zuerst ins Bett bekommt‘ und ihnen Geld geben würde, damit sie ‚vor ihm miteinander rummachen‘. 

„Er war ein guter Freund – natürlich hab ich ihm vertraut“

Mias Geschichte liegt wenige Jahre zurück. Damals ist sie in einer schwierigen Lebenssituation – nach einem Schwangerschaftsabbruch kämpft sie mit psychischen und körperlichen Folgen. Einige Wochen nach dem Abbruch geht sie zum ersten Mal wieder feiern. Nach ein paar Stunden auf der WG-Party spürt sie, dass sie die Menge an Menschen um sich herum zunehmend belastet, und beschließt, nachhause zu gehen. 

Als sie sich von ihrem guten Freund Noah verabschiedet, wirkt er besorgt. „Er wusste um meine psychische Labilität. Als ich einmal komplett zusammengebrochen bin, hat er mich zuhause besucht.“ Noah fragt: ‚Schaffst du es allein nachhause?‘ Sie erwidert: ‚Ja, klar. Kein Problem‘. Doch er besteht darauf, sie zu begleiten, und Mia stimmt zu. 

Als die beiden wenige Augenblicke später die Treppen herunterlaufen, bekommt Mia ein ungutes Gefühl. Sie sagt: ‚Noah, hier wird nichts laufen. Du weißt genau um meine Situation.‘ ‚Kein Ding‘, wiegelt er ab. ‚Ich bring dich nur schnell heim. Alles easy.‘

Schließlich stehen beiden vor ihrer Haustür. ‚Lass uns doch noch eine Tüte bei dir rauchen‘, schlägt Noah vor. Eigentlich will Mia nur ins Bett – aber ein kleiner Joint vor dem Einschlafen wäre sicher okay. „Einen Fremden hätte ich natürlich nicht in meine Wohnung gelassen. Aber er war ein guter Freund, der sich fürsorglich gezeigt hat – natürlich hab ich ihm vertraut.“

In ihrer Wohnung angekommen, packt Noah ein Baggy aus. ‚Komm, lass Keta ziehen!‘ Mia weiß nicht so recht, was sie tun soll. „Ich war krass verunsichert zu der Zeit. In einer anderen Situation hätte ich bestimmt einfach gesagt, dass ich keinen Bock darauf habe.“ Sie äußert ihre Bedenken, aber Noah geht nicht darauf ein und legt zwei ziemlich dicke Lines. ‚Nee, das schaff ich nicht‘, sagt Mia. Noah hält ihr ein Röhrchen hin. ‚Ach komm, hab dich nicht so!‘ Sie zieht. 

„Also hab ich mehr genommen, als ich eigentlich vertrage, und bin relativ schnell weggetreten. Dann hat er angefangen, sich an mir zu vergreifen. Ich hab zu der Zeit noch geblutet wegen des Abbruchs. Ich kann es nicht mehr richtig rekonstruieren, aber ich hab noch die Bilder im meinem Kopf: Er ist in mir gekommen, ohne zu verhüten. Als er das Blut gesehen hat, ist er aufgestanden, aufs Klo gegangen, hat gekotzt, ist gegangen und hat mich so da liegen lassen.“

„Sie haben gesagt, ich sei selbst schuld“

Mia und Noah haben den gleichen Freund*innenkreis. Als Mia gemeinsamen Freund*innen von der Vergewaltigung erzählt, glaubt ihr niemand. „Das war die klassische Täter-Opfer-Umkehr. Sie haben gesagt, ich sei selbst schuld. Es sei doch klar, was passiert, wenn ich ihn mit nachhause nehme.“ Diese Reaktionen von ihren eigenen Freund*innen verletzt sie schwer. 

„Wenn man sich in linken Clubs frei bewegen darf, muss man ein paar Regeln einhalten. Und dazu gehört eben auch, jedem seine Entscheidungsfreiheit zu lassen, was er mit seinem Körper macht und mit wie vielen Menschen man schläft.“ – Mia 

Weil Noah bei der Vergewaltigung nicht verhütet hatte, sah Mia sich dazu gezwungen, die Pille danach zu nehmen. „Die Hormonkeule durch den Abbruch war ja schon schlimm genug, und dann noch mehr Hormone.“ Sie hatte auch ihren Freund*innen davon erzählt. „Dann hat sich diese Clique über meinen Abbruch das Maul zerfetzt. Sie haben behauptet, dass ich die Abtreibungspille und die Pille danach als Verhütungsmittel nehmen würde. Und dass ich mit so vielen Typen schlafen würde, dass ich nicht mehr wüsste, wer der Vater ist.“ 

Sie verbreiten diese Lügen so weit, dass Mia sogar von einem Freund, der in einer hunderte Kilometer entfernten Stadt lebt, darauf angesprochen wird. „Die haben so hart intrigiert, dass ich mich ein halbes Jahr in keinen Club mehr getraut habe. Ich hatte wirklich Angst davor, dass Leute auf Afterhours mit verbaler Gewalt über meine Entscheidungen sprechen, die ich für meinen Körper getroffen habe. Meine Perspektive, meine Verletzlichkeit wurde einfach null gesehen.

Das ist ein fucking politisches Thema – wenn man sich in linken Clubs frei bewegen darf, muss man ein paar Regeln einhalten. Und dazu gehört eben auch, jedem seine Entscheidungsfreiheit zu lassen, was er mit seinem Körper macht und mit wie vielen Menschen man schläft.“

„Täter sind auch die, die Täter schützen“

„Erst lange danach ist mir das erste Mal eine Frau begegnet, die gesagt hat, dass das eine Vergewaltigung war. Wenn dir immer jemand einredet, dass du selbst schuld bist, dann glaubst du das auch irgendwann. Ich hab auch die Schuld auf mich abgewälzt und gedacht, dass ich ihn eben nicht hätte mitnehmen dürfen und es mein eigenes Pech ist. 

Es steht für mich immer noch im Raum, und ich bin auch noch im Prozess der Aufarbeitung. Ich hab bis heute Angst, wenn ich denen begegne. Ich hab schon öfter den Club verlassen, wenn ich gesehen habe, dass er da ist. Ich traue mich nicht allein in den Backstage und muss immer eine Person dabeihaben. Ich bin schon sehr davon eingeschränkt.

Ich habe es nicht geoutcallt, weil die Gruppe eine krasse Reichweite hatte und es geschafft hat, dass sich der komplette Freundeskreis von mir abgewandt hat. Sogar meine beste Freundin hat sich mit denen gegen mich verschworen. Ich hätte auch Vertrauenspersonen in den Clubs, mit denen ich darüber sprechen könnte. Aber ich habe Angst vor dem, was im Nachgang passiert – dass der Shitstorm wieder losgeht, wenn ich outcalle.

Ich finde, bei der ganzen Sache sollte im Vordergrund stehen, dass der Täter nicht nur allein der ist, der etwas tut, sondern auch die, die ihn schützen. Das sind Mittäter. Es ist so oft der Fall, dass den Frauen nicht geglaubt wird. Ich glaube, diese Täter-Opfer-Umkehr war für mich damals fast noch schlimmer als der Fall an sich.

Als ich Mia einige Zeit nach unserem Gespräch bitte, ihren Erfahrungsbericht für die Veröffentlichung zu autorisieren, erzählt sie: „Der Täter hat mich inzwischen wegen Rufmord angeklagt – wahrscheinlich, weil er Angst um seine zukünftige Karriere hatte. Ich musste eine Unterlassungserklärung unterschreiben, wo ich versprechen musste, nie wieder darüber zu reden. Ich habe noch ein Kontakt- und Annährungsverbot erteilt, das mich aber trotzdem nicht davor schützt, dass ich ihm nochmal begegne. Diese ganze Anwaltsprozedur hat mich sehr viel Geld gekostet. Der Shitstorm ging natürlich auch weiter – mir wurde unterstellt, ich hätte Wahnvorstellungen. Mir gings die ganze Zeit über echt scheiße. Dadurch, dass das alles wieder hochkam, habe ich leider eine krasse Retraumatisierung erlebt.“

„Victim-Blaming macht man auch bei sich selbst“

Als Franzi einem Bekannten schreibt, ob er noch einen Gästelistenplatz für eine von ihm mitorganisierten Clubveranstaltung frei habe, antwortet er: ‚Ja, du kannst einen haben. Aber was krieg ich dann dafür?‘ Irritiert fragt Franzi, was er damit meine. Er schreibt: ‚Du kannst mir zum Beispiel einen blasen.‘ 

„Was mich bei dieser Situation so schockiert, ist die Forderung dieser ‚Gefälligkeit‘, des Tauschs einer Gästeliste gegen eine sexuelle Handlung.“ – Franzi

„Das war vor vier, fünf Jahren. Ich hab das damals gar nicht richtig ernstgenommen und dachte: Naja, so ist er eben. Ich hab dann sowas wie ‚Ja lol‘ geschrieben, hatte aber die ganze Zeit ein ungutes Gefühl. Victim-Blaming macht man ja auch bei sich selbst, so im Sinne von: ‚Ich bin ja auch früher auf sein Flirten eingegangen‘ oder ‚Ich hab ihm nicht gesagt, dass das nicht cool ist‘. Weil ich das damals noch nicht benennen konnte, konnte ich es weder kritisieren und outcallen noch emotional verarbeiten. 

Ich hab erst viel später für mich festgestellt, dass da voll meine Grenze überschritten wurde und das absolut übergriffig war. Nachdem ich mich mehr mit Feminismus beschäftigt hatte, habe ich erkannt, dass das ein strukturelles Problem ist.“

„Ich hatte Angst, dass sie mich statt ihm rauswerfen würden“

Alice begegnet Josh im Club. Nebeneinander auf einem Sofa sitzend kommen sie ins Gespräch. Erschöpft erzählt Alice, dass sie gerade ziemlich dicht sei, und deshalb erstmal sitzen und chillen müsse. Josh erwidert, er habe Speed genommen und sei ziemlich klar. 

