Close to … Musik und Neurologie

Musik und Tanzen können glücklich machen – das ist klar. Wenn man aber selbst Musik undzugleich Sport macht, ergibt sich ein echter Euphorieschub. Dies hat Prof. Tom Fritz herausgefunden – und wir haben ihn mit der Kamera begleitet.

Durch eine Podiumsdiskussion im Rahmen des Pop-Kultur-Festivals in Berlin sind wir auf Prof. Tom Fritz aufmerksam geworden.

Er forscht am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften zum neurologischen Einfluss von Musik auf den Menschen. Das wollten wir genauer wissen und haben ihn in seinem Institut und seiner Plagwitzer Werkstatt besucht. Hier ist unser Video-Beitrag zu ihm – realisiert vom relativ kollektiv.


An dieser Stelle noch einmal ein großes Danke an die 320 Menschen, die uns finanziell unterstützt haben, damit wir die „Close to …“-Reihe tatsächlich realisieren können. Besonders seien hier die LiveKomm Leipzig, Robert Seidel und Franziska Hoppe von Spannkraft erwähnt.

Aber eben auch: Steffen Friedrich, Arian Micheel, Falk Wacker, Robert Handrow, Clemens Ruh, Hans Wilde, Marcel Aue, Leandro Olvech, Stefan Streck, Frederik Sander, Henry Franke, Götz Fabian, Max Öyvind Wiesner, Georg Bigalke, Jan-Philipp Sacher, Stanley Baldauf, Walter Freund, Jan Stern, Stefanie Wittrisch, Thomas Pätz, Ronny Turich, Ronny Turich, Benedikt von Hearthis.at, Thomas Goldacker, Ronny Gerber, Rouven Faust, Andreas Stephan, Paul Reimann, Friederike Bernhardt, Gerit Hofmann, Thomas Scholz, Saskia Lina Steszewski, Christoph Linke, Sascha Philipp, Ernst-Moritz Mitzscherling, Constantin Rein, Matteo Koch, Richard Laqua, Tino Michalak, Jonathan Skorupa, Stefanie Höfer, Stefan Schubarth, Jana Fischer, Alexander Gaudl, Chris Schreiber, Tim Woytczak, Steffen Thieme, Falko Haak, Sebastian Wolter, Ines Steinmetzger, Mathias Dragon, Elias Bouldjediane, Christian Kaspar, Stefan Schaible, Julian Baur, Tom Gärtig, Micha Hübel, Anne Zischka, Vincent Neumann, Martin Berthold, Florian Seidel, Christian Lowcut, Tina Gleichmann, André Knappe, Henrik Fischer, Annett Grundke, Christoph Schirmer, Matthias Speck, Sebastian Richter, Adem Zor, Til von Liftboi, Andy Rimkute, Katharina Groll, Anne Haupt, Fabian Russ, Martin Rieger, Rose Records, Julian Walther, Nicholas Mockridge, Sebastian Mendel, Manuel Emmelmann, Marcus Dahms, Aaron Vargas Rüger, Tim Krause, Marcus Engert, Ray Kajioka, Julius Koch, Jens Otto, Philipp Klein, Mathias Ache, Dominic Sattler, Thomas Jurk, Sebastian Vogt, Martina Müller, Steffen Woyth, Herr Noland, Sophia Wagner, Juliane Streich, Zacharias Bähring, Christian Simchen, Astrid Tuchen, Thomas Grabsch, Martin Ränker, Oliver Walter, Thomas Neumann, Oliver Krause, Stephanie Wilfert, Mario Linke, Fabelwesen Berlin, Udo Kaufhold, Benjamin Dohmann, Johannes Amm, Sebastian Ganze, Karin Scherpe, Conrad Kaden, Nicole Brachvogel, Daniel Gläser, Anna Hübner, Florian Sturm, Markus Krasselt, Laura Eisfeld, David Uhlitzsch, Philipp Dietzsch, Lorenz Wolff, Rene Pölzing, Susann Redlich, Christian Pohle, Lars Kosubek, Robert Willi Hornig, Christof Stricker, Philipp Romeike, Stefanie Knabe, Yvonne Strüwing,
Geri Hofmann, Marc Silva, Mandy Engel, David Herrmann, Ilja Iwlew, Tim Hartlep, Matthias Wolf, Claudia Heldt, Christiane Kornhaß, Helene Thiem, Michael Politz, Stefan Schneider, Christian Zoch, Sophie Esders, Sophie Esders, Klausi Nicolausi, Martin Günther, Martin Günther, Stephan Riebe, Anne Peuker, Christoph Funke, Dustin Krah, Tino Friedenstein, Stefanie Schweiger,
Stefan Winter, Arved Clute-Simon, Dirk Ehrlich, Steve Nadzeika, Anne-Katrin Liebmann, Thomas Rümmler, Christian Bender, Mechi Plum, Marko Knaack, Roman Tittmann, Sascha Uhlig, Ilka Richter, Rocco Berndt, Ronny Vogel, Monique Salzmann, Nicolas Kölmel, Michael Wallies, Sandra Hader, Thomas Jurk, Christoph Krämer, Johannes Beck, Willi Thomas, Charlott Bodenschatz, Sebastian Riehm, Sebastian Fischer, Lars Schlüter, Nils Neubauer, Sara Recknagel, Jakob Wulfert, Christoph Mengel, Patrick Kozma, Nici Palm, Maria Ruhe, Julia Dencker, David Auer, Alina Kiesow, Karsten Weyh, Sebastian Sickel, Matthias Zich, Benedikt Fitzke, Peter Kaatzsch, Wiebke Menzel, Thomas Reiche, Jörg Krüger, Hr. Schmirler, Jonathan Schwarze, Daniel Döhler, Aniko Bartfai, Matthias Groß und Natalie Noack. Sowie all die anonymen Unterstützer/-innen.

Possblthings goes East

Vor knapp einem Dreiviertel Jahr hat sich der Possblthings-Plattenladen aus Connewitz verabschiedet – jetzt poppt er für eine Woche in Schönefeld auf.

Man könnte meinen, da wächst aus der Not heraus ein neues Konzept: Ein nomadischer Plattenladen, der einmal quer durch die Stadt wandert und sich temporär in bestehende Läden und Clubs einnistet.

So interessant der Gedanke ist, es ist doch alles banaler: Noch immer haben die Betreiber keinen geeigneten Ort für den Possblthings-Store 2.0 gefunden. Nach den Ausflügen ins Plagwitzer Fetti Amore und ins Institut fuer Zukunft, werden die Platten deshalb für eine Woche in Reudnitz aufgebaut.

Host ist die die Projektwohnung Krudebude (Stannebeinplatz 13, 1. Stock). Neben altem und neuen Vinyl wird es täglich von 11 bis 20 Uhr auch Secondhand-Klamotten, Patches und temporäre Tattoos geben. Außerdem wird es eine Austellung mit Werken von Jan Wozny, Wera Jane und anderen Künstlern/innen geben.

Eine Platte möchten wir besonders ans Herz legen: die dritte EP von Possblthings selbst. Sie erschien im letzten Dezember und featured Milium. Seine beiden Stücke pendeln in Lofi-Ästhetik zwischen House und Oldschool-Electro, immer auch mit einer roughen Post-Punk-Attitüde, wie sie zuletzt auch vom Leipziger Label Sign Bit Zero gern hervorgeholt wurde.

Bei Milium spielt aber nicht die provokative Rauheit eine Rolle, sondern mehr das Forschen und sich Verlieren in analogen Sounds.

