Leipzig-Backstock von Uncanny Valley

Dresden und Leipzig kommen sich durch Uncanny Valley immer näher. In den vergangenen Wochen brachte das Label einige Platten von Leipziger Acts heraus – hier unser Überblick.

Amrint Keen „AK OK“

Da wäre beispielsweise Amrint Keen. Er kommt nicht aus dem Nichts. Als Lake People ist er wohl den meisten bekannt und veröffentliche als eben jener letztes Jahr zum ersten Mal auf Uncanny Valley.

Neu erfunden hat er sich mit seinem neu zugelegten Alias auch nicht, was mich persönlich freut, weil sein Sound top war und es auch jetzt wieder ist. Die drei Tracks auf „AK OK“ tendieren jeweils in die Richtungen House, Electro und Techno. Wobei es immer einen kleinen Twist gibt, damit es nicht langweilig wird. Mein Favorit ist „Dancing In The Parking Lot“. Auch wenn mich der Name stark an den Hit von Toploader erinnert, handelt es sich glücklicherweise um fetten Electro mit dreckigen Vocals, Synthy-Melodien, Acid-Lines und und und. Love it.

Btw. Lake People hat es mittlerweile nach Berlin verschlagen – denn Berlin ist jetzt das neue Leipzig.

Panthera Krause „All My Circuits Part I“

Auch für Panthera Krause ist es die zweite Scheibe, die bei UV erscheint. Vor zwei Jahren landete er mit seiner „Umami EP“ einen Hit. Mal gucken, was die neue kann.

Ich denke an die Siebziger und an Afrofrisuren in Diskotheken. Gäbe es den „Soultrain“ noch, Panthera Krause würde die Tänzer mit dieser Platte ganz wuschig machen. Gleichzeitig denke ich an die Achtziger, was an diesem und jenem Sample liegen kann, das er benutzt. Und noch gleichzeitiger sehe ich schon Bilder vor meinem geistigen Auge, auf denen Menschen auf Festivals tanzen. Housy, groovy, erhellend, verspielt und einfach gut – mit kleinem Umweg ins Dunkle bei „Unraveled Dreaming“. Das ist die neue Platte von Panthera Krause, die kann was!

Serial Error „Drum Abuse“

Zum Schluss noch ein Vinyl von Credit 00s UV-Sublabel Rat Life Records. Bereits 2013 wurde der Track „Drum Abuse“ beim belgischen Label We Play House Recordings veröffentlicht. Betreiber Red D brachte damals eine vierteilige New Beat-Reihe raus und klopfte auch bei Rat Life an die Tür.

Dafür formierten sich Credit 00, Jakob Korn und Sneaker zur Supergroup und nahmen den Track in Korns Studio auf. Sneakers Stimme verlieh dem Ganzen den letzten Schliff. Um dem Track neuen Aufschwung zu verleihen, ist er nun inklusive Instrumental- und Acapella-Spuren als Super Sound-Maxi-Single erhältlich.

Two Play To Play – 2. Probe – März 2018

Am vergangenen Mittwoch traf der GewandhausChor mit seinem Leiter Gregor Meyer zum zweiten Mal auf Martin Kohlstedt. Dieses Mal vermischten sich erstmals die Chorstimmen mit der Elektronik. Hier unser Nachbericht.

Sieben Wochen liegt sie zurück, die erste öffentliche Probe des „Two Play To Play“-Debüts mit Martin Kohlstedt und dem GewandhausChor. Und zwischendurch gab es auch kein weiteres, nicht-öffentliches Treffen, wie Chorleiter Gregor Meyer zu Beginn der zweiten Probe betont.

Wieder drängen sich drei Dutzend Besucher mit etwa ähnlich vielen Chorsängern/innen in den Chorprobensaal des Gewandhauses. Hier ist nichts von der feierlichen Staffage der Buchmesseneröffnung zu sehen, die am selben Abend im Gewandhaus stattfindet.

Dafür: noch weniger Platz als bei der ersten „Two Play To Play“-Probe. Martin Kohlstedt hat neben seinem Klavier eine Reihe an Synthesizern um sich herum aufgebaut – welche genau, erfahrt ihr hier. Nachdem er in der ersten Probe von der ebenso entertainenden wie fordernden und dominanten Wucht von Gregor Meyer etwas verschüchtert in den Hinterhalt geriet, könnte man meinen, Kohlstedt möchte den Schutzwall erhöhen, seinen musikalischen Rückhalt stärken.

Allein die offensive Präsenz der Geräte in dem kleinen Saal und der raumgreifende Klang, den bereits wenige Tastenschläge erzeugen, legt die Vermutung nahe. Doch es ist der logische nächste Schritt, seitdem er bei seinem dritten Album „Strom“ das Klavier um Elektronik ergänzt.Bei „Two Play To Play“ wird sie offensichtlich auch ihren Raum bekommen: Erste Ambient-Phasen klingen im Laufe der zweiten Probe an, kurz setzt auch ein hektischer Beat ein, HiHats zischen. Dazu loopt Kohlstedt den Chor, der daraufhin selbst wieder einsetzt. „Es muss nicht genau auf den Loop passen. Hauptsache die Energie stimmt“, vermittelt Gregor Meyer.

