Ein Mixtape in Buchform

Wer einen Blick hinter die Kulissen des Plattenveröffentlichens werfen mag, könnte mit dem Buch von Alex Ketzer seine Freude haben – könnte. Denn es muss erst noch finanziert werden.

Crowdfunding, klar. Großes Thema gerade. Sieben Tage bleiben dem Kölner Grafikdesigner noch, um 5.000 € zu sammeln. Davon soll der Druck seines Buchs „Beyond Plastic – ein Mixtape in Buchform“ finanziert werden.

Letztes Jahr war Ketzer unterwegs zu Leuten und Unternehmen, die dafür sorgen, dass seine Lieblingsplatten entstehen. Eine Station war auch Leipzig – bei Kann und Ortloff sowie im Presswerk von R.A.N.D. Muzik.

In mehreren Interviews wird auf 288 Seiten der Weg vom Demo zur fertigen Platte vorgestellt. Zum Buch erscheint auch eine 4-Track-Vinyl-Compilation. Erste Screenshots sind auf der Startnext-Kampagnen-Seite zu sehen. Noch fehlt aber mehr als die Hälfte.

Via itsours.

Various Artists „Van Doumen 01“ (Van Doumen)

Das tolle an Doumen ist ja, dass die Platten kaum den Club im Blick haben. Doch statt Ätsch zu sagen, gründen die Macher ein Sublabel für tanzbare Reworks.

Es scheint öfter vorgekommen zu sein, dass DJs eine Doumen-Platte umsonst mitschleppten, weil sie in das Set der Nacht nicht reinpasste. Wenig verwunderlich bei dem musikalischen Eigensinn, den die bisherigen Platten besaßen.

Da die Doumen-Betreiber jedoch ein ebenso großes Herz für den Dancefloor besitzen, gehen sie mit Van Doumen nun einen spannenden Kompromiss ein.

Ausgewählte Künstler nehmen sich Original-Doumen-Material und arbeiten es um. Reworks, keine Remixe. Es sind neue Stücke. Deshalb auch keine klassischen Titel – so bleiben die Referenzpunkte zu den Originalen verschwommen, wenn auch nicht komplett gekappt.

Dass der Doumen-Dancefloor etwas anders funktioniert, war vorab zu vermuten. Und so klingt die „Van Doumen 01“ auch. Scherbe, Philipp Matalla und Potensia übertragen den poetisch-collagierten Sound des Labels weitgehend bei.

Auch wenn ein schleppend-stolpriger Beat wie bei Scherbe darunter liegt oder bei Philipp Matalla aus warm flimmernden Electronica-House plötzlich ein schiebendes Ungetüm erwächst. Eine unglaubliche Wendung, die sein Stück aber nicht zerreißt.

Potensia bleibt der Doumen-Träumerei am nächsten, womit er jedoch keineswegs einen falschen Weg einschlägt. Der große Balsam, besonders wirksam im Anschluss an die verstörende, dunkle und beißende Kraut-Techno-Session von Webermichelson.

Nach dem langen Verdichten der Hypnose kommt zum Schluss das gleißende Licht, in beinahe sakraler Mächtigkeit. Man müsste sich die Augen zuhalten. Der vertonte Wahnsinn, mit allem Schmerz und aller Faszination. Und das auf einer der wichtigsten Platten dieses Leipzig-Jahres.

Doumen Website
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Neue Kampagnen-Helden

Es ist Wahlkampf draußen und überall Kampagnen. Auch die Distillery befindet sich mitten im Kampagnen-Business.

Im Prinzip ist die Distillery seit letztem Jahr Teil einer Dauer-Kampagne, teilweise unfreiwillig. Erst die 20 Jahre-Feiern, dann die Crowdfunding-Überraschung durch den Doku-Film, dieses Jahr die groß kommunizierten Sorgen um den aktuellen Standort und eben die Premiere des fertigen Films vor wenigen Wochen.

Neulich interviewte der Lokalsender Info TV Steffen Kache und neben den kampagnengemäß oft gehörten Argumenten und Tatsachen blieb mir sein letzter Appell am meisten im Gedächtnis.