Musik aus Leipzig zur Winterzeit

2017 ist vorbei, der Winter lugt um die Ecke, die Feiertage sind mehr oder weniger gut überstanden – eine guter Zeitpunkt, dem wieder eintretenden Alltagstrott neue Musik entgegenzusetzen. Hier einige Perlen der letzten Zeit:

NUUK „Tungaa / Tunnguit“ (Edition Schulze)

Zu hoffentlich bald möglichen Spaziergängen in verschneiter Landschaft passen die acht Stücke der EP „Tungaa / Tunnguit“ von NUUK. In sehr eisige Drone- und Ambient-Gefilde taucht das gemeinsame Projekt von Walter Schulze und Lorenz Erdmann von Meier und Erdmann ab. Dabei schimmern immer eigentümliche Melodien durch die hypnotisierenden Schwingungen. Sie wirken eher bizarr statt gefällig – klar, findet hier doch das Eigenleben modularer Synthesizer seinen Ausdruck.

Das zweite Release der Edition Schulze nach „Water On Mars“ ist zugleich das erste physische: Neben der digitalen EP gibt es 55 Kassetten von „Tungaa / Tunnguit“, auf denen die Stücke ineinander überblendet werden. Passenderweise, denn wer braucht beim Tape schon Pausen?

Und ein Vogelbeobachtungsvideo gibt es außerdem dazu:

Tinkah’s & Schmeichel „Tinkah’s & Schmeichel’s Herbs“ (Pattern // Select)

Natürlich ebenfalls als limitierte Kassette erscheint auch ein neues Release auf Pattern // Select: Tinkah und Schmeichel präsentieren uns auf jeweils einer Seite eine Auswahl ihrer Beats.

Tinkah beginnt dabei sehr zurückhaltend und unterlegt seine Soundscapes mit tiefen Bässen, ab und zu hervorblitzenden Beats und seltener auch mit Soul-Samples. Besonders zum einnehmenden „Skin“ driftet die Aufmerksamkeit in andere Sphären ab. Bei Schmeichel sind die Beats dann etwas prägnanter, mehr von Samples geprägt und spielen bspw. mit Footwork-ähnliche Patterns. Aber auch hier schleichen sich atmosphärische Flächen wie bei „U2“ und „REAL“ ein.

Neben dem entspannten Sound gibt es auch 22 Tapes, denen Teebeutel beigelegt sind – bestehend aus von den Künstlern selbst gesammelten Kräutern. Perfekt für verregnete Januar-Tage.

Peter King „One Shot Of Vodka“ / Monkey Marc „Post Traumatic Dub“ (Jahtari)

Bei Jahtari gibt es neue 7″-Singles: Peter Kings „One Shot Of Vodka“ ist ein großer Kneipen-Hit, der eigentlich durchgängig Bock auf die Kombination – na klar – Bier, Wodka und Tanzfläche macht. Auf der Rückseite gibt es wie üblich den Riddim in dubbiger Aufbereitung, diesmal von Naram produziert.

Ohne Vocals hingegen sind die beiden wunderbar nach Computerspiel-Soundtracks klingenden Tracks von Monkey Marc. Beim „Post Traumatic Dub“ und beim „Deception Dub“ meine ich Melodiefetzen aus Monkey Island herauszuhören und bekomme einen Nostalgie-Flashback. Auch das Cover weist darauf hin, aber Monkey Marc versteckt die offensichtlichen Melodien des legendären Soundtracks gekonnt in seinen Versionen.

Jahtari Reissues

Außerdem hat Jahtari vor einer Weile Roger Robinsons „Dog Heart City“-Album auch auf Vinyl herausgebracht – ein guter Zeitpunkt, Robinsons Storytelling nochmal gebührend zu würdigen. Und wer noch eine größere Summe in Jahtari investieren möchte, kann das Original-Artwork zum Cover (made by Kiki Hitomi) auf der Website des Labels ergattern.

Immer noch nicht genug? Auch die tolle „Jahtarian Dubbers Vol. 2“-Compilation gibt es jetzt auf Vinyl.

Kurt Y. Gödel „Axiomatic System“ (Yuyay)

Bei Yuyay ist die neue Veröffentlichung eigentlich eine alte: Das Album „Axiomatic System“ gibt es jetzt auch auf Vinyl. Wir erinnern uns: „Analoge Weirdness, abgedreht und poetisch zugleich“, schrieb Jens 2015 dazu. Eigentlich ein schönes Zeichen, dass die Nachfrage nach dem älteren, digital veröffentlichten Material von Yuyay Records für eine Vinyl-Pressung reicht.

Enuit „Side Tracks“

Bereits seit September gibt es auch eine neue, selbst veröffentlichte EP von Enuit. Vier Tracks sind auf der „Side Tracks“-EP zu hören, die eine eher dunkle Grundstimmung im Fokus haben. Die abseits der geraden Bassdrum programmierten Beats bleiben dabei stets aufgeräumt und eignen sich daher für DJs auf dem weiten Terrain irgendwo zwischen Techno und Dubstep.

Zusätzlich eingesprochene Vocals geben dem vorletzten Stück „Die Schlange der Liebe“ dazu regelrecht Hörspielcharakter. Am stärksten bleibt bei mir aber „A White Night“ mit seiner eisigen Atmosphäre hängen.

Fast verpasst: Der exLEpäng Adventskalender

In Vorbereitung zum Jahresend-Rave-Marathon Deathemberfezt öffnet exLEpäng jeden Tag ein DJ-Mix-Türchen.

Jaja, da sind wir viel zu spät dran: Nicht nur bei R.A.N.D. Muzik erwarten uns jeden Tag im Advent eine musikalische Überraschung, auch exLEpäng bereiten sich und ihr Publikum auf diese Weise auf das gnadenlose Deathemberfezt vor, welches heute Abend beginnt. Alle Infos dazu findet ihr hier.

Eine ganze Reihe DJs aus dem Umfeld der Crew wurde nicht nur für den Adventskalender zusammengetrommelt, sondern werden selbstredend auch beim Deathemberfezt am Start sein. Kurz gecheckt – ja, hier werden zumeist die härteren Facetten elektronischer Musik zelebriert: Acid, Breakcore, Industrial, natürlich Techno und vieles mehr. Dass dabei immer der Spaß an der Sachen im Vordergrund steht, wird nicht zuletzt auch an den Beschreibungen der einzelnen Mixe deutlich. Aber überzeugt euch selbst:

Behind the nights – Boundless Beatz

Jubiläum, Jubiläum: Zehn Jahre schon feiern die Breakbeat-Heads mit Boundless Beatz. Wir schauen mit audite von der Crew zurück.

Wer in den letzten zehn Jahren gern zu Drum & Bass, Dubstep und ähnlichem tanzen gegangen ist, dürfte früher oder später mit Sicherheit auf Boundless Beatz gestoßen sein. Kein Wunder – der Kopf dahinter, audite, gehört zu den umtriebigsten Akteuren im Bereich der gebrochenen Beats in Leipzig. Neben zahllosen DJ-Gigs und Radio-Shows sind es vor allem seine Aktivitäten im Veranstaltungsbereich, die die Vielfalt der lokalen Breakbeat-Szene fördern.

2005 verschlug es audite nicht nur für das Studium von Mainz nach Leipzig. Durch Metasound, jetziger Label-Chef von Break The Surface, lernte er die hiesige Szene kennen und begann auch recht schnell, mit ihm diverse Projekte anzustoßen bzw. gemeinsam fortzuführen. Im Staubsauger veranstalteten sie die Bassline Surfers Sessions und hosteten abwechselnd die zuvor von Metasound gegründete Radiosendung „3tes Ohr“.

