Studio Bruno „Franconia Sessions“ (Mutual Musik)

Ein Bauernhaus im fränkischen Steigerwald beherbergt das Studio Bruno. Darin: Johannes Beck mit Freunden.

Zur ersten einwöchigen Session lud der Berliner Producer Sevensol und Steffen Bennemann ein. Jeder durfte ein Instrument seiner Wahl mitbringen. Sevensol packte den Drumcomputer TR-707 und ein Monotron Delay ein, Steffen Bennenmann reichte ein Field Recorder.

Eine Woche Improviseren, eine Idee, die auch schon zu den Selbstversorgersound-Platten führte. Raus aus dem Studio-Einsiedlertum, stattdessen Klassenfahrt aufs Land mit dem besten Spielzeug.

Der Session-Charaker ist den zwei daraus entstandenen Stücken eindeutig anzuhören. Es sind stille, sich langsam entfaltende House-Tracks, ohne klare Dramaturgie. Das Skizzenhafte macht sie zwar beim ersten Hören schwerer greifbar, allerdings ist der Sound so direkt und zugleich so aufgeräumt, dass die Stücke etwas anziehend Kontemplatives in sich tragen.

Bei „Funkmaster Joe“ im Jazz angedockt, bei „Midsummer Escape“ im Kraut-Rock. Ein echtes Liebhaber-Projekt für Kopfhörer, dokumentiert auf Vinyl.

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Lake People „Uneasy Hiding Places“ (Permanent Vacation)

Wie kann es sein, dass sich Lake People noch immer steigern kann? Mit seiner neuen EP auf dem Münchner Label Permanent Vacation gelingt es ihm.

Eigentlich dachte ich, es sei alles gesagt zu Lake People. Sound gefunden, nun Kurs auf Verfeinerung, Nuancen ausloten. Doch „Uneasy Hiding Places“ überrascht mit seinen vier Tracks aufs neue. Noch filigraner, noch poetischer, allerdings an manchen Punkten auch reduzierter.

Herzstück ist für mich „They’re Singing“ – eben wegen jener etwas kargeren Deepness und den nicht ganz glatt gezogenen Sounds. Und allein, wie sich die Claps immer wieder aufspalten – mein bisheriger Lake People-Favorit.

Weicher gezeichnet dann das Titel-Stück auf der anderen Seite. Leicht galoppierend sowie elegisch zwischen hell und dunkel schwebend. Flüsternd eine wispernde Stimme.

„Brooklyn“ ist wieder deutlich in dem unaufdringlich-vielschichtigen Lake People-Rahmen eingebettet – das hohe musikalische Niveau haltend. Und zum Schluss „For Good“, ein Outro, passend zum unterkühlteren Sound von „They’re Singing“.

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Various Artists „Recipes For Reconstruction“ (Moniker Eggplant)

Moniker, was? Moniker Eggplant, Berliner Label-Kollektiv mit einigen Verbindungen nach Leipzig. Wir sagen nur PorkFour, LXC und mehr.

Zugegeben: diese Compilation zum einjährigen Bestehen des Labels habe ich lange vor mir her geschoben. Reine Remix-Platten – noch dazu so groß angelegte wie diese hier – sind aus Rezensions-Perspektive nämlich die Vollhölle. Man muss sich doppelt auseinander setzen: mit den Originalen und den Remixen.

Bei „Recipes For Reconstruction“ kürze ich aber ab. Einmal, weil ich den zwar noch überschaubaren Katalog nicht komplett im Ohr habe und außerdem kenne einen Großteil der Künstler nicht wirklich. Also Fokus auf die Leipzig-Verbindungen: Jakin Boaz und PorkFour sind klar. Von Meier & Erdmann lebt ein Teil hier in der Stadt. Und Karl Marx Stadt ist mittlerweile auch hergezogen.

Moniker Eggplant ist ja auf sehr angenehm unprätentiöse Weise sehr weird unterwegs. Electronica im weitesten Sinne, mit einem genre-übergreifenden Schalk im Nacken, der sich das Lachen aber auch mal verkneifen kann. Und alles in DIY.

PorkFour ist zweimal auf der „Recipes For Reconstruction“-Compilation vertreten. „Sleeping Dogs Dream“ von Karl Marx Stadt versieht er mit einem herrlich schwingenden Cosmic Disco-Filter.

