Sehr cool, die spannende Gewandhaus-Reihe Two Play To Play geht weiter – in die vierte Saison mitttlerweile. Dieses Mal treffen Kiki Hitomi und Disrupt von Jahtari auf den Bassklarinettisten Volker Hemken. Hier die Termine.
Nach Martin Kohlstedt, Micronaut und P.A. Hülsenbeck öffnet sich Two Play To Play mit Kiki Hitomi und Disrupt von Jahtari dem Dub-Kosmos. Das Leipziger Label hat darin in den letzten zehn Jahren einiges bewegt – und zwar international. Mit Kiki Hitomi und Disrupt lassen sich die zwei bekanntesten Musiker*innen von Jahtari auf das Experiment Two Play To Play ein.
Gemeinsam mit dem Bassklarinettisten Volker Hemken vom Gewandhausorchester entwickeln sie ein gemeinsames Konzertprogramm. Wie schon bei den vorherigen Ausgaben ist der Entstehungsprozess transparent – mit Blog-Beiträgen und Öffentlichen Proben. Pandemiebedingt werden die Proben in den nächsten Monaten aus Conne Island heraus gestreamt. Die Premiere wird dann bestenfalls im Mendelssohn-Saal des Gewandhauses stattfinden. Hier sind alle Termine – Achtung, bei der Uraufführung hat sich der Termin und Ort geändert:
Wir empfehlen einen Klick in den Blog – dort findet ihr das Artist-Gespräch mit den drei Musiker*innen, moderiert von Kathi. Außerdem sind die ersten beiden Treffen dokumentiert.
Im September letzten Jahres wurde bekannt gegeben: Der Inch by Inch Store und die ehemalige Shite Music Distribution arbeiten nun unter gemeinsamen Namen zusammen. Wir haben uns zum Gespräch mit den drei jeweiligen Gründern getroffen.
Nachdem Reece und Oli (alias Carmel und Oliver Bernstein) jahrelang nebeneinander bei R.A.N.D. Muzik, dem Plattenpresswerk, arbeiteten, entschlossen sie sich, gemeinsam eine Distribution, einen Vertrieb, zu gründen. Dieser Vertrieb sitzt bis heute im selben Gebäude wie R.A.N.D. – ein großer Vorteil. Zu meiner Überraschung lernten beide Philipp (alias Drunkenstein) erst durch seinen Laden, das Inch by Inch, kennen. Auch hier bildete sich eine Freundschaft und diese führte wiederum dazu, dass die gemeinsame Geschäftspartnerschaft – die schon zwischen Laden und Vertrieb bestand – sich vertiefte.
Aber wie kam es denn nun zur Fusion? Vorab gesagt: Natürlich sind sowohl das Inch by Inch als Laden und als auch Inch by Inch als Distribution nach wie vor zwei getrennte Unternehmen. Shite Music, wie die Distribution vorher hieß, wurde vor drei Jahren gegründet. Gewählt wurde der Name, um zu suggerieren, dass das Unternehmen Arbeit mit Humor machen würde, jedoch wurde es unter diesem Titel vor allem im englischsprachigen Raum mit der Zeit schwieriger, zu arbeiten. Weil dieser Wunsch nach einer Namensänderung schon länger im Raum stand, schlug Philipp irgendwann eine Übernahme vor – Oli fragte, ob das einfach so ginge.
„Wir haben gefragt, Philipp hat ja gesagt. Das war cool.“
Name geändert, schön und gut. Aber hat sich intern etwas verändert? Was die Arbeitsweise an sich angeht: nicht viel, meinen die Jungs. Stattdessen heiße ein „Blick in die Zukunft (…), dass beide Unternehmen immer mehr zueinander finden“. Klar mussten Sticker, Plakate und Paketbandrollen neu designed und bestellt werden, der Effekt der Außenwirkung ist aber größer.
„Dass der Vertrieb den gleichen Namen hat, wie mein Laden, trifft bei Kunden definitiv auf Anklang,“ meint Philipp beispielsweise. Schon vorher hat er Leute im Laden, die nach einem Vertrieb gefragt haben, an Oli weitergeleitet – oder eben nicht.
Dass die Wirkung nach außen angepasst wurde, kommt gelegen, denn die Namensänderung ist auch eine Chance für eine Änderung im Sound. Wo Shite vorher für House- und Disco-Edits stand, ist man nun aus diesem Bereich ein wenig weggekommen – „was ja nichts Schlechtes ist“, wie Reece anmerkt. Eher ein Vorteil: „So haben wir verschiedene und andere Labels mit dem Vertrieb bekommen, mit denen es so vielleicht nicht geklappt hätte.“
Was sich nicht geändert hat, ist der Faktor Leipzig-Support. Weiterhin ist es der Distribution wichtig, junge, lokale Labels und Künstler*innen zu fördern. „Unabhängig von den Labels, die dabei sind, wollen wir die Stadt [Leipzig] nach außen repräsentieren.“ So sind nicht nur etablierte Leipziger Labels wie R.A.N.D. Muzik Recordings, blaq numbers oder O*RS im IBI-Roster aufzufinden, sondern auch jüngere Labels wie Sachsentrance oder Wellness Records. Philipp merkt dazu an: „Ich bin sehr stolz, dass das R.A.N.D. Muzik Label unter dem Namen Inch by Inch läuft.“
Natürlich ist ein weiterer Vorteil des Zusammenschlusses, dass man nun noch stärker Kontakte austauschen und Netzwerken kann – und obwohl die internen Arbeitsweisen sich nicht viel verändert haben, fällt viel gemeinsame Labelarbeit an.
„Genauso wie ich mir im Laden überlege, was ich reinstelle, müssen die Jungs mit den Labels abwägen, wen sie reinnehmen“, kommentiert Philipp. Insgesamt probieren sie bei der Inch by Inch Distribution viel aus; wenn mindestens einer der beiden beziehungsweise einer der drei dahinter steht, dann nehmen sie ein Label meist auf. Oli äußert hierbei den Wunsch nach mehr Hip Hop Releases und Labels – auch wenn sich die Distribution auf (typische) elektronische Musik konzentriert. Warum typisch? Zum Thema ob sich Hip Hop als elektronische Musik bezeichnen lässt, hat unsere Autorin Paula bereits 2019 einen spannenden Artikel geschrieben.
Oli
Reece
Philipp
Bei dem Standing, das die Distribution in Leipzig hat, vergisst man schnell, wie jung das Unternehmen eigentlich ist: Drei Jahre sind nicht nur wenig Zeit für ein Laden, wie Philipp einen hat, sondern auch für einen Vertrieb. So sieht es auch Oli: „Wenn man so will, steckt der Vertrieb immer noch in seinen Kinderschuhen.“ Dennoch wird ein gleiches, professionelles Niveau angestrebt, wie bei Vertrieben, die es schon seit 15 oder 20 Jahren gibt. Und sowieso ist der Anspruch da, alle Labels gleich zu behandeln – egal wer größer oder bekannter sein mag.
Apropos Labels:
Neben einer Distribution und einem Store ist im vergangenen Monat ein Label unter dem Namen Inch by Inch gegründet worden, Philipps Baby. Auch dieses Projekt war schon länger im Gespräch, bis dann endlich der richtige Moment gekommen war, um es zum Leben zu erwecken. Die Zusammenarbeit mit dem Vertrieb war gegeben und somit war klar, dass die Labelarbeit nicht alleine zu bewältigen war. Das erste Release ist am 19. Februar erschienen – Horns of Nippes heißt die EP – produziert vom Künstler T_NO. Denn: „Wenn es einen Vertrieb und ein Plattenladen gibt, muss es auch ein Label geben.“
Tino alias T_NO, der seine Roots bei Kompakt und groove attack hat, war schon lange Kunde in Philipps Laden, bis er ihm irgendwann seine Tracks vorspielte. Er hatte schon lange Musik gemacht, aber noch nie etwas veröffentlicht. Philipp erzählt: „In dem Moment war für mich klar: Das könnte das erste Release werden.“ Tatsächlich bewegt sich das Release mit drei eigens produzierten Tracks und einem Remix von DJ Balduin alias Trevor J. Baldwin irgendwo zwischen House, Techno und Electro, dreamy Melodien und clubtauglichen Kicks.
Eben, dass Tino noch nie etwas veröffentlicht hat, macht die Musik für Philipp so interessant. „Das ist vielleicht ein romantischer Gedanke, aber vielleicht sucht man nach Künstler*innen, die schon lange Musik machen, aber sich selber nicht trauen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen“. Welche Strategie man betreiben muss, um solche Leute zu finden, weiß Philipp auch noch nicht ganz – das zweite Release steht aber immerhin auch schon. Das Inch by Inch Label wird kein Label sein, wo es eine gerade musikalische Richtung gibt, für das jeweilige Publikum und die jeweilige Nische aber soll es immer den richtigen Ton treffen. Und sowieso: ein roter Faden wird bei demselben Kurator sowieso gegeben sein.
Nicht nur beim Vertrieb, sondern auch bei seinem Label kümmert sich Philipp um die grafische Handschrift. Das Cover auf der IBI001 bezieht sich auf Produzent Tinos Berufung als Lokführer: das Bild des Güterzugs ist ein Still aus einem Video von Philipp. Auf der Rückseite befindet sich eine Grafik der Voyager-Sonden 1 und 2. Die Zug-Referenz findet sich auch im von DJ Balduin erstellten Musikvideo zu Horns of Nippes wieder.
Um das Corona-Thema nicht ganz beiseite zu schieben: Wie läuft denn das Distributions-Business unter Pandemiebedingungen? Einerseits muss es doch einen Überfluss an Produktionen durch Produzent*innen, die den ganzen Tag Zuhause sitzen geben, andererseits haben die Plattenläden zu und DJs keine Gigs. Wie viele Releases in den letzten Monaten herausgekommen sind, dürften wir alle mitbekommen haben.
Überraschenderweise ist das Feedback gut; business as usual. Reece erzählt, dass er im letzten März dachte, er müsse seine Koffer packen und zurück nach Australien ziehen, ihn überrascht es, dass trotzdem so viele Menschen Musik kaufen. Oli denkt, viele würden trotz der Krise ihre Lieblingslabels und -künstler*innen unterstützen wollen.
Auch Philipp muss nochmal nachfragen: Wie bedeutend waren Plattenläden für die Summe der Verkäufe? Auch die Plattenläden finden Lösungen, um mit der Pandemie umzugehen, meint Oli – siehe Online-Shops und Pick-Up-Lösungen. Auch Reece merkt an, welche Rolle Discogs in der Plattenindustrie spielt, denn auch kleinere Läden bestellen trotzdem noch. Philipp sieht das anders: Er traue sich nicht, neu erschienene Sachen zu bestellen. Klar ist die Lage im Moment bescheiden, aber er zieht durch.
„Ich bin jeden Tag im Laden, aber es sind keine Kunden da – das ist ein komisches Gefühl.“
Wie lange dieser Optimismus von Seiten des Vertriebs gegeben ist, weiß keine*r. Reece überlegt: „Platten sind ein Luxusprodukt – wer weiß, wenn es in einem Jahr eine wirtschaftliche Rezession geben sollte, wer dann noch Platten kauft.“ „Das Musikbusiness ist ein ehrliches Business – egal, ob die Platte von einem*r Starproduzent*in ist oder nicht, wenn der Track scheiße ist, kauft es keine*r“- so Oli.
