Hommage an die Komfortzone – Mauro Caracho

Gamal aka Mauro Caracho lebt seinen Traum. Er ist DJ, Resident, Labelbetreiber und Booker. Wie es dazu kam, was ihn und seinen Sound auszeichnen, haben wir in einem Interview erfahren. Als passende Lesebegleitung zum Portrait empfehlen wir sein Set „It‘s been a while!“.

„Ich weiß zwar nicht, was es über mich zu schreiben gibt, aber klar“, so lautete Gamals Antwort auf die Interviewanfrage für frohfroh – nur wenige Tage nach seinem Gig im Berghain. Eine Woche später erwartet er mich im weißen Sweater und schwarzer Feel Good-Hose im Vary. Gastfreundlich kümmert er sich um Getränke, um den perfekten Platz, geht zum Tresen, plauscht kurz mit den Vary-Leuten. Er agiert leichtfüßig, wirkt souverän. „Ich bin voll aufgeregt“, sagt er, als er sich hinsetzt und zur Ruhe kommt.

Der sportive Street-Style lässt heute nichts mehr von der Zeit als dreizehnjähriger Trance-Boy erahnen – außer vielleicht das Jersey-Beinkleid als Huldigung der 90er. Mit Plateaus, aufgestellten Haaren, Piercings und Schlaghosen waren das Gamals erste Berührungspunkte mit elektronischer Musik. Nach zwei Jahren zog es ihn kurz in die Rockszene, um vor sechs Jahren nach seinem Studium wieder zum zarten, zukunftsbejahenden Genre zurückzukehren. Über all die Jahre und unterschiedlichen Richtungen sammelte Gamal Musik. „Ich war schon immer Musik-Nerd, kannte die Labels, die Künstler, die Tracks, habe mir das alles gemerkt und gesammelt.„

Das zweite Kapitel seiner Feierzeit – diesmal ohne Schlaghosen – verlief nun weniger temporär: „Dann habe ich die Fäncys entdeckt, oder besser gesagt, die Fäncys haben mich entdeckt.“ Er wollte nicht mehr nur das konsumieren, was andere erschaffen, sondern half beim Auf- und Abbau der Fäncy-Partys – jene überschaubaren, familiären Veranstaltungen mit Privateinladung, die vor vier Jahren noch in engen Kellerräumen, Abrisshäusern oder staubigen Dachgeschossen passierten.

Zum ersten Crew-Meeting traf er auf fünfzehn unterschiedlich durchgeknallte Leute und fühlte sich wohl. Die Partys wurden größer, die Deko bunter, Mauro Caracho begann aufzulegen: „Martin sagte irgendwann: ‚Wir machen nächste Woche eine Party, du legst jetzt einfach mal auf, du hast so viel Musik.‘ Der hat mir dann einen Controller ausgeliehen. Wie ich so bin, habe ich dann täglich drei Stunden zu Hause aufgelegt.“

Nach zwei Jahren fragte das erste Mal die Distillery an. Wie hast du das erlebt?

„Nach zwei Jahren Auflegen ist es super zeitig, in einen Club, wie die Tille eingeladen zu werden. Der Club bedeutet für mich auch sau-viel. Ich bin gebürtiger Leipziger, meine Mutter war in der Tille feiern. Hans, der alte Grillmann, war jahrelang mein Stiefvater. Als dann der Ruf aus der Tille kam, waren wir alle super aufgeregt. Wenn man realisiert, dass das echt was werden kann. Als wir dann nach einem Jahr sogar Residents wurden, hat mir das die Ernsthaftigkeit gezeigt. Es ist eben nicht nur Jux und Tollerei, sondern das kann ja wirklich was werden.

Ich versuche immer, es nicht zu sehr zu forcieren und hatte bisher das Glück, dass es von alleine ging. Natürlich habe ich Erwartungsdruck und einen Anspruch an mich selbst. Die ersten Male vor dem Auflegen in der Tille habe ich regelmäßig gekotzt – vor Aufregung. Ich will Sachen gut machen und steigere mich dann auch rein, ich saß tagelang vorher da und fragte mich: Was kann ich spielen, was kann ich mal besonderes machen.“Platten-Handwerk versus USB-Stick – du lebst die digitale Freiheit beim Auflegen. Existieren dazu kritische Stimmen?

„Ich bewundere es, wenn Leute mit Platten auflegen können. Aber das ist nicht die Form, wie ich mich als DJ verstehe. Ich spiele Musik, damit die Leute dazu tanzen. Daran wird es doch gemessen, nicht an der Art und Weise, wie ich das mache. Wenn bei mir am Ende alle im Raum tanzen und eine sau-gute Zeit haben, dann fragt keiner mehr, ob ich eine Platte oder MP3 gespielt habe.

So habe ich viel mehr Freiheiten beim Auflegen. Ich bin viel variabler, weil ich viel mehr Musik mitnehmen kann. 1.600 bis 1.700 Lieder habe ich dabei. Darüber dann den Überblick zu behalten, ist meine Aufgabe. Ich gehe mindestens einmal pro Woche ins Atelier, um dort drei bis vier Stunden aufzulegen – immer wieder durchhören, immer wieder radikal aussortieren, immer wieder Selbstkontrolle. Die Lieder habe ich in 40 Ordner eingeteilt, so wie ich Musik höre – Afrobeat, Weltmusik, Elektronische und Nichtelektronische Musik zum Beispiel. Dann gibt es noch Ordner mit aktueller Musik der letzten drei Monate, die ich mir gerade gekauft habe und die ich gerade in der Rotation habe.“

In deinen Sets schwingt immer etwas Sphärisches mit. Kannst du erklären, woher das kommt?

„Wahrscheinlich weil ich eine verträumte Meise habe. Früher fand ich schon Trance geil. Es ist schwierig, mich in ein Genre einzuordnen, weil ich immer das spiele, worauf ich gerade Bock habe. Das kann dann schon quer durch den Gemüsegarten gehen. Die verträumten Flächen ziehen sich allerdings durch.“

„Ich mag emotionale Musik, die etwas auslöst.“

„Auch wenn ich funktionale Musik verstehe und verstehe warum Leute das mögen. Ich selbst brauche aber das Emotionale und das kommt eben durch die Flächen und verträumten Sounds.“

Dein Sound wirkt heute harmonischer und erwachsener. Wie hat er sich nach fünf Jahren verändert?