Für den Chor ist dieses Projekt sichtlich fordernd. Aber offensichtlich nicht überfordernd. Wenn eine Passage Meyers Empfinden nach noch „zu sehr nach Kopf“ klingt, treffen die Sängerinnen und Sänger im nächsten, spätestens übernächsten Versuch den Nerv des Chorleiters.

Was er verlangt? „Namenslaub“ etwa, ein flackerndes Flüstern der eigenen Namen und der benachbarten Chormitglieder. Oder super schnelle Tonwechsel und Stufengesänge. Zwischendurch ein Beatboxing-Part. Dann wieder leise Verwebungen der verschiedenen Stimmen aus denen sich später Windpfeifen herausschält. Die stillen, sich überlagernden Stimmenflächen – oft nur wenige Buchstaben intonierend – sind besonders einnehmend und vermengen sich bislang am nahtlosesten mit den Klängen von Martin Kohlstedt.

Dann unterbricht Meyer und meint zu Kohlstedt:

„Hier spielst du etwas anders, als ich mir das notiert habe.“

Für den Chor bedeutet dies: „Ihr müsst spontan sein und reagieren, wenn Martin an einer Stelle abkürzt.“ Es ginge hier ständig um die Verhandlung von Fixierung und Freiheit, schiebt Meyer einen Subtext in Richtung des Publikums ein.Und genau diese Verhandlung ist in der zweiten Probe deutlicher mitzuerleben. Immer wieder haken Chormitglieder ein, haben Anmerkungen. Zwischendurch gibt es Absprachen zwischen Meyer und Kohlstedt bzw. dessen Tontechniker – the one and only Mario Weise aka DJ Marlow btw. Die zweite Probe ist weniger Entertainment, Gregor Meyer führt nach wie vor, wirkt aber dieses Mal weniger zentral. Das tut der Probe gut.

Nach anderthalb Stunden fällt es noch immer schwer, sich aus den vielen, lose wirkenden Versatzstücken der Probe ein stimmiges Werk vorzustellen. Zu sehr rast Meyer durch die Stationen, wie die einzelnen Stücke des finalen Werks genannt werden. Ein zwei Versuche lässt er zu. Sobald es sitzt, geht es weiter.

Nur in Andeutungen ist zu erahnen, welche Power von Martin Kohlstedt zu erwarten ist. Etwa, wenn Meyer eine geprobte Sequenz mit „Da tobst du dich dann aus und vernichtest uns“ beendet oder wenn sich aus Chor und Elektronik erste trippige Soundwellen formen.

Noch knapp drei Monate sind Zeit bis zur Uraufführung – und es bleibt spannend. Am 11. April geht es weiter mit der dritten öffentlichen Probe von „Two Play To Play“.

Fotos von Markus Postrach und Christian Rothe

Various Artists „Rogue Style 2 EP“ (Defrostatica)

Defrostatica meldet sich im Frühjahr 2018 mit einer neuen EP zurück. Und die besitzt Durchschlagskraft.

Kurz ein Rewind: Letztes Jahr überraschte Defrostatica mit der „Rogue Style 1 EP“, auf der vier Producer ihre Hip-Hop- bzw. B-Boy-Einflüsse in spannenden Drum & Bass-Footwork-Hybriden verarbeiteten. Eigentlich vollkommen logisch, dürfte der Hip Hop-Einfluss – neben dem gemeinsamen Tempo – einer der gemeinsamen Nenner zwischen Drum & Bass aus UK und Juke/Footwork aus Chicago sein.

Somit ist folgerichtig, dass Defrostatica die Serie mit der „Rogue Style 2 EP“ fortsetzt und dafür eine Reihe hochkarätiger Acts zusammenbringt. Spoiler: Die Durchschlagskraft ist im Vergleich zum ersten Teil um einiges höher.

Drum & Bass-Urgestein Digital eröffnet die EP mit „Uprock“, in dem er seine typischen Bassläufe mit Handclaps und Cymbals kombiniert und daraus einen trockenen Funk entwickelt. Obwohl er damit auf einer gescheiten Anlage definitiv die Crowd bis in die Haarspitzen massieren wird, wirkt der Track im Vergleich zum energiegeladenen „Call Out“ von 6blocc, Calculon und Shamanga nahezu gemäßigt. Ganz klar: Die Breakbeat-Samples und gechoppten Vocals rocken einfach ohne Ende – auf rohe, fast aggressive Weise. „Tessellation“ von Agzilla ist ein ebenfalls recht düsterer Track, der mit klassischen Amen-Breaks aufwartet und auch keine Gefangenen nimmt. Einmal den Dancefloor auseinandernehmen, bitte!

Doch mein Highlight ist Stück Nummer drei, nämlich das klaustrophobische „Machinedrummachine“ von Finnlands Breakbeat-Altmeister Fanu. In dessen Zentrum verweisen Samples aus MC Shans „The Bridge“ direkt auf die Hip Hop-Wurzeln: Der Track ist Teil des legendären Battles zwischen der Juice Crew aus Queensbridge und Boogie Down Productions aus der South Bronx, bei dem die Frage um den Ursprung von Hip Hop in Form mehrerer Tracks verhandelt wurde. Fanus Sample-Wahl beschert mir einen Gänsehaut-Moment und ist nicht nur wegen der Hip Hop-geschichtlichen Bedeutung so spannend: Weil hier Teile aus MC Shans Rap mit leichter Verzerrung bearbeitet sind, hat man das Gefühl, eine verrauschte Kassette im Walkman zu hören, während man nachts als Teenager mit der Sprühdose weit entfernt vom Big Apple eigene Abenteuer erlebt. Damit beschreibt Fanu auch ästhetisch die Faszination, die der Mythos Hip Hop auf die Kids der 80er und 90er (und auch später) in aller Welt ausübte.