Alle Bilder sind von Kim Camille. Vielen, vielen Dank!
Ihr könnt noch bis zum 21. März die Drag Performance ‚Fuck me today, kill me tomorrow‘ anschauen. Digital, direkt von zuhause. Inhaltswarnung: Sexualisierte Gewalt!
„Ich weiß nicht, was mir beim Sex gefällt. Ich kenne meine Grenzen nicht. Ich kann meine Grenzen nicht ausdrücken. Meine Grenzen werden überschritten. Die Grenze verschwimmt irgendwo zwischen Gewalterfahrung und der Suche nach Lust.“
‚Fuck me today, kill me tomorrow‘ ist eine feministische Drag Performance. Sie hinterfragt Scham, Schuldgefühle und Harmonie. Wer gelernt hat, die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen, der verlernt, sie zu formulieren. So wird sexuelle Gewalt zur Kollektiverfahrung.
Können wir uns Sex und Lust ohne Gewalt überhaupt vorstellen? Gibt es Konsens im Patriarchat?
Trotz Lockdown „eröffnete“ die Ausstellung STAND DER DINGE, eine installative Performance des Künstlerkollektivs Vino Magico im Leipziger Kunstraum Bistro21. Am Montag ist der letzte Tag, um die Ausstellung durch die Schaufensterscheibe sehen zu können.
Bei diesem experimentellen Ausstellungsformat setzen sich die drei Künstler, Miles Schuler, Monty Richthofen, auch bekannt als Maison Hefner, und Philipp Zrenner performativ mit der gesellschaftlichen wie auch politischen Relevanz von Kunst während der Pandemie kritisch auseinander.
In einem Zeitraum von zwei Wochen widmeten sie sich den Restriktionen, Möglichkeiten und Herausforderung unter denen ein begehbarer Raum für Kunst erhalten werden und für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben kann. Über die Zeit konstruieren sie ein Mahnmal für die existenzielle Extremsituation in der sich Kunst und Kultur aktuell aufhalten müssen. Zu sehen ist die Ausstellung nur analog, durch die großen Schaufenster des kleinen Art Spaces, ganz Lockdown Konform. Die Vernissage, tja die fiel recht bescheiden aus: Niemand dort, nichts zu sehen, es brennt ein Licht, als hätte es jemand letzten Herbst vergessen. So der Stand der Dinge.
Ausgehend von den Ereignissen um Moni’s Rache Anfang Januar 2020, und allen weiteren Veröffentlichungen sowie Aufarbeitungsprozessen in Bezug auf sexualisierte Gewalt in der Leipziger Linken, stellt sich seit Langem die Frage des Täterschutzes. Was ist das überhaupt? Wie passiert er? Wie kann er gestoppt werden? Ein Online-Vortrag beschäftigt sich mit diesen Fragen.
Der Vortrag entwickelt die These, dass wir alle immer Betroffene und Täter*in zugleich sind und wir uns durch das Konstrukt ‚Täterschutz‘ oftmals nur abgrenzen wollen von denjenigen, die wir als ‚schlechte Menschen‘ verstehen. In dem Moment, in dem wir begreifen, dass auch wir Täter*innen sind bzw. es werden können, fällt es leichter sich mit der Thematik tatsächlich zu befassen, als dem Abwehrimpuls und dem Externalisieren des Problems zu folgen.
‚Täterschutz‘ wurde in den letzten Monaten bzw. im letzten Jahr häufig als Vorwurf an diverse Einzelpersonen und/oder Gruppen gerichtet, ohne möglicherweise zu wissen, was das genau bedeutet. Der Vortrag versucht sich anhand von verschiedenen Texten, Blogeinträgen usw. dem Thema auf mehreren Ebenen, losgelöst von Emotionen und konkreten Beispielen, zu nähern, um die begriffliche Einordnung und die damit verbundenen Herausforderungen und Fragen für die Linke zu konkretisieren.
Referentin: Jule ist Sozialarbeiterin im Frauenhaus, seit vielen Jahren aktiv als Unterstützin von Betroffenen von sexualisierter Gewalt, Feministin.
Den Vortrag könnt ihr ab dem 11.03. auf der Mixcloud-Seite der Veranstlter*innen anhören. Mehr Infos gibt’s bei Facebook.
Defrostatica kontert die Krisenstimmung mit zwei EPs in kurzer Taktung. Einen Track daraus gibt es bereits vorab bei uns – und zwar einen Detroit-Hit.
„4AM“ heißt die kürzlich neu erschienene EP von Maltin Worf. Der Ur-Dresdner und nun Wahl-Berliner ist einer der beständigsten Acts bei Defrostatica. Vier Uhr früh, Peaktime in den Clubs – ja, diese EP ist nichts anderes als eine Hommage an die wilden, aufpeitschenden, befreienden und beglückenden Momente auf dem Dancefloor. Und die vier Tracks bringen diese Power voll auf den Punkt – mit unterschiedlich temperierten Breakbeats, wehmütigen Synths und mit einnehmenden Worten des Bristol-based MCs Rider Shafique.
Die A-Seite trägt auch einige darke Nuancen in sich, auf der B schimmert mit „Thirsty“ und „Cream“ dann mehr Licht durch die mit schwarzem Molton abgehängten Floor-Fenster. Besonders „Cream“ holt mich voll ab – klar, die Entschleunigung, der Mix aus Melancholie und Zuversicht, perfekt zum Fallenlassen und Entgleiten.
Nun aber zur Track-Premiere: Denn Mitte März folgen direkt die Remixe zum Titeltrack „4AM“. Mit dabei ist auch der Leipziger DJ Detox, der zuletzt mit extrem guten Rave-Hymnen auf R.A.N.D. Muzik aufhorchen ließ. Er überführt „4AM“ als einziger auf den Techno-Floor. Und das auf beste analoge Weise: Ich habe schon lange keinen so erfrischenden, positiv losziehenden Detroit-Vibe mehr gehört – noch dazu eingebettet in eine perkussive Lässigkeit. Umso mehr freut es mich, dass wir genau diesen Track hier präsentieren dürfen.
Checkt aber auch die anderen Remixe. Tinkah ist ebenfalls großartig dabei – herrlich slow und verspult, lost in time heißt sein Remix passenderweise denn auch. Und Yazzus‘ „Midnight Rave Remix“ flasht durch seine Verwandlung: vom spooky, introvertierten hin zu einem hektisch rasenden Rave-Track. Insgesamt ein sehr gutes Package, die beiden EPs.
Aktivist*in, Tänzer*in und Podcaster*in L Fierce ist eine der glamourösesten Erscheinungen Leipzigs. Wir haben uns den neuen Podcast der series be-Gründer*in angehört.
Wer sich noch an Leipziger Festivals erinnern kann, der kennt sicher auch noch das Balance Club / Culture Festival. Bei der ersten und dritten Edition war L als Perfomer*in dabei. Seitdem, seit der ersten Performance in der Galerie KUB, das muss 2017 gewesen sein, verfolge ich Ls Schaffen und bin, ja, sagen wir es ruhig so: Fan.
Ein ausführliches Interview mit Luke über Lukes Aktivismus und Zugang zur Leipziger Clubkultur lest ihr hier, denn jetzt soll es um Lukes Podcast gehen. Yes, another Podcast! Denn, wenn mir, ganz persönlich, Corona und die Maßnahmen eines gebracht haben, neben viel Schmerz, viel Alleinsein, intensivere Beziehungen zu den Menschen, mit denen ich mich eng verbunden fühle, viel Papiermüll vom Take-away-Essen und vom Online-Shopping, dann das: Zeit! Zeit, um Podcasts zu hören.
The Kiki Queen
Die Geräuschkulisse von Podcasts, ob nun Musik oder Sprache, ist willkommene Abhilfe zur Stille und füllt meinen Kopf mit Input. Künstler*innen bleiben hiermit sichtbar, ob als DJs oder Producer*innen, als Gäst*innen in Talk-Podcasts oder mit einem Set. Podcasts, so wichtig! Ernsthaft. Spazieren gehen und dabei Podcasts hören, macht vieles erträglicher, finde ich. Und ein Podcast der als Mini-Inside-Serie 30 Minuten mit Sluttalkz füllt, den höre ich mir ganz, ganz sicher an. Wenn eben jener Podcast namens The Kiki Queen (überall wo es Podcasts gibt, pls google it and you’ll find it) von L Fierce gestaltet und moderiert wird, dann erübrigt sich der Rest wohl…
In den ersten Folgen des Podcasts geht es um die persönlichen Icons von L, Rassismuserfahrungen, Cancel Culture und Sex. Wer L noch nicht kennt, bekommt eine Einführung who L is in den ersten Minuten von Folge eins. Der Podcast soll auch Themen rund um Clubkultur und der LGBTQIA*-Szene bearbeiten (so stay tuned!).
Bisher sind fünf Folgen online, jeden Freitag erscheint eine weitere Episode. Der Podcast ist auf Englisch, wir können also alle unsere Fremdsprachenskills etwas auffrischen.
Listen and enjoy!
PS:And here comes my personal note, for you, Miss Fierce aka The Kiki Queen: Thank you for being that badass boss bitch, getting us through that second lockdown with your glamour, sexyness, views and politics. Great voice, great topics and production.
My body is still not your porn! Am Sonntag findet ab 14 Uhr eine Demo (mit Maske und Abstand) im Lene-Voigt-Park in Leipzig statt. Unsere Autorin Lea Schröder wird dort über ihre Recherche zu sexualisierter Gewalt in der Clubkultur sprechen.
My body is still not your porn!
Das schreiben die Veranstalter*innen der Demo zur Aktion
Unter dem Motto „My Body is not your Porn!“ haben wir vor einem Jahr auf Grund der Vorfälle sexualisierter Gewalt auf dem Festival Monis Rache eine Kundgebung mit Straßenfest und Demo veranstaltet. Bekanntlich wurden Sexismus, Gewalt und Patriarchat seither noch nicht über Bord geworfen, sodass wir erneut auf die Straße gehen werden!
Gemeinsam mit Euch wollen wir einen Blick darauf werfen, was in diesem Jahr alles passiert ist. Wie ein Brennglas haben die Taten auf Monis Rache den anhaltenden Sexismus und die Gewalt in der linken Szene schmerzhaft offenbart. Neben all der Scheiße, die das alles mit sich gebracht hat, wurden aber auch zahlreiche kritische Diskussionen und Auseinandersetzungen angestoßen, die (nicht nur) diese Szene dringend braucht.
Das (öffentliche und private) Sprechen über sexualisierte Gewalt hat mehr Raum bekommen, Betroffene haben sich vielseitig und selbstbestimmt organisiert, Fragen nach (kritischer) Männlichkeit oder zum richtigen Umgang mit Tätern wurden heiß diskutiert, und auch Überlegungen zur Gestaltung von sicher(rer)en Räumen beim Feiern und darüber hinaus haben neuen Aufwind bekommen. Gerade letztere wurden durch die Corona-Pandemie zwar zunächst ausgebremst, da Festivals und wildes Nachtleben erstmal in weite Ferne gerückt sind.