„Ich habe seit einem halben Jahr das Gefühl, dass ich endlich ankomme, auch mit meinen Fähigkeiten. Eigentlich ist alles super jung. Darum ist es schwer, selbstvertraut zu sein. Mittlerweile habe ich akzeptiert, dass mein Sound nicht einzuordnen ist. Ich ruhe mehr darin und setze mehr Vertrauen in den Sound.

Einerseits weil ich mittlerweile die Anerkennung bekommen habe, andererseits weil ich es auch selbst abfeiere. Das ist meine Prämisse und mein Auswahlkriterium bei den Tracks. Selbst wenn ich denke, der Track könnte funktionieren – wenn sich bei mir nichts regt, fliegt er weg. Dort steckt auch die Grundidee dahinter, dass ich endlich mal die Musik spielen kann, auf die ich Bock habe und derjenige bin, der im Raum am meisten ausrastet – eben weil es meine Musik ist.

Gerade stehe ich auf Afrobeats – das ist auch gerade der Zeitgeist. Die lassen sich gut mit meinem organischen Sound verbinden. Ich stehe aber auch auf Roman Flügel Sounds – DeepHouse, TechHouse oder Techno. Tracks, die viele Höhen haben – die dir eigentlich deinen Verstand kaputt machen. Genauso mag ich fette Bassflächen. Prinzipiell muss es sich gut anfühlen – das ist meine Prämisse.“

Wie entscheidest du dich, welches Genre du spielst? Ist es situativ, vom Club, vom Publikum abhängig oder nur von deiner eigenen Stimmung geprägt?

„Beides. Es ist natürlich auch die Stimmung, die ich versuche aus den Leuten zu lesen. Der Club macht 10 % aus, die Stimmung der Leute 50 %, der Rest meine Stimmung. Die Idee, die ich von einem DJ-Set habe, ist gleich: Leute abzuholen, dazubehalten und im besten Fall ein bisschen zu hypnotisieren.

Dabei will ich sie aber auch immer mal in Feier-Ekstasen lassen. Darum lege ich auch gern allein auf. Dann habe ich die Chance eine Geschichte zu erzählen. Den Tänzer auch mal zu nerven, die Spannung auszureizen, um ihn dann auch wieder zu erlösen. B2B lege ich aber auch super gern auf. Dabei kann man sich inspirieren lassen und in eine Ecke kommen, in die man von allein nie vorgedrungen wäre.“Wie wichtig ist eine Crew heutzutage im DJ-Business?

„Es gibt so viele DJs heutzutage. Die Möglichkeiten sind einfach da. Wenn man sich nicht selbst eine Bühne schaffen kann, ist es relativ schwer. Außerdem bekommt man auch regelmäßiges Feedback von seinen Freunden. Die sagen dir auch mal, wenn was scheiße ist oder wenn etwas geil ist und man dranbleiben sollte. Durch die Bestätigung von meiner Crew habe ich mir auch erst den Mut entwickelt, das Ding weiterzumachen. Vor allem für einen Rudelmenschen, der sich gern mit Leuten umgibt – wie ich einer bin – ist das super wichtig.

Außerdem hat unsere Szene in Leipzig bestimmte Mechanismen. Man braucht auch Leute, die einen zeigen, wie das so langläuft. Zum einen war das Martin, der quasi die Idee geschaffen hat, nicht nur Musik zu sammeln, sondern auch aufzulegen. Zum anderen war das Hendrik, der mir ultra-viel beigebracht hat – beispielsweise wie er DJ-Sets begreift. Von ihm habe ich so viel gelernt und Mut gefasst, auch heute noch.

Aktuell kann ich auch Markus als Mentor bezeichnen. Für die Distillery haben wir anlässlich des 25-jährigen Geburtstags ein Label gegründet – Distillery Records. Außerdem gründe ich gerade eine Booking-Agentur. Ich bin jetzt Booker von Vincent Neumann für Europa und von Filburt.

Dabei ist Markus gerade voll meine Muse. Er hat Ideen und ich habe immer Bock es umzusetzen. Da kommt bestimmt auch noch eine Menge. Wir sind beide immer ‚an‘ und das macht Spaß. Mit ihm kann ich das endlich mal ausleben. Das ist Verwirklichung. Die Energie dazu war schon immer in mir.“

„Durch Markus habe ich jetzt gelernt, die Energie auch in die richtige Richtung zu schießen. Ich bin dankbar, dass er in mein Leben getreten ist.“

Was sind deine persönlichen Ziele bei deiner Booking-Agentur?

„Mit der Booking-Agentur investiere ich das erste Mal in mich und meine etwaige Zukunft, auch mit finanziellem Aufwand, wie für das Logo oder die Homepage. Meine Prämisse war es, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ich mag – dieses Buddy-Business, das auch Markus mit Riotvan hat. Dabei ist die Arbeit vielmehr das Produkt von dem, was man sowieso zusammen hat.

Zuvor bin ich immer von einem Job zum anderen gerannt. Ich habe Zelte in der Schweiz gebaut, Boote verliehen, im Callcenter gesessen, auf dem Bau gearbeitet, Pizza ausgefahren. Bis jetzt das kam, worauf ich immer gewartet habe. Das zu machen, was ich gern mache – mit den Skills, die ich zwar nicht studiert habe, aber in mir trage. Ich könnte mich nie dem festen Angestellten-Verhältnis unterwerfen, wenn ich das Selbstständige, was mich im Herzen berührt, nicht wenigstens einmal probiert hätte – auch wenn das bedeutet, auf Sicherheit zu verzichten. Beim Auflegen heule ich immer noch regelmäßig, weil es so schön ist, weil es mir so gut dabei geht. Dafür bin ich dankbar. Dass ich mit dem Geld verdienen kann, was ich zu meiner Leidenschaft rausgearbeitet habe, ist ein Geschenk.“

Uhrzeit und Hunger fordern mittlerweile einen Umzug ins gegenüberliegende „Damaskus“. Während Gamal den letzten Satz beendet, tritt er unglücklich an das Tischbein – Tassen und Teller klappern kurz: „Masel tov!“. Sein Lächeln verzaubert wie sein Optimismus, der es trägt.

„Es kann nur gut werden und wenn es nicht gut wird, dann ist es nicht schlimm.“ Es scheint, als würde das Grundvertrauen tief in ihm ruhen – Grundvertrauen in sich selbst, genauso wie in seine engste Umgebung. Jeder seiner Freunde muss durch ein Werte-Cluster, Indikator ist das Ethos. Erst im Veranstaltungstext seiner Geburtstags-Fäncy ehrte ihn der Spitzname „Gerechtigkeits-Gamal“.