Plötzlich beginnt er, ihr Bein zu streicheln. Alice sagt ihm sofort, er solle aufhören. Er macht weiter. Sie steht auf und will zu den Toiletten gehen. Er greift an ihren Po und hält sie daran fest. Sie reißt sich los und geht. „Weil ich so druff war, bin ich nicht zu den Secus gegangen. Ich hatte Angst, dass sie deshalb mich statt ihm rauswerfen würden.“

Zwei Monate danach laufen sich die beiden zufällig in einem anderen Club über den Weg, unmittelbar bevor Josh mit seinem Gig beginnt. Wieder wird er übergriffig und versucht, sie zu berühren. Sie weicht aus und geht ihm den Rest des Abends aus dem Weg.

„Er hat seine Position als DJ extrem ausgenutzt“

Im Club kommt Johanna mit einem Mann ins Gespräch. „Er hat seine Position als DJ extrem ausgenutzt. Damals, mit Anfang zwanzig, fand ihn natürlich schon ‚cool‘.“ Er fragt sie, ob sie etwas von seinen Drogen haben wolle. Sie lehnt ab und sagt, dass sie grundsätzlich nicht konsumiere. Er schiebt ihr Drogen in den Mund. „Ich mag gar nicht weiter ins Detail gehen, aber es war super schlimm. Als ich ihn vor einem Jahr im Club gesehen hab, ist mir ist so übel geworden.“

„Es ist bekannt, dass er gegenüber vielen Frauen, gerade sehr jungen Frauen, extrem manipulativ war.“ Trotzdem sei er ihres Wissens nur von einem Club mit einem Hausverbot sanktioniert worden, während er in anderen Clubs noch immer unterwegs sei.

„Er weiß genau, wie er jemanden manipulieren kann“

Nach einem langen Rave nimmt Kathi erschöpft und dankbar das Angebot eines Bekannten an, sie mit dem Auto mitzunehmen und bei ihr zuhause abzusetzen. Die beiden kennen sich vom Feiern und waren ein paarmal zusammen mit anderen auf einer Afterhour. 

Kathi beschreibt ihn als „DJ, der sich tolerant gibt“. Sie hat ihn als sehr freundlichen Menschen kennengelernt. Rückblickend sagt sie: „In Gesellschaft anderer ist er immer sehr positiv. Er scheint sehr nett, zuvorkommend und verantwortungsbewusst zu sein – aber nur, wenn es ihm einen Vorteil bringt. Er weiß genau, wie er jemanden manipulieren kann, damit man tut, was er im Sinn hat.“

Ungezwungen plaudernd fahren sie einen ziemlich großen Umweg – wegen Baustellen, wie er behauptet – der sie letztendlich in die Nähe seiner Wohnung führt. „Er fragte mich, ob ich nicht doch Bock hätte, noch kurz bei ihm zu chillen. Ich wollte wirklich nachhause und schlafen – aber weil wir grade so eine angenehme Unterhaltung hatten und es sich so sicher angefühlt hat, dachte ich: ‚Eine halbe Stunde kann ja nicht schaden‘.“

„Ich bekomme regelrechte Flashbacks von seinen Händen und dieser manipulativen Art.“ – Kathi 

In seiner Wohnung angekommen, sagt er ziemlich schnell, er würde sie doch nicht mehr nachhause fahren. Plötzlich fühlt Kathi sich gar nicht mehr sicher in seiner Gegenwart, das Gespräch ist angespannt. Sie ist unfassbar müde und erschöpft. Eigentlich will sie gehen, doch sie kann sich nicht vorstellen, sich in diesem Zustand in die Straßenbahn zu setzen. Ihre Wohnung ist ziemlich weit entfernt, der Heimweg scheint unmöglich zu schaffen. Sie schläft ein. 

„Ich weiß nur noch, dass ich irgendwann aufwachte und spürte, wie er von hinten sein Becken gegen meins drückte und seine Hände überall auf meinem Körper waren. Unter meinem T-Shirt, in meinem BH und auch in meiner Hose. Ich war völlig überfordert. Ich sagte, ich sei jetzt fit genug, um zu gehen, hab mir meine Sachen geschnappt und bin rausgerannt.

Seitdem habe ich ihn immer wieder in den Clubs angetroffen und bekomme regelrechte Flashbacks von seinen Händen und dieser manipulativen Art. Aus persönlicher Erfahrung kann ich leider sagen, dass das kein Einzelfall war, und auch nicht das ‚Schlimmste‘, das mir passiert ist.“

Über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt in der Leipziger Clubszene allgemein sagt sie: „Leider ist meine persönliche Erfahrung mit der Männerwelt auch in den ‚alternativeren‘ Clubs nicht besonders positiv. Vom seltsam angestarrt werden beim Tanzen, über unerwünschte und unangenehme Unterhaltungen bis hin zum absolut unangebrachten und unerlaubtem Anfassen war schon alles dabei – da kann eigentlich pro Abend mindestens einmal mit gerechnet werden.“

„Ich habe das lange als ganz normal betrachtet“

Claras Erlebnisse mit Devin, der mit seinem in Leipzig etablierten Kollektiv regelmäßig Clubveranstaltungen hostet und Open Airs organisiert, erstrecken sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren. 

Als sich die beiden 2017 kennenlernen, ist Clara nicht näher an ihm interessiert. Ein paar Wochen später begegnen sich die beiden auf einem Festival. Um eine Pause zu machen, setzen sie sich an einen ruhigen Ort. Wenig später fängt Devin an, sie zu berühren und versucht, sie verbal zu einem Kuss zu bewegen. Clara will das nicht und blockt ab, doch Devin hört nicht auf und drängt weiter.

 „Weil ich zu der Zeit noch jünger war, konnte ich meine Grenzen noch nicht ausreichend verteidigen oder sagen, dass ich das eigentlich nicht will.“ Nach einer ganzen Weile gelingt es ihm – Clara „gibt nach“, wie sie es ausdrückt, und die beiden küssen sich. Dass sie damals nicht ‚Nein‘ gesagt hat, belastet sie bis heute.

Nach dem Vorfall auf dem Festival trifft sie sich noch einmal mit Devin und die beiden schlafen miteinander. Einige Zeit danach begegnen sie sich auf einer Party. „Ich war sehr schlimm betrunken und konnte nicht mal mehr Fahrrad fahren. Das hat er ausgenutzt.“ 

Devin bringt sie ins Bett und legt sich zu ihr. Er beginnt, sie anzufassen. Diesmal sagt Clara ‚Nein!‘ – sie will keinen Sex mit ihm. Das scheint Devin nicht zu interessieren. Nach der ersten Vergewaltigung denkt Clara, es sei vorbei. Doch er macht weiter, mehrmals. 

„Das Bewusstsein, dass das nicht in Ordnung war, kam erst später. Ich habe das lange als ganz normal betrachtet.“ Auch deshalb spricht sie kaum darüber, erzählt dieses Erlebnis nur sehr wenigen, engen Freund*innen. 

„Wie er mich im Club angeschrien hat – das war eigentlich das Schlimmste“

Zwei Jahre danach feiert Clara in ihrem Lieblingsclub. Seit Monaten hat sie nicht mehr mit Devin gesprochen. Plötzlich taucht er neben ihr auf der Tanzfläche auf und sagt mit lauter Stimme: ‚Clara, du weißt doch, ich würde dir niemals wehtun! Warum sagst du sowas?!‘ Clara, eben noch im Tanzen versunken, ist so perplex, dass sie kein Wort herausbringt. Nach dem ‚Verpiss dich!‘ eines Freundes, der neben ihr tanzt, geht Devin.

Einige Monate später, Anfang 2020, ist Clara erneut im Club. Der Rave ist vorbei – die Musik ist aus, die Lichter an. Auf dem Weg zur Garderobe versperrt ihr plötzlich Devin den Weg. Ein paar Leute um sie herum sitzen noch auf Sofas, reden, rauchen und warten auf ihre Freund*innen. 

Clara gibt ihm zu verstehen, dass sie gerade keine Zeit für ihn hat. Er baut sich vor ihr auf. ‚Clara, ich will mich bei dir entschuldigen!‘, sagt er laut und für alle hörbar. ‚Ich weiß, wie das war. Du warst bestimmt voll verliebt in mich und bist deswegen sauer.‘ ‚Wenn du dich bei mir entschuldigen willst, dann ist das hier nicht der richtige Rahmen‘, entgegnet Clara. Ihr ist die Situation furchtbar unangenehm. 

Devin beginnt, in einem nicht enden wollenden Wortschwall auf sie einzureden. Seine Stimme wird immer lauter und lässt Clara keinen Raum für eine Antwort. Sie hatte sich im Club sicher geglaubt – in dieser Situation fühlt sie sich bloßgestellt, gedemütigt und erniedrigt.

„Mir ist es unangenehm, über diese ganze Sache zu sprechen. Aber das sollte es nicht sein. Ich schäme mich ein bisschen, und habe Angst, dass mir nicht geglaubt wird.“ – Clara 

Clara ist sich sicher, dass Devin sie mit diesen verbalen Angriffen präventiv einschüchtern und seine vermeintliche Macht ihr gegenüber demonstrieren wollte. „Er hat da eine richtige Show abgezogen. Er hat das nur für sich gemacht. Wie er da im Club stand und mich angeschrien hat – dieses Erlebnis ist eigentlich das schlimmste für mich.“ 

Clara fällt es hörbar schwer, ihre Erfahrungen zu teilen. Ihre Stimme zittert leicht, sie atmet schwer. „Mir ist es unangenehm, über diese ganze Sache zu sprechen. Aber das sollte es nicht sein. Ich schäme mich ein bisschen, und habe Angst, dass mir nicht geglaubt wird.“ Über Devin sagt sie: „Ich glaube, er weiß sehr wohl, dass er ein Täter ist. Aber er besitzt die Dreistigkeit, das immer wieder zu tun, weil er Frauen nicht respektiert.“

Hannah, die auch von Niklas sexuell belästigt wurde, berichtet ebenfalls von einer Erfahrung mit Devin: Als sie sich im Club auf einem Sofa sitzend ausruht, setzt sich der ihr flüchtig bekannte Devin einfach auf ihren Schoß. Während Hannah völlig perplex ist, sagt er grinsend: ‚Du hast mich wohl gern!‘, steht wieder auf und geht weg. „Weiteren Kontakt hatte ich nicht mit ihm. Ich habe mich nur nicht mehr wohlgefühlt, ihn in Clubs zu sehen, da er mir immer mit seinen Blicken ein unangenehmes Gefühl gibt.“

„Er wollte mich mit der Gästeliste locken“

Devin ist im selben Kollektiv wie Marcel, der regelmäßig in allen großen Clubs der Stadt auflegt. 