Doch wir wollen diese Pause des Rauschs nutzen, um Forderungen zu stellen und männliche, sexistische Strukturen – auch im Partykontext – zu zerschlagen. Der Täter von Monis Rache war nicht nur zufällig auch Teil des Orga-Teams. Wir lassen uns diese Räume aber nicht nehmen! Wir haben Bock auf Partys, auf denen sich alle wohl und sicher fühlen. Dafür braucht es Veränderungen!
In diesem Sinne: lasst uns weiter gemeinsam kämpfen und kein Stillschweigen über sexualisierte Gewalt (in der linken Szene) dulden! Unsere Selbstorganisation und Sichtbarmachung war und ist einzigartig, danke an alle!
Wann & wo: Sonntag, 14.02.2021 | 14:00 Uhr im Lene-Voigt-Park Leipzig
Schnee, überall Schnee. Für viele ist das schön anzusehen. Aber das extreme Wetter ist lebensgefährlich für alle, die kein Zuhause haben. Wenn ihr Menschen seht, die obdachlos sind, sprecht sie an und ruft den Kältebus.
Wenn du sexualisierte Gewalt durch eine Person erfahren hast, die sich im Leipziger Clubkontext bewegt, gibt es einige Wege, Unterstützung zu erhalten und gegen die Person vorzugehen – auch, wenn diese als DJ, Veranstalter oder in anderen Machtpositionen unterwegs ist.
Vorab: In den Erfahrungsberichten zeigt sich, dass es mehrere Menschen geben kann, die Gewalt durch dieselbe Person erlebt haben. Wenn du mitbekommst, dass eine Freundin oder ein Bekannter von dir von derselben Person sexistisch, respektlos, übergriffig oder anderweitig gewaltvoll behandelt wurde, connected euch. Egal, ob ihr euch an gemeinsame Freund*innen wendet, an das Kollektiv der Person oder an einen Club, in dem die Person als Gast oder DJ unterwegs ist oder selbst Raves veranstaltet – gemeinsam kämpft es sich leichter.
Doch auch wenn du keine andere betroffene Person kennst, mit der du dich verbünden kannst, hast du die Möglichkeit, dich konkret gegen Leute zu wehren, die im Clubkontext unterwegs sind und Gewalt ausüben1.
„Auch wenn es dir unangenehm ist, auch wenn du dich schlecht fühlst, auch wenn du erst mal nur drüber reden willst oder auch gar keinen Bock hast drüber zu reden. Sprich uns an.“ – Support-AG des Institut fuer Zukunft, Website
1 Die nachfolgend beschriebenen Prozesse in den Clubs gelten nicht nur für jegliche Art sexistischer Diskriminierung, Grenzüberschreitungen und/oder Gewalt, sondern für jede Art von Diskriminierung, Grenzüberschreitungen und/oder Gewalt – also auch bei Erfahrungen von Rassismus, Klassismus, Ableismus, Queerfeindlichkeit und anderen Diskriminierungserfahrungen.
Unterstützung durch den ASL
Wenn du im Umgang mit sexueller Belästigung oder sexualisierter Gewalt – egal durch wen und in welchem Kontext – Unterstützung suchst, kannst du dich zunächst an den Antisexistischen Support Leipzig(ASL) wenden.
Die Gruppe schreibt auf ihrer Website: „Wir [möchten] mit dem Antisexistischen Support Leipzig eine feste Struktur schaffen, die es betroffenen Personen ermöglicht, Rückhalt und Unterstützung zu erfahren – die in Gruppen oder Freundeskreisen eventuell zu kurz kommen – um Geschehenes zu reflektieren, es ansprechbar zu machen und politisch zu thematisieren.“
Wenn du dem ASL unter support-asl@riseup.net eine Mail schreibst, vereinbart die Gruppe mit dir ein Treffen an einem Ort deiner Wahl. Das läuft dann so ab: „Dieses Gespräch ist anonym und es ist auch nicht notwendig, den Vorfall explizit zu schildern […] – Du entscheidest selbst, was du uns erzählen möchtest. Auch unsere Unterstützung richtet sich danach, was du möchtest und brauchst. Wir werden gemeinsam schauen, was für dich passt und wir unternehmen nichts, was du dir nicht ausdrücklich von uns wünschst. […] Wir [sind] solidarisch mit dir und [stellen] deine Wahrnehmung des Geschehenen nicht in Frage.“ (Mehr dazu hier)
Darüber hinaus hat der ASL auf seiner Website einige Hinweise und weitere Anlaufstellen verlinkt, wenn es um einen Notfall geht.
Hausverbote und andere Sanktionen durch Clubs
Wenn du beispielsweise Clubs meidest, in denen die gewaltausübende Person häufig unterwegs ist, dich beim Feiern unwohl fühlst, weil du Angst hast, der Person zu begegnen oder wenn du befürchtest, die Person könnte auch gegenüber anderen Leuten gewalttätig werden, kannst du die jeweiligen Clubs auffordern, der Person ein Hausverbot zu erteilen, was im Fall eines DJs auch ein Gigverbot einschließt.
Conne Island, Elipamanoke und das Institut fuer Zukunft haben auf Anfrage hin erläutert, wie Betroffene sich an sie wenden können und wie die Prozesse um Unterstützung für Betroffene und Konsequenzen für Gewaltausübende von ihren Crews gehandhabt werden. Mjut und Distillery haben dazu keine Angaben gemacht.
Conne Island
Wenn ein Vorfall während einer Veranstaltung stattfindet, kannst du dich direkt an die Mitarbeiter*innen des Conne Island wenden – zum Bespiel die Leute am Einlass, das Security-Team oder das Barpersonal.
Außerhalb des Clubbetriebs kontaktierst du am besten die Unterstützungsgruppedes Conne Island per Mail: unterstuetzung@conne-island.de. Alternativ kannst du selbst oder eine Vertrauensperson am wöchentlichen, zentralen Montagsplenum teilnehmen und der Crew deine Erfahrungen bzw. Forderungen in diesem Rahmen mitteilen.
Falls du lieber erstmal im kleinen Rahmen mit den ehrenamtlichen Mitgliedern der Unterstützungsgruppe reden möchtest, gibt es die Möglichkeit zu einem vertraulichen Gespräch. Du wirst darüber informiert, welche Möglichkeiten es neben einem Hausverbot gibt und wie der Entscheidungsprozess über Sanktionen im Conne Island abläuft.
Wenn du dir wünschst, dass deine Forderungen stellvertretend für dich ins Montagsplenum gebracht werden, übernimmt das die Unterstützungsgruppe für dich – und zwar „so transparent wie möglich, um eine gute Entscheidungsgrundlage zu haben und gleichzeitig so diskret/anonym/abstrakt wie möglich, um die Anonymität der betroffenen Person zu schützen“.
Ob deine Geschichte dabei so anonymisiert werden soll, dass das Plenum keinen Rückschluss auf deine Identität ziehen kann, was genau dabei gesagt werden darf, und was nicht, bestimmst du. Das gilt auch für den gesamten Prozess: „Es wird mit der Betroffenen immer rückgekoppelt, was passiert – nichts wird gegen den Wunsch der Betroffenen getan“, schreibt die Unterstützungsgruppe.
Das Montagsplenum entscheidet letztendlich über die konkreten Konsequenzen für die gewaltausübende Person. Die Gruppe betont, dass wegen der Individualität und Komplexität jedes Falls nie nach einem bestimmten Schema vorgegangen wird. Dennoch gibt es einige Faktoren, die bei einer solchen Diskussion berücksichtigt werden: Zuerst deine Wünsche oder Forderungen, außerdem „die Schwere der Tat bzw. des Vorfalls“, „der Verlauf der bisherigen Auseinandersetzung“, „ob die betroffene Person/die gewaltausübende Person am Laden aktiv ist“ sowie „die Reflexion, Einsicht und die aktive Mitarbeit der gewaltausübenden Person“. Letzteres kann sich auf die Dauer des Hausverbots auswirken.
Im Plenum werden alle Belange, also auch die Anfrage für eine Hausverbot, im Konsensprinzip entschieden – somit kann es auch passieren, dass das Ergebnis der Diskussion nicht deinen Forderungen entspricht.
Angenommen, das Montagsplenum entscheidet für ein Hausverbot. Die gewaltausübende Person erhält das Hausverbot in der Regel immer mit einer Begründung sowie Bedingungen, die an die Aufhebung geknüpft sind. Wenn du dir Anonymität gegenüber der gewaltausübenden Person wünschst – wenn die Person also nicht wissen soll, dass du das für sie geltende Hausverbot gefordert hast – werden im Gespräch Formulierungen genutzt, die Rückschlüsse auf dich erschweren. Die Frage, wie viele Informationen zur Begründung eines Hausverbots kommuniziert werden müssen, werde derzeit im Plenum diskutiert, schreibt die Unterstützungsgruppe.
Das Conne Island handelt in solchen Fällen nach dem Ansatz der Transformativen Gerechtigkeit bzw. ‚Transformative Justice‘. Deshalb kann sich die gewaltausübende Person gegenüber der Crew äußern, wenn sie ein Hausverbot erhalten hat: „Es gibt die Möglichkeit für die gewaltausübende Person, ins Plenum zu kommen, sich zu erklären und für eine Aufhebung des Hausverbots zu plädieren. Grund dafür ist der Ansatz, dass statt einem Ausschluss von gewaltausübenden Personen die Möglichkeit zur Transformation gegeben sein soll.“ Wenn du der Person gegenüber anonym bleiben möchtest, kann dies „unter Umständen zulasten des transformativen Anspruches gehen. Allerdings ist dieser in solchen Fällen sekundärer Natur, denn wie gesagt: Im Zentrum steht die betroffene Person und ihre Wünsche.“
Elipamanoke
Im Elipamanoke sprichst du während einer Veranstaltung am besten das Awareness-Team an, du kannst dich aber grundsätzlich auch an alle anderen Mitarbeiter*innen wenden.
Außerhalb von Veranstaltungen kannst du oder eine Vertrauensperson dem Awareness-Team jederzeit eine Mail schreiben (awareness@elipamanoke.de) oder nach Absprache außerhalb der Club-Öffnungszeiten vorbeikommen, wenn du ein persönliches Gespräch bevorzugst.
Wie es dann weitergeht, wird natürlich zuerst mit dir und danach erstmal nur innerhalb des Awareness-Teams besprochen. Dabei richtet es sich nach deiner Definitionsmacht. Wenn du anonym bleiben möchtest: „Der betroffenen Person wird Anonymität nach eigenem Ermessen gewährleistet. Alle persönlichen Daten der betroffenen Person (oder Dritter) werden selbstverständlich sensibel behandelt und geschützt. Niemand außerhalb des Awareness-Teams erhält Informationen über die Person oder Details des Tathergangs“.Die Entscheidungen basieren grundsätzlich auf deinen Wünschen und Forderungen, schreibt das Awareness-Teams.