Gamal ist streng. Streng mit seinen Engsten und noch strenger mit sich selbst. „Ich mache mir das Leben zwar schwer dadurch, aber ich bin der Meinung, dass sich jeder das Leben schwer machen muss. Es funktioniert ja offensichtlich so in der Gesellschaft nicht.“

Mittlerweile klingelt sein Handy zum zweiten Mal. Er entschuldigt sich und ruft seine Großmutter zurück, die er seit einigen Jahren umsorgt. Neben seiner Mutter ist sie in Leipzig das zweite Familienmitglied – im genetischen Sinne. Bereits als Achtjähriger verbrachte er mehr Zeit mit Freunden als im erblichen Kollektiv, suchte seine Familie außerhalb seiner Genetik. „Jetzt ist der Gipfel erreicht. Eine bessere Familie gibt es nicht, als die, dich jetzt gefunden habe.“

Allein sieht man Gamal nicht oft. Im Clubkontext unterhält er sich an der einen Ecke, organisiert an einer anderen – sei es im IfZ im Rahmen der Artist-Care oder in der Distillery als Resident und Label-Betreiber. Netzwerk-Boy. Trotz aller Professionalität zeichnet ihn eine charmante Flapsigkeit aus, mit der er Nervosität überspielt. Mit Künstlern*innen, bei denen er sich einst als aufgeregter Fan vorstellte, hat er Augenhöhe erreicht und bleibt dennoch auch Fan-Boy. Vielleicht ist es genau diese Mischung, die ihn in solche Situationen bringen, wie auf seiner Couch mit Moscoman Fifa zu zocken.

„Ich weiß nicht, warum alle immer sagen ‚raus aus der Komfortzone‘. Ich bin voll in meiner Komfortzone angekommen und fühle mich sau-wohl.“

So&So muss dicht machen?

„So&So macht dicht“ hieß die letzte Party vor der Sommerpause. Mittlerweile scheint in dem Titel eine Vorahnung dabei gewesen zu sein. Dem Club wurde zu Ende September gekündigt.

Es stand schon länger im Raum: Das riesige Areal zwischen der Bahnstrecke nach Norden, der Eutritzscher Straße und Theresienstraße soll in den nächsten Jahren zu einem neuen Quartier ausgebaut werden.

Am Rand, aber irgendwie trotzdem mittendrin liegt das So&So. Und das sollte eigentlich auch so bleiben. Aber scheinbar konnten sich beide Seiten nicht einigen bzw. konnte der jetzige Besitzer des Geländes, die CG Gruppe, keine adäquate Alternative anbieten. Mit einer bitteren Zuspitzung: Der Mietvertrag wird nicht verlängert. Das heißt: zum 30. September 2018 muss das So&So geräumt sein.Ganz aufgeben möchten die beiden Betreiber Johannes Reis und Robin Meneses jedoch nicht. Mit einer umfangreichen Pressemitteilung dürften sie doch einiges lostreten. Hier ist sie im kompletten Wortlaut:

„Das Kulturzentrum „So&So“ auf dem Areal des ehem. Eutritzscher Ladebahnhof im Leipziger Norden muss am 30.09.2018 schließen. Der Vermieter, die CG Leipzig City Nord GmbH & Co. KG, hat entgegen allen öffentlichen Aussagen im Planungs- und Bürgerbeteiligungsverfahren um das Vorhaben „Leipzig 416“ auf dem Areal Eutritzscher Ladebahnhof und trotz der erklärten Unterstützung der Bürgermeisterinnen der Stadt Leipzig für Kultur, Dr. Skadi Jennicke, und Stadtentwicklung und Bau, Dorothee Dubrau, das Mietverhältnis mit dem Kulturzentrum So&So einen Tag vor Ablauf der Frist zum 30.9.2018 aufgelöst. Begründet wurde die Kündigung mit voranschreitenden Planungen und Maßnahmen auf dem Areal.

Mit dieser Entscheidung handelt die CG-Gruppe entgegen dem Ergebnis und dem konkreten Wunsch des Bürgerbeteiligungsprozesses. Bislang schlossen die Planungen das Kulturzentrum „So&So“ als möglichen Bestandteil einer Kulturmeile mit ein. Es sollten in den nächsten Monaten Nutzungskonkurrenzen geprüft werden.

Das Team des So&So erklärt: “Mit unserer Schließung geht der Stadt ein weiterer Ort gelebter Utopien verloren. Wir werden nicht nur unseren Veranstaltungsbetrieb einstellen müssen, sondern auch unsere gemeinnützige Musikschule, unsere Proberäume und unsere offene Werkstatt schließen müssen. Nach all dem persönlichen Einsatz tut das einfach nur weh! Es ist ernüchternd, dass sich Unternehmensinteressen trotz Unterstützung der Stadt und Bürgerbeteiligung am Ende doch durchsetzen. Wir hoffen, die CG-Gruppe mit diesem Appell an die Öffentlichkeit doch noch zu einem Umdenken bewegen zu können. Wir sind uns sicher, dass wir ein wertvoller Bestandteil des neuen Quartiers sein können.“Die folgenden Behauptungen wurden zudem von der CG-Gruppe ins Feld geführt und fanden sich auch im Kündigungsschreiben, sind aber sachlich falsch:

1) „Es gab in den letzten 1 ½ Jahren Bemühungen seitens der CG-Gruppe eine Umzugsmöglichkeit für uns zu finden und uns wurden mehrere Objekte angeboten.“

Wir haben in den letzten Jahren drei Gespräche mit der CG-Gruppe geführt. Zu keinem Zeitpunkt wurde uns ein Angebot gemacht, dass eine Fortführung unseres Kulturzentrums ermöglicht hätte. Eine ausführliche Beschreibung hierzu finden sie in den Anhängen.

2) „Voranschreitende Planungen und Maßnahmen machen eine Verlängerung unseres Mietverhältnisses nicht möglich.“

Wir sind laut dem letzten öffentlich gemachten Stand der Planungen vom 08.12.2017 fester Bestandteil der Planungen. Nach unserem Kenntnisstand befinden sich die Planungen immer noch im Status der Masterplanung. Dem folgen würde erst noch das eigentliche B-Planverfahren. Mit dem Beginn des B-Planverfahrens ist nicht vor Frühjahr 2019 zu rechnen. Unser Mietvertrag hätte sich lediglich um ein Jahr bis zum 30.09.2019 verlängert. Die Planungen werden bis dahin nicht abgeschlossen sein. In den veröffentlichten Planunterlagen ist um unser Gebäudeensemble ein Park vorgesehen. Deshalb scheinen auch Maßnahmen wie ein Abbruch nicht nötig und jederzeit zu einem späteren Termin möglich.“

Neuer Plattenladen: Inch By Inch

Ende Juni hat er aufgemacht – Inch By Inch, ein neuer Plattenladen in Lindenau. Wir haben ihn und Betreiber Philipp Weißbach besucht.