Zwei Jahre später fiel der Startschuss für Boundless Beatz: Die erste Radioshow unter dem neuen Namen lief auf DNB Radio und im Jahr darauf fand die erste größere Party im Westwerk statt, bei der Boundless Beatz zunächst nur als „Crew-Name“ auf dem Flyer auftauchte – ihr wisst schon, das was immer in den Klammern hinter den DJs steht. Dennoch sollte es bis 2013 dauern, bis sich Boundless Beatz mit Dubbalot zur Crew erweiterte, erzählt audite:

„Nach meinen ersten Erfahrungen war es mir lieber, die Fäden erstmal allein zu ziehen, da ich dadurch viel freier in meinen Entscheidungen und auch flexibler in den Line-ups war. Ich musste keine weiteren Crew-DJs bei der Gestaltung des Line-ups einbinden und konnte so immer stärker an einem musikalischen roten Faden arbeiten, dem ich mich selbst entsprechend unterordnete.“In der Zwischenzeit folgten viele Veranstaltungen, die auch mal bestimmte Genres in den Vordergrund stellten: Von Dubstep über Ragga Jungle zu Liquid Funk oder 90ies HipHop wurden die verschiedenen Schubladen im Bereich Breakbeat durchwühlt. Dabei arbeitete audite oft mit anderen Veranstaltern in allen möglichen Locations zusammen und konzipierte z.B. einen Boundless Beatz-Floor auf einer Sehstörung-Party in der G16. Aber auch die Partys im Absturz, die er zusammen mit J.SN veranstaltete, sind in Erinnerung geblieben:

„Die Absturz-Partys sind vom Vibe her bis heute unerreicht geblieben.“

– „Trotz der extrem schwierigen Situation mit dem Besitzer war es ein sehr angenehmes Zusammenarbeiten mit der Crew vor Ort.“

Rückblende: Aufgrund großer Streitigkeiten mit der Feinkost-Genossenschaft war der Absturz eine Zeit lang die wahrscheinlich umstrittenste Location der Stadt, die sich dennoch nicht über einen Mangel an Gästen stören musste.

„Ich konnte relativ unbekannte DJ-Freunde aus ganz Deutschland einladen, da die Bude nicht wegen des Line-ups, sondern wegen der Party voll wurde. Die gute Stimmung unter den Künstlern und der Crew übertrug sich auf das Publikum und somit waren das ganz tolle Nächte“, sagt audite.Die Förderung neuer und junger Acts wurde seitdem bei Boundless Beatz groß geschrieben – auch mit einer im Club-Kontext eher selten aufgegriffenen Idee: Beim „Newcomer Rollout“ können sich aufstrebende DJs und Producer auf einen Slot bei den Partys bewerben. So wurden Talente wie z.B. Cook!, Kator, dreadmaul, BRKN1, Dubbalot und MechxnizeD gefördert.

„Das ist das, worauf ich als Promoter am meisten stolz bin. Es macht mich glücklich zu sehen, dass ich hier meinen Teil zu einer gewissen Nachhaltigkeit der Kultur beitragen konnte und diese Jugendförderung vermisse ich ehrlich gesagt bei den meisten anderen Crews bis heute“, resümiert audite.

dreadmaul ist dann auch der Grund für die Label-Erweiterung bei Boundless Beatz im Jahr 2015. Seitdem wird die Crew zusätzlich von Sophia unterstützt. Gute Sache, bleibt doch immer weniger Zeit für das Wesentliche:

„Was sich natürlich stark geändert hat, ist die Abhängigkeit bzgl. Social Media. Man muss als Label und Promoter eigentlich Soundcloud, Hearthis, Facebook, Youtube, Twitter, Instagram und mindestens noch die eigene Homepage im Blick haben. Wenn man das jeden Tag vernünftig abarbeiten will, ist der Tag rum,“ so audite.

Ebenso auffällig sind für ihn auch die Erwartungen des Publikums, das sich inzwischen viel leichter vorab über die Party, die Künstler und deren Musik sowie über die Locations informieren kann: „Die Bereitschaft sich mit Geduld auf einen Abend einzulassen und zu schauen, was mit einem selbst und den anderen passiert, ist deutlich geringer als früher. Wenn manche Gäste nicht sofort das bekommen, was sie wollen, können sie mitunter anstrengend werden.“

Dass sich audite und die restliche Crew von Boundless Beatz dennoch nicht von ihren Aktivitäten abhalten lassen, sieht man nicht nur an den vielen größeren Bookings in den letzten Jahren: Mit S.P.Y., Chimpo, Skittles, Command Strange, Intelligent Manners, Joe Syntax und Ed:it waren so einige Schwergewichte des Drum & Bass zu Gast – einige absolvierten sogar ihre ersten Auftritte in Deutschland dank Boundless Beatz. Und natürlich, auch das Jubiläum wird am 8.12. in der Distillery ausgiebig gefeiert.

Kjubi & Amon Bay „cwyu / Home“ (Boundless Beatz)

Seit Oktober ist die siebte EP auf Boundless Beatz erhältlich. Zwei Tracks von Kjubi gibt es hören, die zudem Vocals von Amon Bay featurn: Überraschenderweise bedeutet dies Gesang statt Sprechgesang, wodurch die beiden Tracks „Can’t Wake You Up“ und „Home“ stark in Richtung Pop schielen.

Oh, oh: Die Kombination aus Drum & Bass und Pop (bzw. Gesang generell) war bei Freunden gebrochener Beats schon immer gleichermaßen geliebt wie gehasst. Einerseits erreichen entsprechende Tracks ein größeres Publikum außerhalb der eigentlichen Szene, andererseits wurden schon einige schlimme Songs auf die Menschheit losgelassen.

Kjubi und Amon Bay sind sich dieser Problematik sicherlich bewusst und setzen beide Songs sowohl im Gesang wie auch in den Sounds recht zurückhaltend um. „Can’t Wake You Up“ setzt dabei auf eine recht kühle Atmosphäre, die im späteren Teil um jazzige Einsprengsel ergänzt wird. „Home“ ist da in der Dramaturgie schon offensiver und Amon Bay kommt hier etwas stärker aus sich heraus. Dennoch fährt das Stück an derselben Stelle stark zurück, an der sich so manch andere im Schwülstigen verlieren. Wegen der direkteren Art bleibt es mir zumindest aber auch stärker in Erinnerung.

Ich bin gespannt, ob Kjubi und Amon Bay diese Idee weiterverfolgen. Im Grunde wäre es möglich, sowohl in Sounds, Breaks und Struktur noch größere Wagnisse einzugehen oder aber tatsächlich die Pop-Seite stärker herauszustellen. Vielleicht finden sie auch die Mitte aus beidem.

Herbst-Update bei Alphacut

Neuigkeiten aus dem Hause Alphacut: Neben der „Slow Blasters EP“ gibt es ein Wiederhören mit Alpha Cutauri und einen Sampler-Beitrag von LXC.

Hysee „Solstice Boundaries EP“ (Alpha Cutauri)

Die bereits achte Alpha Cutauri sammelt diesmal sieben Stücke von Hysee zusammen, der mir bis dato kein Begriff war. Vielleicht ist das auch nicht wichtig: Auch bei dieser EP scheint es, als wäre die Musik direkt für das Label entstanden. Wieder gibt es knisternde Beats, eingehüllt in behutsam schwebende Sounds, die einerseits zum Tagträumen verleiten, genauso aber dazu anspornen, aufmerksam zuzuhören.

Das lohnt sich, da immer wieder neue Details zum Vorschein kommen. Obwohl nur drei bis fünf Minuten lang, spielen die Tracks dank ihrer hypnotischen Wirkung mit der Wahrnehmung von Zeit – als wären sie auf Vinyl gepresste Wurmlöcher.

Various Artists „Slow Blasters EP“ (Alphacut)

Als Ausgleich zum ruhigen Sound auf Alpha Cutauri bietet sich wiederum die „Slow Blasters“-EP des Mutterschiffs Alphacut an. Mit „I Run Shit“ vom Duke of Juke deutet schon der erste Track direkt auf den Juke-Einfluss hin, der auf keiner EP von Alphacut bisher so deutlich im Zentrum stand wie auf dieser.

Aufmerksame Leser erinnern sich bestimmt an den Beitrag des Duke of Juke zur ersten Bassmæssage-Platte. Auch mit „I Run Shit“ hat der Duke of Juke Spaß an dieser roughen HipHop-Attitüde, die in dem Sound steckt. Hinter dem Pseudonym steckt übrigens Noize Creator, der in Dresden mit Suburban Trash einen Mailorder und ein Label betreibt.