Er meinte: wenn jemand einen Politiker kennt, solle er ihn auf die Probleme der Distillery hinweisen – Lobby-Arbeit eben. Gestern folgte ein dreiseitiger offener Brief an den Stadtrat. Es gibt einen Antrag, der von drei Fraktionen getragen wird und über den am morgigen 18. September abgestimmt verlesen werden soll. Aktuell läuft auch eine Online-Petition.

Die Clubkultur nun also mittendrin in der angewandten Interessenpolitik, auf der gleichen Stufe wie Lobbyisten, die sich gegen Automauten etc. winden.

Aus Kampagnenperspektive läuft es gerade gut für die Distillery – die Identifikation aus der Szene ist so groß, wie schon länger nicht mehr, überall Zuspruch und Sympathiebekundungen. Und es sei ihr auch keineswegs missgönnt.

Nur ertappe ich mich derzeit beim Erkennen, dass die Mittel der politischen Einflussnahme sich hier nicht grundlegend von denen unterscheiden, denen viele gemeinhin skeptisch gegenüber stehen. Obwohl es konforme Mittel sind und obwohl die große Wirtschaft sie sehr viel früher und effektiver für sich zu nutzen wusste.

Im Fall der Distillery wird deutlich, dass die Gegenüberstellung von subversiver Sub- und professionalisierter, politischer Einflusskultur nicht mehr funktioniert. Die Professionalisierung der Clubkultur brachte bei manchen Akteuren auch gefestigtere Lobby-Strukturen mit sich.

Vielleicht sollte neben der zu wünschenden gesicherten Zukunft der Distillery auch hinterfragt werden, ob unsere mehr oder weniger ausgeprägte Lobby-Antipathie relativiert werden sollte. Denn jeder trägt Einzelinteressen mit sich herum, die an manchen Stellen auch vehementer einzeln vertreten werden, Demokratie eben.

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Gumbagt mit Sven Tasnadi

Wolkramshausen feiert und Sven Tasnadi ist mit dabei. Eigentlich nicht so der Rede wert. Sein Track aber schon.

„Gumbagt“ heißt er, veröffentlicht auf der Compilation „Wolke wird 18“. In der Nähe von Nordhausen residiert seit ziemlich langer Zeit ein Club namens Wolke, mittlerweile gibt es auch ein Label dazu. Eben dort ist die Compilation herausgekommen.

Der schlurfende Beat und die gegenläufig ambienten und experimentellen Sounds machen „Gumbagt“ zu einer kleiner besonderen House-Perle. Hätte klanglich eigentlich auch auf sein „Slow“-Album gepasst. Für 10 € gibt es die Compilation direkt im Wolke-Shop.

Auf der CD sind auch Daniel Stefanik und Juno6 versteckt. Die beiden haben sich ja öfter zu Ambient-Sessions getroffen. Anfangs stand Sensual als Name dafür im Raum. Später wurde daraus Birds Two Cage daraus.

Und mit „Scipfeereld“ gibt es hier wahrscheinlich das erste veröffentlichte Stück aus der Zusammenarbeit. Downbeat mit großen Ambient- und Field Recodings. Für die ruhigeren Momente.

Aber noch einmal kurz zurück zu Sven Tasnadi: bei Soundcloud hat er einen Edit von Josh Winks „Don’t Laugh“ als Free Download hochgeladen. Bei den Live-Sets mit Juno6 war das Stück schon zu hören und da passt es auch hin. Wird viel gelacht darauf.

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Daniel Stefanik „In Days Of Old Pt. 3“ (Kann Records)

„In Days Of Old Pt. 3“ ist Daniel Stefaniks erstes musikalisches Lebenszeichen nach seinem letzten Album. Und der finale Teil der dreiteiligen EP-Reihe.