Als Sarah und Marcel ein erstes Tinder-Date haben, signalisiert er, dass er große Lust hätte, mit ihr nachhause zu gehen. Doch sie merkt schnell, dass sie kein Interesse an ihm hat. Ein paar Tage nach dem Treffen schreibt Marcel, er könne ihr einen Gästelistenplatz für ein Festival besorgen, sie könne mit ihm anreisen und auch in seinem Auto schlafen.

„Ich hab keinen Moment darüber nachgedacht, zuzusagen. Er wollte mich mit der Gästeliste locken. Auf einem Festival ist man ja nicht nüchtern, und da kann man die Person theoretisch besser ausnutzen, als es im Tinder-Date-Kontext möglich wäre, wo man nur ein Bier miteinander trinkt.“ Sie lehnt sein Angebot ab.

Ihr erstes Treffen wird die einzige Verabredung der beiden bleiben – allerdings laufen sich Sarah und Marcel im Club oder auf Open Airs regelmäßig über den Weg. Er versucht immer wieder, sich länger mit ihr zu unterhalten und wird dabei „ziemlich anzüglich“, wie sie es formuliert. „Es hat sich so über ein, eineinhalb Jahre hingezogen, dass er jedes Mal versucht hat, sich anzunähern, wenn ich ihm begegnet bin.“ 

„Ich habe seine Übergriffe permanent über mich ergehen lassen – im Nachhinein macht es mich traurig und ärgert mich total, dass ich damals noch nicht die Kraft hatte, um in den Situationen zu reagieren.“ – Sarah

Als Sarah eines Nachts im Club tanzt, bemerkt sie, dass Marcel in ihre Nähe kommt. Er positioniert sich hinter ihr und tanzt immer näher an sie heran, bis er so nah hinter ihr steht, dass sich ihre Körper berühren. Er legt seinen Arm um sie und bewegt seine Hand über ihren Bauch nach oben. Sie spürt seinen Mund an ihrer Wange. 

„Dieser eklige alkoholische Geruch… Das hat mich total angewidert. Ich hatte einen puren Fluchtreflex und wollte einfach nur weg.“ Sarah reißt sich los und geht. „Ich habe seine Übergriffe permanent über mich ergehen lassen – im Nachhinein macht es mich traurig und ärgert mich total, dass ich damals noch nicht die Kraft hatte, um in den Situationen zu reagieren.“

Als Sarah an einem Abend den Club allein verlässt, bemerkt sie, dass Marcel im gleichen Moment aufbricht. Bei ihm sind zwei seiner Freunde. „Das wirkte für mich so, als hätten die vorher bequatscht, dass er mich heute noch abschleppt. Die schienen irgendwie einen Plan davon zu haben, dass er Interesse an mir hatte.“ Draußen stellt sie fest, dass ihr Fahrradsattel gestohlen wurde. „Er hat sich ziemlich aufgedrängt, mit mir zusammen zu laufen.“ Da die beiden in unterschiedliche Richtungen müssen, geht sie allein. 

Am selben Abend schreibt er ihr mehrmals, dass bei ihm eine Afterhour stattfinde und sie gern rumkommen könne, wenn die anderen gehen würden. „Zu dem Zeitpunkt hab ich ihm schon gar nicht mehr geantwortet. Ich hatte mich ja auch noch nie mit ihm getroffen, abgesehen vom Tinder-Date am Anfang.“

„Er ist da rausgegangen, als wäre ich diejenige, die sich übergriffig verhält“

Dann beginnt Marcel, über den Zeitraum von fast einem Jahr ständig auf Sarahs Instagram-Storys zu reagieren. Er schreibt ihr Sätze wie: ‚Was geht?‘ und ‚Was machst du heute?‘ und fragt sie mehrmals nach einem Treffen. Manchmal schreibt sie, sie habe keine Zeit, manchmal schreibt sie ‚Nein‘ oder ignoriert seine Nachrichten. 

Einmal postet Sarah ein Selfie in ihrer Story – es zeigt sie im Spiegel, auf ihrem Bett sitzend. Marcel reagiert auf die Story: ‚Wanna hang‘. Diese direkt auf das Foto bezogene Nachricht hat für Sarah eine klare Botschaft: „Aus diesem Kontext heraus hatte ich sofort die Assoziation, dass er Bock hätte, in meinem Bett mit mir abzuhängen und irgendwann Sex zu haben. Ich fand das unangebracht und übergriffig. Ich habe mich in meinem privaten Wohnraum verletzt gefühlt, obwohl ich das Bild ja selbst gepostet hatte. Ich hab mich dann gefragt, ob ich meinen privaten Raum überhaupt noch irgendwo preisgeben will. Ich hätte einfach nicht gedacht, dass da jemand auf die Idee kommt, so etwas zu schreiben und das auf das Bett zu beziehen.“ 

„Mich kotzt es an, dass solche Typen eine Plattform in einem Raum bekommen, in dem aktiv gegen solche Verhaltensweisen vorgegangen werden soll.“ – Sarah 

Als Sarah mit ihrem Freund angetrunken in einer Bar sitzt und erneut eine Nachricht von Marcel bekommt, der sie nach einem Treffen fragt, reicht es ihr. Sie antwortet mit ‚Never ever‘, empfiehlt ihm, sich mal auf Tinder umzuschauen und schreibt dann ‚Tschau‘. Spontan nimmt sich ihr Freund ihr Handy. Er will Marcel provozieren und schreibt: ‚Willst du bumsen?‘ 

Marcel hat Sarah über Jahre hinweg penetrant und grenzüberschreitend – offensichtlich in der Hoffnung auf Sex – zu einem zweiten Treffen drängen wollen und sie sexuell belästigt. Dennoch scheint er zu glauben, diese Nachricht sei ernstgemeint: ‚Nö‘, antwortet er, und ‚Omg. Schon bisschen drüber, wie du direkt Sex haben willst. Schämst du dich da nicht ein bisschen?‘ 

Sarah schreibt ihm wütend einen langen Text, in dem sie ihm vorwirft, ihre Nachricht sehr wohl richtig verstanden zu haben und die Situation ins Lächerliche zu ziehen: ‚Ich will weder mit dir Essen gehen noch dich außerhalb des Clubkontextes sehen – und erst recht nicht mit dir bumsen. Wenn du es jetzt für nötig hältst, dich darüber lustig zu machen, zeigt das nur umso mehr dein gekränktes, fragiles männliches Ego und dass du leider nicht fähig bist, dich mal ernsthaft zu reflektieren.‘ Am Ende schreibt sie: ‚Ich fühle mich von dir bedrängt und bin deswegen mehr als deutlich zu dir gewesen. Und du hast mein Nein nicht akzeptiert – das empfinde ich als übergriffig. Respektier das.‘ 

Er schreibt: ‚Gut umgedreht. Hau rein. LG‘ und blockiert sie sofort auf Instagram und WhatsApp. Kurz darauf entfolgt ihr auch eine frühere Bekannte, die gut mit Marcel befreundet ist. „Daran habe ich gemerkt, dass er safe in seinem Freundeskreis darüber gesprochen hat. Er ist aus der Situation rausgegangen, als wäre ich diejenige, die sich übergriffig verhält.“

„Solche Typen bewegen sich in feministischen Kreisen, aber verhalten sich null feministisch“

Auch Marie hat negative Erfahrungen mit Marcel gemacht und berichtet von einem Übergriff.

Nach einem gelungenen Rave sind Marie und ihre Freundin zwar schon eine ganze Weile wach, aber noch immer topfit und angenehm beschwipst. Also zögern sie nicht, als ein paar Typen, die mit Maries Freundin bekannt sind, die beiden auf ihre Afterhour einladen. Nachdem Marie und ihre Freundin einiges an Sekt intus haben, stehen sie auf und tanzen ungehemmt zur Musik. Marie fühlt sich wohl in ihrem neuen Outfit, einem Sport-BH und Shorts, und genießt den Moment der Zwanglosigkeit in dieser angenehmen Runde.

„Bei Fremden fällt es mir oft schwer, mich zu entspannen. Diesmal habe ich mich getraut und dann sowas Rücksichtsloses erlebt.“ – Marie 

Ein paar Tage später erfährt sie, dass Marcel, den sie erst bei der Afterhour kennengelernt hatte, sie beim Tanzen gefilmt und das Video an zwei ihr unbekannte Personen geschickt hat. Wütend schreibt Marie ihm eine lange Nachricht, in der sie ihr Unverständnis für diese Tat ausdrückt, schildert, was sie in ihr ausgelöst hat und fordert, dass er und die anderen das Video löschen sollen. 

Marcels Antwort beschränkt sich auf vier knappe Sätze. Er bekundet Verständnis und versucht, seine Tat zu relativieren. Am Ende der Nachricht steht ein schlichtes ‚Sorry!‘. Als einige Zeit später eine Afterhour bei Marcel stattfinden soll, und Marie fragt, ob sie mitkommen kann, lehnt er entschieden ab. Offenbar fühlt er sich in der Auseinandersetzung um das Video ungerecht behandelt und ist beleidigt. 

„Für mich sind Afterhours etwas ganz Persönliches, wo man sich selbst entfalten kann. Er hat das ausgenutzt, um sich über mich lustig zu machen. Bei Fremden fällt es mir oft schwer, mich zu entspannen. Diesmal habe ich mich getraut und dann sowas Rücksichtsloses erlebt – das hat mich sehr traurig gemacht.“ 

Marie kann sich gut vorstellen, dass dieses Erlebnis sie zukünftig daran hindern wird, noch einmal so losgelöst in Anwesenheit von Fremden zu tanzen. Besonders regt sie der Widerspruch dieses Verhaltens auf: „Am meisten stört mich, dass sich solche Typen in feministischen Kreisen bewegen, sich aber null feministisch verhalten.“ 

Was es bedeutet, dass die Täter in unserer Clubkultur stark involviert sind, welche Parallelen sich in den individuellen Erfahrungen abzeichnen, welche Möglichkeiten Betroffene nutzen können, um gegen gewaltausübende Personen vorzugehen, wie Clubs und Kollektive Betroffene unterstützen können und was wir alle tun können, um unsere Clubkultur zu einem für FLINT* sichereren Raum zu machen, erfahrt ihr im zweiten Teil des Features.