Im Anschluss teilt das Team der Club-Leitung alle notwendigen Informationen mit und spricht deine Empfehlung bzw. Forderung aus. Wenn es möglich ist, wird dann die gewaltausübende Person kontaktiert und über die Konsequenzen informiert.
Auch, wenn du kein Hausverbot forderst, kann sich das Awareness-Team dafür entscheiden: „Wir machen aber auch von unserem Hausrecht Gebrauch. Stellt nach unserer Einschätzung der Täter/die Täterin eine Gefahr für andere dar (z.B. durch diskriminierendes Verhalten jeglicher Art), bieten wir diesem Menschen nicht länger eine Plattform und sprechen dann ein Hausverbot und Auftrittsverbot aus.“
Wenn du etwas bei einer Veranstaltung erlebst und unmittelbar Support bzw. Konsequenzen wünschst, kannst du dich an alle Mitarbeiter*innen des Clubs wenden – am besten an das Safer-Clubbing-Team (in weißen T-Shirts) oder an die Security-Mitarbeiter*innen an der Tür (die bei Bedarf auch das Safer-Clubbing-Team anfunken können).
Die Safer-Clubbing-AG schreibt dazu: „Bei unklaren, komischen, unangenehmen Situationen können wir jederzeit gern angesprochen werden.“ Wie es danach weitergeht, entscheidest du selbst: „Jeder Schritt wird mit der Betroffenen abgestimmt. Wir arbeiten nach dem Konzept der Definitionsmacht – das heißt, wir orientieren uns am subjektiven Erleben der Betroffenen.“
Wenn du außerhalb einer Veranstaltung nach Unterstützung fragen möchtest, kannst du die Support-AG per Mail kontaktieren. „Wenn sich jemand übergriffig verhalten hat, kann man auch eine Sanktion als Club aussprechen – schließlich möchten wir als Club unseren Raum vor gewaltausübenden Menschen schützen, besonders wenn diese uneinsichtig sind“, schreibt die Support-AG.
Ob und welche Sanktionen es gebe, werde anhand der individuellen Fälle im Plenum der AG entschieden. Dabei wird so vorgegangen: „In erster Linie spielt immer die wichtigste Rolle, was die betroffene Person sich wünscht. Im zweiten Schritt wird sich angeschaut, was davon wiederum den Club tangiert. Im dritten Schritt ebenfalls, welche Infos es zur gewaltausübenden Person gibt, wie glaubwürdig diese ist, wie einsichtig, oder interessiert an einer Verhaltensänderung oder generell schon einem Verständnis der übergriffigen Situation.“
Falls du möchtest, dass die gewaltausübende Person ein Hausverbot bekommt: „Die Support AG bespricht im Plenum das Vorgehen und stimmt sich mit der Security AG ab, die ja wiederum Hausverbote durchsetzen. Ein Hausverbot schließt ein Gig-Verbot ein, das wird dem Booking dann kommuniziert.“
Wenn du dir wünschst, gegenüber der gewaltausübenden Person anonym zu bleiben: Es werden keine Namen genannt, keine Infos dringen nach außen und die Fälle werden so abstrakt wie möglich umschrieben, um den Rückschluss auf dich zu erschweren. Die gewünschte Anonymität schränke zwar die Möglichkeit einer Aufarbeitung und Reflektion des Falls mit der gewaltausübenden Person ein, schreibt die AG – doch „dem Wunsch, der gewaltausübenden Person mitzuteilen, inwiefern sie sich grenzüberschreitend verhalten hat, sind die Sicherheit und die Bedürfnisse der betroffenen Person übergeordnet.“
Dieser Artikel ist eine Ergänzung zu der Artikelreihe „Täter an den Decks“ und liefert eine strukturelle Einordnung, warum Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt durch männliche DJs keine Seltenheit sind und dennoch so wenig darüber gesprochen wird.
Triggerwarnung: In diesem Text geht es um sexualisierte Gewalt und andere Grenzüberschreitungen sowie strukturelle Diskriminierungen und Gewalt gegenüber FLINT*
Der Artikel als Podcast
Steile These am Anfang: Es gibt keine safe spaces. Wenn überhaupt, gibt es safERspaces, doch in der Clubkultur sind wir – um lokal zu bleiben: Vor allem in Leipzig – trotz Bemühungen und trotz Selbstzuschreibungen in der so gern als links deklarierten Bubble noch weit davon entfernt.
Die Clubszene gilt seit ihrer Entstehung als politischer Schutz- und Entfaltungsraum, in den USA vor allem für die queere Black und Latin Community, in Deutschland als safer spaces der Homosexuellen Szene. Neue Diskurse entstanden, neue Räume, eine neue Kunstform. Dieser neue, große Raum war es auch, was die Clubbesuche so revolutionierte: Da war Platz für alle.
Diese Geschichte wird immer noch gerne bemüht, wenn es um Clubs als Räume für den Eskapismus marginalisierter Menschen geht. Für Diskriminierung soll kein Platz sein, „no racism“ steht auf Veranstaltungsflyern; es gibt Soli-Partys und Awareness-Teams. Das alles ist löblich und die Bedeutung dessen soll mit diesem Artikel keinesfalls aberkannt werden. Es reicht aber nicht. Im Gegenteil, allzu häufig wird sich vor allem in linkem Club hinter Naserümpfen gegenüber offen chauvinistischen Großraumdissen versteckt, während der in den eigenen Reihen reproduzierte Sexismus (und Rassismus) geflissentlich ignoriert, gar totgeschwiegen wird.
Entwurf einer Utopie
Auf folgende Frage: „Die Elektro-Szene entwarf schon in den späten 1980-Jahren die Utopie, durch Sound Grenzen von Geschlecht, Ethnizität und Klasse zu überwinden. Warum hat sich das nicht erfüllt?“ antwortete die Musiksoziologin Rosa Reitsamer in einem Interview:
„Das hat damit zu tun, dass die Strukturen der Gesellschaft von diesen Ansprüchen so weit entfernt sind – die Szene der elektronischen Musik spiegelt das.“
Und natürlich – wir leben in einer Gesellschaft mit sexistischen Strukturen, wieso sollten diese Strukturen wie von Zauberhand im Club auflösen?
Dass wir nicht von Einzelfällen sprechen, wenn wir von Übergriffen im Clubkontext reden – wie auch anderenorts in der Gesellschaft, wenn von sexualisierter Gewalt gesprochen wird – sollte klar sein. Die Vielzahl an Erfahrungsberichten von Menschen (Frauen bzw. FLINT*), die nur innerhalb von ein paar Monaten und nur aus der „linken Techno-Bubble“ berichtet wurden, zeigt auf, wovon viele Artikel, viele fem DJ Kollektive und Netzwerke schon lange sprechen. Warum ist es nötig, einmal mehr Betroffene sexualisierter Gewalt zu bitten, darüber zu sprechen?
Illustration von Jasmin Biber
Täter- statt Opferschutz
Weil die Strukturen, die Täter schützen, von denen Täter gar profitieren, nach wie vor existieren, reproduziert und oft sogar geleugnet werden.
Dieser Artikel steht in Ergänzung zu „Täter an den Decks – Sexualisierte Gewalt in der Clubkultur“, um zu den Erfahrungsberichten strukturelle Einordnungen vorzunehmen und die Mechanismen aufzuzeigen, die im Clubkontext dazu führen, dass wir nach wie vor, trotz der Arbeit von Awareness Teams, über Übergriffe und sexualisierte Gewalt sprechen müssen.
Wenn euch jetzt schon die Finger jucken, Kommentare zu verfassen, dass es „doch wirklich andere Probleme gäbe“, dass „man(n) ja gar nicht mehr wisse, was man noch sagen dürfe“ und dass „Frauen nicht so empfindlich sein sollen“, oder aber sich in mansplaining und chauvinistischem von-oben-herab am-Thema-vorbei Geschwafel zu verlieren – Don’t.
Deutungshoheit und Machtstrukturen
Was ein für alle Mal verstanden werden muss, ehe wir überhaupt weitersprechen: NIEMAND hat die Deutungshoheit über das, was Menschen an Diskriminierungen erleben, außer ihnen selbst. Wenn du Betroffenen ihre Erfahrungen absprichst, relativieren willst, dann profitierst du nicht nur passiv von deinen Privilegien, sondern hältst aktiv die Machtstrukturen aufrecht.
Frage dich, bevor du weiterliest, abbrichst oder gar deinen Senf dazugeben willst: „Sollte ich an dieser Stelle wirklich etwas „diskutieren“? Oder sollte ich still sein, zuhören, und auch aushalten, dass ich möglicherweise selbst dazu beitrage, dass diese Strukturen existieren?“ Denn, und ich streichle nochmal die Egos: Es ist nicht deine Schuld, dass du vielleicht als cis Mann, als weiße Person geboren bist. Niemand macht dir das zum Vorwurf. Kritisiert wird, dass nicht reflektiert wird, in welcher Position man sich befindet, welche Diskriminierung man selbst reproduziert.
Da wir ja alle denkende Wesen sind (und, um zum linken Clubkontext zurückzukehren, gerne Akademiker*innentum betonen, indem wir jede Person shamen, die „nicht Marx/Hegel/Kafka [Autor deiner Wahl einsetzen] gelesen hat?!“) – Reflektiere. Und halte aus, dass sich das Folgende vielleicht unangenehm für dich anfühlen könnte. Denn glaub mir: Für Menschen, die Diskriminierung und daraus resultierende Gewalt erleben, ist es noch viel unangenehmer.
Sexist*in? Ich doch nicht!
Ich zitiere die Rosa-Luxemburg-Stiftung: „Die allerwenigsten Menschen würden von sich selbst behaupten, Sexist oder Sexistin zu sein. Entsprechend abwehrend reagieren viele, wenn eine ihrer Handlungen oder Äußerungen als sexistisch bezeichnet wird, schließlich wiegt der Vorwurf schwer, diesen Stiefel möchte sich niemand anziehen. Doch ohne Sexismus zu benennen, ist es nicht möglich, gemeinsam auf eine Sexismus-freie Gesellschaft hinzuarbeiten.
(Darauf hingewiesen werden, dass man ein problematisches Erklärungsmodell für sexualisierte Gewalt reproduziert, mag für den oder die Einzelne*n sehr unangenehm sein. Schließlich herrscht gerade beim Thema Vergewaltigung gesellschaftlich weitestgehend Einigkeit darüber, dass es sich dabei um einen gravierenden Einschnitt in die sexuelle Selbstbestimmung handelt. Daher sind die Reaktionen oft sehr abwehrend. Niemand möchte sich unterstellen lassen, dass er oder sie Vergewaltigungen gutheißt.
Gerade weil dieses Erklärungsmodell so weit verbreitet und fest verankert ist, reproduzieren es Menschen oft unbewusst. Das heißt nicht, dass sie sexualisierte Gewalt billigen. Aber wenn nicht darüber gesprochen wird, wann und in welchen konkreten Beispielen bestimmte Erklärungsmodelle reproduziert werden, bleiben sie unangefochten stehen.)“
Und, liebe linke Bubble, ist es nicht das, was wir uns alle allzu gern auf die Fahne schreiben, „no sexism, no racism“? Na Also. With that said, lasst uns doch mal die Strukturen anschauen, die sexualisierte Gewalt im Clubkontext aufrechterhalten und Täter schützen [an dieser Stelle verwende ich bewusst das generische Maskulinum].