Vor drei Jahren startete die „In Days Of Old“-Reihe, mit der sich Daniel Stefanik seinen prägenden, musikalischen Wurzeln widmete. Neun Tracks sind am Ende entstanden – parallel zu den einzelnen EPs wurden sie nun auch noch einmal in einem limitierten Vinyl-Set zusammengefasst. Fast wie ein über drei Jahre hinweg gewachsenes Album.

Bei den drei letzten Stücken strahlen Detroit und die späteren europäischen Interpretationen sehr viel deutlicher als Einfluss hervor als auf den vorherigen EPs. Da vermengt sich ein Teil des „Confidence“-Sounds mit der entspannten House-Deepness von Kann Records.

Lang schwebende, atmosphärisch dichte Harmonieschleifen mit etwas Dub bestimmen „#seven“, federnd tänzelnder Ambient hingegen „#nine“. Bei „#eight“ schwingen die House-Reminiszenzen am ehesten mit, wobei auch hier die Sounds eher zu einer verschlungenen Wehmut ausholen.

Mit Blick auf die Reihe unterbrechen die drei Stücke die bisherige House-Kohärenz natürlich, beziehungsweise verknüpfen sie mehr mit Stefaniks Gegenwart. Nebenbei offenbart „In Days Of Old Pt. 3“ aber auch einmal mehr die musikalische Tiefe und die Perfektion von seinen Stücken.

Das ist und bleibt seine große Stärke. Und mit dem stillen „#nine“ lässt sich die Reihe kaum besser beenden, zumal er seinen Nachwuchs mit darin verewigt.

Übrigens kamen Mitte August auch vier Remixe zu „Confidence“ bei Cocoon Recordings heraus. Ob das so eine gute Idee war? Gerade bei so dramaturgisch geschlossenen Stücken? Adam Port, Mathias Kaden, Mr. G und Legowelt wagten sich daran.

Bis auf Legowelt straffen alle die Harmonien und Strukturen – weg von der Musikalität, hin zum Floor. Das poetische Element greift Legowelt dafür umso überzeugender auf.

Daniel Stefanik Website
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„Wir sind kleine Fische“ – Jeahmon!

DJ- und Producer-Duo inklusive Label – Jeahmon! packen alles zusammen. Fünf Platten sind dabei schon entstanden. Ein Kurz-Porträt mit gemischten Gefühlen.

Wie in jeder lokalen Musik-Szene gibt es feine, kleine Trennlinien – zwischen den Sounds, den Crews, den Clubs und den Leuten. Und manchmal gelangen Dinge wegen solcher Trennlinien eben nicht ins Blickfeld.

Auch Jeahmon! fielen hier zwei Jahre lang durch das Raster, weil frohfroh als Blog natürlich subjektiv geprägt ist. Es ist nun nicht so, dass mich der Sound von Jeahmon! mittlerweile mehr bewegen würde – das Engagement ist aber dennoch eine Erwähnung wert.

Neben den ehemaligen Lagerhof- und Soundgarden-Residents Mark Zwirner und Oliver Rives, die als DJs und Producer erstmals den Namen Jeahmon! ins Gespräch brachten und später daraus auch ein Label gestalteten, gehören zum erweiterten Kreis noch Marc DePulse sowie Mathias Ache und muLe.

„Wir sind die kleinen Fische im großen Haifischbecken der Musik“, meint Oliver Rives. Die Bescheidenheit soll mit dem Fisch-Logo transportiert werden. Die Grafikerin Noamir hat es gestaltet, ebenso all die handillustrierten Vinyl-Cover der bisher fünf veröffentlichten EPs.

Und da wären wir beim Label-Sound. Mit Minimal, House und ein wenig Techno, grenzt Oliver Rives ihn selbst näher ein. „Die Musik muss von Herzen kommen, ehrlich sein und Menschen berühren können“, konkretisiert er weiter. Auch deutliche Pop-Einflüsse gehören dazu – auf der 003 von den Ukrainern Outstrip etwa. Oder bei Marc DePulse‘ Zusammenarbeit mit dem Sänger Boe van Berg.