Bonus: Die beteiligten Artists haben eine Playlist erstellt, die der Verbindung von B-Boy-Kultur und Breakbeat-Sounds weiter unter die Lupe nimmt. Ein 25 Tracks langer Geschichtsunterricht quasi.

Und wir legen euch auch wärmstens den Beitrag zur „Rogue Style“-Reihe bei Bandcamp Daily ans Herz.

Video-Premiere – Von Spar x Omónia

Irgendwie ist sie bei uns untergegangen im letzten Sommer: die neue EP der großartigen Kölner Band Von Spar. Die wurde nämlich vom Leipziger Label Altin Village & Mine veröffentlicht. Doch wir holen es nach – inklusive der Premiere des zweiten EP-Videos.

Von Spar kenne ich noch aus L’Age D’Or-Zeiten. Damals klangen sie super rebellisch und ungestüm und schreiend. Unangepasst sind sie geblieben, aber ihr Sound hat sich deutlich verschoben, hin zu synth-getragenem Pop mit verschiedenen Gastsängern/innen einerseits und zu strukturell befreiten, durchaus clubtauglichen Instrumental-Tracks andererseits.

„Garzweiler“ heißt die aktuelle EP. Und Garzweiler heißt auch ein großer Tagebau ganz im Westen Deutschlands, der einige Orte der Umgebung zu Geisterorten verwandelt oder sie ganz verschluckt hat. Ein landschaftliches Monster, wie es auch das südliche Umland von Leipzig mitgeprägt hat. Insofern gibt es durchaus eine inhaltliche Verbindung zwischen der Thematik von Von Spar und dem Ort, an dem Platte erschienen ist.

Für die vier Stücke auf „Garzweiler“ haben Von Spar den Pop-Appeal, den sie immer in einer bestimmten Form einbinden, teilweise heruntergefahren. Gerade „Garzweiler III“ und „Garzweiler IV“ verlieren sich in einem abstrakten Mäandern, legen immer neue Schichten frei, die aber nicht direkt miteinander zu tun haben. Doch wo andere Bands und Musiker die Tagebauklammer wahrscheinlich sehr dystopisch darstellen würden, nehmen Von Spar eine Menge organischen und elektrifizierten Funk mit auf.

Dies verleiht den Stücken eine erfreuliche Leichtigkeit, die besonders bei „Metaxourgío“ und „Omónia“ ins Hymnische übergeht. Überhaupt „Omónia“: Es startet schleppend und verschlungen, schiebt sich kurz ins Dissonante und und erblüht später zu einem leicht verschrobenen Slow-House-Hit – ich bin addicted!

Das Video dazu dürfen wir heute erstmals vorstellen. Es bebildert den Clash zwischen menschlichem Zusammenhalt und entmenschlichten Formen – die aber auch vom Menschen gemacht wurden. Trash-Grafik plus intensive Innigkeit, alles vor einem diffus wabernden Screen. Nicht verpassen.

Btw: Wir haben bisher viel zu selten von Altin Village & Mine geschrieben. Das Label hat in den letzten Jahren einige international bekannte Acts für sich gewinnen können, darunter Xiu Xiu und Deerhoof. Und auch das letzte Die Goldene Zitronen-Album erschien dort. Wir haben bisher die extrem gute Remix-EP von Map.ache vorgestellt.

Mit luziden Träumen spielen – DŌMU im Interview

Diffus-schimmernde Ambient-Sounds, infernalisch-trippiges Drumming, dazu Live-Visuals – DŌMU haben in den letzten Monaten mit ihrer einnehmenden Performance für offene Münder gesorgt. Heute erscheint ihr Debütalbum – wir haben sie im Interview.

DŌMU, das sind Stefkovic van Interesse, Zar Monta Cola – der Drummer von Warm Graves – und der Visual-Künstler GenPi. Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass die drei sich zu einer eigenständigen Band formierten. Mit „Lucid Themes“ erscheint heute das erste Album, das wir hier vorstellen.

Hier erzählt uns Stefkovic van Interesse mehr zur Entstehung und dem Wirken der Band, die ihre Musik „Black World Music“ nennt.

Du hast bisher solo Musik gemacht, Zar bei Warm Graves – wie ist DŌMU entstanden?

Ich war vor ca. zwei Jahren als Support mit Warm Graves auf Tour. In Hamburg hat Zar von den Warm Graves dann bei meinem finalen Lied einfach mal dazu getrommelt. Aus der Idee, ein paar perkussive Elemente in mein Set einzubauen, sind dann neue Tracks entstanden. Oder wir haben alte umgeschrieben. GenPi hat uns später das erste mal bei der Veranstaltung Bells Echo I visuell unterstützt. Das ist alles immer mehr zusammengewachsen und hat auch eine andere Klangfarbe und Dynamik erhalten – deshalb war es mir wichtig, das ganze Projekt von meinen Soloprojekt abzunabeln. Den Urknall haben wir dann bei Bells Echo II gefeiert.

Wie entstehen die Tracks – aus der Improvisation heraus?