Was fällt euch als Erstes ein, wenn ihr Sexismus im Zusammenhang mit Clubbing bzw. der elektronischen Musikszene hört?
„Es gibt leider keinen Bereich der Gesellschaft, in dem Sexismus keine Rolle spielt, deswegen ist auch die Clubkultur davon betroffen.“ – Isa
Marlene: Besonders absurd in diesem Kontext finde ich den Kontrast zwischen der Clubkultur als Sehnsuchtsort, an dem gesellschaftliche Konventionen abgelegt werden können und sich jede Person frei ausleben kann – und dem gegenüber die tatsächlich vorherrschenden Zuständen in der Clubkultur.
Ihr geht alle mehr oder weniger regelmäßig auch als Gäste feiern – wie erlebt ihr einen Abend im Club als „Frau“?
Franzi: Für mich verläuft eine wünschenswerte Clubnacht so, dass […] mich fallen lassen kann, weil ich mich durch die Leute im Club um mich herum aufgehoben und sicher fühlen kann. Dennoch läuft […] von vornherein so eine Hab-Acht-Stellung, weil man sich in einen Raum begibt, in dem Personen eben gerne über die Stränge schlagen und dabei leider manchmal das letzte Fünkchen respektvoller Umgang verschwindet. Als Frau muss ich dann aufgrund patriarchaler Machtstrukturen leider eher damit rechnen, dass mir oder anderen nicht-cis-männlichen Personen diskriminierendes Verhalten widerfährt.
Marlene: Sowohl als Gast als auch hinter der Bar oder hinter dem DJ-Pult erlebe ich immer wieder unangenehme Situationen, wie angestarrt, angetanzt oder unter komischen Vorwänden angequatscht zu werden. Was ungewolltes Angefasst-Werden angeht, kann mich spontan an mindestens fünf Situationen in den letzten Jahren erinnern. Bekomme ich eine solche Situation mit oder erlebe sie selbst, ist der Abend für mich eigentlich gelaufen. Ich glaube, den meisten Personen, von denen diese Situation ausgehen, ist gar nicht bewusst, was sie durch ihr Verhalten gerade auslösen. Deswegen versuche ich sie offen darauf anzusprechen, dass sie gerade eine Grenze überschreiten. Leider treffen solche Aussprachen gerade im Partykontext häufig auf Unverständnis.
Ob Awareness-Team oder nicht, viele Betroffene sprechen nicht über ihre Erfahrungen mit übergriffigem Verhalten im Clubkontext, oder wollen anonym bleiben, um sich nicht weiterer Gefahr auszusetzen (was diverse Erfahrungsberichte auch aufzeigen).
Umgang mit Belästigung und Übergriffen
Viele Frauen bedankten sich, wenn man sich einmische und übergriffige Typen rausschmeiße, sie kämen aber nicht von sich aus zur Theke, zur Tür oder zum Awareness-Team. Der vorherrschende Umgang mit Belästigungen und Übergriffen sei oft noch, zu schweigen und zu hoffen, dass es schnell vorbeigehe, erzählt eine Türsteherin im Interview mit der jungle world.
Warum? Diverse Mechanismen greifen hier.
Täterschutz in der Clubszene: Verharmlosung
Zum einen wird in der Clubszene massiv Täterschutz betrieben. Das bedeutet: sexistisches und/ oder übergriffiges Verhalten wird toleriert, verharmlost, hingenommen. Hier geht es meistens um den eigenen Profit.
Sozialer Profit
Einerseits sozialer Profit: Die eigenen Kumpels nicht darauf ansprechen, dass es nicht cool ist, sexistische, queerfeindliche, rassistische und andere diskriminierende Aussagen zu tätigen, darüber zu reden, wie „geil man die Alte gebumst hat“. Der soziale Profit, an dieser Stelle zu schweigen, mitzulachen oder gar mitzureden liegt auf der Hand: Man(n) will nicht schlecht dastehen vor den eigenen Freunden.
Monetärer Profit
Andererseits, neben dem sozialen Profit gibt’s natürlich noch den monetären. Eine Stufe höher kommt die Macht in der Clubbranche mit ins Spiel: Lache ich mit dem Booker/DJ/Promoter über seine sexistischen Witze, damit er mich bucht, auf meiner Party spielt etc.? Denn, auch diese Brache folgt noch immer Regeln, die Männer gemacht haben (siehe bspw. „old boys network“) – Mackertum ist an der Tagesordnung und wer nicht mitspielt, profitiert nicht, sei es nun finanziell oder fame.
Ein schönes Beispiel ist (und ich nenne hier bewusst keine Namen, denn es geht um grundlegende Strukturen und nicht um „Einzelfälle“) wie fürs eigene Brand mit einem DJ kollaboriert wird, in dem Wissen, dass er sich übergriffig verhalten hat – nur für die Klicks, für Geld. Oder aber, wie durchaus nicht selten auf die Aussage zum übergriffigen Verhalten eines DJs (Managers/Politikers/…) sinngemäß geantwortet wird „sprich das nicht öffentlich an, das würde seiner Karriere schaden“, um nur zwei Beispiele zu benennen, die zeigen, wer welche Machtposition innehat und diese auch sichern möchte.
Machtmissbrauch
Auch Einzelne DJs missbrauchen ihre Macht, nicht im Booking-Kontext, sondern indem sie fame und Ressourcen (Gästeliste beispielsweise) nutzen, um sexuelle „Gefälligkeiten“ zu erbitten. Erinnert stark an den Firmenchef, der für sexuelle Handlungen eine Gehaltserhöhung verspricht, doesn‘t it?
Jetzt könnte das allseits beliebte Narrativ „Sie schläft sich hoch“ thematisiert werden, deswegen möchte ich hier direkt anschließen: Es gibt etwas, das nennt sich „Opfer-Täter-Umkehr“ bzw. „victim-blaming“.
Wieder zitiere ich die Rosa-Luxemburg-Stiftung und ihr „Ist doch ein Kompliment…Behauptungen und Fakten zu Sexismus“-Heft: „Eines der wirkungsmächtigsten und problematischsten Erklärungsmuster nimmt als Ursache für sexualisierte Gewalt nicht den Täter, sondern das Opfer in den Blick: Das Opfer selbst habe durch bestimmte Faktoren wie etwa Kleidungsstil, Verhaltensweise oder Alkoholkonsum sexualisierte Gewalt ausgelöst, so die Annahme. Dem Opfer wird suggeriert, es hätte eine Mit- oder sogar Hauptschuld daran, dass ihm Gewalt angetan wurde.
Das führt nicht nur dazu, dass Betroffene sehr häufig nicht die Hilfe und Unterstützung bekommen, die sie benötigen, sondern auch dazu, dass viele Opfer die Schuld bei sich suchen und sich nicht trauen, über ihre Erfahrungen zu sprechen oder sie zur Anzeige zu bringen. Der Täter wiederum wird entlastet, da er argumentieren kann, er habe sich aufgrund der Kleidung oder des Verhaltens des Opfers nicht beherrschen können.
Diesem Erklärungsmodell liegt also auch ein problematisches Bild von Männern als animalische Täter zugrunde. Seit den 1970er Jahren hat sich für diese Strategie der Schuldumkehr, die die Opfer zu Täter*innen macht, die Bezeichnung victim blaming (engl.: das Opfer beschuldigen) durchgesetzt.“
Sexualisierte Gewalt
An dieser Stelle möchte ich es nochmal ganz deutlich sagen, damit es auch wirklich ankommt:
DIE SCHULD FÜR SEXUALISIERTE GEWALT LIEGT NICHT BEI DER PERSON, DIE DIESE ERFÄHRT.
Stellt euch vor, jemand rammt euch ein Messer in den Rücken und wird dann freigesprochen, einfach weil „Die Farbe eurer Jacke ihn aggressiv gemacht hat“ – merkwürdig, oder?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Recht auf Ausdruck seines*ihres Selbst herrscht. Das bedeutet, Menschen dürfen sich schminken, anziehen was sie möchten – und das ist kein Freifahrtsschein, sondern schlicht und ergreifend ein Grundrecht. Genauso wie das Recht auf sexuelle Freiheit kein Pendant für „Recht auf sexuelle Handlung“ ist.
„Wirklich? Das kann ich mir bei dem gar nicht vorstellen, der ist doch ein ganz Netter…“
Gerade im hedonistischen Clubkontext ist das wichtig. Warum trauen sich Betroffene oft nicht, zur Tür, zur Bar oder anderem Personal im Club zu gehen, wenn sie sexualisierte Gewalt erleben? Weil es leider immer noch die Regel ist, dass Erfahrungen relativiert werden oder aber die Schuld den Betroffenen zugeschoben wird. Und schon Aussagen wie „Wirklich? Das kann ich mir bei dem gar nicht vorstellen, der ist doch ein ganz Netter“ fallen in diese Kategorie.
Nein heißt nein
Übrigens, erst seit 2016 ist gesetzlich verankert, dass sexualisierte Gewalt beginnt, wo ein „Nein“ missachtet wird. Vorher musste sich die betroffene Person „körperlich zur Wehr gesetzt haben“. Stell dir vor, jemand fragt dich, ob du eine Ohrfeige haben willst, du sagst „nein“, und die Person schlägt dich trotzdem. Gewaltvoll, oder nicht? Schon seltsam, dass wir bei sexuellen Handlungen die Grauzone ins schier Unermessliche ausdehnen wollen. Außerdem wichtig für den Clubkontext: Inwieweit ist die Person, mit der ich da gerade anbandle, überhaupt in der Lage, noch deutlich zuzustimmen oder eben „Nein“ zu sagen?
Lasst uns Betroffenen zuhören und Glauben schenken, statt Täter zu schützen.
Noch ein letzter Hinweis, wenn Menschen euch von Erfahrungen von sexualisierter Gewalt berichten: Relativierungen, defensive oder neugierige Fragen und Ähnliches kann retraumatisierend wirken. Hört zu, glaubt Betroffenen und schützt nicht die Täter, egal wie famous sie sind, wie nett ihr euch mit ihnen unterhalten habt oder was für coole Gespräche ihr beim Schnaps an der Bar mit ihnen hattet.
Aufschreie nach Aussagen wie der Konstantins oder, um lokal zu bleiben, gut vernetzter Booker/DJs/[Position in der Clubkultur hier einsetzen] sind wichtig und richtig, reichen aber nicht aus. Wir müssen auch darüber sprechen, dass antisexistische (genauso wie antirassistische) Positionen gerade in linken Kreisen oft performativ und nur auf Image-building ausgerichtet sein. Es geht nicht nur darum, offen sexistisch getätigte Aussagen von Menschen anzuprangern, die vielleicht außerhalb des eigenen Dunstkreises tätig sind. Es geht auch um das, was im Privaten passiert, es geht darum, sexistisches Verhalten anzusprechen und zu kritisieren, auch wenn es der beste Kumpel ist, der sie tätigt, und man vielleicht ein unangenehmes Gespräch führen muss.