Der zweite Beitrag „A Demon“ stammt von Ddog aus Finnland und bringt gleich brutalere Drums mit, die zwischendurch in dämonische Höhen gepitcht werden. Für Fans des eher darken Raves, aber auch für Freunde spannender Breakbeat-Bearbeitung genau das Richtige.

Auf der B-Seite schließen dann Blind Prophet und Bukkha sämtliche Lücken, denn hier treffen ebenfalls Juke-inspirierte Patterns auf Dub-Einflüsse, Jungle und amtlichen Acid. Klingt in der Beschreibung vielleicht wie eine überladene Kombination sämtlicher Retro-Trends, funktioniert aber prima und könnte ein kleiner Hit werden.

Die beiden letzten Tracks – „In Between“ von Sun People sowie „Gimme Gimme“ von Paranoid One – verquicken ebenfalls Juke und Jungle. Gerade bei „In Between“ schaukeln sich die Drums wunderbar auf und überschlagen sich fast im zweiten Teil. Daran darf sich das Jungle-Revival gern messen.

Various Artists „Sounds From The Well: Collection 1“ (Khaliphonic)

Außerdem gibt es auch neue Musik vom Alphacut-Boss LXC selbst: Das zusammen mit Dubmonger produzierte Stück „101 Delaytionz“ bleept wunderbar zwischen den Nahost-inspirierten Tracks des Sampler „Sounds From The Well: Collection 1“ hervor.

ANAx – Analogsoul hört auf

Analogsoul war schon immer gut im klugen Inszenieren. Und so wird zum zehnten Geburtstag des Labels zugleich sein Ende verkündet.

Ganz überraschend kam die Nachricht nicht, war es in den letzten Monaten doch still um Analogsoul geworden. Im Abschiedsbrief steht der Grund dafür: Es sind eine Menge weiterer Projekte entstanden – von der Musikproduktion oder Musik-Agentur bis zur Beratung und Verwaltung.

Analogsoul war für all das sicherlich eine gute und wichtige Keimzelle, eine Spielwiese auf der verschiedene Ideen ausprobiert werden konnten. Das Veröffentlichen einer Platte dokumentieren etwa, oder das Verhältnis zwischen Band und Publikum in Social Media-Zeiten neu aufzustellen. Oder zu fragen, was eigentlich aus Pop wird, wenn Spotify erst nach 30 gespielten Sekunden bezahlt.

In gewisser Weise haben die neuen technischen Möglichkeiten vielleicht auch dazu beigetragen, sich zu fragen, warum es überhaupt noch ein Label braucht: „Im Jahr 2018 brauchen unabhängige Acts nicht zwingend ein Label, nicht zwingend analogsoul, um ihre Musik verfügbar zu machen und zu promoten. Die Werkzeuge dazu sind da, die digitale Revolution hat geliefert“, heißt es im offiziellen Abschluss-Statement.

Das Gleiche können auch wir uns fragen: Braucht es überhaupt noch einen Blog wie frohfroh? Oder ist nicht alles Relevante schon in den Social Media-Blasen zu finden. Inklusive Gossip aus dem Backstage und Hotel.Das tolle an Analogsoul war das Wachsen mit zu erleben. Der Weg von der CD-R zum ersten Vinyl, später ausgiebige Touren und aufwendig produzierte Musikvideos. Es ging auch im Kleinen – das hat Analogsoul immer sehr selbstbewusst bewiesen. Nach zehn Jahren ist nun Schluss und es gibt es eine große Abschiedsbox mit einigen wichtigen Releases. Auf 50 Stück ist sie limitiert. Und im nächsten Frühjahr soll es noch einmal eine Abschiedsparty in Leipzig geben. Wir sagen Danke Ana.

Afterhour #12 Liebe, Techno, Leipzig – fragmentiert

Hier ist sie, die letzte Ausgabe der Afterhour-Kolumne von Antoinette Blume. Zum Abschluss hat sie einen Kandidaten frei.

Ausgewachsen, erwachsen?
Wir sind ganz am Ende und doch wieder am Anfang. Im Dezember „hab ich einen frei“; es ist bald Weihnachten, Silvester und die Afterhour endet. Wtf. Mein Baby. Unser Baby, pardon, ist jetzt schon erwachsen.

Vor einem Jahr hat mich mein Freund, Mitbewohner und Freund-Freund Manuel gefragt: „Schreib doch mal über Liebe im Nachtleben, wie wäre das?“ – und damit hat das Ganze hier angefangen. Rausgekommen ist natürlich nix über Liebe, die Idee hat sich gewandelt, verwandelt, hatte ihre guten und ihre schlechten Momente. Es ist nicht alles perfekt geworden, ich habe Fehlerchen (nicht nur Kommafehler) gemacht, hab es genossen, hab weiterhin gefeiert (jetzt aus literarischen Recherchegründen), geschrieben, notiert. Sagte ich schon gefeiert? Und bei jeder Ausgabe habe ich Manuel meine Texte mit verstellter Stimme vorgelesen. „Gedankenstrich, in Klammern, klingt das doof?“ – als Antwort kam fast jedes Mal in singendem Badisch: „Des machscht!“

Und jetzt bekommt er seinen eigenen Text. Weil ich „einen frei hab“. Und damit endet ein Stück Historie. Stimmt schon, denn da war mal das Westwerk, das gibt es jetzt nicht mehr. Da war mal Solaris als Bookerin, die jetzt ein Label gegründet hat und sich als Bookerin (aber nicht als Resident) aus dem Institut für Zukunft zurückgezogen hat, da war mal Ronya Othmann, die seitdem tausend Gedichte mehr geschrieben hat und da waren mal wir, die wir von jeder Ausgabe zur nächsten etwas schlauer geworden sind.

Steckbrief
Lieblingsclub?Westwerk (R.I.P.)
Musik oder Rausch?Rausch, Musik, Rausch, Musik
ZuhausemusikAmbient

Fragmente der Nacht
Kommunikationsdesigner, Live-Act, Badener. Das beschreibt in drei Worten die augenscheinlichsten Eckdaten von fragmentiert, der eigentlich Manuel heißt. Seit drei Jahren in Leipzig, fast jedes Wochenende unterwegs, zwar mehr die Fraktion „ich gehe mal eine Rauchen“ (und ward nie mehr auf der Tanzfläche gesehen), aber trotzdem, eine recht intensive Feierexpertise lässt sich erahnen.

Bar oder mit Karte?
Seinen ersten Auftritt hatte er damals im Westwerk, die nächsten auch, dann mal im Elipamanoke und auf verschiedenen Open-Airs.

Zwei Wochen vor seinem ersten Auftritt wurde dann auch ihm klar, dass es Zeit wäre, sich Equipment zu besorgen, zu leihen, zu testen, wenigstens zu üben. Im Laden fiel ihm noch sein MacBook runter (Ach, Manu …) und der nötige Technikkram war vorhergesehen recht preisintensiv. Half ja nichts, auf Raten abbezahlen und am Mittwoch auftreten. So kam er zu seinen Lieblingsgeräten und dem ersten Auftritt, Feuerprobe geschafft.

Irgendwann kam dann das lang ersehnte und herbeigewünschte Booking im Institut für Zukunft. Funfact: Wir saßen gerade im Eventpalast an der Alten Messe und sahen uns eine grotesk-schlechte (!!!!!!!) Dinoshow an, als eine Mail mit verheißungsvollem Absender kam. Wir gingen dann, ohne dem schlecht gecasteten Paläontologen und der restlichen Gaunerbande Tschüß zu sagen. Sie werden im Notfall ihre Tränchen der Enttäuschung mit den von uns bezahlten Geldscheinen trocknen. Man merkt, ich kann diesen Tag nicht vergessen … Zurück zu fragmentiert.