Es ist laut an der Lützner Straße 60. Dutzende Autos quetschen sich vor zum Abzweig in die Merseburger Straße und raus nach Grünau, Straßenbahnen rattern im Minutentakt vorbei. Hier ist beileibe nicht die schönste Ecke von Lindenau – aber die, wo der Stadtteil ein wenig nach Großstadt wirkt. Und davon gibt es nicht so viele.

Seit Ende Juni gibt es in der schmalen Straßenflucht auch eine Anlaufstelle, um nach gebrauchten House- und Techno-Platten zu diggen. Und diggen passt perfekt zu Inch By Inch. In mehrere Regalen reihen sich tausende Platten aneinander. Teilweise nach Labels sortiert, teilweise nach Preisen – 1,50 € oder 3 € etwa. In einem Fach gibt es auch ein paar Trance- und Ambient-Platten.

Rechts vom Eingang führen ein paar Stufen hoch zu den Plattenspielern zum Vorhören und zu einem Sofa. „Good Vibes“ gibt die Fußmatte unten an der Treppe vor. Und die Vibes sind tatsächlich good im Inch By Inch.Der Laden wirkt angenehm aufgeräumt, oben mit dem Sofa und altem Eichenparkett fühlt man sich fast wie in einem Wohnzimmer. Von dort aus hat man auch einen guten Blick auf ein starkes, großformatiges Bild des Leipziger Künstlers Konstantin Rosenkranz.

Aufgemacht hat ihn Philipp Weißbach. Einige dürften den gebürtigen Leipziger unter seinem DJ-Alias kennen: Als Drunkenstein legt er House, Electro und Techno auf. Vor knapp zwei Jahren stellten wir ihn auch in unserer „Neues aus der Wolke“-Reihe vor – denn er produziert nebenbei auch eigene Tracks.

Seit 20 Jahren sammelt Philipp selbst Platten und arbeitete fünf Jahre in einem Leipziger Second Hand-Musikladen. Zusammen mit frohfroh-Autorin Rebecca organisiert er auch das Vinylbuffet, eine Plattenbörse im Schnellbuffet Süd. Klar, dass er sagt:

„Es war immer mein Traum, einen eigenen Plattenladen zu haben.“

Nachdem der Job in dem anderen Plattenladen weg war, kam er diesem Traum bei Discogs näher. Dort verkaufte er bereits vor der Inch By Inch-Eröffnung Vinyl, Tapes und CDs. Aktuell ist sein Online-Backstock mit über 2.000 Platten ebenso gut gefüllt wie der Laden.

Offline sind es sogar noch dreimal mehr. Philipp schaut nach Auflösungen von alten Sammlungen mit elektronischer Musik. Eine große fand er in Finsterwalde. Er holte sie nach Leipzig, hörte fast überall rein, reinigte jede Platte und sortierte sie. Viel Arbeit, die aber dafür sorgt, dass im Inch By Inch eine hohe Second-Hand-Qualität zu finden ist.„Ich hatte amerikanische Plattenläden als Vorbild: Schön voll und raus damit“, meint Philipp. Durch die günstigen Second-Hand-Preise dürfte es einen schnellen und ständigen Durchlauf geben.

Zu durchweg günstigen Preisen. Die EPs kosten maximal sechs Euro, Alben etwas mehr. Und wer selbst nicht mehr diggt, kann die eigenen eingestaubten Platten in verantwortungsvolle Hände geben: Als Second-Hand-Shop kauft das Inch By Inch selbstverständlich auch kleine und große Sammlungen an – wenn es inhaltlich und qualitativ stimmt.Nebenbei gibt es auch die Shirts und Sweater von 6step im Inch By Inch zu entdecken, einem Modelabel mit HipHop-Appeal, das Philipp vor einigen Jahren mit einem Freund gründete. Das Interieur besteht außerdem aus Leuchten und Kleinmöbeln des Leipzigers Frank Horn. Unter dem Label Neo Antik recyclet er Weggeworfenes zu neuen, schönen Gegenständen für die Wohnung.

Yes, das Inch By Inch sollte auf keiner Platten-Digger-Tour durch Leipzig fehlen.

Inch By Inch
Lützner Straße 60
04177 Leipzig

Mi/Do 14-19 Uhr / Fr 11-19 Uhr / Sa 11-16 Uhr
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Bilder: Misserabel

Nachtrauschen auf Mephisto 97.6

2018 ist für Leipzigs Lokal- und Ausbildungsradio ein großes Jahr. Erstmals wird 24/7 gesendet. Und es gibt ein neues Format für den Samstag Abend, das zugleich der lokalen Clubmusikszene eine neue Plattform bietet.

Seit Ende Januar sendet Mephisto 97.6 nun nonstop – zumindest online und via DAB. In den bisherigen vier Sendestunden (10-12 und 18-20 Uhr) läuft das Live-Programm wie bisher, außerhalb dieser Slots sind Wiederholungen oder vorproduzierte Sendungen zu hören. Das hat Raum für neue Konzepte und Formate geschaffen.

Eines davon ist „Nachtrauschen“. Jeden Samstag ab 21 Uhr beschäftigen sich unter diesem Banner fünf Sendungsmacher*innen mit elektronischer Musik im weitesten Sinne. Und dazu gehört nicht nur das Vorstellen und Abspielen neuer Tracks und DJ-Sets, sondern auch das Berichten über Menschen, Clubs, Open Airs sowie deren politische und gesellschaftliche Hintergründe.Vier Sendelinien teilen sich in „Nachtrauschen“ ein: Einmal die Reihe „Dunkelgluehen“, die u.a. von unserer neuen Autorin Lea Schröder kuratiert wird. In ihr kommen verschiedene Akteure*innen der Nacht zu Wort. In der ersten Folge ging es um Kollektive. Dabei ging Lea selbst zu einem Open Air, das vom Waldbrand-Kollektiv organisiert wurde. Außerdem sprach ihre „Dunkelgluehen“-Kollegin Valerie Zöllner mit dem Nebula-Kollektiv. Und mit Andy vom Elipamanoke sowie mit Xavi und Moritz vom IfZ erzählen auch etablierte Clubbetreiber über ihre Erfahrungen mit Kollektiven und als Teil derselben.

