Um das Uncanny Valley-Label Rat Life Records ging es hier schon einmal – ab nun wohl auch regelmäßig, denn Label-Head Credit 00 lebt mittlerweile auch in Leipzig.
An späterer Stelle soll das näher thematisiert werden. Heute steht erstmal die „Algerian Raï„ von Sneaker im Mittelpunkt, die bereits im November letzten Jahres veröffentlicht wurde. Doch das Zuspätschnallen wird mit einer inhaltlich wie musikalisch spannenden EP entschärft, die sich mit einer in Algerien beliebten Musik auseinandersetzt, von der ich vorher noch nie etwas gehört habe: Raï. Mir kamen die algerischen Wurzeln des Leipziger DJs Fouteur de Merde in den Sinn, also bat ich ihn um eine kleine Einordnung:
„Der Raï ist eine algerische Volks- und Populärmusik. Zentrum ist die Küstenstadt Oran, im Westen der algerischen Republik. Was im späten 19. Jahrhundert als einfache Hirtenmusik aus dem Umland Orans in die Stadt getragen wurde, entwickelte sich im 20. Jahrhundert zu einer rebellischen Bewegung der ungebildeten jugendlichen Unterschicht. Man sang über verbotene Themen und gesellschaftliche Probleme – Liebe, Frauen, Alkohol und was das Leben ausmacht. Nicht umsonst bedeutet das Wort Raï im Arabischen ‚mit einfachen Worten seine Meinung und Gedanken äußern‘. Auch heute noch spielt die Raï-Kultur eine große Rolle im Leben der algerischen Jugend und dient, ebenso wie damals, dem individuellen Ausdruck und Protest.„
In Algerien selbst war Sneaker zwar nicht, aber er stieß bei Internet-Recherchen auf der Suche nach Cumbia und russischem Wave der 1980er auch auf Raï. Die sehr präsenten Vocals der Originale wollte er aber nicht aufgreifen und mit klassischen House-Beats unterlegen. Kein Copy & Paste ohne historischen und kulturellen Kontext, wie er auf seinem Blog schreibt. Stattdessen hat sich Sneaker in die hypnotische Polyrhythmik des Raï eingegraben und sich auf das Instrumentale konzentriert.
Für den Titel-Track griff er dabei auf ein Raï-Tape mit instrumentalen Synth-Tracks aus den 1980ern zurück – mit schleppendem Beat zieht Sneakers Version entlang scheppernder und sirenenhafter Synth-Sounds von Raï-Samples und formt daraus ein sehr eigenwilliges Stück Slow-House, das gleichermaßen nördlich und südlich des Mittelmeeres aus dem Rahmen fällt.
Auch Fouteur de Merde kennt das Original: „Sneaker nutzt einen algerischen Raï-Klassiker als Inspiration für seinen Track ‚Algerian Raï‘ und unterlegt das traditionelle Stück mit einem für ihn typischen Down-Tempo-Beat. Er schlägt damit eine musikalische Brücke zwischen zwei Welten, die auch heute noch kaum unterschiedlicher sein könnten.“
„Haunted Samba“ und „Disco Sidekick“ entfernen sich dann wieder vom Raï und loten die Reduktion bis zum Äußersten aus, perkussiver und super karg in den Arrangements – Tools, die in ihrer effektiven und filigranen Einfachheit nach komplett entschlacktem Kraut-Techno klingen. Eine herrlich bemerkenswerte EP.
Vor wenigen Tagen kam übrigens die nächste Rat Life-EP heraus – dieses Mal von dem finnischen Techno-Pionier Mono Junk. Seit Anfang der 1990er ist er dabei – als Producer und Betreiber des Labels Dum Records, das den frühen finnischen Techno neben Sähkö Recordings entscheidend mitprägte. Verrückt, dass sein zweiter Frühling nun auch bei Rat Life zu erleben ist.
Andererseits passt der dunkel eingefärbte, unterkühlt und rau klingende Techno von Mono Junk bestens dahin. Doch mit den verhallten Vocals und den simplen Synth-Harmonien kommt noch extra Pop-Appeal dazu – ein Gemisch, das vor zehn Jahren in der Electro-Clash-Hochphase wahrscheinlich sehr steil durch die Decke gegangen wäre.
Vielleicht wäre es aber auch untergegangen und kommt 2016 als Solitär mit analoger Dark-Disco-Patina besser zur Geltung. Auf jeden Fall kann hier nicht von Retro die Rede sein – das hier sind unverfälschte Zeichen von jemandem aus den Anfängen des Techno.
Die drei Stücke bewegen sich im abgesteckten Rahmen der beiden – zwischen rauen House-Arrangements und kleinteiliger bis ausladender Melodiösität. „Tane“ lotst sich abseits der Tanzfläche, als unberechenbare Spielerei, als Anti-These zur klassischen A-Seite.
Molto „Versatile Service Internation“ (Ominira)
Paid Reach „I Ping / Experience Change“ 
Wer den Party-Marathon miterleben möchte, für den haben wir hier einen Fahrplan. Mehr Infos gibt es auf
Aber wer steckt eigentlich hinter exLEpäng? Wir haben Mutsch vom exLEpäng!-Hauptquartier einige Fragen gestellt.
Alles, was so in der Grauzone passiert, hat immer mit viel Herzblut und Euphorie zu tun. Bridgebitchbreakbeats oder die letzte Party im zehnvierzig zwei Wochen vor der Sprengung 2008 (obwohl das auch andere Leute gewesen sein könnten *heiligenschein*) Auch die ganzen Squatlocations machen immer viel Spaß.
Mit der Week of Death fordert ihr das Rave-Durchhaltevermögen jedes Jahr aufs neue heraus. Wie kam es zu der Idee, wie lange haltet ihr durch?
Und nun noch einige Mix-Empfehlungen von Mutsch:
„Ištar CC“ bewegt sich ebenfalls in diesem hypnotisch kreisenden Spannungsfeld von Kraut, Tribal und interstellarer Romantik. Special Dance Music, die den Eskapismus der Clubnacht auf ein eher künstlerisches als funktionales Level überträgt.
Eine klangliche Erweiterung gibt es in Ansätzen auch bei Liftboi. Die „Heeme“-EP ist nämlich stärker vom Synthesizer-Sound als vom Klavier geprägt. Pathetisch aufgeladen bleibt es aber, wobei sich das mit dem angeteasten Cosmic Disco-Sound von „Lost In The Mountains“ und „I’m In Love With A Synthi“ besser verträgt als bei den Stücken, die ich ursprünglich von Liftboi kannte.