Illustrationen von Jasmin Biber.

Leipzig bekommt eine*n Nachtbürgermeister*in

Auch wir müssen diese Nachricht unterbekommen: Leipziger Clubs bekommen (endlich) eine Anlaufstelle im Rathaus.

Die Nachricht kam recht überraschend: die LVZ verkündete am 12. Januar nach einem Interview mit Oberbürgermeister Jung, dass Leipzig eine*n „Nachtbürgermeister*in“ bekommen wird. Diese Stelle soll Clubs, Livespielstätten, aber auch andere Institutionen und Beteiligte, die im Nachtleben involviert sind, offiziell vertreten. An der Konzeptionierung einer solchen Stelle arbeitet der LiveKommbinat Leipzig e.V. schon seit langer Zeit, die Übergabe des Konzeptes erfolgte im letzten Sommer an OBM Jung.

Das Institut fuer Zukunft schreibt aus diesem Grund: „Wir können uns nur bei den Kulturexpert*innen, allen voran Kordula Kunert, bedanken, für die unermüdliche Arbeit und den Beitrag, der damit für das Nachtleben in dieser Stadt geleistet wird. Wenn sich nun die zuständigen Vertreter*innen der Stadt auf die Expertise und Forderungen derjenigen verlassen, die das Konzept in einem langen wissens- und erfahrungsbasiertem Prozess erarbeitet haben, dann ist das ein großer Schritt in die richtige Richtung.“

Die Schwerpunkte, für die diese Stelle verantwortlich sein soll, beschreibt das LiveKommbinat wie folgt:

  • Bedarfsermittlung: Wo benötigt es Support?
  • Revitalisierung des Nachtlebens nach Corona durch strukturelle Stärkung der Nachtökonomie und -kultur
  • Interessenvertretung der Nachtkultur, sowie Aufklärungsarbeit und Lobbyarbeit
  • Vermittlung zwischen den städtischen Institutionen und den Akteur*innen der Nacht
  • Konfliktprävention und -intervention, z.B. Corner-Hotspots
  • Zusammenarbeit und Austausch mit Betreiber*innen von Nachtlokalitäten, Quartiersmanagements und Nachbarschaftsverbänden
  • Freiflächen-Konzepte für Open Air Veranstaltungen
  • Unterstützung für Awarenesskonzepten und Gesundheitsvorsorge und Koordinierung von Weiterbildungsangeboten diesbezüglich
  • Ausbau des nächtlichen ÖPNV und Fußwegsicherheit

Wer sich zu diesem Thema weiter belesen möchte: die LVZ hat eine Reihe von Texten, die sich mit der Stelle befassen, veröffentlicht – jedoch leider nur mit LVZ+ Zugang.

„Anxious Sleep“ ZOUJ – Fotoporträt & Review

Anlässlich des Release seines Solo-Projektes ZOUJ und der ersten Single „Anxious Sleep“ hat Autorin und Fotografin Paula den Künstler Adam Lenox in seinem Studio besucht.

Alles ziemlich Grunge

Bis 2019 kannte man Adam Lenox als Frontmann und Gitarristen der Band Lingua Nada, eine Leipziger Band, die sich im Post-Hardcore und Indie-Punk bewegte. Adam schildert das Band-Leben zu Beginn, wie man sich das Leben einer Post-Hardcore Band vorstellt: Tour im Van, Containern, alles ziemlich Grunge.

Futuristische und dystopische Welt

Als Teenager kam er nach Leipzig, mit einer Gitarre, dem alten Computer seiner Mutter und etwas Aufnahme-Equipment entstand „Goodbye Ally Airship“ – die erste Single Lingua Nadas.

Schon mit dem letzten, 2019 veröffentlichten Album der Band Djinn war ein gewisses Narrativ der Suche nach einer anderen, futuristischen und dystopischen Welt deutlich – geboren in der Pariser Banlieu erlebte Adam verschiedene Perspektiven: Die französisch-weißen, die amazigh-marokkanischen seiner Mutter, die US-amerikanische seines Vaters.

ZOUJ

ZOUJ ist das zweite und Solo-Projekt des Künstlers. Konzentrierte er sich zuvor auf herkömmlichere sowie akustische Instrumente liegt sein Fokus mit ZOUJ auf der Produktion elektronischer Musik. Er fühle sich befreiter, verortet sich irgendwo zwischen elektronischem Experimental und R&B mit Ecken und Kanten, möchte herausfordern, was wir gewohnt sind, zu hören.

Anxious Sleep

Die erste Single „Anxious Sleep“, hat alles, was ein Pop-Song mitbringt, sie ist eingängig. Trotzdem spürt man den Charakter, die Experimentierfreude, Musik die uns auffordert, genau hinzuhören, weil wahnsinnig viel passiert, zu viel, um „nebenbei“ zu laufen, nicht zuletzt des Narrativs wegen: Der Text kreist um das Erleben von Schlafparalyse, ein Gefühl, ausgeliefert, die Brust zugeschnürt.

„Für mich ist der persönliche Kontext wichtig.“

Doch nicht nur musikalisch ist das Solo-Debüt Adams spektakulär.
In Zusammenarbeit mit dem 3D Künstler Alexander Turovsky wird der erste Single-Release begleitet von einem experimentellen Artwork.

„Die visuelle Ausgestaltung und Umsetzung meiner Ideen ist für mich schon immer Teil meiner Musik gewesen.“

Zu verzerrt um verspielt genannt zu werden ziehen sowohl die Grafiken, vor allem aber das Musikvideo zu „Anxious Sleep“ Betrachter*innen in eine innere Welt, die nach außen gestülpt werden muss, um das Gefühl zugänglich zu machen.

Die Fülle an Symbolik im Musikvideo bietet ein Tor in ebenjene dystopische Welt, futuristisch und magisch. Ein Football-Jerseys mit Amazigh-Label, Fratzen von Schlafparalyse-Dämonen, zerfließende Farben, Flüssigkeit, das Gesicht des Künstlers selbst, facettiert und gespiegelt, auf sich selbst zurückgeworfen.

Es fällt schwer zu entscheiden, ob das Gefühl bedrohlich oder faszinierend ist – es ist komplex und kompromisslos, so bleibt jeder Versuch, dies in Worte zu fassen, plump und unbeholfen, zumal die Musik sowie das Video ausreichend für sich sprechen.

Begleitet wird das Artwork der Single von Typografie: Die Sprache Tamazight und Schrift namens Tifinagh als Teil der Amazigh-Kultur in Nord Afrika. Durch die Kolonialbesatzung als barbarisch bezeichnet, verdrängt und dadurch in Vergessenheit geraten setzt Adam mit der Verwendung der Typografie ein Zeichen, Wiedererlangung.

„Außerdem verstehe ich es als Hommage an meine Familie und die Identität, die sie mir damit stiftet.“

„Auch der Name „ZOUJ“ ist Darija, marrokkanisch-arabisch und bedeutet „Zwei“. Es steht für mein Dualität und auch die der Musik.“

Die Arbeit am Projekt ZOUJ ist schon jetzt mehr als eine weitere pop-experimentelle Produktion.

Weitere Titel werden im Herbst 2021 auf dem Label City Slang [u.a. Caribou, Son Lux, Arcade Fire, Noga Erez] erscheinen.


NEBULA 002 Vinyl-Release – Sound, Stream & Gewinnspiel

Die zweite Various Artist-EP von Nebula ist gleichzeitig die erste eigene Vinyl des Kollektivs. Was den Sound der EP ausmacht, wie das Release zwar ohne Rave, aber trotzdem mit viel Techno und einer Special Gameshow gefeiert wird, und was ihr tun könnt, um eine der Platten zu gewinnen.

Transparenzhinweis: Normalerweise recherchiert und schreibt unsere Autorin als unabhängige Journalistin. Diesmal ist es anders: Sie ist im Nebula Kollektiv aktiv, zählt als shrœderin zu den Residents und schreibt diese Ankündigung als Crewmitglied und in Absprache mit ihrem Kollektiv.

Yesss – es hat wirklich lange gedauert, aber nun ist sie da: Unsere allererste Platte, die den überaus originellen Namen NEBULA 002 trägt. Fünf Tracks, die in ihrer technoiden Vielfalt den Sound des Kollektivs nuanciert einfangen. Und vielleicht auch die gegenwärtige Stimmung innerhalb der Clubkultur: Irgendwo zwischen Entschleunigung und Monotonie der permanenten Isolation, und der unendlichen Vorfreude auf den Moment, wenn wir endlich wieder inmitten einer ekstatischen Crowd die Erinnerungen an das Leben in der Pandemie wegtanzen können.

Release: Game Show & Techno im Stream

Womit wir beim Release-Event am Freitag, dem 22. Januar wären: Eigentlich hätten wir die Veröffentlichung unserer ersten Vinyl gern mit einer angemessenen Clubnacht gefeiert. Doch statt im Elipamanoke findet der Rave – ihr ahnt es – in eurem Wohnzimmer statt. Dafür aber for free und garantiert ohne lange Wartezeiten in der Kloschlange (letzteres hoffen wir zumindest – bitte bleibt solidarisch!).

Für ein Quiz der besonderen Art konnten wir die selbstverständlich absolut unabhängige Gameshow nebula24de.com gewinnen. Neben Spiel, Spaß & Techno erfahrt ihr auch, was die Menschen in der Region von der NEBULA 002 halten und wie natürlich völlig seriöse Expert*innen die Qualität der Platte einschätzen. Wer die Show nicht verpassen will, sollte pünktlich einschalten: 19 Uhr geht’s los.

Danach geht’s weiter im gewohnten Nebula-Stil: Techno, Techno, Techno. Diesmal in Form von Sets von Kontinum, Tillman (live), kiara, Murky fm, shrœderin und TreuHand, aufgezeichnet im Elipamanoke. An dieser Stelle Gruß und Kuss an die Eli-Family – Dankeschön für euren Support!

Übrigens: Es lohnt sich, die Sets aufmerksam zu verfolgen – wenn der Hot Buzzer von nebula24de.com aufblinkt, könnt ihr die eingeblendete Nummer anrufen und eine Nebula 002 Vinyl gewinnen.