Seit September gibt es im Institut für Zukunft einen monatlichen Ableton-Workshop (den gab‘s vorher schon, aber es musste aus bekannten Gründen erstmal ein Umzug vom Westwerk ins IfZ vollzogen werden), bei dem sich Manu engagiert. Techno habe ihm eine neue Welt eröffnet, eine Parallelwelt, in die man sich nicht nur flüchten kann, sondern mit der man etwas erschaffen kann. Dazu habe die Leipziger Feierwelt mit diversen Veranstaltungen, Filmscreenings und Vorträgen dazu geführt, dass er sich mehr mit Chancengleichheit in der Musikszene auseinandersetzt. Das Thema klang auch in dieser Kolumne an, wirkt scheinbar positiv ansteckend.

Berghain oder Bahncard
Einfach weil ich‘s kann, verrate ich euch noch zwei-drei Kleinigkeiten über fragmentiert. Er ist ein richtiges Fangirl von fr. JPLA und tausendschüchtern. Manus größter Traum ist übrigens nicht im Berghain zu spielen (das ist Platz 2), sondern mit einer Bahncard 100 alle Bahnhöfe Deutschlands zu bereisen. Kein Scherz, er liebt Bahnhöfe, Schienen, Züge, Tunnel, es fehlt ihm nur die Modelleisenbahn, um den Spleen so richtig perfekt zu machen.

Schlusswort
Und … und was war‘s jetzt? Ja schon, aber noch nicht ganz. Es wird keine neuen Ausgaben der Afterhour geben; es bleibt bei diesen zwölf zufällig, nicht so zufällig und überzufällig ausgewählten Menschen, die ihrerseits (meine) Fragmente der Nacht abbilden. Einzelne Menschen wurden beleuchtet, nicht weil sie repräsentativ für die Leipziger Feierszene sind, denn vielleicht sind sie das, vielleicht nicht – es sind zwölf Individuen, die am Nachtleben teilhaben, auf die ein oder andere Weise, im Publikum, als Produzent_in, Veranstalter_in, Türsteher_in, Barfrau_mann, Techniker_in, DJ*, etc, etc, etc. Diversität deskriptiv abbilden, das habe ich versucht, ob das alles so geil geworden ist, wie ich mir das dachte, ist natürlich fraglich und möchte und kann ich nicht beantworten.

Wie bei einer guten Hausarbeit für die Uni muss ich im Teil „Limitationen“ noch ein letztes (schnief!) Mal alles auseinanderreißen, um dann zu sagen: Ich gebe das Thema der Forschung frei, erneute, kommende Betrachtung ist notwenig, gewünscht, wird Spaß machen.

Um den Abschied besser zu verkraften, wird es noch etwas Besonderes geben. Zum Abschluss wird die Afterhour gedruckt in ‚A6-Passt-in-die-Bauchtasche-Format‘ in verschiedenen Clubs ausliegen – mit einem exklusiven Illustrationsteil mit den Arbeiten von Simon Guthold und Lea Wegner aka Slinga Illustration. Ein kleines Stück historischer Feierwelt wird also ab Dezember in Leipzig rumgehen.

Das Heftlein ist kostenlos, zum Herumtragen, Lesen, Anschauen und Weitergeben. 100 Stück werden gedruckt, die wir mit einem kleinen Fördermittelbonus finanzieren. Dazu wird es eine Ausstellung am 7.12.2017 im Institut fuer Zukunft geben. Im Rahmen der Channel-Reihe werden die Artworks von Manuel ausgestellt und an diesem Abend könnt ihr euch unser Magazin das erste Mal genauer anschauen & mitnehmen.

Und damit endet die Afterhour, nicht hier im digitalen Web, sondern bei euch, face2face. Wie im real life: Da passieren die wirklichen Sachen, hier wird nur darüber geschrieben.

Es wird noch ein Stückchen länger, denn ich muss noch Danke sagen. Danke an alle Beteiligten der Kolumne, allen voran Henry und Manuel. Danke an alle zwölf Porträtierten, Danke an Simon und Lea für eure Illustrationen. Lena – Danke! – this is for you, meine beste, talentierteste Freundin, du hast den Print erst möglich gemacht. Und Danke an jede_n, die_der die Kolumne liest, gelesen hat und ein Küsschen an all diejenigen, die bis zum Schluss mitgefeiert haben.

Foto (as always) von Henry W. Laurisch und Artwork dieses Mal von Oliver Sommer.

Advent Advent mit R.A.N.D. Muzik

Im letzten Jahr überraschte uns R.A.N.D. Muzik mit exklusiven Tracks und Vinyl-Verlosungen in einem Adventskalender. Auch 2017 gibt es einen.

Heute ist der 1. Dezember, da öffnen sich eine Menge kleine Türchen. Doch statt Schokolade, Spielzeug oder anderem Kram, kann sich dahinter auch Musik verstecken. R.A.N.D. Muzik wird die nächsten 24 Tage jeweils einen unveröffentlichten Track zum Streamen präsentieren. In alphabetischer Reihenfolge sind dabei:

Adel Akram, Biased, Carmel, Consulate, Cow Cablin, Dj Chimalena, EBS, Falke, Feineinspeiser, Hedon the Cat, Guy Contact, Juliane Moll, Markus Malur, Natalie Luengo, Nikita von Tiraspol, Peacy Peus, Schönfeld, Senate, Shy Time, Tim Schlockermann, The Same Ones, Triangle Iliman, Tsorn, Two Tone

Außerdem sind immer wieder Vinyl-Verlosungen geplant – dran bleiben lohnt sich also. Und er wissen möchte, was R.A.N.D. Muzik selbst in den letzten Wochen veröffentlicht hat, klickt am besten hier.

Autumn Backstock 2017 #1

Ein Dutzend EPs sind im bisherigen Herbst von Leipziger Labels und Acts veröffentlicht worden. Mit vielen guten Tracks – wir haben uns durch die Platten der fünf aktivsten Labels gehört.

Aktiv heißt, dass die Labels in den letzten Wochen gleich zwei neue Releases veröffentlicht haben. Und besonders aktiv waren: Riotvan, R.A.N.D. Muzik, Rat Life Records, A Friend In Need und Ortloff. Here I go.

Llewellyn „The Other Side Of You“ (Riotvan)

Riotvan-Platten sind immer erfreulich. Vor allem wegen ihrer unaufdringlich positiven Vibes. „The Other Side Of You“ sorgte aber für einen Tick mehr Euphorie, denn es ist die erste komplette EP von Llewellyn, dem Nebenprojekt von Lake People. Bisher war er unter diesem Namen nur auf diversen Compilations vertreten.

In dem kompakten EP-Format wird der musikalische Llewellyn-Rahmen noch einmal deutlicher. Es geht um House mit leichter Disco-Patina. Da formen sich aus den Synths eingängige Melodien heraus, ergänzt um verspielte Piano-Spuren bei „Again & Again“. Und auch die Beats klingen bewusst simpler und trockener angelegt.

Doch anders als beim Disco-Appeal bei Rose Records, schimmert bei Llewellyn immer eine gewisse Melancholie mit. Es ist kein purer, grenzenloser Hedonismus, es ist eher ein beseeltes Innehalten. Das verleiht den Tracks trotz aller Eingängigkeit eine erhabene Tiefgründigkeit.

Jennifer Touch „Feeling C Remixes“ (Riotvan)

Dass dies auch für die Remixe von Llewellyn gilt, ist auf der jüngsten Riotvan-EP zu hören. Sie ruft mit fünf Remixen noch einmal die wunderbare „Feeling C“-EP von Jennifer Touch aus dem letzten Jahr hervor. Llewellyn strafft „Wordless“ hier sehr schön zu einem 80s-Pop-Song, inklusive dem Wechselspiel aus Kühle und Exaltiertheit.