Im Gegenzug breakcore-schreddert Sküge sein eigenes Stück „Numbers Circus“ – die juvenile Unbedarftheit des Originals geht da natürlich verloren. Andererseits überträgt der Remix den Geist in einen erwachseneren Wahnsinn.

Jakin Boaz’ Stück „Tor Mjue“ fokussiert sich im Shins-k-Mix stärker auf die Acid-Sounds und lässt den eskalierenden Schlussteil des Ausgangstracks weg. Dafür unterlegt mit tighteren Beats. Irgendwie gut gerade gezogen.

100-mal wurde die CD-Version von „Recipes For Reconstruction“ handgestempelt. Beigelegt ist übrigens auch ein Moussaka-Rezept. Den Rest könnte ich also beim Nachkochen richtig nachholen.

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Blac Kolor „Kold“ (Basic Unit Productions)

Ist das „kold“ draußen – Blac Kolor bietet den passenden, gleichnamigen Soundtrack.

Bei Blac Kolor benötigt man ja einen klaren Hang zur schroffen Industrial-Theatralik, wobei in seinen Stücken meist auch eine höchst anziehende Techno-Rohheit steckt. Polarisierend wirkte das schon auf der letzten EP. Bei „Kold“ wird es merklich breakiger. Und dadurch klingt der sonst recht massive Rave-Appeal auch weitaus entschärfter.

Booga verzichtet mit seinem Alter Ego Square7 gänzlich darauf – stattdessen völlig ausgekühlter Techno, der in der Ferne eine diffuse Wärme andeutet, sie beim nächsten Break aber mit aller Vehemenz wieder wegdrückt. Umwerfend konsequent.

Daniel Myer alias Liebknecht nimmt sich „Kold“ ebenfalls vor. In ähnlich klanglicher Aufgeladenheit, wie sie erstmals auf der „Frost Vol. 1“-Compilation zu spüren war. Damals war sie mir bereits zu viel, und hier komme ich auch nicht ran. Die ganze EP gibt es via Bandcamp.

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Back to 1994

Es ist still geworden um Statik Entertainment – nichtsdestotrotz feiert das Label nächstes Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Die erste EP gibt es nun als freien Download.

Ungemastered leider. Aber die Originaldaten sind mittlerweile verschollen. 1994 erschien die erste Platte von Statik Entertainment. Von einem gewissen S-Dyz. Gerade durch den ungemasterten Sound fühlen sie die fünf Stücke wie eine richtig weite Zeitreise an, wobei der Minimalismus und die anskizzierte Dub-Tiefe keineswegs angestaubt klingen.

Sie zeigen aber auch, dass Statik Entertainment von Anfang an neben der klassischen Techno-Spur forschte. Rhythmisch und dramaturgisch. Zum 15. Jubiläum gab es ein Label-Porträt bei frohfroh. Wer es nicht wusste: Daniel Stefanik hat einen gehörigen Anteil am Sound der letzten zehn Jahre gehabt. Nächstes dann mehr zu Statik Entertainment. Die S-Dyz-EP gibt es übrigens bei Bandcamp.

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Daniel Stefanik im Studio r°

Die Berliner DJ-Broadcaster von Studio r° bringen auch Platten heraus. Um die moderne Clubkultur zu dokumentieren. Daniel Stefanik ist auch dabei.

DJs und Live-Acts ins Netz zu streamen, hat ja durch Boiler Room quasi ein Second Life-Ausgehen etabliert, das trotz aller Skurrilität eine gewisse Normalität erreicht hat.

Bei Studio r° ist einiges anders: erstens integrieren die Videos neben dem reinen Auflegen eine weitere, grafische Ebene, die den voyeuristischen Fokus der Pseudo-Clubnacht-Mitschnitte entschärft – zumal es meist ziemlich langweilig ist, DJs beim Auflegen zuzuschauen –, zweitens veröffentlichen die Berliner seit kurzem auch Platten.

Auf der zweiten Compilation ist nun ein Stück von Daniel Stefanik dabei. In direkter Nachbarschaft mit Soulphiction und Freund der Familie. Sein Beitrag „Studio r“ schiebt sich mit einem recht schroff geschnittenem Bass-Fundament voran. Zusammen mit den Echo-Vocals irgendwie trippiger und mit ernsterer Miene als vieles vorher von ihm. Nur kurz flackern Fanfaren-Chords auf.