An sich ja. Wie gesagt erst war das Schlagzeug mehr eine Unterstützung. Mittlerweile habe ich spontane Ideen mit ein paar Samples und Zar noch ein großes Repertoire an verschiedenen indischen und afrikanischen Rhythmen. Die probiert er gern dazu aus. Meist greift dies sehr schnell ineinander, da wir eine ähnliche Art von Energie haben. Was meist verkopft klingt, ist oft spontan entstanden. Gern werkeln wir dann live an Nuancen oder merken, woran wir noch arbeiten müssen.

Gibt es ein inhaltliches bzw. ästhetisches Konzept, das ihr mit DŌMU verfolgt oder das latent für euch mitschwingt?

Oft werden Visuals gern als „Versteck“ für die Musiker genutzt, um nicht direkt im Rampenlicht zu stehen. Für uns dienen die Bilder mehr als Schlüssel zur Wahrnehmung der Klänge. Es ist eher ein Film, der da abläuft. Bewusst haben wir als Thema der ersten Platte das luzide Träumen gewählt, da dies eben genau mitschwingt. Träumen macht es uns einfacher, abstrakte Wege zu gehen bzw. auszuprobieren. Nach Konzerten werden uns oft Interpretationen geschildert wie „Das war wie als würde man …“.

Was sind die Quellen für die Visuals – Samples oder eigene Aufnahmen?

GenPi generiert seine Visuals teilweise digital. Er nutzt aber auch organisches Material und Schablonen, die er auf eine Lichtquelle oder auf eine Drehplatte legt und abfilmt und dieses dann digital verfremdet. Dadurch kommt es live an jedem Abend zu anderen Bildern, die sich oft abhängig von der Raumstimmung verändern. Dafür braucht er natürlich ein großes Set, was oft der „Hingucker“ vor und nach unseren Auftritten ist.„Lucid Themes“ klingt stellenweise sehr trippy und wäre auch in einem experimentellen Techno-Kontext denkbar – welche Rolle spielt für euch Clubmusik?

Ich sehe in Techno-Clubs immer eine Art Parallelwelt. Oft lassen sich Besucher dort mehr fallen, als bei einem normalen Konzertszenario das nach drei Stunden wieder vorbei ist. Wir haben schon ein paar Performance-Erfahrungen in Clubs gesammelt wie dem IfZ oder dem objekt klein a in Dresden. Aber an sich berufen wir uns nicht auf einen direkten Einfluss in unsere Musik.

E.M.S. zieht sich in mehreren kurzen Teilen durch das Album – es ist also mehr als eine Reihe an Interludes?

E.M.S. steht im Zusammenhang mit luziden Träumen und ist die Abkürzung für Eye Movement Signals – also Werte, die man aus den Augenbewegungen im Schlaf messen kann. Auf dem Album sind es tatsächlich die Interludes zwischen den Songs.

Greifst du für DŌMU noch einmal auf andere Sounds und Field Recordings als bei deinen Solo-Tracks?

Also an sich ist es die gleiche Datenbank, aber mittlerweile suche ich auch nach anderen Geräuschen extra für DŌMU und setze diese auch anders ein als solo. Oft klingen sie beinahe schon nach synthetischen Sounds, obwohl es Field Recordings sind. Aber das macht für mich auch den Reiz aus, da es trotzdem das gewisse Etwas hat.

Was ist live geplant?

Wir arbeiten neuerdings mit Räucherwerk, um den Raum noch mehr einzunehmen. Das spannende für uns sind alternative und sporadische Locations wie eben Kirchen oder jetzt auf unserer Tour eine alte Wartehalle der Bahn in der Nähe von Bremen. DŌMU findet nicht nur im Konzertsaal statt – das wollen wir ausweiten.

Foto-Credits: Möwentaucher, Pulpolux

DŌMU „Lucid Themes“

Gerade haben wir sie im Interview, denn DŌMU veröffentlichen heute ein sehr spannendes Debütalbum, das auf das erste Hören sehr düster wirkt – aber eigentlich überall Licht reinlässt.

Zugegeben: Der Auftakt von „Lucid Themes“ ist ordentlich verstörend: Zu einem schroffen, holzschnittartigen Sound drischt Drummer Zar Monta Cola in infernalischer Weise auf das Schlagzeug ein. Fast zwei Minuten lang. Doch Aushalten lohnt sich. Es folgt eine Reise in verschiedene Sphären des Träumens. Dark und kontemplativ, trippy und erleuchtend.

Musikalisch ist das Aufeinandertreffen von Ambient- und Field Recordings-Musiker Stefkovic van Interesse und Warm Graves-Drummer ein echter Glücksfall. Denn Zar Monta Colas offener Drumming-Ansatz ist fern vom klassischen Rock- und Elektronik-Repertoire. Er bringt in das diffuse Sound-Dickicht von Stefkovic van Interesse – sehr treffend selbst mit „Aura“ beschrieben – eine neue einnehmende Dynamik. Aus Dark Ambient wird so eine schwer greifbare Zwischenwelt von Ambient, Post Rock und Avantgarde.