Den düsteren Grundsound von Jennifer Touch lässt Llewellyn unberührt, wie auch Chinaski und Curses. Wobei letztere die versteckten Industrial-Einflüsse der Originale viel stärker betonen. Panthera Krause glättet dagegen mehr, indem er die hell klingenden Streicher in den Mittelpunkt rückt. Beides hat seinen Reiz.

Auch Jennifer Touch hatte offenbar Lust, einen ihrer Tracks eine neue Nuance zu geben. „No One“ klingt im „Michigan Mix“ selbstbewusster und poppiger, ohne die schwerfällige, leicht obskure Atmosphäre des Originals. Ein Gewinn auf jeden Fall.

QY „4 / American“ (R.A.N.D. Muzik)

R.A.N.D. Muzik hat scheinbar nachhaltig Freude daran gefunden, eigene Platten zu veröffentlichen. Nach der Picture-Disc-Compilation im Sommer folgte im frühen Herbst eine 10″ mit zwei Tracks von QY. Und das ist umso erfreulicher, da sich das Leipziger Duo zuletzt immer mehr vom Feel Good-Deep House weg in breakigere Gefilde entwickelt hat. Bei „4“ kommt dies auch zum Tragen. Ein House-Electro-Hybrid, der mit seinen kickenden, gebrochenen Bassdrums und der verschlungenen Deepness großes Anziehungspotential in sich birgt.

„American“ ist da etwas geradliniger, aber in eine angenehme Dub-Schwere eingebettet. Aus dem Off tauchen klassischen Deep House-Chords auf, aber der dusty Sound raut alles ganz dezent an. Kann es nicht mehr QY-Tracks geben?

Various Artists „RM12001“ (R.A.N.D. Muzik)

Eine weitere R.A.N.D. Muzik-Platte vereinte wieder mehrere Künstler auf zwei Vinyl-Seiten. Alle kommen aus Leipzig und alle arbeiten auf unterschiedliche Weise mit analogen Sounds. Yuyay Records-Betreiber Robyrt Hecht kooperierte mit XY0815 – den wir vor drei Jahren mitentdeckt haben – und belebt einmal mehr den federnd-crispen Electro-Sound. In dem Feld bewegt sich auch Varum, allerdings gleichermaßen treibender und melodischer.

Und auch Perm ist auf „RM12001“ abseits der Techno-Hypnose zu erleben. Sein „All“ – übrigens der erste betitelte Track von ihm – wandelt sich vom reduzierten Techno- zum Electro-Track mit Acid-Einschlag. Doch selbst in diesem neuen Kontext schafft es Perm, seinen hypnotischen Vibe zu integrieren.

Ein Lächeln zaubert schließlich Credit 00 mit „On Hold“ auf diese Compilation. Sein Electro-Entwurf öffnet mit super verspieltem Funk die Herzen und holt Electro aus dem dunklen Keller heraus. Damit zeigt „RM12001“, welche Vielfalt im manchmal sehr stereotypisch bespieltem Oldschool-Electro eigentlich steckt. Super Artwork übrigens auch.

One Day In Metropia „Rat Life 11“ (Rat Life Records)

Credit 00 ließ uns in diesem Herbst noch auf andere Weise lächeln. Denn Rat Life, das von ihm kuratierte Sublabel von Uncanny Valley, brachte zwei neue EPs heraus. Eine davon ist die Ausgrabung einer Handvoll Tracks, die vor rund zehn Jahren live im Dresdner Elektronik-Underground kursierten. Und sie passen heute perfekt in das aktuelle Revival des klassischen Electro-Sounds.

One Day In Metropia bewegt sich im schrofferen Bereich des Electro, mit packenden Beats, scharfen Synths und schnarrenden Basslines. Dazu gibt es klassische Chords bei „Solaris“. Am interessantesten sind aber „Terminal 1c“ und „Static Dynamic In The Stratosphere“ – letzterer, weil es mit seinen beißenden Synthwirren und dem verstockten, immer wieder entgleitenden Beat eine durchaus andere Note in die bekannte Electro-Welt bringt. „Terminal 1c“ klingt dagegen mit der super prägnanten Melodie wie ein echter Classic. Und möglicherweise ist er das in der Electro-Szene auch, 2010 wurde das Stück schon einmal beim Dresdner Netlabel Phonocake veröffentlicht wurde.

Credit 00 verewigt sich auf dieser EP auch. Er remixt einen Track namens „Homeless“. Super trocken schnarrend und mit ebenso trockenem Drumming. Da braucht es keinen Staublappen zu Hause mehr.

Cuthead „Big Time“ (Rat Life Records)

Für mehr Überraschung sorgte aber die zwölfte Rat Life. Denn mit Cuthead hätte ich bisher nicht auf diesem Label gerechnet, immerhin steht Rat Life schon für roughe, lofi-eske Sounds. Cuthead dagegen für House- und HipHop-Brücken mit viel Jazz- und Soul-Anleihen. Scheinbar hatte er darauf aber keine Lust und so entstanden einige erfrischend reduzierte Tracks zwischen Electro und Lofi-House.

Die oftmals so entwaffnende Cuthead-Leichtigkeit kommt aber weiterhin durch. Und genau das macht die Tracks so hörenswert. „Big Time“ und „Headspin“ bringen beispielsweise Funk in den kalten Electro hinein. „5 Hard“ scheppert dazwischen mit herrlich übersteuerten House-Beats und einer simpel eindringlichen Melodie. Dagegen gerät „Watfast“ mit seiner finsteren, alles einnehmenden Acid-Modulation auf eine eigenwillige Rave-Bahn. Diese EP ist ein im besten Sinne gelungener Ausbruch aus dem bisherigen Cuthead-Rahmen.

Antonio „Hazzze / Paranoia / Trigger 2“ (Ortloff)

Damit zu Ortloff. Das Label befindet sich seit rund einem Jahr in einer interessanten Transformationsphase, weg vom deepen House hin zu schroffem Electro. Der Italiener Antonio brachte diesen neuen Weg kürzlich auf den vorläufigen Höhepunkt, indem er drei peitschende und übersteuert rau klingende Techno- und Electro-Tracks lieferte. Richtig verrückt wird es mit »Trigger 2«, einem elf Minuten langen Electro-Gemetzel, das sich mit klirrenden Synth-Sounds und hektischen Beats in Mark und Hirn reinfrisst. Ein herrlich gewagtes Stück, mit dem sich ein Dancefloor entweder sprengen oder zur komplett Ekstase bringen lässt.

„Paranoia“ und „Hazzze“ docken rhythmisch und atmosphärisch am Industrial an, nur bleiben hier das Dark-Wave-Pathos draußen. Erfreulicherweise. Wie auch die gesamte EP.

Bad Penny „Night Will Come“ (Ortloff)

Eine ganz andere Tür öffnete Ortloff mit der letzten EP. Bad Penny, das ist die Grafikerin Marcea Decker aus New York, die mit „Night Will Come“ erstmals musikalisch in Erscheinung tritt. Die 7″ ist geprägt von zwei- bis dreiminütigen Songs in einem unterkühlten Wave-Post-Punk-Setting. Zu minimalistischer und simpler analoger Elektronik singt Marcea Decker mit dunklem Timbre Geschichten über die Abgründe ihrer Heimat. Ästhetisch ist das gar nicht weit vom dystopischen Sign Bit Zero-Sound.

Rowvn „Memory Lane“ (A Friend In Need)

Das letzte fleißige Label in dieser Backstock-Übersicht ist A Friend In Need. Überhaupt gibt es gerade kein anderes Leipziger Label – außer Moon Harbour – dass so regelmäßig neue Musik veröffentlicht, auch den gesamten Sommer hindurch. Für Rowvn aus Köln ist es die erste komplett eigene EP. Und die klingt durchaus sehr eigen mit ihrem ebenso tighten wie filigranen, freundlichen und überaus musikalischen House. Besonders „Is It Real“ hat es mir mit den ungewohnt verdichteten, blechernen Beats angetan.