Ein super spannender Start also, der bei Soundcloud nachgehört werden kann, bzw. hier:

Neben „Dunkelgluehen“ wird es drei weitere interessante Formate geben, die sich jedes Wochenende abwechseln: Zum einen zieht Redakteur Nico van Capelle in „Nachtecho“ mit dem Mikro durch die Freitagnacht – eingefangen werden Sets aus Leipziger Clubs und Stimmen aus der Einlassschlange oder dem Backstage. Alles läuft dann einen Abend später auf Mephisto.

Die erste Ausgabe lässt sich ebenfalls bei Soundcloud nachhören, allerdings kommen die nächtlichen Eindrücke etwas zu kurz, in erster Linie gibt es die Sets aus einer So&So-Nacht.

Zum anderen spaziert Lena Hähnchen immer mal wieder durch die Stadt. Nicht allein: Sie lässt sich für ihre Sendung „An die frische Luft“ von Musikern*innen der Leipziger Musikszene wichtige Orte zeigen, die für deren eigenes Schaffen und den bisherigen Werdegang wichtig waren oder sind.

Und auch Ramin Büttner, einer der Musikressortleiter*innen, steuert etwas bei: Er stellt – ganz klassisch – aktuelle elektronische Musik vor, nicht zwingend aus Leipzig, dafür ausschließlich auf Vinyl. Sein Format wird wahrscheinlich am häufigsten bei „Nachtrauschen“ zu hören sein. Denn: die anderen Formate sind mit viel Aufwand verbunden, dafür umso spannender.

Auf jeden Fall klingt das „Nachtrauschen“-Programm nach einer inhaltlichen Bereicherung für alle, die mehr über die Leipziger Clubszene erfahren möchten und lieber hören als lesen.

Redaktionsfoto: Theresa Willkomm

Bald zu Besuch: Die Demo Dandies

Kramt eure verstaubten Demos raus! Die Demo Dandies zum Hörspielsommer und wollen euren Sound spielen.

Ihr habt noch skurrile Klangexperimente auf euren Festplatten herumliegen, Probeaufnahmen längst begrabener Band-Projekte oder habt keinerlei Erinnerungen, wie eure letzten Songaufnahmen entstanden sind? Vielleicht ist das das perfekte Material für die Demo Dandies, die am 8. Juli beim Hörspielsommer zu Gast sind.

Die Demo Dandies, das sind Felix Kubin und Istari Lasterfahrer, die nicht nur als Musiker aktiv sind, sondern auch mit ihren Labels Gagarin Records und Sozialistischer Plattenbau ihr Expertentum für mehr oder weniger abseitige Musik unter Beweis stellen. Wahrscheinlich ist auch gerade aus ihrer Label-Aktivität die Idee für die Demo Dandies entstanden: Einen ganzen Abend legen die beiden nur unveröffentlichte Musik auf, die ihre Gäste mitgebracht haben – also ihr! Dabei kommt es eher nicht auf ausgefeilte, perfekt produzierte Tracks an, die die Clubs rocken, nein, Dilettantismus und krude Ideen werden bevorzugt, wie die beiden es z.B. im Interview mit der Spex beschreiben. Und ob elektronisch oder nicht, das spielt eher keine Rolle.

Nach Abenden in Hamburg, Berlin, Halle und Luxembourg ist am 8. Juli Leipzig im Rahmen des Hörspielsommers an der Reihe. Auf dem Richard-Wagner-Hain wartet „die Kirche des Lärms“ ab 21:00 Uhr auf euch. Hier erfahrt ihr, wie ihr teilnehmen könnt und welche Formate akzeptiert werden. Hinweis: Eine Mail mit Infos und Musik zu euren Projekten ist im Vorfeld erwünscht. Und wer weiß, vielleicht landet eure Musik auf der kommenden zugehörigen Tape-Compilation, welche auf dem von den Demo Dandies eigens für dieses Projekt ins Leben gerufene Label Wir rufen zurück erscheinen wird. Die ersten vier Tapes sind jedenfalls klasse:

Two Play To Play #1 – Uraufführung

Anfang Juni war es soweit – im Mendelssohnsaal des Gewandhauses fand die Uraufführung der neuen Cross-Over-Reihe Two Play To Play statt. Martin Kohlstedt traf auf den GewandhausChor – und wir waren dabei.

Es ist super heiß an diesem Freitag, den 8. Juni. 30 Grad auch noch am frühen Abend. Der Mendelssohnsaal im Gewandhaus wirkt beim ersten Betreten einen Tick zu kühl klimatisiert. Leichter Nebel liegt im Raum – und eine gewisse Gespanntheit. Was wird an diesem Abend wirklich passieren? Wer bei einer der öffentlichen Proben dabei war, bekam bereits einen vagen Eindruck. Doch auch dort blieb es bei Fragmenten, bei vielen offenen Fragen. Rückblickend war es ein Luxus, so nah am Entstehungsprozess dieses experimentellen Projekts dabei gewesen sein zu dürfen.

Als sich die Saaltüren gegen 20 Uhr schließen, ist es der rund 70-köpfige GewandhausChor, der zuerst die Bühne betritt. Komplett in Schwarz gekleidet. Ihm folgt Gewandhausdirektor Prof. Andreas Schulz mit einem einleitenden Grußwort. Er wisse nicht, was heute passieren wird. Bewusst habe er die Proben nicht besucht – er wollte sich überraschen lassen. Eine Überraschung dürfte es wahrscheinlich auch für viele andere Besucher dieser ausverkauften Uraufführung sein. Er kündigt Martin Kohlstedt und Chorleiter Gregor Meyer auf die Bühne.Gedimmtes, blaues Licht fällt auf die Bühne. Martin Kohlstedt beginnt mit einem seiner Piano-Module, der Chor stimmt nach wenigen Augenblicken ein. Leise und subtil – aber seine Kraft wird unmittelbar spürbar im Saal. Viele der folgenden Stücke kenne ich aus den Proben, jedoch nur als lose Parts. An diesem Abend fügen sie sich endlich zu einem durchgehenden Fluss. Von Gregor Meyer, der in die Proben als sehr unterhaltsamer, super fokussierter und aufmerksamer Bändiger der verschiedenen Stimmen und Stimmungen auffiel, ist zur Uraufführung kein Wort zu hören. Er steht vor seinem Chor und lenkt die Dynamiken mit den Händen – und sicher mit seiner Mimik.