Gewinnspiel: Finde die Sticker

Es gibt noch eine andere Möglichkeit, den Zehner für die Platte zu sparen – ihr müsst euch nur auf einen kleinen Spaziergang durch die Stadt begeben, und dabei die Augen offen und das Handy parat halten. Besucher*innen unserer präpandemischen Veranstaltungen haben einen kleinen Vorteil, denn: Wir haben einige Nebula-Sticker unter anderem in nächster Nähe von Orten in Leipzig versteckt, die ihr mit uns in Verbindung bringt. Wenn ihr einen der Sticker entdeckt habt, macht ein Beweis-Foto und schickt es uns bis zum 31. Januar als PM bei Facebook. Unter allen Einsendungen verlosen wir drei Platten.

EP: Kontraste & Facetten des zeitgenössischen Clubsounds

Damit ihr wisst, wie die NEBULA 002 klingt, hier eine kleine Beschreibung: Die fünf Tracks spiegeln Kontraste und Facetten des zeitgenössischen Clubsounds – von trippig und hypnotisch über dubbig und minimalistisch bis hin zu dramatisch und aggressiv.

Kontinum – Tradegy Of The Commons
Wie ein breiter, nebelverhangener Fluss strömt Tradegy Of The Commons durch eine mystische Klanglandschaft aus sphärischen Flächen, warmen Synthis und einer sanften, druckvollen Kickdrum. Ein Track, der zwischen Kraft und Gelassenheit balanciert und durch seine komplexe Monotonie eine hypnotische Wirkung entfaltet.

TreuHand – TIVR
TIVR ist eine Hymne für den Club – und an den Club. „Der besten Peergroup“ gewidmet, zelebriert sie den Rave mit dramatischer Melodie, stürmischen Filterfahrten über saftige Acid Lines und einer mächtigen, bouncenden Kickdrum. In diesem gewaltigen Acid-Rave-Track bündelt und entlädt sich die Energie des Dancefloors.

Tillman – Transit
Trotz Schnelligkeit und treibendem Flow wirkt Transit ruhig und verträumt. Dubbige, verwaschene Sounds und eine rollende Bassline prägen Klangbild und Rhythmus des Tracks, während im Hintergrund eine dunkel-melodische Fläche wogt. Transit bringt melancholische Schwere und groovende Leichtigkeit in harmonischen Einklang.

fragmentiert – Pоссия
„Du lebst in einem Gefängnis für deinen Verstand“ – in Pоссия verarbeitet fragmentiert mit bedrückenden Vocals, düsteren Acidlines, unheilvollen Flächen und einer erbarmungslos stampfenden Kickdrum persönliche Eindrücke der repressiven Politik des modernen Russlands. Ein dynamischer Techno-Track, der mit seinem vielschichtigen Minimalismus pure Dystopie ausstrahlt.

Vxltage – Aggression
Aggression macht seinem Namen alle Ehre: Dieser EBM-inspirierte Ravetrack ist dark, böse und voller Spannung. Eine prägnante, starke Kickdrum, bedrohliche Sounds und die verzerrten Schreie „Come feel the aggression“, die an den Wave-Sound der Achtziger erinnern – Aggression ist Appell an die Crowd, mit aller Energie die Probleme des Alltags in den Beton zu stampfen.

Vorbestellen könnt ihr die EP bei Bandcamp – als Vinyl und in digitaler Form. Leider haben wir auf unserer EP keine*n einzige*n FLINT*-Producer*in – das finden wir ziemlich suboptimal. Dass unser Kollektiv keine Lust auf Cis-Dudes-only-Action hat, spiegelt sich zum Beispiel in unseren Lineups und Bookings wider. Allerdings ist es uns zum jetzigen Zeitpunkt leider noch nicht möglich, auch von FLINT* produzierte Tracks auf unseren kollektivintern produzierten Various Artist EPs zu veröffentlichen.

Nachbericht & Talk Talk: das Outs:de Festival 2020

Das Outs:de-Festival war 2020 eines der außergewöhnlichsten Veranstaltungsprojekte in Leipzig. Wie es dazu kam, wie die Arbeit hinter den Kulissen aussah und wie sich das Ganze als Besucherin angefühlt hat, lest ihr im Nachbericht und hört ihr in der neuesten Folge Talk Talk.

Mittlerweile ist es fast schon wieder unvorstellbar, in welchem Maße man sich diesen vergangenen Sommer und Herbst dem Hedonismus widmen durfte. Ist das inmitten dieser Pandemie, trotz Corona, wirklich passiert? Sonne, Tanzen, Open Air?

Ja. Und Stichwort Open Air: all das ist nicht (nur) in illegalem Rahmen geschehen. Ende August bis Ende September entstand durch die Initiativen DasIstLeipzig, Leipzig plus Kultur, Kreatives Leipzig e.V. und LiveKommbinat Leipzig e.V. mit Unterstützung der Stadt Leipzig eine Art einmonatiges Festival. Konzerte, Lesungen, eine Zaubershow und – natürlich – jede Menge elektronische Musik fanden auf der Festwiese in Leipzig-Nord unter dem Schirm eines kohäsiven Programms zusammen. „Leipzigs Kulturszene ist vereint“ schrieb das LiveKommbinat – dank des outs:de Festivals. 

Selbstverständlich konnten wir uns das Ganze nicht entgehen lassen: unsere Autorin Amy war vor Ort. Obwohl wir damit ein paar Monate hinterher sind, möchten wir das Projekt bei frohfroh nicht unerwähnt und unbehandelt lassen. Ein Nachbericht.

 

NOTE NOTE –

Dieser Nachbericht ist in Kombination mit einer neuen Folge Talk Talk erschienen – „Hat sich das outs:de-Festival gelohnt?“

Dort werden alle Hintergrundfragen mit der Geschäftsführerin vom Werk 2, Katrin Gruel, besprochen. Wie immer auf Spotify oder SoundCloud zu hören!

 

10 Grad, bewölkt, Nieselregen

Es ist der Tag der letzten Veranstaltung des outs:de-Programms auf der Festwiese, als ich es zum ersten Mal dorthin schaffe. Es fühlt sich bizarr an: Sonntag, Ausschlafen, Frühstück und zum Veranstaltungsstart durch das graue Wetter mit der Straßenbahn zur Festwiese. Keine typische Wochenendplanung, auch vor Corona nicht. Da wäre es um die Zeit höchstens zur Rillendisco ins IfZ gegangen; drinnen, eng an eng, unbefangen.

Als unbefangen lässt sich das hier zwischen Mannheimer Gittern in Zehnergrüppchen wohl kaum beschreiben, aber naja. Die Situation erlaubt es schließlich nicht anders – und für einen Rave in einer solchen, noch nie dagewesenen Situation, gibt man sich gerne solchen Kompromissen hin. 

Als ich kurz nach 14 Uhr ankomme, sind einige, wenige Menschen da, von denen die meisten gerade am Arbeiten sind. Das kulinarische Angebot ergibt sich aus zwei Getränkewägen, einem Kaffeewagen und einem Handbrotstand. Auf dem Gelände verteilt befinden sich sonst noch Deko- und Sitzelemente, Toilettenwägen, Schilder und Hinweise zu den Hygieneregeln sowie eine Awareness-Area. Nach hinten offene Gitter-Vierecke füllen in mehreren Reihen die Wiese und führen zu einer großen Bühne, wie man sie sonst kaum auf einer Subkultur-Veranstaltung erwarten würde. Die Strahlen der Scheinwerfer an der Bühne wiederum kommen nicht weit; sie strahlen abwechselnd in den von einer Wolkendecke eingehüllten Himmel hinein.

Nach bisher 30 Dates findet heute, am 27. September, die finale Veranstaltung statt. Es stehen I$A, die Soda Kids, Mathias Kaden, Dr. Rubinstein und Ellen Allien auf dem Programm – die klassische Mixtur aus Locals und Headliner*innen, also.

Foto von Markus Krasselt

Projektmanagement à la Pandemie

Obwohl diese Line Up-Konstellation nicht allzu ungewöhnlich ist, ist es das Projekt, das dahinter steht, schon. 200.000 Euro hat die Stadt Leipzig den Initiativen DasistLeipzig, LiveKommbinat Leipzig e.V., Leipzig plus Kultur und Kreatives Leipzig zur Verfügung gestellt, um das Ganze unter enormen Zeitdruck zu realisieren: jegliche Orga, Booking, Promo und vieles mehr wurden innerhalb von nicht einmal vier Wochen umgesetzt. Im Hintergrund arbeiteten mehr als zwölf Clubs und Spielstätten daran, ein Programm auf die Beine zu stellen. Ein Pilotprojekt unter besonderen Bedingungen – untertrieben gesagt.

Was es geheißen hat, das outs:de Projekt zu organisieren, lohnt es sich, vor Augen zu führen. Elf Veranstaltungsstätten mit einem jeweils völlig unterschiedlichen Programm und einer teilweise völlig unterschiedlichen Zielgruppe, die am selben Event arbeiteten; „es war glaube ich die größte Errungenschaft, dass man das überhaupt alles irgendwie unter einen Hut bringen konnte“, beschreibt eine Organisatorin. Für ein Festival in dieser Größe braucht es normalerweise mehrere Monate Vorlauf – mindestens. 

„Mit dem outs:de hat die LiveKomm das Unmögliche möglich gemacht.“

Dieser knappe Zeitrahmen als Vorlauf für das Projekt hat sich letztendlich nicht nur auf die Organisation, sondern auch auf die Bewerbung und allgemeine Kommunikation des Programms ausgewirkt. 9000 Besucher*innen hat die Veranstaltung innerhalb von fünf Wochen verbuchen können; diese Zahl hätte mit einem ausgeklügelteren Promokonzept sicherlich enorm gestärkt werden können.

Katrin Gruel vom Werk 2 erzählt mir im Interview (siehe oben), dass das Projekt wirtschaftlich nicht gänzlich erfolgreich war. Obwohl es kein Minusgeschäft war, ist es einfach zu unterschätzen, wie viel unbezahlte Kulturarbeit auch hier aufgebracht wurde. Klar: Security, Gastropersonal oder Lichttechniker*innen hatten fünf Wochen lang wieder einen Arbeitsplatz, aber eine weitere involvierte Spielstätte stellt fest: „Es konnten bei weitem nicht alle Arbeitsstunden aufgefangen werden.“ 

Foto von Markus Krasselt

8 Grad, Dunkelheit, Rave in der Luft

Nachdem die mehr oder weniger lokalen local heroes mit ihren Sets fertig sind, übernimmt Dr. Rubinstein die Bühne. 4/4-Bretter galore. Mittlerweile ist es dunkel, die Scheinwerfer kommen endlich ihrer Sinnhaftigkeit nach und die Tanzfläche ist deutlich gefüllter. Lässt man sich auf die Musik an, fühlt es sich an, wie ein Rave. Zumindest ein bisschen. 