Weiß nicht so richtig, eine klassische B-Seite – auch wenn das Stück hier auf der A-Seite platziert ist. Ansonsten sehr hörenswert: das ungeschliffene Dub-Gewimmel von Freund der Familie. Herrlich scheppernd, lässig schneidenden HiHats.

Zum Schluss aber auch der Hinweis zum Daniel Stefanik-Mitschnitt vom Juni 2013. Es ist übrigens nicht der einzige Leipzig-Beitrag: Bender, Miami Müller, Devaaya Sharkattack, Wilhelm, Philipp Matalla, Sevensol, Polo und Rivulet waren auch schon dabei. Einfach mal scrollen.

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Gottfried Y. Leibniz „Polyhistor“ (Yuyay Records)

Yuyay Records, das mythenbeladene Elektronik-Label aus Lindenau meldet sich zurück. Mit einer neuen EP von Gottfried Y. Leibniz.

Im Februar gab es hier die ersten Zeilen zu einem Label, das ungewohnt ganzheitlich und offensiv mit einem eigens etablierten Mythos spielt. Musikalisch ist da eine dicke Schicht Patina dabei. Von Gottfried Y. Leibniz alias Robyrt Hecht gibt es nun via Bandcamp sechs neue Stücke.

Wieder bewegen sie sich mit analoger Eleganz und verspielter Musikalität. Wie ein Ausflug in die forschenden Anfänge der komplett elektronischen Musik. Als es scheinbar utopische Klangräume zu vertonen galt. Natürlich hat die sphärische Weite und die teilweise naiv klingende Melodiösität heute etwas sehr Antiquiertes.

Dennoch lässt sich damit noch immer eine gewisse Faszination für abwegige Gedankenausflüge wecken. „Polyhistor“ behält den Kurs der ersten drei EPs auf Yuyay Records bei, untermauert aber zugleich den eigenwilligen musikalischen Anspruch.

Die ruhigeren Stücke wie „Natura Non Facit Saltus“, „Alphabet Of Human Thought“ und „The Unconcious Mind“ gefallen mir dabei noch einen Tick besser.

Yuyay Records
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XVII „Movies For The Blind“ (Code Is Law)

Während das Institut für Zukunft noch am Bauen ist, kommt einer der Residents schon jetzt zu einem ersten Vinyl-Beitrag. Von XVII ist die Rede.

Viel gibt XVII nicht von sich preis. Es besteht die IfZ-/Vertigo-Verbindung, und es gibt einen düsteren, industrial-beeinflussten Electronica-Sound bei Soundcloud. Auf der IfZ-Compilation war auch ein Stück von XVII enthalten, das zusammen mit Subkutan entstand.

Nun das Vinyl-Debüt auf dem Berliner Techno-Label Code Is Law. Dort erschien Anfang der Woche die Mini-Compilation „Movies For The Blind“, auf der ein gleichnamiger XVII-Track zu hören ist. Neben den anderen Club-Stücken der Compilation ist „Movies For The Blind“ ein ebenso episch heller wie unberechenbar und weiträumig klingender Gegenpunkt.

Gegensätzlich auch zu XVIIs Soundcloud-Stücken, die mit ihrem Noise-Ansatz den musikalischen Schmerz ausloten. Sehr konsequent und mit einer gehörigen Theatralik. Unbedingt „Lodo Post“ und „On Curve“ auch mit anhören. Hier zeigt sich, dass sich bei XVII zwischen den schroffen Tönen einige höchst spannende, rhythmisch wunderbar vertrackte Momente herausschälen. Da dürfte demnächst noch mehr zu erwarten sein.

XVII Facebook / Soundcloud

Neues aus der Wolke – Ranko

Premiere bei „Neues aus der Wolke“: erstmals geht es abseits der geraden Bassdrums. Durch Zufall haben wir bei Soundcloud nämlich einen gewissen Ranko entdeckt.

Dass sich in Leipzig eine überaus vitale Instrumental-HipHop-Szene entwickelt hat, dürfte spätestens seit dem Start des Resistant Mindz-Labels deutlich geworden sein. Lässig-vertrackte Beats mit viel Soul darum, elektronisch tight gesetzt, da schmelzen die Genre-Grenzen schnell.

So auch bei Ranko. Als Producer ist er noch recht jung dabei. Was aber eben gleich auffiel, war die beeindruckende Vielseitigkeit seiner Stücke. Avant-HipHop hier, Trap dort. Und dann schickte Ranko beim ersten Herantasten noch einen Secret Link mit warm pumpenden House, der einiges vom britischen Bass aufgesogen hatte.