Etwas mehr als eine Stunde dauert das finale Programm nun und es macht deutlich, wie divers, experimentieroffen und anpassungsfähig der GewandhausChor ist. Er agiert kaum text-, dafür sehr soundbasiert. Mal wird er zum Synthesizer und erzeugt langsam modulierende Klänge, die sich nahtlos mit Martin Kohlstedts Klavierspiel verbinden. In einer anderen Phase überrascht er mit einer Art Choreografie. Das besondere bei der Uraufführung: Anfangs wird der fest getaktete Ablauf von Zischen, auf Bein und Brust klatschen sowie einem abschließenden Stampfen von Mikrofonen verstärkt – und dies macht die Choreografie noch schärfer, messerscharf. Zusammen mit dem roten Licht sowie der schwarzen Kleidung des Chors entwickelt dieser Moment eine bedrohliche, irgendwie politische Dimension. Wie der einstudierte Appell einer drohenden dunklen Macht.Es ist nicht der einzige dystopische Part dieser Aufführung. Generell fällt das Programm in seinem Gesamtdurchlauf überraschend düster aus. Mit jedem Stück wechseln zwar die Farbstimmungen, doch die Scheinwerfer fallen immer seitlich und eher von unten auf die Szenerie. Farbe und Schatten, Unschärfe und Präsenz. Dies gilt auch für die musikalische Verschmelzung der Welten. Immer wieder verzahnen sich die melancholischen Piano- und Elektronik-Sounds von Kohlstedt mit den Stimmen des Chors.

Doch es gibt auch Situationen, in denen deutlich wird, dass jede Seite die andere locker an die Wand spielen könnte – Kohlstedt mit seiner Elektronik, der Chor mit seiner Stimmkraft.

Besonders im letzten Drittel, als die Synthesizer mehr Raum bekommen, der Chor geloopt wird und es auch rhythmisch druckvoller wird.Einer der stärksten Momente das ganzen Abends findet in der Mitte statt: Der Chor löst sich plötzlich auf, die einzelnen Sänger*innen verteilen sich im Saal, jeder singt im Gehen weiter. Es bildet sich eine Mischung aus Chaos und spannender Polyphonie, schließlich kommt der Chor hinter dem Publikum zum Stehen. Nur Gregor Meyer bleibt die ganze Zeit auf der Bühne stehen, dreht sich nicht um – eine extrem starke Geste. Er ist der Fels, er bringt die Sicherheit. Nach einer kurzen Pause reicht eine kleine Fingergeste und der Chor positioniert sich wieder vorn auf der Bühne.

Zum Schluss werden die 70 Chorsänger*innen zu einem einzigen Körper. Sanfte, gleichmäßige Atemgeräusche erfüllen den Saal, werden immer langsamer, parallel dimmt das Licht wieder herunter. Danach: Drei Sekunden totale Dunkelheit und Stille. Als die Kronleuchter angehen, folgt tosender Applaus und Standing Ovations. Zurecht. Dieses Debüt von Two Play To Play ist voll aufgegangen, hat Gräben überwunden und ein Werk direkt aus der Gegenwart erschaffen. In der nächsten Saison wird diese Aufgabe übrigens Micronaut übernehmen. Ich bin gespannt, was kommt. Martin Kohlstedt und der GewandhausChor haben den Maßstab sehr hoch gesetzt.

Eine gute Nachricht noch: Wie im Blog von Two Play To Play zu lesen ist, wurde der Samstag und Sonntag nach der Uraufführung für Aufnahmen genutzt. Und es sind weitere Aufführungen abseits des Gewandhauses geplant.

Fotos von Markus Postrach und Christian Rothe

Festivals in und um Leipzig – der Sommer 2018

Der Sommer scheint in diesem Jahr ein richtiger Sommer werden zu wollen. Gut, dass demnächst in und um Leipzig herum mehrere tolle Festivals und Open Airs stattfinden werden. Hier unser Überblick.

Natürlich gibt es in Leipzig und der näheren Umgebung permanent die Möglichkeit, einfach so im Freien tanzen zu gehen. Doch genauso entwickeln sich gefühlt immer mehr offizielle Spots – mittlerweile so viele, dass wir sie mal zusammenfassen wollten.

Diese Übersicht ist chronologisch und sicherlich nicht vollständig. Wer also noch was ergänzen mag, nörgelt nicht rum, sondern schreibt es einfach in die Kommentare. Wenn es die Zeit hergibt, ergänzen wir es dann hier in der Auflistung. Wir wünschen einen schönen Sommer.

Westhafen
→ ab 16. Juni 2018

Warum gab es bisher eigentlich keinen durchgängig geöffneten Sommer-Open Air-Club in Leipzig? Too much Behördenaufwand vielleicht, oder zu unsicher, ob es funktioniert? In diesem Jahr scheint sich das ändern. Der Westhafen öffnet Mitte Juni zwischen den zwei alten Speichern des Lindenauer Hafens. Noch stehen erst zwei größere Termine mit den Berliner Labels Sisyphon und Stil vor Talent. Doch da soll bis in den Spätsommer noch mehr und spannenderes gehen – und vor allem hauptsächlich gemeinsam mit lokalen Crews und Clubs.

16. Juni, 13 Uhr, Sisyphon Open Air w/ Atlantik, Yetti Meißner, Empro, Leon Licht, Foolik, Sid, Kleinschmager Audio, Lars Goldammer b2b Nienein, Maximilian Stolze, Markus Knauth — Tickets hier

22. Juli, 12 Uhr, Stil vor Talent Festival w/ Oliver Koletzki, Einmusik, KlangKuenstler, Moon Walk, Prismode & Solvane — Tickets hier

+++ Update: Die Stadt hat das erste Open Air untersagt. Es findet aber statt, in einer Location in der Ernst-Keil-Straße 17 / Ecke Pansastraße. Also um die Ecke, aber leider nicht am Wasser. Das offizielle Statement gibt hier. +++

Li3bknecht 2018
→ 22.-24. Juni 2018

Im Steinbruch Möseln, rund 45 Kilometer südöstlich von Leipzig, fand bis 2014 das Gratwanderung Festival statt. Seit dem letzten Jahr wird die Location von Leipziger Li3bknecht-Crew bespielt – mit einem gleichnamigen Festival und einem Haufen Newcomern der Stadt.