Beim Gang zur Bar muss ich schmunzeln – von allen sechs Leuten, die im Gastrowagen stehen, arbeiten alle in einem jeweils anderen Club. Die Festwiese ist zwar einer für die Clubkultur ungewöhnlicher Ort, doch hier an der Bar fühlt es sich wieder ein klein wenig familiär an.

Draußen, auf dem Hang der Festwiese, tummeln sich vielleicht halb so viele Menschen, wie drinnen, auf dem Veranstaltungsgelände. Warum? In meinem Kopf tut sich ein Dilemma auf – Hätte man die Eintrittspreise barrierefreier oder fairer gestalten müssen? Oder sollten die Leute, die draußen sitzen, eine der wenigen Tanzveranstaltungen, die gerade von Clubs bereitgestellt werden, nicht lieber unterstützen? Zu Beginn der Pandemie bereuten alle, die letzten Wochen nicht öfter feiern gegangen zu sein. Jetzt geht das – und die Tanzfläche ist trotzdem zu einem Drittel leer? Wie hätte man das outs:de für Clubbesucher*innen attraktiver machen können?

Aber naja – die, die hier sind, gehen richtig ab. Die Zehnergruppen sind am tanzen, am stampfen, am raven. Die Gitter wippen vor und zurück, man sieht den Leuten an, dass sie diese Stimmung vermisst haben. Als Ellen Allien schließlich die Bühne betritt – Entourage inklusive – holt sie das Publikum zu sich hoch. Sie ist von Menschen umgeben; es geht noch einmal richtig los, dem Gefühl nach ist in Leipzig mal wieder der Boiler Room zu Gast.

outs:de Zwei Punkt Null?

Dem LiveKommbinat zufolge wird auch schon für 2021 an einer zweiten Ausgabe des Festivals geplant und gearbeitet. Mit so viel mehr Planungszeit bin ich gespannt, wie sich das Programm und die Umsetzung aus dem letzten Jahr weiterentwickelt – denn bei aller Kritik ist es einfach nur beeindruckend, wie schnell eine Veranstaltung dieser Größe auf die Beine gestellt werden konnte. 


Das Titelbild ist von Markus Krasselt geschossen worden. Danke!

Talk Talk – Wie ist es vom DJ zum Papa zu werden? – Schlepp Geist und Chris Manura

Es gab auch richtig schöne Nachrichten vergangenes Jahr: Die zwei DJs und Produzenten Schlepp Geist und Chris Manura sind im Corona-Jahr 2020 Papas geworden. Statt vor dem DJ-Pult stehen sie nun vor der Wickelkommode und unterwegs sind sie vor allem im Wald zu Fuß mit angeschnalltem Baby vorm Bauch.

Trotzdem haben sie erst kürzlich einen gemeinsamen Track rausgebracht. Human Passion ist von Chris Manura und Schlepp Geist hat einen Remix dazu geliefert.

DJ-Daddys

In der neuen Folge Talk Talk reden sie mit Kathi über Vereinbarkeit von Kind und Karriere, wie es ist, zum allerersten Mal Papa zu werden und ob Selbstständige die entspannteren Eltern sind, weil sie sich ihre Zeit besser einteilen können. 

Wünschen sich Chris Manura und Schlepp Geist die Festival- und Clubsaison zurück, um nicht nur noch Papas zu sein? Schließlich sind beide auch vom Berufsverbot betroffen. Spoiler: Es kommt immer anders, als man sich es vorstellt.

Talk Talk


Wir wollen natürlich auch die weibliche Sicht hören! Seid ihr Musikerinnen, DJs und Akteurinnen in Leipzigs Nachtkultur und wollt die Thesen von Chris Manura und Schlepp Geist bestärken, widerlegen oder aus weiblicher Sicht erklären? Meldet euch, gerne nehmen wir einen zweiten Podcast zum Thema Vereinbarkeit von Kindern und Technoszene auf!

Danke – ein Jahr mit Steady, ein Jahr mit euch!

Ein Jahr Steady, ein Jahr mit eurer Unterstützung – Danke! Danke, danke, danke. Eure Spenden an uns haben uns in diesem Jahr weitergebracht, wenn nicht durchgebracht.

Wir haben nicht nur unsere Hosting- und SoundCloud-Kosten mit euch finanzieren können, sondern auch einen Workshop zu Antirassistischem Schreiben mit unserer Redaktion besuchen dürfen. Die Workshop-Kosten haben wir aus dem Steady-Topf bezahlen können, genauso wie das Mastering unserer ersten frohfroh-Platte.

Eure frohfroh-Redaktion

Im neuen Jahr haben wir etwas Großes vor, nämlich: Wir werden unser Blog-Design updaten und unser Instagram-Game stärken. Dazu kommen Illustrationen, die wir für mehrere Artikel ankaufen möchten.

Neues Jahr, neue Ziele

Wir haben unser Steady-Ziel deshalb für dieses Jahr höher gesteckt: Wir brauchen 200 Euro, glatt mal das Doppelte, pro Monat. Wir hoffen, dieses Ziel mit euch zu packen. Wer ein paar Euro übrig hat und uns unterstützen möchte, pls do it! Wer keine Euros übrig hat: Teilt unsere Artikel, unseren Aufruf, unsere Arbeit!

Liebe Grüße, auf noch viele Projekte und Blogseiten!

Nasti und Jens


Auf dem Foto fehlen noch ein paar unserer Autor*innen. Wir wachsen und wachsen. Das haben wir auch eurer Unterstützung zu verdanken. Danke!

IN2IT #1 – CLEFT LIP von MYEN

Soey und Max bringen den ersten Beitrag der IN2IT-Reihe heraus! Welchen Track sie ausgewählt haben und wer hinter dem Stück steckt, erfahrt ihr im Text.

Es ist Zeit für Neues auf die Ohren! Wir sind frohfrohs Aufruf vor einer Weile gefolgt. Auf der Suche nach neuen Formaten wurde unser Konzept mit offenen Armen empfangen. Nun ist sie da, die erste Ausgabe von IN2IT.

Unser Ziel ist es, Gehör für unbekanntere Produzent*innen in und um Leipzig zu schaffen. Dafür haben wir einen Open Call gestartet und waren komplett überwältigt von der Resonanz. Wirklich – es war toll zu sehen und zu hören, wie viele Einsendungen wir bekommen haben und auf wie viel Interesse dieses Projekt stößt.

An dieser Stelle wollen wir uns bei euch allen bedanken, die ihr nicht nur eure Tracks geschickt habt, sondern uns auch euer Vertrauen entgegengebracht habt. Unter den Einsendungen waren richtig viele interessante Projekte dabei, die verschiedener nicht hätten sein können. Die Wahl des ersten Titels fiel uns deswegen alles andere als leicht. Neben der immensen Bandbreite an Genres gab es natürlich auch Unterschiede in Hinblick darauf wie ausgearbeitet die Produktionen sind.

Deswegen hier vielleicht ein paar Worte zu unseren Entscheidungskriterien: Wir wollten unser Gehör nicht davon trüben lassen, ob ein Track unserem Lieblingsgenre nahekommt oder bereits klingt wie eine professionell gemixte und gemasterte Chartnummer. Gerade auch durch die stilistische Vielfalt lassen sich Tracks anhand genrespezifischer Kriterien schlichtweg nicht vergleichen. Vielmehr geht es uns deshalb um die affektive Ebene beim Hören, also um die Emotionen, Empfindungen und Irritationen, die ein Track in uns auslöst.

Dabei stach ein Titel in dieser Runde für uns besonders heraus. Nur schwerlich in bekannte Schemata und Genrebestimmungen einzuordnen, erzeugte dieser Track in uns etwas komplett Neues – ein Gefühl, das gleichwohl außergewöhnlich fremdartig und doch einnehmend intensiv war. Der Track, um den es geht, heißt CLEFT LIP und wurde von MYEN produziert.

CLEFT LIP nimmt sich den Raum, den er braucht, ohne dass man auch nur im Geringsten etwas dagegen tun kann.

Nicht, dass man das überhaupt tun wollen würde, denn der experimentelle Charakter mitsamt seiner Vielschichtigkeit regt die Fantasie auf eine ganz besondere Art und Weise an. Irgendwo zwischen geheimnisvoller Schwermut und angenehm vertrauter Aufruhr erzählt er eine wirkungsvolle Geschichte.

Myenteric plexus

MYEN leitet sich ab von myenteric plexus und bezeichnet einen Teil des enterischen Nervensystems, das in unserem Darm verortet.  Wie er es beschreibt, ist dieses mit unter für unser schlechtes Bauchgefühl in unsicheren Situationen verantwortlich. Alles, das uns unterbewusst besorgt, trauern lässt oder stresst, macht sich dort bemerkbar. Sein Projekt kreist dabei um seine Diagnose einer chronischen Darmerkrankung und unverarbeiteter Trauer, zwischen denen er eine Verlinkung wahrnimmt. Um sich mit dieser den Alltags beeinträchtigenden Problematik auseinanderzusetzen, entstand MYEN –  ein Projekt, welches Mitgefühl für sich selbst und Heilung durch Klang zu praktizieren versucht.

Er produziert nun seit gut fünf Jahren und kann im kommenden Jahr sein erstes offizielles Release verzeichnen. Daneben kommen auch bald einige Edits und Remixes raus. Zum Beispiel für Kavari, eine schottische Produzentin, die vor kurzem ihren Release ‚/ˈpasɪv/ /ˈmɛm(ə)ri/ /rɪˈdʒɛkʃ(ə)n/‘ veröffentlicht hat, also stay tuned!