Doch auch bei „Feels“ und „Trip Down Memory Lane“ bleibe ich durch den Kontrast von kickender Bassdrum, super sanfter Flächenchords und einer gewissen Verspieltheit hängen. Irgendwie geht hier vieles auf, was ich an House mag.

Various Artists „Leipzig Only 3“ (A Friend In Need)

Ganz frisch draußen ist der dritte Teil der „Leipzig Only“-Reihe, die, wie der Name es andeutet, ausschließlich Leipziger Acts featuret. Darunter wieder Blinds und A Friend In Need-Betreiber Lootbeg sowie Nova Casa. AEZKVLAP hatte ich bislang nicht auf dem Schirm, doch „Ande“ überzeugt gleich durch die sich zuspitzende Verschmelzung aus Deepness und Acid-Rauheit.

Blinds und Nova Casa sind mittendrin im Lofi-House-Hype, dessen matschige Ästhetik bislang aber nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat. Lootbeg wiederum bewegt sich mit „Sorry Wrong Chat“ sehr straight und stromlinienförmig an den Übergang zum Techno, inklusive raumgreifender Synths und einer gewissen Dramatik. A Friend In Need hat gerade einen sehr erfreulichen Lauf.

Two Play To Play – Auftakt – Interview mit Martin Kohlstedt

Klassik und freie Szene, U und E – die neue Reihe „Two Play To Play“ möchte Brücken schlagen und bringt Musiker aus verschiedenen Sphären zusammen. Wir begleiten das Projekt und haben einführend mit Martin Kohlstedt gesprochen.

Bisher brachte die Audio Invasion neue Perspektiven aus Pop und Elektronik ins Gewandhaus. Doch das Kuratorenteam dahinter wollte einen neuen Raum für den gegenseitigen Austausch schaffen, der länger als eine Nacht anhält. So etwas lässt sich jedoch nicht von Heute auf Morgen planen, vor vier Jahren keimte die Idee auf, dann wurde sie in den auf Jahre hinaus geplanten Gewandhaus-Kalender eingetaktet.

In dieser Spielzeit ist es nun soweit: „Two Play To Play“ geht in die erste Runde. Die Reihe bringt Musikerinnen und Musiker des Gewandhauses und der freien Szene zusammen und lässt sie gemeinsam ein Stück entwickeln, das am Ende uraufgeführt wird. Das erste Experiment wagen der GewandhausChor mit seinem künstlerischer Leiter Gregor Meyer sowie der in Weimar lebende Pianist Martin Kohlstedt.

Das Clash-Setting ist durchaus spannend: Hier ein semiprofessioneller Chor mit langer Tradition und einem experimentierfreudigen Leiter, dort ein emotional improvisierender Solitär, der vor wenigen Tagen erst sein drittes Album „Strom“ veröffentlicht hat. Was für Reibungen und Überschneidungen solch eine Zusammenarbeit erzeugen kann, lässt sich jederzeit mitverfolgen. Die Reihe ist keine Blackbox – mit einem Blog, öffentlichen Proben und einem Künstlergespräch auf der Bühne ist das Publikum nahe an der Entwicklung dran.

Und auch wir sind dabei: frohfroh ist Medienpartner von „Two Play To Play“ und begleitet die Reihe über die gesamte erste Spielzeit. Wir sind bei den öffentlichen Proben dabei und berichten natürlich auch von der Uraufführung am 8. Juni 2018. Zum Auftakt haben wir mit Martin Kohlstedt gesprochen.Kam die Anfrage aus dem Gewandhaus für dich überraschend – oder gab es schon einmal Berührungspunkte mit einer Institution der klassischen Musik?

Überraschend ist das richtige Wort. Ich fühlte mich erstmal wie vor einem weißen Blatt Papier, als die Anfrage kam. Ich konnte mir auf Anhieb viel vorstellen und auch ganz viel nicht. Ich war erstmal hin und her geworfen und wusste gleichzeitig, was es wohl für eine Arbeit wird, wenn ein intuitiver Kopf auf die hoch perfektionierte Klassik trifft. Wie das miteinander reagieren kann – ob es das will. Es ist ein sehr schöner Moment gewesen, als ich Gregor kennenlernen durfte. Er hat mich in Weimar besucht und da war alles ziemlich schnell auf einem guten Kurs, weil ich gemerkt habe, dass der Gewandhauschorleiter ein eigenes Vokabular hat, bei dem auch ich mit meiner intuitiven Art anknüpfen kann. Da wurde die perfekte Brücke zwischen mir und dem gesamten Chor geschlagen.

Es gab also noch keine Zusammenarbeit mit anderen Häusern oder Ensembles?

Ich habe natürlich schon in vielen klassischen Häusern gespielt, wahrscheinlich einfach aus dem Grund, weil ich am Piano sitze. Und da haben sich schon viele solche Cross-over-Geschichten – wenn man das mal so hässlich ausdrücken darf – ergeben. Aber es gab tatsächlich noch nicht den richtigen Ansatz. Im Iran habe ich schon einmal gemeinsam mit klassischen Komponisten gespielt, aber die Arbeit mit einem Chor war bisher nur ein filmmusikalischer Traum.

Wie war das Gefühl, als das Gewandhaus anfragte – war da auch eine erdrückende Ehrfurcht dabei?

Ich habe es eigentlich als Ehre empfunden. Ich war sehr glücklich, dass ich dafür ausgewählt wurde. Vor zwei Jahren hatte ich zur Audio Invasion im Hauptsaal gespielt – scheinbar hat das etwas hinterlassen, so dass dieser Gedanke zustande kam, gemeinsam das Publikum vom Gewandhaus ein Stückweit zu verjüngen. Man liefert quasi das Symbol zwischen den Welten und das fand ich ganz schön.Es gibt zur „Two Play To Play“-Reihe einen Blog, der eure Stationen dokumentiert. Im Interview nach dem ersten Treffen mit Gregor meintest du, dass du froh warst, dass du bei ihm nicht erst „klassische Betonwände“ einreißen musstest. Was sind für dich „klassische Betonwände“?

Man muss schon sagen, dass der allgemeine Klassiker ein wahnsinnig perfektionierter Handwerker ist, der in einem hierarchischen, oft auch unfreien System abliefern muss. Das ist keine Haltung von mir, das ist die harte Linie des Klassikers, um in täglicher Übung auf den perfekten Punkt hinzuarbeiten. Ich kultiviere genau das Gegenteil und das kann natürlich nur Reibung erzeugen. Ich versuche absichtlich zu vergessen, worum es beim Musikmachen geht und lasse es live völlig improvisiert aufeinander klatschen, spiele teilweise bis hin zum Unsauberen und versuche das Scheitern zu provozieren.

„Klar, da gab es Bedenken – und die gibt es immer noch.“

Mal sehen wie es ist, das erste Mal gemeinsam in der Chorprobe zu stehen. Mit Gregor selbst war es bisher eine total schöne Sache. Wir haben uns von Anfang an auf Augenhöhe erwischt und geben Fifty-Fifty in das Projekt hinein. Fifty-Fifty Partituren und Freiheit klatschen aufeinander. Wir sind guter Dinge, aber es sind trotzdem noch 70 Menschen daran beteiligt, die ausführen – und da bin echt gespannt, wie das funktioniert.

Bisher gab es nur die Konzeptionstreffen mit Gregor oder hast du auch schon mit dem Chor sprechen können?

Es gab noch kein privates Sprechen mit dem Chor, ich habe ihn live im Gewandhaus gesehen und mich von diesem Bild erdrücken lassen und die Ehrfurcht in mich hineinfließen lassen. Im Dezember werden wir sicherlich das erste Mal aufeinandertreffen. Gregor und ich wollten vorher aber erstmal eine gemeinsame Richtung entwerfen und mit einer Attitüde auftreten, damit das nicht im Sande verläuft. So schnell kommen 70 Leute ja nicht auf einen Punkt.Du arbeitest eher intuitiv und aus Emotionen heraus, der Gewandhauschor braucht dagegen viel Struktur – wie gehst du aktuell in der Konzeption damit um? Wie lässt sich das vereinbaren?