Ansonsten bleibt Minimal das bestimmende Gerüst, mal mit mehr Deepness, Spielerei und Pathos angereichert, mal mit weniger. Solide und DJ-freundlich, mir aber zu glatt und zu brav. Nichts, was musikalisch bei mir länger nachhallt.

Außer die „Nachtmensch“-EP von Marc DePulse feat. Boe van Berg. Allerdings nur, weil mich der verstrahlt-pathetische, deutschsprachige Gesang wirklich erschrocken hat. Das ist Befindlichkeits-Deutsch-Rock mit elektronischen Mitteln.

Die stilistische Breite sei immer „stimmungs-, wetter- und saisonabhängig“ – ein durchaus sympathischer Ansatz für ein Label. Das Booking läuft momentan ebenfalls unter dem Jeahmon!-Dach – die aktuelle Ganzheitlichkeit also, im kleinen Rahmen, aber mit gewachsenen Kontakten. Für Dezember ist ein Showcase im Elipamanoke geplant.

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Various Artists „Black Series 004“ (Authentic Pew)

Okay, streng genommen ist der Leipzig-Anteil bei dieser Platte sehr gering. Doch ich komme nicht an ihr vorbei.

Noch einmal kurz zur Erinnerung: Authentic Pew ist ein Chemnitzer Techno-Label mit Perthil & Aerts als treibende Köpfe. Und ein Teil des Duos lebt in Leipzig. Im April fanden beide bei frohfroh erstmals Erwähnung. Und auch die neue Compilation soll hier kurz vorkommen, auch wenn es nur einen Remix von Perthil & Aerts darauf gibt. Von Attacs „01“.

Im Original düster und mit neurotisch-strengem Drive, rauen die Label-Betreiber den Track merklich an. Noch dazu mit noch mehr Schub als ohnehin schon. Und ja, wieder die matschigen Claps zum Schluss. Ich habe wirklich gerade eine Schwäche dafür, muss ich zugeben.

Die Pariser As Patria liefern aber den Höhepunkt der Compilation. In ebenso konsequenter wie entspannter Weise rauscht ihr „Arcan“ über neun Minuten hinweg. Mit einer hintergründigen und sich nicht entladenden Spannung. Da steckt auch ein wenig Raster-Noton-Elegie mit drin. Ganz großartig.

Tomohiko Sagae ist ansonsten auch wieder vertreten, noch industrial-beeinflusster aber, als auf der „003“.

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Markus Masuhr „Tamur EP“ (Superb Recordings)

Täusche ich mich, oder wird Markus Masuhr immer besser? Beim Berliner Label Superb Recordings lotete er Dub Techno mit Eigensinn aus – schon im März.

Dub Techno hat gerade einen schweren Stand bei mir. Zu oft sind die großen Dub-Wolken zu ausgetreten. Wobei mich die Zeitlosigkeit des verhallt-treibenden Sounds doch auch noch berühren kann.

Bei der bereits im März veröffentlichten „Tamur EP“ löst sich Markus Masuhr auf der A-Seite im Laufe der elf Minuten von der sanft wogenden Schnittigkeit und kommt mit leicht brüchigen Bassdrums und glasklaren HitHats daher. Ein kickendes Stolpern mitten in einem Strom von ebenso angematschen wie klassisch dub-flackernden Sounds. Was für ein Groove im Mittelteil, trippig und fein justiert zugleich.

„Tamur Salth“ auf der B-Seite rückt die Bassdrums druckvoller wieder gerade. Aber nur am Anfang. Später geraten sie auch ineinander, verheddern sich und kommen doch wieder in die anfängliche Form zurück, um den fanfarenhaften letzten Abschnitt in Bewegung zu setzen. Alles deep und leicht dissonant eingebettet in die dubbigen Hallräume.

Beinahe wäre mir diese EP-Perle durchgerutscht – danke für den Tipp, René.

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New World „Night Stalker“ (Riotvan)

Riotvan und der Disco-Sound – eine große Liebe. Auch das Debüt-EP von New World taucht tief in den melancholisch gefärbten Glamour ein.