Sein musikalischer Hintergrund ist breit gefächert: Klassische Musik, Film-Soundtracks, Hardcore, Metal sowie Cross-Breed und Reggaeton gehören zu seinen Einflüssen. Besonders geprägt haben ihn niederländischer Gabber und französischer Hardcore. Generell schlägt sein Herz aber seit Jahren für experimentellere Club-Formate. Neben Arca, Aisha Devi, Kablam, Mica Levi sowie Ashida Park, Club Late Music, SVBKVLT oder TRRUENO als Labels, zieht MYEN die größte Inspiration und bedeutenste Prägung von Yannick Pozo Vento aka Réelle, eine der für ihn jeher wichtigsten Stimmen innerhalb zeitgenössischer elektronischer Musikproduktion, sowie gute*r Freund*in.

MYEN will an dieser Stelle auch an Réelle’s Arbeit und Leben erinnern. Die genannten Einflüsse scheinen sich auch in seinen Sets widerzuspiegeln, in denen er klassische Streicher-Kompositionen mit Gabber und Latin-Sounds, sowie einer Bandbreite anderer Genres verschmelzen lässt. Er beschreibt seine Herangehensweise dabei halbironisch als

„Genrefucking“

Hört dafür am besten mal bei SoundCloud in seine Mixfiles: soundcloud.com/myentericplexus

How to produce like MYEN: 

Beim Produzieren bedient sich MYEN vorrangig der Granularsynthese. So entstehen beispielsweise künstliche, von ihm als „neodorsal“ bezeichnete Stimmen, wie auch die in CLEFT LIP. An diesen orientieren sich dann die anderen Elemente des Tracks. Kurz gesagt: Granularsynthese zerstückelt Samples in kleine Grains, die anschließend resynthetisiert werden. Melodien entstehen bei ihm weniger durch Noten oder Midi, sondern vorrangig durch Postprocessing wie Autotune oder mit Hilfe von grafischer Synthese, die in Softwares wie “HighC„ sprichwörtlich gezeichnet werden. Diese Art des Komponierens wurde ihm damals von Réelle näher gebracht und von ihm weiterentwickelt.

In seinen Produktionen versucht er, Trakte des menschlichen Körpers und dessen mögliche Anomalien in Klang auszudrücken:

Beispielsweise Irregularitäten in phonetischen Vorgängen durch eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (Englisch: Cleft Lip). Auch beim Hören von Musik gibt es für MYEN eine starke Korrelation von Klang und Körper. Hörer*innen sollten seine Musik zuweilen als Anlass sehen, die Auswirkung von Frequenzen auf ihren Körper wahrzunehmen.

Verhältnis zur Clubkultur 

Wir haben MYEN außerdem noch gefragt, wie er zu der Leipziger Clubszene steht. Dabei wurde deutlich, dass es für ihn noch zu wenig Platz für Queerness gibt. Auch wenn in den letzten Monaten mehr Awareness zu diesem Thema geschaffen wurde, fehlt ihm in Leipzig noch Diversität und ein Aufbrechen des „white-male-technos“ als Norm für viele Clubabende. Es gibt für ihn auch noch lange nicht genug Veranstaltungen die dezidiert BiPOCs im Fokus haben. Feat Fem., CryBaby und Series:Be sind aber Veranstaltungen und Kollektive, zu denen er aufsieht. Wünschenswert wäre es für ihn, wenn die verschiedenen Szenen Leipzigs dahingehend verschmelzen würden und nicht lediglich nebeneinander existieren oder gar miteinander konkurrieren.

Die Auswirkungen der Pandemie auf das künstlerische Schaffen sind wohl nicht abzustreiten, wenn auch von Person zu Person verschieden. Für MYEN bot der erste Lockdown die Möglichkeit, mehr Zeit aktiv und bewusst mit sich selbst zu verbringen und sich so noch mehr im Sound-Design zu verlieren. Auch hatte die zunehmende Isolation eine heilende Wirkung auf ihn, was er klar als Privileg versteht. Die Kehrseite des Ganzen liegt jedoch auf der Hand: Er, wie wahrscheinlich die meisten von uns, vermisst das Vibrieren des Basses im Bauch genauso sehr wie das Schwitzen in einer Menschenmenge. Er beschreibt die Clubkultur als ein Relikt unseres menschlichen Ritualverhaltens, welches uns zur Zeit verwehrt bleibt und somit ein Loch in der kollektiven Musik-Kultur hinterlässt. Als Medium dieser kann Musik heute nicht nur emotional, sondern auch physisch auf viele verschiedene Parameter in unseren Körpern wirken und diese sogar verändern. Wir meinen, dass CLEFT LIP genau das schafft.

An dieser Stelle also nochmal ein riesiges Dankeschön an dich! Danke, dass du deine Musik zu uns gebracht hast und danke für die wundervolle Einleitung in das Projekt.

Wir wünschen euch viel Freude beim Hören und hoffen sehr, dass euch dieser Track genauso einnimmt wie er es immer wieder mit uns tut. Bitte sendet uns weiterhin eure Tracks! Wir freuen uns riesig auf eure Einsendungen für die nächsten Ausgaben von IN2IT.


Sophia Krasomil begleitet die Reihe grafisch: das Titelbild und das Beitragsbild bei SoundCloud sind durch sie entstanden. Danke!

Talk Talk – Wie funktioniert Booking in Zeiten von Corona? – ANTR & Anna Malysz

In unserem neuen Talk Talk-Podcast reden wir mit ANTR und Anna Malysz – beide arbeiten als Bookerinnen im Conne Island. Und sie zeigen uns, dass es in diesem Job gerade mehr zu tun gibt als viele vielleicht denken.

Wie ihr wisst, befinden wir uns seit November nicht nur im Lockdown Light, sondern die Clubs und Musikspielstätten wurden zum zweiten Mal ins künstliche Koma versetzt. Aber trotzdem die Mitarbeitenden in Kurzarbeit stecken, ruht nicht automatisch ihre Arbeit. Im Gegenteil: Teilweise war der Workload durch die Organisation von Live-Streams, der Entwicklung neuer Konzepte für Outdoor-Veranstaltungen und natürlich auch die vielen Veranstaltungsabsagen sogar höher als vorher.

Für die Mitarbeitenden der Kulturbetriebe bedeutet Corona also kein Bananenbrotbacken am heimischen Herd, sondern verlangt sehr viel Kreativität, Flexibilität und Umdenken von ihnen ab. Jetzt sind die Clubs erneut zu und kämpfen ohne Einnahmen ums Überleben. Aber aufgegeben wird nicht. Noch nicht!

ANTR und Anna Malysz arbeiten als Bookerinnen im Leipziger Kulturzentrum Conne Island. Und erzählen in der neuen Folge Talk Talk dem Podcast von frohfroh, was sie die letzten Monate gemacht haben, wie das Booking in Zeiten von Corona funktioniert und was im nächsten Jahr im Conne Island ansteht!

Krake Festival vom 11. bis 13. Dezember 2020

Seit zehn Jahren veranstaltet Killekill das Krake Festival, das sich unter anderem auch den experimentellen Tönen der elektronischen Musik verschrieben hat. Den zehnten Geburtstag (happy birthday, Krake!) hätten sie eigentlich mit einer Tour, darunter auch mit einem Stop im Leipziger Institut fuer Zukunft, gefeiert. Jetzt holen sie ihren runden Geburtstag digital nach.

Performances, Sets, Online-Dancefloor

Angekündigt sind eine Fantasy-Live Performance mit VR-Elementen und eine Kochshow mit gleichzeitigem b2b2b DJ Set. Am Samstag öffnen dann gleich zehn parallele Online-Dancefloors. Das Line-Up spricht für sich: es sind Helena Hauff, DJ Stingray und Shed angekündigt.

Und dann gibt es auch noch das Krake TV, ein TV-Format, das unter anderem Musikvideos zeigen wird. War das „schon“ alles? No way, kein Geburtstag ohne Release: Es gibt von den Krake-Macher*innen auch gleich noch eine Compilation mit 82 Tracks. Wir sind gespannt!

Timetable

Eintritt

1 Euro für den Tagespass für Unentschiedene; 5 Euro für den Tagespass für alle, die gerade keine Kohle haben; 10 Euro für den Tagespass; 20 Euro als Unterstützer*innen (tagesweise) und 50 Euro für das access-all-areas-Paket (inklusive Compilation)

Tickets & Infos

Alle Infos und das gesamte Line-Up findet ihr hier >> Krake Festival << und in der Facebook-Veranstaltung.

„It’s A Business Doing Pleasure With You (Remixes)“ von Panthera Krause – Fotoporträt & Review

Kurz vor Lockdown 2.0 light hat Autorin und Fotografin Paula den Leipziger Künstler Panthera Krause in seinem Studio besucht.

Remix, Review, Porträt

Zuvor hatte ich mir das 2019 erschienene „It‘s a Business Doing Pleasure with You“ angehört – zu Hause, vor meinem Laptop, extra die teuren, guten Kopfhörer rausgekramt – fürs Feeling – und mich wild mit dem Fuß wippend ertappt, wie ich sagte „Ich vermisse Clubbing!“

Anmerkung: Wer meinen Autorinnentext im frohfroh-Magazin gelesen hat, weiß „heute plane ich mein Wochenende nicht mehr nach dem Timetable des Institut fuer Zukunft.“ 

Panthera Krauses neueste LP mit dancy Neo Disco vibes ist das, was ich an einem Samstagmorgen irgendwann in der Phase, in der der goldene Frühherbst in das Matschgrau wechselt, brauchte. Einen ausführlichen Review gibt’s übrigens bei unseren friends von DJ LAB.

Hier also meine wärmste Quarantäne-Disko-Empfehlung für euch, und es gibt noch eine Kirsche auf dem energetisierenden housey Sahnehäubchen: am 27.11.2020 ist die Remix-EP zur LP erschienen. Und zwar mit Mixen von Rebolledo, Theo Kottis, Shubostar, Fango und – of course – Peter Invasion wird’s technoider, treibender und ein bisschen spacig.

It’s A Pleasure…

Beides, sowohl LP als auch EP, funktioniert fantastisch für sich alleine, in Kombination bietet uns Riotvan ein stimmiges Gesamtpaket, was für mich persönlich gut funktioniert und mehr als bloßes Fußwippen verspricht. 

Panthera Krause

Neu, Neu: Der Plattenladen Sleeve ++

Seit Mai gibt es einen neuen Platten- und Secondhand Laden in der Mariannenstraße  – das Sleeve++. Unsere Autorin Marie hat den Laden und zwei der Betreiber*innen besucht.