Fünf längere Stücke bilden den Kern, drumherum reihen sich mehrere kürzere, intensive Tracks. Mit „E.M.S.“ zieht sich eine Interlude-Serie durch das ganze Album, die teilweise nahtlos an das nächste Stück anschließen. Dadurch entsteht quasi ein Mix mit unterschiedlichen Stimmungen. Neurotisch marschiert „Hypnagogia“, kontemplativ windet sich das wunderbare „Bardo“, dystopisch kreischt „Gestalt“. Mit „False Awakenings“ gibt es ein groß aufblühendes Finale, das sich nach einem hell leuchtenden Ambient-Intro zum reduzierten Techno-Trip mutiert. Ab hier könnte es noch stundenlang weitergehen. Doch „Lucid Themes“ endet so schroff wie es angefangen hat.

Dramaturgisch gibt es in den Stücken kein Anfang, kein Ende. Alles ist irgendwie im jeweiligen Moment präsent und wirkt direkt. Was eben war, verliert sich sofort. Auch das gehört zum Träumen, das Flüchtige und Vergängliche. Insofern gelingt es DŌMU sehr gut, Konzept und Musik in Einklang zu bringen. Wäre spannend, „Lucid Themes“ tatsächlich mal nachts zum Schlafen anzumachen.

Bei DŌMU wird der DIY-Ansatz voll ausgelebt: Musik und Visuals aus einer Hand, nun auch das erste Album in Eigenregie auf Vinyl veröffentlicht. Wer mehr zu dem Trio erfahren möchte, sollte unser Interview mit DŌMU lesen.

Dyze „New View“ (Resistant Mindz / Pattern // Select)

Verrauschter Sound, verrauschte Bilder: Seit Dezember gibt es eine tolle EP von Dyze. Digital, als Tape und als VHS.

Mit The Brothers Nylon und My Trippin‘ Mojo gab es auf Resistant Mindz zuletzt zwei Ausflüge in Richtung Funk. Passend zum Winter zeigt sich das Label mit „New View“ von seiner dunkleren und atmosphärischeren Seite.

Und die hat es in sich, denn Dyze entwickelt seine Beatmaker-Roots sehr spannend weiter. Verrauschte Synthesizer türmen sich in zehn Tracks dramatisch auf, verhallte Vocal-Samples erzeugen Gänsehaut-Atmosphären. Es sind die dreckigen Drums, die noch an Hip Hop erinnern, und dabei „New View“ vor der Synthesizer-Retro-Falle bewahren. Fast scheint es, als hätte Dyze eine verschollene Science-Fiction-Dystopie vertont. Aber es ist viel besser: Obwohl die EP digital und in Zusammenarbeit mit Pattern // Select logischerweise als Tape erschienen ist, gibt es auch eine super-limitierte VHS-Kassette, bei der der Sound von Dyze wahrscheinlich mit ebenso wunderbar verrauschten Video-Aufnahmen unterlegt ist. PAL only, versteht sich. Wird also Zeit, den alten Video-Recorder aus dem Keller der (Groß-)Eltern hervorzukramen.

Two Play To Play – 1. Probe – Januar 2018

Die erste öffentliche Probe der „Two Play To Play“-Reihe liegt schon schon ein paar Wochen zurück. Doch sie hallt nach – als spannender Moment, in dem wir für 90 Minuten bei der Entstehung eines unberechenbaren Projekts dabei sein konnten. Hier nun unser Rückblick.

Nach dem Künstlergespräch zwischen Martin Kohlstedt und dem GewandhausChor-Leiter – das es übrigens hier komplett nachzuhören gibt – wurde es Ende Januar ernst. Denn die erste öffentliche Probe fand statt. Friederike hat sie für uns besucht und beschrieben:

Ein nostalgischer Hauch der Masur-Ära weht in den verborgenen Backstage-Gängen hinter dem Foyer des Gewandhauses Leipzig. Nur eine graue Tür mit der Aufschrift „Chorprobensaal“ trennt die Besucher von der ersten öffentlichen Chorprobe des Projektes „Two Play to Play“ – ein Projekt Martin Kohlstedts und des GewandhausChors unter der Leitung Gregor Meyers. Ein Projekt, das die Struktur eines klassischen Chores mit der Intuition eines musikalischen Freigeistes vereinen will. Der eine Teil hat Angst vor Freiheit, der andere Teil hat Angst vor Struktur. Existiert ein Raum dazwischen? Hinter der graufarbenen Tür öffnet sich dieser Raum für einen Abend.Siebzig Sänger warten auf den Stühlen des Chorpodests, welches in U-Form angeordnet ist und mit zwei Pianos abschließt. Auf den noch freien Plätzen der stufenförmigen Erhöhung reihen sich die vierzig Zuhörer ein. Die Grenzen zwischen Chor und Publikum verschwinden. „Das ist der Chor – das Abbild der Gesellschaft“, stellt ihn der jungenhaft wirkende Leiter in orangefarbenen Cargohose schmunzelnd vor.

Unter seinem gestreiften Shirt blitzen bunte Tattoos hervor. Gregor Meyer hält bereits seit der Spielzeit 2007/2008 die Leitung des Gewandhauschores inne. Während Martin Kohlstedt im schwarzen Rollkragenpullover am zweiten Piano abtaucht, treibt Gregor Meyer die Stimmen dominierend durch das erste Lied. Nur seine scherzhafte Sprache lässt hinter der Strenge einen junggebliebenen Zeitgeist vermuten, wenn er über die Oper witzelt oder Martin Kohlstedt mit den Worten „Kannst du mal vorspielen, was du dann tust?“ auffordert.Die emotionalen Töne des Weimarer Musikers füllen den Raum mit Bewunderung – die Struktur schaut zu und wird nun das erste Mal durch ihren Koordinator mit der freiheitsliebenden Intuition zusammengeführt. Ein Spiel der Gegensätze, das entweder scheitert oder sich zum Unikat entwickelt. Es scheint, als laufen Blake Baxter- und Jeff Mills-EPs synchron, doch ohne dass sich die Impulse ineinander verzahnen oder der eine Sound vom anderen befruchtet wird, vielmehr als wenn der eine genauso gut ohne den anderen existieren kann.