New World, New World, da war doch was. Genau: auf der zweiten Ortloff-Platte gab es ein Stück namens „Innocent Thoughts“. Damals wollte mir aber noch keiner verraten, wer dahinter steckt.

Heute ist man da offener. Markus Gebauer vom Duo Boytalk ist New World. Und statt des augenzwinkernden House zelebriert Gebauer bei seinem Solo-Projekt in würdevoller Weise die Disco-Eleganz. Mit Jennifer Touch an der Seite haut er noch dazu eben mal zwei wunderbare Floor-Pop-Hits heraus.

Besonders bei „Stretching“ stimmt einfach alles. Der gesangliche Tonfall, die Bassline, die Orgeln. Aber auch „Night Stalker“ ist voll von jener süßen Melancholie, die unter der glamourös-entrückten Disco-Attitüde schlummert. Lauer remixt das Stück mit weichem Schub offensiv auf den House-Floor.

Und dann ist da noch „Mirage“, umarmend und entwaffnend gut gelaunt. Schöne, neue Welt.

Am heutigen 10.9. um 19 Uhr wird die Platte übrigens offiziell im mzin gefeiert.

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Willkommen zu Hause

Am Wochenende hatte sie Premiere, die Distillery-Dokumentation. 102 Minuten mehr oder weniger glamouröse Einblicke in die 20-jährige Geschichte des Clubs.

Wie aufregend: nach den ersten Wellen der Crowdfunding-Kampagne endlich den gesamten Film sehen zu können. In die Kino-Premiere von „Willkommen zu Hause“ habe ich es leider nicht geschafft. Doch die Vorab-DVD löste eine ähnlich erwartungsvolle Vorfreude aus.

Es muss gleichermaßen ein Geschenk und ein Fluch für das vierköpfige Filmteam gewesen sein, dass dermaßen viel Material zur Verfügung stand – 100 Stunden waren es am Ende. In den letzten Monaten aufgenommene Interviews ebenso wie alte Video-Aufnahmen vom ersten Einstieg in die mit Bierkisten übersäte Brauerei. Auch bewegte Bilder von den ersten Partys. Und dass aus einer Zeit, in der es noch nicht einmal flächendeckend Festnetztelefone in Leipzig gab.Diese zeitgeschichtlichen Sequenzen fesseln besonders. Sicher auch, weil sie ein Leipzig zeigen, dass es so heute nicht mehr gibt. „Willkommen zu Hause“ macht aber genauso lebhaft deutlich, wie sehr sich Techno musikalisch und kulturell in den vergangenen zwanzig Jahren verändert hat. Nicht nur die Geschwindigkeit ist gedrosselter, auch die modischen Codes sind weitgehend verschwunden.

Doch so exaltiert die Kleidung von damals, so überraschend normal wirken die Residents und Clubgründer heute. Fernab der gegenwärtigen Hipness-Attitüden erzählen sie ihre Geschichten von einer anfangs fixen Idee, die nach und nach ernster und professioneller weiterentwickelt wurde. Von den daraus resultierenden Brüchen und Schwierigkeiten. Von dem Druck eines solch gewachsenen Ladens, der irgendwann komplett auf Steffen Kache lastete.

Es ist diese Normalität der Protagonisten, die dem Film seine sympathisch authentische Ebene gibt. Und eben immer wieder die Archivaufnahmen. Tausende Raver vor dem Rathaus, ein überforderter Oberbürgermeister, ein Sit-in auf dem Markt, ein mächtiger Polizeieinsatz, die dokumentierte Enttäuschung.

Deren Wirkung erdrückt den Abriss der letzten zehn Jahre denn aber auch. Denn dafür, dass Steffen Kache meint, dass das Anfang der 2000er Jahre hinzugekommene Freitagsprogramm die Distillery gerettet hätte, bleiben dessen erweiternde Qualitäten mehr eine Randnotiz. Auch die Durststrecke nach dem Zenit der späten Neunziger flackert nur kurz auf, obwohl sie den Ruf der Distillery durchaus mit geprägt hat.