Einige der Tracks gibt es möglicherweise im nächsten Jahr auf Filburts Label O*RS zu hören. Dort erscheint Rankos Debüt. Vorher erzählt er jedoch selbst, woher er kommt und wohin er möchte. Und wir haben noch zwei Fragen zur Beat-Session-Reihe OverDubClub drangehängt, die er organisiert.

Woher kommst du – lokal und künstlerisch?

Ich komme aus Leipzig. Seit zehn Jahren bin als DJ unterwegs, aber erst in den letzten beiden Jahren zum Produzieren gekommen. Ich bin zudem noch als Veranstalter tätig, habe 2012 den ersten Produzentenstammtisch Leipzigs gegründet, den OverDubClub. Und ich engagiere mich ehrenamtlich bei Leipzigs größter Open-Mic-Session „Word! Cypher“ als Moderator im Conne Island.

Was flasht dich musikalisch?

Wenn ich hinter dem Song oder dem Album eine kreative Idee erkenne. Wenn ich sehe das sich jemand wirklich mit einem Thema oder einem Gedanken auseinander gesetzt hat. Ich mag es, wenn mir jemand mit seiner Musik eine Geschichte erzählt, denn ich möchte unterhalten werden.

Gerade in Zeiten von Laptop-Studios, Ableton, Cubase etc. ist es wirklich einfach einen simplen Loop zu bauen und sich Produzent zu nennen. Aber Leidenschaft und der Mut kreativ zu sein – das sind Dinge, die mich wirklich flashen.

Wo willst du mit deiner Musik hin – Lieblingshobby oder Stadion?

Am Ende kann ich das gerade überhaupt noch nicht sagen, da es in Sachen Produktion jetzt doch erst recht schnell ging. Ich bin ja nicht schon seit zehn Jahren im „Producer-Game“. Natürlich bin ich Realist und glaube auch, das Stadien nicht wirklich mein Ding sind.

Ich möchte aber auch, dass die Leute mein Mucke hören. Ich persönlich würde gern 2014 mal auf dem ein oder anderen Festival spielen. Am Ende ist der Weg das Ziel. Die Leidenschaft ist wichtig und soll auf keinen Fall durch Fame oder ähnliches kaputt gehen.

Dein größter Soundcloud/Youtube-Hit?

Der „Oops ! Remix“ – im Original von Tweet & Missy Elliot. Darauf gibt es die größte Nachfrage und der kommt im Club auch immer sehr gut an. Vor allem bei den Frauen.

Dein persönlich größter Hit – und warum?

Also mein derzeitiges Lieblingsstück ist gar noch nicht veröffentlicht. Der Titel lautet „Trash Business“ und wird auf meiner kommenden EP zu hören sein. Warum ich ihn so mag? Weil er einfach meinen momentanen Lebensstil auf den Punkt bringt.

Denn ich kann immer wieder mit Freunden feststellen, dass das Künstler- und Kulturgeschäft, in dem ich mich des Öfteren bewege, nichts als Müll ist. Und trotzdem liebe ich es über alles. Es beschreibt eine gewisse Hass-Liebe.

Was kommt demnächst von dir?

Als nächstes wird es von mir Anfang 2014 eine Veröffentlichung über O*RS Records geben, worüber ich sehr glücklich bin. Sowohl Online als auch auf schwarzem Plastik. Dies ist dann gleichzeitig die erste offizielle Ranko-Veröffentlichung.

Außerdem ist eine EP von Clarapark geplant, ein gemeinsame „Future-Soul“-Projekt von Duktus und mir. Des Weiteren wird ein OverDubClub-Sampler im nächsten Jahr kommen, der die Produzenten-Szene aus Leipzig mit all ihren Seiten zeigen soll. Es geht einiges…

Aus dem OverDubClub-Blickwinkel: wie stark schätzt du das Leipziger Potential abseits von House und Techno ein?

Enorm stark. Es ist für mich immer wieder erstaunlich und beeindruckend zugleich zu sehen, welch vielschichtiges und tiefreichendes Potential in dieser Stadt mehr und mehr zu Tage kommt. Gerade 2012 sind viele neue Veranstaltungsformate entstanden bei denen Produzenten im Vordergrund standen.