„Spielst du dann für dich ein bisschen?“, fordert Gregor Meyer den experimentellen Pianist auf, das zu tun, was er immer tut. Er taucht hinter seinem Klavier in eine Blase ein, in der nur er und seine, in Emotionen getränkten Töne existieren. Gregor Meyer zieht sich aus seiner Übersetzer-Rolle zurück und bittet die Singenden intuitiv einzusteigen.

So schnell einzelne verlegene Chorstimmen zu hören sind, so schnell verstummen sie wieder in ihrer Schüchternheit.

Ein neuer Versuch in umgekehrter Reihenfolge lässt den Chor mit Sprechgesang beginnen – eine für die Sänger ungewohnte Situation, die Unruhe erzeugt. Martin Kohlstedt begleitet auf dem Klavier, passt sich an, versucht die Emotionen aus dem Chor einzufangen. Der Chor agiert, Martin reagiert. Es entsteht Harmonie, die das erste Mal einen Kompromiss zwischen der Perfektion eines klassischen Chores und der Freiheit eines Martin Kohlstedts erahnen lässt.

Von einem klassischen Chorgesang ist mittlerweile nichts mehr zu hören. Die Stimmen summen auf unterschiedlichen Tonhöhen, intuitiv, teilweise asynchron und sollen in der nächsten Probe mit Synthesizern zusammengeführt werden. Der Chor wird zum elektronischen Instrument – nichts erinnert an Gesang. Die Töne werden nun durch Stampfen, Schlagen und Rufe erzeugt, die das klassische, gewohnte Gerüst vehement durchbrechen und einen neuen Raum eröffnen – einen Raum zwischen Struktur und Freiheit hinter einer grauen Tür mit der Aufschrift „Chorprobensaal“.

Die zweite öffentliche Probe findet am 14. März statt – leider ist sie aber schon ausverkauft. Wir sind aber dabei und berichten wieder.

Fotos und Video von Markus Postrach und Christian Rothe

RM Vinyl

Etwas verspätet, aber wir wollen nicht unerwähnt lassen. Denn: R.A.N.D. Muzik, das Leipziger Plattenpresswerk, beglückte uns vor Kurzem wieder mit eigenen Releases. Was im Januar 2017 bei uns noch als Ausnahme gewertet wurde, scheint zur Regel zu werden.

Various Artists „RM12001“

Eine sehr facettenreiche Electro-Platte Leipziger Produzenten ist dies geworden. Mit Stücken der Clear Memory-Crew-Mitglieder Robyrt Hecht, XY0815 und Varum sowie dem Tausendsassa Credit 00 und Perm.

Dunkelelektrisch groovy wabert „The Left Lane“ von Robyrt Hecht und XY0815 durch die Speaker. Wer die auf brokntoys erschienene Platte „Exahertz“ von XY0815 kennt, weiß was gemeint ist. Varums „Das Bruch“ beginnt als melodisch-verträumte Tanznummer, die trotz des Einsatzes einer brachialen Bassdrum und Industrial-Elementen nicht an Wärme verliert.

Die B-Seite eröffnet Perm mit „All“, einem herrlich treibenden Ungetüm, das im letzten Drittel durch die einsetzende 4/4-Bassline zum Techno avanciert. Abgerundet wird das ganze von Credit 00’s langsamerer Nummer „On Hold“, einem verspielt-melancholischen Track zum Kopfnicken und Runterkommen.

Various Artists „RM241217“

Pünktlich zum letzten Heiligabend legte uns R.A.N.D Muzik diese schöne House-Platte unter den Tonarm. Der Australier Guy Contact eröffnet das Spektakel mit chilligem Sunrise-Appeal. „Mood Swing“ ist ein herzerwärmender Track, dessen Vocals eingangs ein buddhistisches Prinzip erklären. Der noch unbekannte Produzent Le Marc debütiert hier mit einem zunächst gedämpften, stampfig-perkussiven Sound, der gegen Ende etwas heiterer wird.

Falkes „At The House“ schiebt mit hymnenhaften Chords dunkle Wolken beiseite. Ob das als Hommage oder als etwas aus der Zeit Gefallenes zu betrachten ist, ist offen. EBS (aka Carmel und Salomo) beschließen den Sampler mit trippigem Bongo-House. Super, dass es doch nicht bei der Ausnahmeplatte vom 24.12.2016 blieb.

Wer sich fragt, wie bei R.A.N.D. Muzik Platten gepresst werden, kann übrigens hier gleich noch den Beitrag aus der Sendung mit der Maus anschauen – der wurde nämlich bei R.A.N.D. gedreht.

PS Stamps Back „Beyond Lies The Wub“ / Dyl & Paragon „Unstable“ (False Move Rec.)

Das Minor Label startet 2018 mit einer neuen 7″ und einem neuen Sub-Label.