Auf der Eisenbahnstraße herrscht wie immer reges Treiben und auch in der Hermann-Liebmann ist gut was los. Hier im Laden merkt man davon nicht so viel, höchstens mal ein Hupen. Es ist ruhig in der Mariannenstraße 74. Schön hier, Wohnviertelflair. Vor dem Haus steht noch ein großer Baucontainer, dahinter ist das Schaufenster des Ladens versteckt. Drinnen, wo es gemütlich warm ist, treffe ich zwei der Betreiber*innen: Lale und Robert.

Neuer Laden im Osten

Denn seit Ende Mai gibt es hier im Osten einen neuen Laden: Sleeve++. Dort kann man ausgewählte Secondhand Kleidung kaufen und nach neuen oder gebrauchten Platten stöbern. Die goldene Ladentür führt direkt in einen großen hellen Raum. Darin stehen vier schlichte Plattenregale, in denen man perfekt von oben diggen kann, eine gemütliche Couch und ein großer Tresen. Außerdem noch drei Plattenspieler zum Vorhören und wenn nötig noch einen hinter der Theke. Im Nebenraum gibt es drei große Kleiderstangen voll farblich sortierter Kleidung sowie Accessoires und Schmuck (von Leipziger Designer*innen). An den Wänden hängen momentan Holzschnitte von Charlotte Wagner, die sich sich mit queeren Themen auseinandersetzen.

Im Laden wirkt es angenehm aufgeräumt und trotzdem gemütlich, vielleicht wegen der Couch und der vielen Pflanzen. Man kann hier gut ungestört und unbeobachtet ein paar Stunden verbringen: Platten hören, auf der Couch rumsitzen, Klamotten anprobieren, quatschen oder etwas trinken. Alles mit Wohnzimmerflair. Außerdem gibt es einen Walkman, mit dem man sich Kassetten anhören und währenddessen im Laden umherlaufen kann. Dabei landet man vielleicht in der zur Umkleide umgebauten Dusche. 

Fünf Köpfe, eine Idee

Hinter Sleeve++ stehen viele Menschen: Lale, Tami, Maik, Laurin und Robert. Einige dürfte man vielleicht besser unter ihren DJ-Namen kennen: T-Data von L1CK, Mjut-Resident DJ Maik, der als Teil von vokode und als Maik Grötzschel produziert, dessen Label Solid Rotation sowie Ease und Robyrt Hecht von Clear Memory, der unter diesem Namen ebenfalls produziert und mit YUYAY RECORDS ein eigenes Label betreibt.

Angefangen hat alles 2017 als der Plattenladen Possblthings in der Bornaischen Straße in Connewitz schließen musste. Robert hat dort viel und gern abgehangen und wollte nicht, dass es mit dem Laden zu Ende geht. Also kam ihm die Idee, ihn irgendwo anders wieder zu eröffnen. Auch Tami und Laurin waren oft dort und teilten Roberts Interesse, den Laden aufrechtzuerhalten.

„Ich habe mich dem Laden sehr verbunden gefühlt und wollte nicht, dass das aufhört.“ – Robert

Die Platten sollten bei der Neueröffnung des Ladens aber nicht allein stehen, fand Robert. Er wollte ein neues Konzept. Und so kamen Lale und Maik dazu, die Bock hatten, Secondhand Kleidung zu verkaufen. Das hat gut gepasst: alle waren schnell bereit das Ladenkonzept auszubauen.

So richtig begonnen hat es dann mit zwei PopUp Stores, der erste 2017 und noch einer 2018, einer im Westen, einer im Osten Leipzigs. Dort konnten die fünf ihr Konzept in einer Off-Location schonmal eine Woche lang ausprobieren: es gab Klamotten und Platten und jeden zweiten Tag eine Veranstaltung. Weil das so gut ankam, haben sie danach intensiv Locations gescoutet.

Und so landeten sie schließlich über einen Freund in der Mariannenstraße 74. Das Haus stand seit 30 Jahren leer, war unrenoviert und dort war ein großer Laden frei.

„Es sah echt krass aus, kompletter Rohbau. Aber alle hatten Bock auf die Challenge, den Laden komplett kernzusanieren.“ – Lale

Und das ist das besondere an diesem Ort: hier drin ist alles selbstgemacht und dadurch steckt viel Liebe im Detail. Fast zwei Jahre hat es gedauert, bis der Laden 2020 endlich aufmachen konnte.: „Niemand hatte Ahnung, alle haben sich selbst angelernt“, sagt Lale und lacht. Dafür hat sich das Warten gelohnt: Die fünf konnten alles nach ihren individuellen Vorstellungen gestalten. Dieser DIY-Input und die Liebe zu guter Qualität ziehen sich durch den gesamten Laden.

Qualität statt Quantität

Das Sortiment ist klein aber fein. Es gibt Secondhand Platten und Neuware, von 2,50 bis 40 Euro. Die meisten Platten liegen zwischen zehn und 20 Euro aber auch unter zehn lässt sich hier was gutes finden. Robert will die Platten fair verkaufen, nicht auf den Discogs Hype einsteigen: „Wenn da eine Platte super rar ist, weil sie seit fünf Jahren nicht gepresst wurde oder so dann verkaufen wir die trotzdem so, dass man sie als Normalsterbliche*r noch bezahlen kann.“

„Wir wollen, dass man die Platte kauft, weil man sie gern hat, nicht weil sie teuer oder gesucht ist.“ – Robert

Auch die günstigen Platten sind qualitativ hochwertig und präzise ausgewählt. Das ist Robert wichtig, dass es die auch gibt. Ähnlich ist es bei der Kleidung, hier gibt es keine markenorientierten Preise. Das ist ein Ansatz aus der Szene für die Szene, in der sich alle bewegen. Kein Wunder, dass Robert sagt: „Es ist ein Herzblut-Ding was wir da machen, aus einem inneren Antrieb, nicht um uns eine goldene Nase zu verdienen.“

Ort, Label, SecondHand oder Neuware: hier steht alles nebeneinander, das Genre gibt den Ton an. Auch die Kleidung ist nur nach Farben sortiert, nicht nach Preis, Größe oder Gender: „Wir machen hier ein inklusives Projekt“ sagt Lale.

Elektronisches Angebot

Musikalisch ist das Angebot (im weitesten Sinne) auf elektronische Tanzmusik fokussiert. Die Genres (und so heißen auch die Fächer in den Regalen) sind Electro, Techno, House, Bass, Breaks, Synthpop, Wave, Disco und Funk. Dabei versuchen die fünf, den verschiedenen Fächern mit ihrem Know-How einen Tiefgang zu geben. Zu entdecken gibt es für die meisten Geschmäcker etwas. Kleidung und Platten – alles ist hier handpicked. Deshalb ist das Sortiment auch so persönlich. Momentan suchen die fünf speziell nach vergangener Musik, weniger aktualitätsbezogen, sagt Robert, „weil man das ja auch easy im Internet kaufen kann.“

„Wir suchen lieber nach Diamanten, die sich irgendwie in der Vergangenheit verstecken und übersehen wurden, das macht am meisten Spaß.“ – Robert

Mein persönliches Highlight beim Plattenkauf sind aber definitiv die liebevollen und lustigen Texte auf den Sleeves. Robert und Maik hören sich jeden Track von vorn bis hinten an und schreiben dann eine ganz persönlichen Bewertung oder einen guten Tipp auf die Platte. Dass die beiden daran Spaß haben merkt man, wenn man einfach mal ein Regalfach durchliest. Da steckt viel Liebe drin.

Ort für kulturellen Austausch

Es gibt also einen Shop aber auch Ausstellungen, Veranstaltungen und Workshops. Sobald es wieder möglich ist, wollen die fünf  verstärkt Kulturveranstaltungen umsetzen. Mit Fokus auf elektronischer Musik, Platten und Kleidung natürlich. Man darf gespannt sein auf Instore-Sessions, Flohmarkt, DJ-Workshops, Release Veranstaltungen und vieles mehr. „Unser Konzept soll Konsum, Kultur und Freizeit verbinden“, sagt Lale. Sleeve++ ist nicht nur ein kleiner alternativer Konsumtempel, sondern auch ein Ort für kulturellen und gemeinsamen Austausch.

„Wir wollten einen diskriminierungsfreien Raum schaffen, in dem Menschen sich gerne aufhalten, zusammenkommen und sich wohlfühlen.“ – Lale

Sowohl ruhig und zurückgezogen nach Platten diggen als auch aktiv das Gespräch über Szene, Musik oder Kleidung suchen — beides ist hier möglich. In der luftig eingerichteten Ladenfläche kann man seinen Platz finden und einfach ungestört sein Ding machen, so wie man gerade Lust hat.

Plattenläden in Zeiten von Corona

Corona-bedingt haben die fünf bisher kaum Werbung machen können. Trotzdem ist das Konzept gut angekommen – und in Zeiten von Corona sind Plattenläden tatsächlich eine der wenigen Kulturstätten, die betrieben werden dürfen. Da ist ein Ort für kreativen Input und Austausch sehr relevant. „Das ist wichtig für die Szene“, sagt Robert, „hier kann man sich begegnen und mit Fremden ins Gespräch kommen. Und deswegen kann es davon nicht genug geben!“ Trotzdem freuen sich alle darauf, wenn sie endlich normal eröffnen können.

Das Sleeve++ sollte definitiv auf keinem Platten-Digger-Spaziergang durch Leipzig fehlen. Vor allem zum Schlendern in kalten Monaten ist es mein Lieblingsspot um ein paar warme Stunden bei guter Musik zu verbringen. Was cool ist: der Laden ist immer bis 20 Uhr geöffnet, also kann man sich auch nach der Arbeit nochmal zwei Stunden Zeit nehmen um in Ruhe zu stöbern. Ich habe diesen Ort noch nie mit leeren Händen verlassen und freu mich schon im Sommer dort abzuhängen! 

Foto von Gregor Barth

Sleeve++
Mariannenstraße 74, 04315 Leipzig, geöffnet von Mittwoch bis Samstag von 13 bis 20 Uhr.

Natürlich gilt im Laden: 1,5 Meter Abstand halten und nur mit Maske rein.
Mehr Infos gibt’s via Facebook & Instagram.


Header-Foto von Gregor Barth. Vielen Dank!