„Viele von uns haben diese „guten Jungs“ so oft hinter verschlossenen Türen dabei gesehen, wie sie, wenn ihre Freunde sexistische, queerfeindliche, rassistische, ableistische und klassistische Dinge sagen, keinen Pieps von sich geben oder gar mitlachen. Die überwältigende Überzahl dieser […] Männer […] bleiben verbündet und profitieren finanziell von der Kommerzialisierung von Techno. […] Sie schweigen, wenn sie von sexuellen Übergriffen und Missbrauch hören […] und sie weigern sich, den Opfern zu glauben. Diese „guten Jungs“ fragen in aller Ernsthaftigkeit „Aber wo ist der Beweis?“, wenn jemand in ihrem Umfeld ein Sexualstraftäter ist oder häusliche Gewalt verübt.“
Menschen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, muss 1. Zugehört werden. 2. Glauben geschenkt und die Deutungshoheit über den Vorfall überlassen werden (Aussagen wie „also so schlimm ist das doch nicht!“ sind nicht einfach nur unsensibel, sie sind schlichtweg bagatellisierend gegenüber dem, was Menschen als grenzüberschreitend erleben – wir wissen nicht, was sich wann für Menschen „schlimm“ anfühlt. Also, Achim, nur weil du es „nicht so schlimm fändest“, wenn dir jemand im Vorbeigehen an die Hüfte greift, heißt das nicht, dass das für alle anderen ebenso gilt.)
„Nur weil du mal auf everydayfeminism.com einen Artikel über kulturelle Aneignung gelesen hast, deine coole Freundin dir gratis eine maßgeschneiderte Privaterziehung über Sachen gegeben hat, die eigentlich zum Grundwissen gehören, und du einmal eine Schwarze DJ für deine Party gebucht hast, bedeutet das noch lange nicht, dass du aus dem Schneider bist. Solange unsere Infrastruktur von diesem White Man Techno Club Bullshit dominiert wird, muss noch viel mehr Arbeit geleistet werden, um auch nur einen kleinen Schritt in Richtung Parität zu gewährleisten. […] Wir brauchen mehr als oberflächliches Ally-Theater.“ (Missy Mag, 29.06.17)
Weiterhin, 3., bedeutet Umgang mit Sexismus in der Clubkultur auch, Platz zu machen im old boys network für FLINT* und deren Perspektiven.
Platz machen
Platz machen kann bedeuten Positionen anders (nicht-männlich) zu besetzen, Line-Ups nicht nur tokenisiert mit FLINT* zu besetzen. Das bedeutet, niemandem im Vorbeigehen ungefragt IRGENDWOHIN zu fassen, das bedeutet nach einem „nein“ abzuziehen, das bedeutet, nicht bedenkenlos das Shirt im Club auszuziehen.
Eine Side-Note zum OKF Thema übrigens: Oberkörperfrei auf der Tanzfläche oder hinter dem Pult agieren – egal ob aus Imponiergehabe, Hitze oder anderen Gründen – ist indirekt eine, natürlich häufig unbewusste, Demonstration von Macht. Es vermittelt die Botschaft: „Ich kann hier mein Shirt ausziehen und trotzdem sicher sein, du als FLINT* kannst das nicht.“
Machtstrukturen zu kritisieren und Ally sein zu wollen – und das wollen doch Menschen, die sich Feminismus und Antirassismus auf die Stirn schreiben, dachte ich? – bedeutet auch, ein Stück vom Kuchen abzugeben, der durch Privilegien ungleich aufgeteilt ist.
Also: Platz machen, keine sexualisierte Gewalt ausüben, sensibel mit Betroffenen umgehen und nicht zuletzt monetäres und soziales Kapital umverteilen.
In Clubs, im Bekanntenkreis oder im Dating-Kontext erleben FLINT* sexualisierte Gewalt und andere extreme Grenzüberschreitungen durch Leipziger DJs und Veranstalter. Was muss sich ändern, damit Betroffene sich empowert statt machtlos fühlen und Täter nicht länger ungehindert in der Clubkultur partizipieren können?
Triggerwarnung: Im diesem Teil des Features werden sexualisierte Gewalt sowie Victim-Blaming, Täterschutz und struktureller Sexismus thematisiert, was möglicherweise triggernd oder retraumatisierend wirken oder anderweitig stark negative Gefühle auslösen kann. Wenn du selbst sexualisierte Gewalt im Clubkontext erlebt hast und gegen die Gewaltausübenden vorgehen möchtest, kann dir vielleicht dieser frohfroh-Artikel weiterhelfen – hier geht es um Unterstützungs- und Handlungsmöglichkeiten für Betroffene innerhalb der Leipziger Clubkultur.
Das Feature als Podcast
Betroffene und Gewaltausübende treten in den Erfahrungsberichten zwar anonym auf, doch sie sind keine Fremden – die Rave-Bubble in Leipzig ist schließlich gut vernetzt. Vielleicht hast du mal mit Alice1 einen Shot an der Bar getrunken, mit Mia1 in der Kloschlange gequatscht oder warst auf der gleichen Afterhour wie Sarah1. Vielleicht hast du zu einem Set von Niklas1 getanzt, warst auf einem Open Air von Devin1 oder hast Bekannte, die mit Moritz1 b2b spielen.
An die Leser, die keinen Sexismus oder sexualisierte Gewalt erleben: Ja, es ist verdammt unangenehm, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Aber FLINT*, die durchweg solche Erfahrungen machen, können sich auch nicht aussuchen, ob sie sich mit Sexismus und sexualisierter Gewalt auseinandersetzen wollen.
Hier geht es nicht um irgendein Problem, das woanders, ganz weit weg stattfindet und gegen das du eh nichts tun kannst – kurz mitfühlend aufseufzen und dann ohne schlechtes Gewissen wegklicken, ist nicht. Es geht um Gewalt, die Menschen in unserem engen oder weiteren Umfeld erleben. Und wir alle können aktiv werden, um unsere Clubkultur zu einem Raum zu machen, der für FLINT* sicherer wird.
Dazu später mehr. Zuerst müssen wir uns anschauen, was es bedeutet, dass die Täter in unserer Szene stark involviert sind und welche Parallelen sich in den individuellen Erfahrungen abzeichnen.
1 Namen zum Schutz der Betroffenen geändert (siehe Teil I.)
Booking-Boykott und Hausverbot statt Support und Fame
Verschiedenste Akteur*innen der Szene – Clubs, Kollektive und Einzelpersonen – teilen feministische, antisexistische und emanzipatorische Grundwerte und versuchen mit vielfältigen Mitteln, ihre Veranstaltungen und Räume für FLINT* so sicher wie möglich zu gestalten. Bei all diesem Engagement scheint unsere Clubkultur das Potential zu haben, der Utopie eines Safe Spaces für alle Feierenden eines Tages ziemlich nah zu kommen.
Doch Männer wie Niklas, Devin und Moritz machen diese Anstrengungen zunichte – ebenso, wie diejenigen, die sie schützen und ihr Verhalten tolerieren. Indem sie alle patriarchale Gewalt aufrecht erhalten, vergiften sie die Atmosphäre der clubkulturellen Rückzugsorte.
Die Gewaltausübenden dieser Recherche sind nicht nur als Gäste im Nachtleben unterwegs – sie sind als DJs und Veranstalter fester und aktiver Teil der Szene, die meisten tief in der lokalen Rave-Kultur verwurzelt. Sie veranstalten Open Airs und hosten Veranstaltungsreihen in Clubs. Sie werden für Raves gebucht, spielen in Livestreams und nehmen Podcasts für andere Kollektive auf. Sie werden von Clubs, Kollektiven und anderen Veranstalter*innen unterstützt, promotet und gefördert. Sie stehen am selben Abend hinter dem selben Pult wie FLINT*-DJs, die sich in feministischen Kollektiven wie Feat. Fem oder No Show engagieren. Kurz: Sie profitieren sozial und monetär von den Räumen, in denen sie sich gewaltvoll verhalten.
Mit ihrem DJ-Status befinden sie sich in einer Machtposition: Es kostet schon viel Kraft und Überwindung, sich im Club wegen eines übergriffigen Gastes an das Awarenessteam zu wenden – doch den übergriffigen DJ, der später noch auflegen soll, rausschmeißen zu lassen, ist noch mit zusätzlichen Hürden verbunden.
Genau wie den Mitgliedern seines Kollektivs zu schreiben, dass ihr Crewbuddy sexuell übergriffig wurde. Oder den eigenen Freund*innen zu erzählen, dass genau der Typ gewalttätig war, dessen Sets sie beim Vorglühen und auf Afterhours in Dauerschleife hören und von dem sie begeistert berichten, ihn beim Backstage-Plausch als ‚super korrekten Dude‘ erlebt zu haben.
Haben diese Männer den Support und Fame verdient, den sie bekommen? Ganz sicher nicht. Booking-Boykotte und Hausverbote scheinen eher angemessen. Wir sollten darüber sprechen, welche Rolle Maßnahmen wie diese spielen können – auch dazu später mehr.
Illustration von Jasmin Biber
Keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles Problem
Um Missverständnissen vorzubeugen: Dieses Feature möchte nicht behaupten, alle cis-männlichen DJs unser Szene seien per se misogyne und übergriffige Täter. Sicher gibt sich ein großer Teil der in unserer Szene aktiven Cis-Männer sogar aufrichtig Mühe, eigenes Verhalten und ‚Männlichkeit‘ zu reflektieren, sowie eigene Privilegien kritisch zu hinterfragen. Sie erkennen Sexismus als einen der gesellschaftlichen Missstände an und haben den Anspruch, sich FLINT* gegenüber respektvoll zu verhalten. Inwiefern es gelingt, die theoretischen Ansprüche im tatsächlichen Verhalten umzusetzen, ist allerdings eine andere Frage.
So ist es mindestens für FLINT* nichts Neues, dass es in unserer Szene trotz toleranter Mindsets und vermeintlicher ‚Aufgeklärtheit‘ einen ganzen Haufen Cis-Männer gibt, die sich – ob bewusst oder unbewusst – sexistisch verhalten oder äußern. Doch wohl erst die Menge an Erlebnissen, die sich in einem überschaubaren Zeitraum in derselben Stadt und derselben Szene ereigneten, gibt einen Eindruck vom Ausmaß der patriarchalen Gewalt in unserer Clubkultur.
Ein kleiner Exkurs zur sexualisierten Gewalt in den europäischen Gesellschaften: Laut einer repräsentativen europaweiten Studie über sexualisierte Gewalt aus dem Jahr 2014, durchgeführt von der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, hat jede dritte Frau (33 %) seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren. Allein in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung hatten etwa 8 % der Frauen zwischen 18 und 74 Jahren körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erlebt. Für Frauen in der Altersgruppe von 18 bis 29 sei das „Gefährdungsrisiko für sexuelle Belästigung“ überdurchschnittlich hoch: Mehr als jede Dritte von ihnen (38 %) hatte mindestens eine Form der sexuellen Belästigung allein in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung erfahren.