Vom Rausch der Anfänge mündet „Willkommen zu Hause“ schnell in die Sorgen der Gegenwart mit der Unsicherheit, wie es mit dem Club weiter gehen wird. Insgesamt schafft es die Dokumentation aber doch, sehr schlüssig und kurzweilig 20 Jahre Distillery zu erzählen. Glücklicherweise mehr authentisch als weich überzeichnet.

„Willkommen zu Hause“ ist noch am 9. und 10.9. im UT Connewitz sowie am 15.9. im Prager Frühling zu sehen. Ab Oktober ist auch eine DVD mit Bonusmaterial erhältlich.

Nachtrag: die beiden UT Connewitz-Termine sind bereits ausverkauft. Für den 15.9. gibt es noch Restkarten. Reservierungen einfach an tilledoku@googlemail.com schicken. Weitere Termine: 3.-9.10. im Cineding sowie am 13. und 20.10. im Prager Frühling.

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Lake People „Step Over, Trace Into Pt. 2″ (Connaisseur Recordings)

Ein halbes Jahr nach dem ersten Teil, folgt der zweite Teil von Lake Peoples EP-Doppel „Step Over, Trace Into“.

Es ist ja nicht so, dass es gerade zu wenig Deepness im House gäbe, und auch Lake People ist groß darin. Allerdings kommt bei ihm die Erhabenheit immer deutlicher hinzu. Da ist die klangliche Wärme kein Mittel, um langweilige Arrangements überdecken zu können. Sie transportiert vielmehr ein Gefühl der Losgelöstheit, vielleicht auch der Abkapselung. Ganz nah bei sich sein, ohne esoterischen Beiklang.

Dadurch entzieht sich Lake People auch immer wieder den gängigen Dancefloor-Funktionalitäten. Seine Tracks haben Anfang, Ende und viel erzählende Substanz dazwischen. Auch auf dem zweiten Teil der „Step Over, Trace Into“-Reihe sind die Tracks dicht bepackt. Und das tolle bleiben die vielen beiläufigen Sounds neben den weit ausformulierten Harmonien.

Sie geben Stücken wie „Stepwise“ oder „Into“ eine latente Unberechenbarkeit. Nach vorn hin die große Wärme, unter der Oberfläche das leise, sich ständig verändernde Knistern. Und wie beim ersten Teil kommt das Theremin hervor. Bei „Come Over Later“ schwebt es weit hinten. Wie antiquiert-futuristisch dieses Instrument klingt. Irgendwie auch skurril und ein wenig tantig.

„Trace Missed Call“ ist schließlich ein erneuter Ausflug in die Keimzelle des Lake People-Sounds – einmal zurück in die entschleunigte und klangliche Weite von Electronica. Der Herbst kann ruhig kommen mit dieser EP.

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O*M*C*D „O*RS 2000“ (O*RS)

Die erste 7″ bei O*RS. Und die erste Auseinandersetzung mit Dub auf Filburts Label.

Filburt und Andreas Wendland von der Leipziger Band Lunar³ haben sie hier zusammen getan, um ein dubbiges Grundgerüst in zwei unterschiedliche Richtungen treiben zu lassen. Denn Nach-treiben-lassen klingen beide Versionen auf jeden Fall. Vor über zehn Jahren waren beide schon zusammen im Studio. Damals noch als Smooth Pilots, aber vom Sound her waren sie woanders.

Bei „It’s Hard To Be Dub“ sind die Hallfilter weit geöffnet, egal ob bei den Claps, HiHats, Gitarren- oder Vocal-Samples. Und darunter der alles umschließende und weich bohrende Bass. Während der erste Teil sich etwas klassischer am Dub orientiert, geht „Part 2“ mit mehr Ambient heran.

Das Kuriose und zugleich spannende an beiden Versionen ist der widersprüchliche Drive – einerseits schleppend und tief, andererseits super treibend. Die erste Version ist mir mit ihrem klareren Sound ein Tick lieber.

In neun verschieden farbigen Vinyl-Varianten kommt die „O*RS 2000“, und mit handgestempelten Cover.

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