Zum Beispiel Looprausch, OverDubClub, Poetry Beats, ja selbst die Word! Cyper im Conne Island setzt auf hauseigene Beats. Ich habe das Gefühl, dass gerade HipHop stärker gefragt ist denn je. Ich bin sehr glücklich darüber, dass Stile heutzutage so selbstverständlich verschmelzen. Das macht die ganze Sache auch weiterhin spannend.

Wer ist dir von den bisherigen Teilnehmern am nachhaltigsten aufgefallen?

Am nachhaltigsten aufgefallen ist mir Duktus – von ihm wurde ich auch am meisten beeinflusst. Er ist meiner Meinung nach einer der meist unterschätzten und zugleich vielseitigsten Produzenten aus Leipzig – wenn nicht sogar deutschlandweit. In puncto Produktionen im Rahmen des OverDubClubs dürfen natürlich Namen wie Gimmix, LautnSchlega, Calgari oder Remark nicht fehlen.

Aber generell feiere ich alle Leute, die sich da mit hinstellen und dem Publikum ihre Produktionen vorspielen, die sie in den letzten Wochen zusammen geschraubt haben. Es gehört schon viel Mut dazu, die über die Tille-Anlage zu feuern – und dafür hat jeder meinen vollen Respekt.

Ranko Soundcloud
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Das Rosen-Paket

Es ist einiges passiert in den letzten Wochen bei Rose Records. Grund genug die ganzen Querverweise einmal zu bündeln.

Eine neue Rose Records-Platte gibt es nicht. Doch einige Verästelungen nach außen und innen. Spannend zu sehen, wie ein selbst initiiertes und bespieltes Label mit ein paar Platten dem allgemeinen Netzwerken eine spürbare Eigendynamik bescheren kann – erinnert sei hier an den Hans Nieswandt-Beitrag zum Rosetapes-Podcast. Natürlich muss auch der Sound gerade passen. Und scheinbar passt er im Falle von Rose Records sehr gut.

So gut, dass mit Eva’s Finest gleich ein Quasi-Sublabel gestartet wird. Für Edits. Wer die Soundcloud-Profile der drei Rose-Producer bereits länger im Blick hat, wird erkannt haben, dass bei dreien eine gewisse Zuneigung vorhanden ist, Pop-Songs einen dezenten House-Schub zu versetzen.

Nun kommt die Freude viermal auch auf Vinyl. Und dass in einer Zeit der Edit-Free-Download-Schwemme, die selbst die Edit-Pusher von trndmsk.de zu einem negativ konnotierten Kommentar hinreißt.

Bei Eva’s Finest bleiben die Producer – und ebenso die Original-Zitate – im Verborgenen, auch wenn der Kreis an möglicher Producer höchst überschaubar ist. Die-hard-Rose-Fans können es sicher am Sound raushören, wer hinter dem jeweiligen Edit steckt.

Musikalisch in gewohnt deeper Bahn unterwegs, bekommen manche Stücke durch die langen Original-Vocals aber auch etwas tantiges. Oldie-Patina für den House-Floor. Nur „Drive Slowly“ ist da eine Ausnahme. Liebevoll bearbeitet sind aber alle vier Edits, keine Schnellschüsse oder Effekt-Bomben.

Damit zu den äußeren Verästelungen: Im Mai konnte M.ono bereits bei Brown Eyed Boyz Records eine EP veröffentlichen. Die Betreiber aus Marseille wollten aber mehr und so folgten kürzlich zwei weitere Tracks. „96kbps Preview“ heißt einer, ein Soundcloud-Neck, der mit stolpernden Bassdrums die sommerliche Chord-Leichtigkeit in guter Weise etwas ausbremst.

Erhabener und irgendwie auch einnehmender klingt dagegen „Black Raspberry Fields“. Herrlich ausgewogen und mit einem ganz zarten Oldschool-Schliff. Mein bisheriger M.ono-Favorit.

Auch Luvless ist wieder auf Aufwegen. Beim britischen Label Editorial Records ist ein Track von ihm gelandet. Also ein Edit, um genauer zu sein. Beim Original muss ich jedoch passen. Luvless‘ „Deluvation“ startet mit trockener Disco-Bassdrum und öffnet nach hinten raus dann seinen entwaffnenden Funk. Mit einem angenehmen Understatement aber.

Und noch etwas: das Erfurter Nelabel Foen hat seine erste Compilation noch einmal auf weißem Vinyl pressen lassen. Und damit auch noch einmal „Brenner 38“, eines der frühen M.ono & Luvless-Stücke.