Wie groß die quantitative Dimension dieses Problems speziell in unserer Szene ist, kann diese Recherche nicht ermitteln. Doch zumindest sollte es nachdenklich machen, dass eine einzige Instagram-Story mit mäßiger Reichweite genügte, um zwölf Personen zu finden, die sexualisierte Gewalt und andere drastische Grenzüberschreitungen durch Leipziger DJs und Veranstalter erlebt haben. Plus einige weitere Menschen mit Sexismus-Erfahrungen durch die gleiche Personengruppe.
Unter anderem deshalb ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer der Fälle sehr viel höher ist – in Leipzig, wie auch in anderen Orten. Sexualisierte Gewalttaten gegen FLINT* sind also auch in unseren Kreisen keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles Problem. Das Conne Island bringt es in seinem Statement vom Januar 2020 auf den Punkt:
„Eine Szene – und dazu zählt das Conne Island –, die sich selbst als emanzipatorisch und antisexistisch begreift, ist keinesfalls immun gegen (bewusste oder unbewusste) machistische, frauenverachtende oder generell herabsetzende Einstellungen und Verhaltensweisen. […] Eine Selbstbeschreibung als feministisch [dient] mitunter nur als identitätsstiftendes Feigenblatt und [übersetzt] sich nicht automatisch in ein Handeln, das diesem Anspruch auch Rechnung trägt.“
Zwischen Club und Afterhour: Welche Bedeutung hat der Szene-Kontext?
Zwölf Personen haben ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt geteilt. In all diesen individuellen Geschichten lassen sich Parallelen erkennen, die deutlich machen, dass der clubkulturelle Kontext oft eine direkte oder indirekte Bedeutung hat.
Zuerst begegneten sich Betroffene und Gewaltausübende innerhalb der Szene. Einige der Übergriffe ereigneten sich in Clubs oder auf Afterhours. Manche Täter missbrauchen ihren Status oder ihre Privilegien als DJs und Veranstalter – siehe: Gästelistenplätze als ‚Köder‘.
Und teilweise spielen Alkohol und andere Drogen eine Rolle: Einige Betroffene waren zum Zeitpunkt des Übergriffs nicht in der psychischen oder körperlichen Verfassung, einer sexuellen Interaktion zu widersprechen oder sich körperlich zu wehren. Das nutzten die jeweiligen Täter aus oder wirkten durch das Drängen zum Konsum gezielt darauf hin.
Mit Blick auf den antisexistischen Konsens unserer Szene, der – zumindest nach außen – unter den allermeisten Akteur*innen besteht, liegt der Gedanke nahe, dass die Täter indirekt von diesem Konsens profitieren. Wer von Clubs gebucht wird oder in Kollektiven aktiv ist, die sich öffentlich antisexistisch positionieren, erhält vielleicht einen größeren ‚Vertrauensvorschuss‘, als eine weniger involvierte oder Szene-externe Person.
Zu groß scheint der Widerspruch, dass jemand, der in dieser Szene geschätzt wird und gut vernetzt ist, deren vermeintlichem Grundwert des Antisexismus mit gewaltvollem, sexistischem Verhalten widerspricht – insbesondere, wenn er vorgibt, diesen Grundwert zu teilen.
Sexistische Mikroaggressionen schaffen ein sexistisches Klima
In diesem Feature wird zwar hauptsächlich sexualisierte Gewalt thematisiert, doch dabei sollte auf keinen Fall die Bedeutung von sexistischen Mindsets und sexistischen Mikroaggressionen aus dem Blick geraten.
Hier eine Zusammenfassung entsprechender Handlungen von Leipziger DJs aus der Recherche zu diesem Feature: Einen Raum betreten, in dem gerade zwei weibliche DJs auflegen, und mit abfälligem Blick auf die beiden in gönnerhaftem Tonfall sagen: „Na, gucken wir uns mal an, was ihr Mädels da so liefert“. Einer weiblichen DJ vorschlagen, es doch einfach mal mit einem völlig anderen Genre zu versuchen, „weil es ja noch nicht so viele Frauen gibt, die sowas auflegen“. Einer Frau sagen, ihre Stimme klinge „wie im Porno“. Eine Frau, die auf sexistische und anderweitig diskriminierende Sprache hinweist, beleidigen und als „Kampfemanze“ bezeichnen. Einer Frau sagen, dass sie dieses Outfit nur tragen würde, um gratis Drinks an der Bar zu bekommen. Eine Frau, die nach einer Party mit zu ihm kommt und nicht mit ihm schlafen will, durch eine genervte und abweisende Reaktion doch noch zum Sex überreden wollen.
Eine Erfahrung, die auf dem Instagram-Account @iam_a_djgeteilt wurde: Eine DJ buchen zu wollen, ohne sich vorher ein Set angehört zu haben, einfach weil „wir das Lineup gern ein bisschen weiblicher gestalten wollen“ – sowas nennt sich übrigens Tokenismus. Weiblichen DJs vorwerfen, sie seien nicht wegen ihrer Musik, sondern wegen ihrer Social-Media-Präsenz erfolgreicher als man(n) selbst – die Quintessenz des inzwischen gelöschten Facebook-Posts eines Leipziger DJs und Bookers.
Mit diesem Post reihte sich jener DJ hinter Konstantin vom Weimarer Label Giegling ein – dieser hatte sich 2017 im Zuge eines Groove-Features ebenfalls misogyn über weibliche DJs geäußert. Im selben Jahr hatte ein Facebook-Post von DJ und Producer Johannes Heil für Aufsehen gesorgt: Heil schaffte es allen Ernstes, sich in wenigen Sätzen nicht nur mehrfach sexistisch, sondern auch noch bewusst ableistisch und queerfeindlich zu äußern, sowie die sachliche Kritik an seiner Wortwahl mit einer Anspielung auf toxische Männlichkeit – „Just grow some hair“ – lächerlich zu machen. Diese prominent gewordenen Fälle zeigen eindrücklich, dass derartige Sexismen keinesfalls ein lokales Problem sind.
Für einige mag solches Verhalten oder solche Äußerungen auf den ersten Blick harmlos scheinen – ‚Was soll sowas mit sexualisierter Gewalt zu tun haben?‘ Solche abwertenden und respektlosen Äußerungen und Handlungen gegenüber FLINT* sind Ausdruck patriarchaler Strukturen – ebenso wie derartiges unkommentiert stehenzulassen, zu akzeptieren oder wegzulachen.
Das alles ist Teil dieses gigantischen Problems, das unsere Subkultur ebenso wie die gesamte Gesellschaft betrifft. Es trägt zu einem Klima bei, in dem sexualisierte Gewalt erst möglich wird – auch, weil die gewaltausübenden Cis-Männer offenbar keine Angst vor negativen Konsequenzen haben müssen.
Wieso fühlen sich die Täter so sicher?
Angesichts der Erfahrungsberichte kann niemand behaupten, den jeweiligen Männern sei nicht bewusst gewesen, dass sie gerade sexualisierte Gewalt ausüben oder die Grenzen ihres Gegenübers auf andere Weise verletzen. Die Übergriffe selbst, das fehlende Schuldeingeständnis gegenüber den Betroffenen sowie der anschließende Umgang mit ihnen zeigen deutlich, dass die Täter keine Angst vor unbequemen Folgen haben – zum Beispiel negative Konsequenzen für freundschaftliche Beziehungen, Kollektivarbeit oder ihre DJ-Karriere. Wieso fühlen sie sich so sicher?
Die Übergriffe, die innerhalb der Szene geschehen, werden im Umfeld der Betroffenen und Gewaltausübenden häufig tabuisiert – sinngemäß: ‚Wenn wir nicht darüber reden, ist auch nichts passiert.‘ Doch eigentlich sollte genau dieses täterschützende Verhalten dem vermeintlich antisexistischen Selbstverständnis jener Leute massiv widersprechen.
Warum also wird sich zwar lautstark echauffiert, wenn sich ein Promi sexistisch geäußert oder ein fremder Typ in der Bahn eine Freundin belästigt hat, aber gleichzeitig geschwiegen, wenn der Täter ein guter Freund, b2b-Partner oder Crewbuddy ist?
Wieso verharmlosen und entschuldigen Freund*innen, Bekannte oder Kollektivmitglieder des Täters dessen sexualisierte Gewaltausübung gegenüber den Betroffenen – im Sinne von: ‚Der will doch nur flirten‘ oder ‚Zu mir war der immer cool, das war bestimmt nicht böse gemeint‘ oder ‚Das kann ich mir nicht vorstellen, eigentlich ist der doch voll feministisch drauf‘?
Warum wenden sie das Narrativ der sogenannten Täter-Opfer-Umkehr an – entweder offensiv, wie im Fall von Mia und Eva, oder subtiler: ‚Bei dem Outfit konnte er ja auch nicht anders‘ oder ‚Du hättest ja nicht mit ihm mitgehen müssen‘ oder ‚Du hast ihm doch signalisiert, dass du es auch willst‘?
Solche Äußerungen zeugen nicht nur von fehlender Solidarität und Unterstützung. Viel mehr können sie Betroffenen das Gefühl vermitteln, sie selbst würden ‚überreagieren‘ und erschweren die Erkenntnis, dass sie selbst nicht dafür verantwortlich sind – denn eigentlich sei doch nix gewesen und wenn doch, sei es ja sowieso ihre eigene Schuld.
Sie hindern Betroffene daran, das Erlebte für sich selbst und gegenüber anderen als sexualisierte Gewalt zu benennen und gegebenenfalls gegen die Täter vorzugehen. Das belegen die Aussagen einiger Betroffener:
„Mir ist es unangenehm, über diese ganze Sache zu sprechen. Aber das sollte es nicht sein. Ich schäme mich ein bisschen, und habe Angst, dass mir nicht geglaubt wird.“ – Clara
„Ich hätte auch Vertrauenspersonen in den Clubs, mit denen ich darüber sprechen könnte. Aber ich habe Angst vor dem, was im Nachgang passiert – dass der Shitstorm wieder losgeht, wenn ich outcalle. […] Ich glaube, diese Täter-Opfer-Umkehr war für mich damals fast noch schlimmer als der Fall an sich.“ – Mia
„Ich habe überlegt, gegen ihn vorzugehen. Aber ich hab schon so oft gehört, wie die Leute, die das getan haben, danach Probleme hatten. Wenn man die Täter mit Namen benennt, hat man in unserem patriarchalen System einfach die Arschkarte gezogen.“ – Sophia
Wenn sich Freund*innen oder Bekannte – egal ob bewusst oder unbewusst – auf die Seite des Täters stellen, wird der Übergriff durch seine Abwertung und das folgende kollektive Schweigen der Mitwissenden unsichtbar. Mit fataler Wirkung: Während das Verhalten des Gewaltausübenden durch den aktiven oder passiven Täterschutz normalisiert wird, er keine Konsequenzen erlebt und weitermachen kann, wie bisher, fühlen sich die Betroffen oft machtlos, alleingelassen und leiden teilweise noch Jahre danach darunter.