2017 war ein gutes Jahr für Freunde des Minor Label und auch 2018 geht es gleich weiter: Eine neue 7″ bringt das kleine Label aus Anger-Crottendorf im Februar heraus. Genauer gesagt passiert dies in Zusammenarbeit mit Tilt Recordings aus Athen und beide Labels arbeiten unter den Namen False Move Rec. zusammen … gar nicht so einfach, hier den Überblick zu behalten!

Auffällig ist, dass auf dem Etikett der Single dieselbe Schriftart wie bei Alphacut verwendet wurde – passenderweise, denn die beiden Tracks erinnern durchaus an den dort beheimateten Sound: „Beyond Lies The Wub“ greift die dubtechnoide Alpha Cutauri-Atmosphäre auf, ist dabei aber dank spooky Klimpermelodien eine Spur psychedelischer. Da scheint auch eine rohe DIY-Ästhetik durch, mit der PS Stamps Back vor allem auf zahlreichen Kleinst-Labels zuhause zu sein scheint.

„Unstable“ geht mehr nach vorne. Hier setzt nach einem bleepigen Intro ein prägnanter Groove mit verhallter Snare ein, der ganz gut zu den aktuell dubbigen Drum & Bass-Spielarten passt. Dyl & Paragon sind dann auch – kurzer Discogs-Check – mit Tracks auf Labels wie sYncoPathic und 31 Recordings stärker im Drum & Bass zuhause.

The Kann Backstock

Nach Manamana im letzten Jahr folgt Kann Records 2018 mit seinem 10. Jubiläumsjahr. Keine Ahnung, was dazu geplant ist, wir haben uns erstmal durch die letzten Platten des Labels gehört.

Falke „O.N.G. Versions“

Im Februar 2017 releaste Falke sein Album „O.N.G“ bei Kann. Einige Monate später haute das Label eine Remix-Platte raus, die mich wundern lässt. Ich kenne mich bei Remixen nicht so aus. Was ist der Anspruch, gibt es überhaupt einen, was soll das Ganze überhaupt?

Gleich zwei Künstler nahmen sich Falkes „Live In A Bubble“ an: Ergin Erteber (aka Things From The Basement) machte daraus eine Engtanz-Vokalschnipsel-Brummi-Nummer, die absolut nichts mit dem Original gemein hat. Ebenso Perm, der das andere Extrem der Skala anvisiert mit seiner Version des Stücks. Pumpender Deep House mit Techno-Schlagseite, jedoch ohne irgendeinen erkennbaren Zusammenhang zum Ursprung.

Warum nicht gleich eine stinknormale Various-EP releasen bzw. – aus Musikersicht – sich die Produktionen für Soloplatten sichern? Unter dem Gesichtspunkt des Remixens betrachte ich die beiden Stücke als disqualifiziert. Davon abgesehen geht mir beides aber gut in den Helm.

Der Ukrainer Vakula lässt „Partical World“ in seinem Genre und Tempo. Er zaubert lediglich ein paar verträumte Synthie-Chords dazu. Beendet wird die Platte mit einem Remix des Schweden Samo. „Stream“ bekommt von ihm gegen die Kühle des Tracks einen Wave-Mantel umgelegt. Funktioniert!

Polo „Leisure Time“

Die zweite EP von Polo auf Kann beschreibt einen modernen sphärisch-treibenden Dub-Techno. Ein großes Plus gibt es für das Arrangement. Die Tracks haben einen sehr schönen Aufbau und die jeweiligen Parts wirken sehr stimmig und stark.

Leider ist das abrupte Enden jedes Tracks nicht nur ein unbeliebtes Stilmittel unter DJs, sondern lässt die Stücke auch noch unfertig wirken. „Ticket“ hat eine coole subtile Trance-Attitüde, ansonsten bleibt leider nicht viel hängen. Trotzdem eine starke Platte

Sevensol & Bender „Das ideale Geschenk“

Ganz frisch kommt nach langer Pause gerade eine neue Sevensol & Bender-EP heraus. Die A-Seite klingt so dermaßen schön wattig-weich und sollte meinetwegen niemals aufhören. Mit ihren gut acht Minuten Länge ist dieses Kriterium auch beinahe erfüllt und hüllt den Hörer in vollste Zufriedenheit. Der Beat stampft zwar munter vor sich hin, schafft es dabei aber, die vielen organischen und opulenten Melodien nicht zu unterdrücken. „Mythen Center Korfu“ ist außerdem ein Top-Name. Dreamy House im besten Sinne.

Die B-Seite beginnt mit „Driftwood“, einem Downtempo-Electrostück. Anfangs sehr seicht, dann ein Versuch von düsterer Acid-Note, die sich in meinen Ohren nicht ganz an den zunächst vorherrschenden Sonnenaufgangs-Chor anpassen möchte. Gegen Ende fällt der Chor weg und bevor das Stück zu einem langweiligen Gedudel wird, dreht die Acid-Line noch einmal eine Ehrenrunde. Der Versuch, zwei gegensätzliche Stimmungen unter einen Hut zu bringen, scheitert hier leider am Aufbau.
B 2 ist das, was der Name vorausahnen lässt. Ein „Rhythmus Tool“, das alleine noch keine Geschichte erzählt, aber als Gerüst ziemlich hilfreich sein kann. Eine ambivalente Scheibe mit Ecken und Kanten.