NACHTRAG:

Martin Hayes dreht natürlich nicht Däumchen: er war neulich auf einer Pantha Rhei-7″ dabei. Mit einem Remix für Niccolo Cupo. Und da ist sie in ganzer Blüte zu hören: die Rose-Leichtigkeit.

Rose Records Website
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Kleinschmager Audio „Auris EP“ (Rrygular)

Meine Euphorie für Tech House und Minimal hält sich gerade sehr in Grenzen. Insofern hätte Kleinschmager Audio nicht so gute Karten.

Und trotzdem kriegt er mich mit dem Titel-Track der EP. Immerhin ist das hier das erste musikalische Lebenszeichen von Kleinschmager Audio seit über zwei Jahren. Und konsequenterweise wieder auf Rrygular. Aber zu „Auris“: dieses Stück trägt viel von dem in sich, was Minimal einmal so faszinierend machte.

Die mäandernde Offenheit mit losen Sounds, der angeteaste Funk. Bei „Auris“ kommt durch die mechanischen HiHats und die ganze Aufgeräumtheit eine Strenge hinzu, die doch sehr einnehmend wirkt.

Mit Someone Else nimmt sich jemand „Auris“ an, der seine Hochzeit auch in der Minimal-Zeit erlebte. Er überzieht die Elemente mit einem weichen, schwingenden Schleier. Ab und an durchsetzt von bedrohlichen Delays.

Während „Auris“ also wahrscheinlich eine nostalgische Kraft entwickelt, landet „Stapes“ in seinen zwei Versionen wieder in der Tech House-Gegenwart. Schnell durchziehend mit so kurzen, hermetischen Sounds und so sauberer Dramaturgie, dass da wenig Leben zu hören ist. Da können auch die kleinen Rave-Fanfaren in der „Elipamanoke“-Version nichts reißen.

Als DJ ist Kleinschmager Audio übrigens gerade im aktuellen Rrygular-Podcast zu hören. Ein kurzes Interview gibt es dort auch zum Lesen.

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Rrygular Website
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5 Jahre Kann Records – die Verbeugung

Im aktuellen kreuzer ist bereits eine kleine Ode an das Label von Sevensol, Bender und Map.ache abgedruckt. Hier soll es auch eine geben.

Warum die Lobhudelei? Weil es – pathetisch ausgedrückt – frohfroh ohne Kann Records wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Denn wenn es im Anschluss an die Label-Gründung nicht so viel zu berichten gegeben hätte, wären die zwei kreuzer-Seiten völlig ausreichend gewesen, die mir vor fünf Jahren zur Verfügung standen. So kam ich irgendwann nicht mehr hinterher und brauchte einen anderen Kanal. Insofern reicht der indirekte Einfluss des Labels scheinbar noch weiter.

Ich erinnere mich daran, wie mir Sevensol Frühsommer 2008 im damaligen Freezone-Laden zwei Platten in die Hand reichte – verpackt in zwei weißen Papierinnenhüllen, die unten zusammen getackert waren. Auf den weißen Etiketten mit Edding „Kann 00“ gekritzelt.

„Hier, wir bringen da bald was raus“, meinte Sevensol. Ich so: „Wie, ihr bringt was raus?“. „Ein paar Tracks von uns und Freunden.“ Komischerweise lag mir damals nichts ferner als das. Moon Harbour brachte Platten raus, ab und an auch FM Musik, Statik Entertainment und Alphacut. Aber mehr?Noch beeindruckender war, dass die Tracks so groß waren. Deeper, sehr musikalischer House, sowohl angenehm zurückhaltend als auch offensiv slammend. Die Überraschung war perfekt und tatsächlich schossen danach weitere interessante Acts und Labels aus dem Boden.

Sicherlich verliefen die Entwicklungen komplexer. Es gab eine ganze Reihe anderer Akteure, die ebenso lange wie Sevensol, Map.ache und Bender in Leipzig aktiv waren und parallel oder kurz darauf in den Fokus rückten.

Aber wahrscheinlich braucht es manchmal eine symbolische Verjüngung, hin zu einem Punkt, der in einem groben Raster als Ausgangspunkt für eine Entwicklung gesehen werden kann. Und für mich nimmt diesen Platz nunmal Kann Records ein. Daher hier nun also die Huldigung, die Ode, die Verbeugung. Oder: danke für die letzten fünf Jahre und mehr als ein Dutzend Platten!

Kann Records Website
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