Aus welchen Gründen über Sexismus und sexualisierte Gewalt in den eigenen Reihen lieber geschwiegen wird, wie patriarchale Mechanismen und Strukturen funktionieren, wie sie in der Clubkultur aufrecht erhalten werden, wer davon profitiert und warum sie es Betroffenen so schwermachen, sich Unterstützung zu suchen, erläutert der frohfroh-Artikel Welche Strukturen der Clubkultur Täter schützen und sexualisierte Gewalt verharmlosen, welcher die Verortung der Erfahrungen dieser Recherche um eine strukturelle Einordnung ergänzt.
Was du kannst du tun, wenn du selbst betroffen bist?
Es gibt einige Wege, Unterstützung zu erhalten und gegen gewaltausübende Personen im Clubkontext vorzugehen – auch, wenn diese als DJs oder Veranstalter unterwegs sind.
Wenn du beispielsweise Clubs meidest, in denen die gewaltausübende Person häufig unterwegs ist, dich beim Feiern unwohl fühlst, weil du Angst hast, der Person zu begegnen oder wenn du befürchtest, die Person könnte auch gegenüber anderen Leuten gewalttätig werden, kannst du entsprechende Clubs auffordern, der Person ein Hausverbot zu erteilen – was im Fall eines DJs auch ein Gigverbot einschließt.
Diese Möglichkeiten kannst du übrigens nicht nur nutzen, wenn du sexualisierte Gewalt erlebt hast, sondern bei jeder Art von Diskriminierung, Grenzüberschreitungen und/oder Gewalt.
Auch wenn es dir unangenehm ist, auch wenn du dich schlecht fühlst, auch wenn du erst mal nur drüber reden willst oder auch gar keinen Bock hast, drüber zu reden. Sprich uns an.“ – Support-AG des Institut fuer Zukunft, Website
Wie reagieren, wenn dir eine betroffene Person ihre Erfahrung anvertraut?
Die Feminismus-Aktivistin Julia hat von sexualisierter Gewalt Betroffene gefragt, welches Verhalten sie sich von ihrem Umfeld gewünscht hätten. Auf ihrem Instagram-Account @trinksaufmich teilt sie die Antworten in Form von Tipps für den Umgang mit Menschen, die ihre Geschichte erzählen. Hier eine Auswahl ihrer Hinweise, frei nach ihrem Post:
Im Gespräch: Wenn dir eine Person ihre Erfahrung anvertraut, stell keine Fragen, wie: ‚Bist du dir sicher?‘; ‚Wie konntest du das zulassen?‘ oder ‚Hast du auch wirklich ‚Nein‘ gesagt?‘. Mach der Person keine Vorwürfe. Nimm die Situation ernst, höre einfach zu und sag erstmal nichts.
Bemitleide die betroffene Person nicht. Zeig stattdessen Verständnis, indem du etwas sagst, wie ‚Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie du dich fühlst‘, statt ‚Ich versteh das‘. Gib es zu, wenn du überfordert bist und nicht weißt, was du sagen sollst. Stell keine Vergleiche zu anderen Betroffenen auf und gib keine Bewertung ab, wie ‚Das passiert vielen‘.
Nach dem Gespräch: Reduziere die betroffene Person nicht auf ihre Erfahrung. Brich den Kontakt zur gewaltausübenden Person ab. Frag die betroffene Person öfter, wie es ihr geht – auch noch Jahre später.
„Das Wichtigste: Ich glaube dir. Ich supporte dich. Ich bin da für dich.“ – Julia, Aktivistin
Was Clubs und Kollektive tun können
Clubs, Kollektive und andere Veranstalter*innen tragen immer eine gewisse Verantwortung für das Wohlbefinden ihrer Gäst*innen, Crewmitglieder und Helfer*innen. Essenziell dafür sind die Club- oder Kollektiv-eigenen Awareness-Teams, die auf vielen Veranstaltungen präsent sind und aktiv werden, wenn jemandes Grenzen überschritten wurden und die Person um Unterstützung bittet.
Doch auch außerhalb des Feierkontextes wird in unserer Szene sexualisierte Gewalt ausgeübt. Um dagegen vorzugehen ist es zunächst notwendig, dass ihr euch als Kollektiv und als Einzelpersonen über strukturellen und individuellen Sexismus und sexualisierte Gewalt informiert bzw. weiterbildet – denn nur, wenn wir verstehen, wie patriarchale Strukturen funktionieren und wie sie sich speziell in der Clubkultur manifestieren, haben wir eine Chance, sie zu überwinden. Dabei helfen kann euch zum Beispiel der bereits erwähnte frohfroh-Artikel Welche Strukturen der Clubkultur Täter schützen und sexualisierte Gewalt verharmlosen.
Für die Unterstützung von Betroffenen ist es wichtig, nicht nur auf den einzelnen Veranstaltungen ansprechbar zu sein. Vor allem, wenn es euer Kollektiv direkt betrifft: Was wäre, wenn eines eurer Kollektivmitglieder oder ein DJ, mit dem ihr zusammenarbeitet, sexualisierte Gewalt ausübt oder anderweitig Grenzen überschreitet?
Nehmt euch Zeit, um beim Plenum über diese Frage zu sprechen – auch, wenn sie erst einmal rein hypothetisch ist. Aber falls es doch passiert, seid ihr immerhin vorbereitet. Überlegt euch, für welche Grundwerte eurer Kollektiv steht, welche Verhaltensweisen diese Werte verletzen und wie ihr vorgehen wollt, falls ein Kollektivmitglied entgegen dieser Werte handelt. Besprecht, welche konkreten Schritte folgen könnten, wenn ihr von einem Übergriff oder Gewalt durch eines eurer Mitglieder erfahrt.
In Bezug auf Kollektiv-externe DJs, denen ihr zum Beispiel mit Bookings oder in eurer Podcast-Reihe eine Plattform gebt, könnt ihr euch dieselben Fragen stellen. Inwiefern wollt ihr jemanden tolerieren und supporten, wenn diese Person die Grenzen anderer verletzt?
Denkt darüber nach, wie ihr es Betroffenen leicht machen könnt, sich an euch zu wenden, und wie ihr deren Anonymität wahren könnt, falls das gewünscht ist. Legt eine kleine Gruppe von Crewmitgliedern fest, die in einem solchen Fall zuständig wäre. Diese Gruppe kann zunächst mit der betroffenen Person und der gewaltausübenden Person sprechen, dann die ganze Crew über den Vorfall informieren und schließlich den kollektiven Aufarbeitungsprozess anleiten.
Eine eigene AG kann hilfreich sein, um sich mit bestehenden Konzepten auseinanderzusetzen – zum Beispiel dem der ‚Transformativen Gerechtigkeit‘ – und konkrete Handlungsschritte für entsprechende Fälle zu erstellen.
Falls ihr tatsächlich in eine solche Situation kommt: Nehmt die betroffene Person ernst, verharmlost ihre Erfahrung nicht und gebt nicht ihr die Schuld am Erlebten. Fragt sie, was sie sich von euch wünscht und sprecht alle Schritte mit ihr ab. Vor allem: Zweifelt nicht an der Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen –auch, wenn es euch vielleicht auf den ersten Blick unwahrscheinlich erscheint, weil die gewaltausübende Person jemand ist, den ihr kennt.
Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die benannte Person Täter ist, ist sehr viel höher, als dass die betroffene Person nicht die Wahrheit bezüglich des gewaltvollen Verhaltens erzählt. So kommt eine Studie im Auftrag der europäischen Kommission aus dem Jahr 2009, die Strafverfolgung von Vergewaltigung in Deutschland untersuchte, zu folgendem Schluss:
„Entgegen der weit verbreiteten Stereotype, wonach die Quote der Falschanschuldigungen bei Vergewaltigung beträchtlich ist, liegt der Anteil bei nur 3%.“ – Studie der EU-Kommission
Wenn euch ein entsprechendes Gerücht über ein Kollektivmitglied – oder einen DJ, mit dem euer Kollektiv zusammenarbeitet – zu Ohren kommt: Ignoriert es nicht. Versucht stattdessen herauszufinden, wieso es entstanden sein könnte. Gerüchte müssen zwar keinen wahren Kern haben, aber wenn es euer Kollektiv betrifft, habt ihr die Verantwortung, aufzuklären, was wirklich passiert ist.
Kollektive Verantwortung: Was wir alle tun können
Wenn Menschen die Grenzen anderer verletzen, geschieht das nicht immer bewusst oder mit Absicht. Um Grenzüberschreitungen zu vermeiden, ist die Reflektion eigener Privilegien und des eigenen Handelns unfassbar wichtig.
Zum Beispiel müssen wir Räume schaffen, in denen Cis-Männer ihre Privilegien, ihre Sozialisierung und ihre Vorstellungen von (toxischer) Männlichkeit untereinander kritisch reflektieren und aufarbeiten können. Doch natürlich reicht es nicht, wenn nur Cis-Männer ihr Verhalten reflektieren: Wir alle müssen darüber nachdenken, was unser Handeln bei anderen auslösen kann.
Wir müssen es akzeptieren, wenn Menschen ihre Grenzen aufzeigen – auch, wenn dies nonverbal geschieht. Wir müssen klar und deutlich fragen, was für unser Gegenüber okay ist – insbesondere, wenn es um körperliche Nähe oder sexuelle Interaktion geht, und vor allem, wenn die andere Person unter Einfluss von Drogen steht. Wenn wir die Grenzen einer anderen Person verletzt haben, müssen wir dafür die Verantwortung tragen.
Sexismus und sexualisierte Gewalt sind tief in unserer patriarchalen Gesellschaft verwurzelt. So sehr wir uns unsere Clubkultur als Gegenentwurf dieser Gesellschaft, als emanzipatorischen Zufluchtsort wünschen – wir müssen uns bewusst sein, dass sich soziale Machtverhältnisse nicht einfach in Luft auflösen werden. Wenn patriarchale Strukturen bestehen bleiben, wird es auch in unserer Szene weiterhin sexualisierte Gewalt geben.
Deshalb liegt es an uns: Wir müssen aufhören, Betroffenen von sexualisierter Gewalt ihre Erfahrungen abzusprechen oder ihnen die Schuld am Erlebten zu geben. Wir müssen aufhören, eigene Interessen über die Bedürfnisse von Betroffenen zu stellen und ihnen damit zu schaden.
Wir müssen ein Klima in unserer Clubkultur schaffen, in dem Betroffene sich sicher sein können, Solidarität und Unterstützung zu erhalten. Ein Klima, in dem sich Betroffene empowert statt machtlos fühlen – egal, ob die gewaltausübende Person Gast oder DJ ist. Ein Klima, in dem Täter wissen, dass ihr Handeln Konsequenzen für sie hat.
Wir müssen Sexismus sichtbar machen und das Schweigen über sexualisierte Gewalt in unserer Szene brechen. Unser Feminismus darf nicht da aufhören, wo der Täter kein Fremder, sondern ein Freund ist.
Illustrationen von Jasmin Biber.
frohfroh.de benutzt Cookies. Wenn du unsere Website weiter nutzt, gehen wir von deinem Einverständnis aus. Du kannst aber auch ablehnen oder später widerrufen. As you like!
Du kannst deine Cookie-Ablehnung jederzeit widerrufen, indem du den den Button „Zustimmung widerrufen“ klickst.