Die Arbeit besteht genau darin, wie man die Partituren so schreiben kann, dass es Formeln mit offenen Variablen sind. Ich hatte den Wunsch, dass man live fühlt, wie lange sich etwas gut anfühlt und wann man in den nächsten Part übergeht. Gregor und ich werden auf der Bühne viel kommunizieren müssen, damit das gut geht.

Wir haben schon viele Stücke von mir mit seinen Ideen verwoben und auch andersherum. Wir lassen teilweise auch ganz intuitive Flächen entstehen. Zum Beispiel Sprachexperimente, wir haben vor, dass es für den Chor freie Aufgaben geben soll. Jeder flüstert dann etwas, was er für richtig hält und dann klingt das wie ein Wind oder ein Meer. Wir versuchen, ein paar Grenzen auszuloten und schauen, was passiert.

Experiment wäre das falsche Wort, weil wir es schon zu einer durchdachten Sache bauen, aber momentan wird noch viel experimentiert. Das ist schön zu sehen, was da gelingen kann und gleichzeitig sagt Gregor: Spiel das doch mal fünfmal hintereinander und dann merke ich, wie sich mein Gehirn dagegen wehrt, weil es die ganze Zeit nach Freiheit strebt. Aber auch andersherum, wenn ich dann meine: Gregor, mach dich doch mal locker, lass das mal laufen. Mit 70 Personen wird das natürlich noch eine ganz andere Aufgabe sein. Aber wir versuchen zu schauen, was in der verfügbaren Zeit an Kompromiss und Improvisation möglich ist.

Es ist auch ein Musterprojekt für die Kompromissbereitschaft. Wie kann man die Balance zwischen Kompromiss und künstlerischen Reibungen halten, ohne dass es auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hinausläuft, der dann vielleicht gar nicht so spannend ist?

Bei 90 Prozent aller mathematisch konzipierten, rational perfekten klassischen Chöre ist es wahrscheinlich so, dass es nicht viel zu ruckeln gibt. Jetzt habe ich glücklicherweise Gregor Meyer gefunden, ein Mensch, der es irgendwie geschafft hat, auf der einen Seite, genau das wie der Hirte anzuleiten und zugleich ein normales zeitgeistiges Vokabular zu pflegen mit der man auch diese Offenheit nutzen kann. Und mit dem man bestimmte Dinge ausprobieren und der auch ein bisschen mitscheitern kann. Das ist personenbedingt, der Chorleiter ist dabei einfach eine wichtige Position zwischen mir und dem Chor.Kannst du aus dem bisherigen Verlauf abschätzen, was dich aus der Klassik so inspiriert, dass du es für deine künftige Arbeit vielleicht selbst aufgreifst?

Was ich an der festen Notenform schon immer faszinierend fand, ist die extreme Verlässlichkeit, die damit einhergeht. Ich fahre eigentlich immer wie ein Irrer mit einem Bus und lenke das Ding von links nach rechts und das kann auch mal in den Graben fahren. Aber wenn feststeht, in welcher Form ich zu spielen habe und ich das auswendig wiedergeben kann, dann ist da viel Unterbewusstsein aktiv. Die Hände wissen in dem Moment sowieso was sie tun sollen. Und dieser automatische Ansatz es wiederzugeben, ist eine ganz andere Perspektive auf die Musik. Da hat sich vorher schon jemand Gedanken darüber gemacht. Ich muss nicht mehr ins kalte Wasser und kann ganz penibel auf gewisse Dinge in der Wiederholung achten.

Manchmal bin ich dadurch etwas rausgezoomter. Ich finde, gerade dieser Wechsel zwischen dem tief eintauchen und rauszoomen hat eine richtige Sucht hervorgerufen. Es macht völlig Sinn, teilweise die Dinge festzuhalten, sie als Floskel wiederzugeben, sie dann aber auch von außen zu betrachten. Wenn man einfach das spielt, was da steht, wird man kurz vom kreativen Irren zum Handwerker und Programmierer. Das ist ein spannender Ansatz gerade für mich, der mich auch fördert.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit bisher vorstellen?

Wir haben die Guides von meiner Seite, das sind vorgebaute Instrumenals, die wir mit in die Proben nehmen werden. Gleichzeitig haben wir auch schon Partiturfetzen, die momentan noch als Patterns oder Legosteine herumliegen, weil die Länge noch nicht feststeht. Dann schauen wir mit der ersten Probe gemeinsam, was für Längen das annehmen kann und ob wir noch unfreier werden müssen, damit das alles aufführbar ist.

„Momentan sind wir guter Dinge, dass wir ein Fifty-Fifty-Verhältnis hinbekommen, aber wir werden sehen. Ich bin schon sehr aufgeregt.“

Du hast vorher mit Marbert Rocel und Karocel in einem Bandkontext gespielt, lässt sich diese Bandzusammenarbeit mit der Arbeit an so einem Projekt vergleichen?

Bei Karocel war sehr viel improvisiert, bei Marbert Rocel sehr viel konzipiert. Das ist vielleicht ein guter Vergleich. Während wir bei Karocel das Laufenlassen gepflegt haben, haben wir bei Marbert Rocel an eine Songstruktur gedacht. Das kann man vielleicht in einer kleineren Dimension auf dieses Projekt übertragen, nur dass es eben noch einmal 600 Kilometer weiter entfernt ist. Die eine Seite bekommt Angst, wenn Freiheit im Spiel ist, die andere Seite bekommt Angst, wenn ein Konstrukt im Spiel ist.

Jetzt nähert man sich und kommuniziert darüber. Es ist nicht so, dass man da blind in dem Feld des anderen ist. Aber allein die Zählweisen: Aus der elektronischen Musik kommen wir mit sehr geraden Zählzeiten, die Klassik kommt dagegen mit runden Zählzeiten. Allein das ist schon sehr anders. Aber es ist richtig: In einer Band ist dieses aufeinander Achten und Kommunizieren auch vorhanden.

Du spielst dieses Jahr wieder auf der Audio Invasion, der Auftritt markiert als Porträtkonzert den öffentlichen Beginn des Projektes. Bereitest du dich auf das Konzert noch einmal anders vor, als bei den sonstigen Auftritten?

Das neue Album „Strom“ spielt natürlich eine große Rolle. Seitdem ich nun auch die elektronischen Instrumente auf meinen Aufnahmen pflege, hat es auf jeden Fall noch einen neuen Ansatz bekommen. Es gibt nicht mehr nur dieses eine Universum Klavier für mich, sondern ich habe es ausgeweitet. Bei der Audio Invasion werde ich mich noch einmal im kompletten Alleingang vorstellen. Ich bin morgens 1 Uhr im Hauptsaal und kann den dann langsam auffüllen. Und vielleicht sitzen mir auch schon ein paar der Chorleute vor mir und ich kann mich ihnen damit vorstellen.


„Two Play To Play“ – Termine 2017/2018:

25. November 2017 – Porträtkonzert Martin Kohlstedt im Rahmen der Audio Invasion
12. Dezember 2017 – Gespräch Gregor Meyer & Martin Kohlstedt
24. Januar 2018 – Öffentliche Probe, Gewandhaus Chorprobensaal
14. März 2018 – Öffentliche Probe, Gewandhaus Chorprobensaal
11. April 2018 –Öffentliche Probe, Gewandhaus Chorprobensaal
6. Mai 2018 – Konzert im öffentlichen Raum
8. Juni 2018 – Uraufführung, Gewandhaus Mendelssohn-Saal


Foto-Credits: Patrick Richter (Bild Martin Kohlstedt), Christian Rothe (Bilder Gregor Meyer und Martin Kohlstedt), Karen Laube (Gewandhaus, Großer Saal)