Line-up: Chris Z, Aldebaran, Max Weiss, W4nja, Werner Krauss, Matthias Verberg, Marcé, Mr. Mojo, Core D-lane, Lupino

Facts: Steinbruch Möseln — nur Abendkasse als Spende

Aware Open Air
→ 21. Juli 2018

Wie bereits im letzten Jahr wird auch 2018 der Gasometer neben dem Panometer wieder einen Tag lang zum großen Open Air-Dancefloor. Mit kleinem, aber sehr groß besetztem Line-up findet das Aware Open Air in diesem Jahr statt. Kristian Beyer von Âme ist zu einem fünfstündigen DJ-Set eingeladen. Bereits im Juni gibt es im IfZ ein Warm-up mit dem Berliner Lossless-Label.

Line-up: Âme, Innellea, Underspreche

Facts: ab 14 Uhr, Richard-Lehmann-Straße 114 Leipzig— Tickets hier

Th1nk? Open Air 2018
→ 29. Juli 2018

Nachdem die Line-ups der Vorjahre immer etwas müde wirkten, fährt das Th1nk? Open Air in diesem Jahr eines der besten Programme ever auf. Endlich endlich kommt Maya Jane Coles nach Leipzig. Dazu gibt es eine der seltenen Gelegenheiten, Seth Troxler hier zu erleben. Und mit Charlotte de Witte und Tijana T kommen endlich auch zwei super spannende aufstrebende Techno-DJs an den Nordstrand des Cospudener Sees. Ab 23 Uhr ist dann Afterhour in der Distillery.

Line-up: Ben Klock, Seth Troxler, Maya Jane Coles, Rødhåd, Charlotte de Witte, Wighnomy Brothers, Robag Wruhme, Radio Slave, Mathias Kaden, Daniel Stefanik, Marcus Meinhardt, DeWalta, Gunjah, Hans Nieswandt, Tijana T, Filburt, Vincent Neumann, Lydia Eisenblätter, Peter Invasion, Ranko, Jana Falcon, Pandaro, Esette, Lars Christian Müller, Thomas Stieler, Chris Manura, Mike van Goetze, Stephan von Wolffersdorff, Dilivius Lenni, Daniel Sailer aka Upsyler, Andreas Eckhardt

Facts: ab 10 Uhr, Nordstrand Cospudener See — Tickets hier

Nachtdigital Flex
→ 3.-5. August 2018

Nach dem großen Jubiläum im letzten Jahr geht das Nachtdigital 2018 in die 21. Ausgabe. Und die setzt vom Line-up her den ambitioniert kuratierten Weg fort. Mit Burnt Friedman,  Demdike Stare und einem eigenen Ambient-Floor bietet die ND-Crew wieder ein sehr gutes Programm abseits der Rave-Classics. Zum 10. Label-Geburtstag darf Kann eine ganze Nacht kuratieren – Highlight hier: Mary Yalex. Und ja: Es gibt tatsächlich noch Karten.

Ach noch was: Die Nachtdigital-Doku „Escape to Olganitz“ von 2014 gibt es jetzt auch online in voller Länge.

Line-up: Beatrice Dillon, Bjarki, Blawan, Burnt Friedman, Courtesy, Cubic Space Collective, Demdike Stare, DJ Dustin, Don’t DJ, Evigt Mörker, Holz, Izabel, Jan Schulte, Kinzo Chrome, Maayan Nidam, Make Me, Manuel Stallbaumer & Stefan Schmidt-Dichte, Mozhgan, Objekt, Optimo, Paquita Gordon, Portable, rRoxymore, Sofay, Steffen Bennemann, Violet, VTSS, Wolf Müller & Niklas Wandt, XDB, Bender, cmd q, Map.ache, Mary Yalex, Polo, Sevensol, Underspreche, Adel Akram, Ana Bogner, Ben UFO, Chilling The Do, DJ Carpet Crawler 3000, Et Kin, Feuerbach, Good News, Huerco S, Johanna Knutsson, Michelsøn, Nina, OneTake, Trester, Vai, Weber, Wolf Müller & Cass

Facts: Bungalowdorf Olganitz — Tickets hier

ZilpZalp Festival
→ 3.-5. August 2018

Am selben Wochenende wie das Nachtdigital verlegt das Elipamanoke seine Base nach Groitzsch – in die idyllische Neuseenmühle. Open Air darf dann im Mühlenhof oder auf dem Wildwuchs Floor getanzt werden. Tagsüber gibt es Tischtennis oder Kicker oder Seen um die Ecke. Musikalisch arbeitet die Eli-Crew in diesem Jahr mit den Crews exLEpäng!, Nebula und Zwischenwelten zusammen. Es dürfte also sehr divers werden.

Line-up: tba

Facts: Neuseenmühle Groitzsch — Tickets hier

Kong Festival
→ 24.-26. August 2018

Ganz neu startet 2018 das Kong Festival – mit einem sehr interessanten Konzept: Es wird nämlich ganz Kursdorf bespielt. Wer es nicht kennt. Das Dorf liegt genau zwischen dem Flughafen Leipzig/Halle und der Autobahn. Kein schöner Ort also zum Wohnen, deshalb ist aus Kursdorf mittlerweile ein Geisterdorf geworden. Ende August wird es wieder belebt – mit einem großen Musik- und Kino-Programm. Außerdem dabei: Pangaea Urwaldzirkus, Healing Space, Yoga, Massagen – und „Palmen, überall Palmen“.

Line-up: Andreas Henneberg, Dapayk, Yeah But No (Douglas Greed & Fabian Kuss), The Micronaut, Norman Weber, Once Upon A Time, Beth Lydi, Thomas Stieler, Die Ruhe, Dynamite Kadinski, Max Nippert, Hartbrand, Jimmi Hendrik, Fritz Dittmann, Arpen & Kosmosklang, Franz!, Jamy Wing, Mauro Caracho, Shuray & Walle, Sierra, Ken Tamburi, Carina Posse, Andreas Eckhardt, Bonbons

Facts: Kursdorf bei Leipzig — Tickets hier

++++ Update: Wir verlosen 8 Tickets für das Kong Festival. Wer mitmachen mag, schickt bis 10. August eine E-Mail an dance@frohfroh.de, mit dem Betreff King Kong. Wir losen dann aus und schreiben die Gewinner*innen an. ++++

Ist Clubkultur gleichzeitig auch Politik?

Inwieweit ist Clubkultur heute noch politisch? Inwieweit sollte sie es sein – oder nicht? Mit dieser Frage soll sich eine neue Reihe bei frohfroh beschäftigen. Hier kommt das Intro in das Thema – mit Stimmen von verschiedenen Akteuren/innen und Besuchern/innen der Leipziger Clubszene.