Various Artists „All Nite Bangers #01“

Schließlich noch etwas Neues vom Kann-Sublabel Mana All Nite. Dies servierte bei Bandcamp eine Art Best-of der ersten vier Vinyl-EPs. Rausgepickt wurden fünf Tracks von Spirituals, Perm, Steppin‘ Wolf, Jascha Hagen und U.S. Coin Map. Als Bonus gibt es einen Edit vom aus Köln stammenden und zur Cómeme Crew gehörenden Christian S.

Herausgekommen ist so eine wilde Mixtur sehr guter Musik. Christian S überzeugt mit seinem Opener, einem Edit des 1983er Discotracks „Do I Do“ von Maurice McGee. Sprituals feiert das Leben mit einer melancholisch-frickeligen, aber herzerwärmenden Tech House-Nummer.

Darauf folgt Tribal-Acid-House vom immerguten Perm (jeder Gag ’n Lacher!) sowie ein sehr mutiges Ding von Steppin‘ Wolf. Wahnsinn, was er da gemacht hat: ein Mädchen namens Monique beschreibt ihre Sozialphobie, begleitet von einem Ambient-Pianostück. Jascha Hagen läutet mit seinem lässigen Nu-Disco-Slow-House-Hybriden das Finale ein, das Duo U.S. Coin Map beschließt das Gesamtkunstwerk mit verträumtem, synthiegeschwängertem House.

Insgesamt eine wirklich gelungene Mischung aus sowohl aktuell relevanten Künstlern als auch zeitgenössischen Hörgewohnheiten und ein Bekenntnis zur musikalischen Diversität.

Alle Zeichen auf „On“ – Seelen Records

Leipzig hat ein neues Label. Die zwei hier geborenen Leipziger – mehr Leipzig geht also gar nicht – Stigmatique und Janein haben vor sechs Monaten gemeinsam das Label Seelen gegründet. Und feiern diesen Freitag schon die erste große Release-Party.

Techno x 2 x 4
Seelen startet gleich mit einem Doppel-Vinyl mit acht Künstlern und damit acht Tracks – darunter auch zwei Produktionen der Gründer selbst. Neben Marcus aka Stigmatique und Jan aka Janein sind Escape to Mars, SLV, Narciss, Mørbeck, Marla Singer und Inhalt der Nacht mit von der Partie.

Die Platte, die offiziell erst am 5.2. veröffentlicht wird, erfreut sich jetzt schon großem Anklang – im wahrsten Sinne. Sogar im Berghain lief der Seelen-Sound dank namhafter Supporter (wie beispielsweise the one and only Freddy K) schon des Öfteren; Promo-Einsendungen und Künstlerbewerbungen häufen sich seitdem. Und das alles noch vor dem offiziellen Release. Wohin es mit dem Label noch gehen soll, erzählen Marcus (Bild oben) und Jan im Interview. Soma Records als Vorbild
Ein „bisschen unreal“ sei das Ganze ja schon, innerhalb von nur einem halben Jahr ein Label zu gründen, solch enormen Zuspruch und Support zu erfahren und als erste Veröffentlichung gleich ein Doppel-Vinyl rauszubringen. Na ja, die zwei Jungs sind ehrgeizig und folgen dem Motto „Think big“: Die zweite und dritte Vinyl sind schon im Kasten, denn geplant sind vierteljährliche Neuerscheinungen. „Die nächste Platte von uns wird noch fetter“, lacht Jan, der nicht nur als DJ, sondern auch als Booker und Resident in der Station Endlos in Halle bekannt ist.

Musikalisch soll es auf dem Label abseits von Acid- und Industrial-Techno auch Raum für sphärische, experimentelle elektronische Musik geben. Ziel der beiden ist, mit ihrem Label eine Plattform mit großer Reichweite zu (er)schaffen und dabei den Generationswechsel im Produzent/innen-Business weiter anzuschieben. Hoffentlich dann auch mit weiblichen und queeren Künstlern/innen – auf der ersten Platte fehlen die noch.

Seelen will in der anstehenden Zukunft Newcomer und neue Sounds auf den Weg bringen und vor allem „keine Eintagsfliege“ sein. Als Vorbild hierfür nennt Stigmatique das schottische Label Soma Records, das seit 27 Jahren besteht und über 600 Releases hervorgebracht hat. Deshalb vielleicht der bedeutungsschwangere Labelname? Jan erklärt es:

„Der Name spielt darauf an, dass jeder Techno-Track eine eigene Seele besitzt. Seele ist für uns als Ausdruck musikalischer Wertigkeit zu verstehen.“

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Die Feier zu Ehren des ersten Vinyls findet am 26.1. mit Fiedel, Inhalt der Nacht, Verschwender, s.ra, Narciss, Janein und Stigmatique im Institut fuer Zukunft statt. Stigmatique wird diese erste eigene Labelnight gleich dazu nutzen, neue Wege auszutesten: „Ich werde definitiv nicht das spielen, was ich die letzten Jahre aufgelegt habe“ – es wird also auch für Kenner und Liebhaber seines Sounds ein spannender Abend.

Vorschlag: Hingehen!

PS:ssst: Wer nicht bis zum offiziellen Release am 5.2. warten will, kann bereits am 26.1. das erste Doppel-Vinyl von Seelen im Institut fuer Zukunft abstauben. Falls nach der Lektüre also nicht nur Ausgeh- sondern auch Kauflaune bei euch aufkeimt, nehmt am Freitag genug Scheine mit.