Als elektronische Tanzmusik entstand, mischte sie die Popkultur und Welt ordentlich auf: Neue Diskurse entstanden, neue Räume, eine neue Kunstform. Der politische Charakter der elektronischen Musik in ihrer Anfangszeit ist am besten im Vergleich zur Popmusik zu verstehen. Der Popmusik mit ihren eindeutigen und oft eben auch massentauglichen Aussagen stand nun eine Musikrichtung gegenüber, die mehrdeutig war, die viel Raum für Interpretation bot.

Dieser neue, große Raum war es auch, was die Clubbesuche so revolutionierte: Da war Platz für alle. Die queere Szene war von Beginn an vertreten in der Techno-Szene der 1990er. Nachtschwärmer und ehemals Punker (Hi, Westbam), alte und junge Menschen kamen nachts auf den Dancefloors zusammen. Nicht zuletzt war die Szene so inklusiv, weil Disco und House in afroamerikanischen und homosexuellen Szenen entstanden sind – auch als politischer Schutz- und Entfaltungsraum.

Damit war sie politisch. Inzwischen ist sie ein etabliertes Genre und nicht mehr das Andersartige und Neue. Damit ist ihr subversiver Charakter in den Hintergrund, der Aspekt des Entertainments in den Vordergrund getreten. Clubbesucher/innen fühlen sich nicht mehr als Teil einer großen Revolution. Trotzdem ist die Rolle des Kontexts der elektronischen Tanzmusik nicht verloren gegangen – denn oft gehört für Fans von Beats, Synthies und Bass der Gang in den Club dazu. Der politische Charakter dieser Musikform entsteht dadurch immer noch nicht unbedingt durch die Form selbst, sondern vielmehr durch den Raum, in dem sie erlebt wird – dem Club eben. Ohne oder mit nur wenig Text transportiert sie nach wie vor Mehrdeutigkeit, Inklusion, Facettenreichtum. Die große Diskussion, die um diese Musikform besteht, bezieht sich vielmehr auf den Rahmen:

Inwieweit ist Clubkultur heute noch politisch, sollte sie es sein – oder nicht?

Mit dieser Frage soll sich diese Reihe beschäftigen. Dabei werden die unterschiedlichen Aspekte von Politik in der Clublandschaft betrachtet und den Akteuren/innen eine Stimme gegeben. Denn viele ihnen verfolgen vielleicht oft kein eindeutig politisches Anliegen, sie haben aber einen breiten Wirkraum, indem sie für die Clubbesucher/innen und andere Akteure/innen eine Normalität mitgestalten.

Inwiefern das realisiert wird, ist individuell natürlich verschieden. Prominente Beispiele für klar politisches Engagement in Verbindung mit elektronischer Musik sind z. B. Borrowed Identity, der sich gegen den „Party-Spam“ auf Social Media ausspricht. Oder The Black Madonna, die sich in Gender-Diskussionen äußert und sich für die LGBTQ-Community stark macht. Andere Künstler/innen gehen das Ganze subtiler an und legen vor allem Wert auf ein sensibles Miteinander ohne „krampfige“ Politisierung.

Prinzipiell gilt es zu unterscheiden zwischen der Musik selbst als Politikum und dem bzw. der Künstler/in als politischem Menschen. Ob und wie man sich selbst oder seine Musik als politisches Medium versteht, bleibt natürlich jedem selbst überlassen – oder ob man dem politischen Rahmen im Club mehr Bedeutung zuschreibt als sich selbst als politischem/er Akteur/in.

Also haben uns unterschiedliche Künstler/innen der Leipziger Szene die Frage beantwortet. Und sie zeichnen damit – zumindest in den Kreisen um die Szene-Clubs der Stadt außerhalb der Innenstadt – ein relativ homogenes Meinungsbild. Für I$A von der Channel-Reihe und G-Edit-Crew zählt vor allem, sich bewusst zu machen, dass es nicht darum geht, der Sache einen künstlichen, politischen Anstrich zu geben, sondern den Raum, in dem alle einen guten Abend haben wollen, zu einem Schutzraum zu machen. „Zuerst einmal sollte man sich bei der Frage darüber Gedanken machen, was der Begriff ‚politisch‘ im Kontext der Clubkultur bedeutet. Ich denke ‚politisch‘ bedeutet hierbei, sich damit auseinander zu setzen jeder Person ein Zusammenleben zu ermöglichen, in dem alle gleich behandelt werden und niemand diskriminiert wird.“Für DJ Booga vom Breaks-Label Defrostatica ist diese Frage, ob Clubkultur auch heute noch politisch sei, eigentlich kaum diskussionswürdig: „Es gibt gewisse Standards, über die würden wir jetzt gar nicht mehr anfangen zu diskutieren – wenn es um Gleichberechtigung, Solidarität und ähnliche emanzipatorische Ansätze geht. Das setzen wir in dem Sinne voraus. Es geht über ‚Geht in den Club, habt ’ne fette Party, zieht euch zu, Tschüss‘ hinaus. Ich denke weil es so selbstverständlich ist, denkt man darüber gar nicht mehr nach.“

Die Selbstverständlichkeit, die Booga anspricht und selbst lebt, ist vor allem eine Errungenschaft der linken Clubkultur. Tina als Bookerin der Distillery und Defrostatica-Mitbetreibterin sieht das ähnlich: „Um nochmal zurück zu schwenken auf die Clubszene: Ich denke schon, dass es viele Läden in der Stadt gibt, die sehr wegweisend sind [was den politischen Charakter der Clubkultur angeht]. Ich finde eben gut, dass es nicht nur dieses ‚So kommt her, es gibt Musik, es gibt Alkohol, und das war’s‘ ist – sondern, dass eben in Frage gestellt wird, wer auflegt, ob es ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis der Leute gibt, die auf der Bühne stehen, warum das überhaupt wichtig ist. Mit solchen Fragen beschäftigen sich sehr viele Läden hier in der Stadt und dadurch ist das auch immer Thema. Dadurch fällt es dann eben auch auf, wenn das dann mal nicht praktiziert wird. Und das ist denke ich schon eine sehr gute Entwicklung, weil es eben gewisse Status quos in Frage stellt und überlegt wird, wie man es besser machen kann. Da sind gerade Läden wie das Conne Island oder das IfZ, die abgesehen von Partys auch Diskussionsveranstaltungen oder Vorträge anbieten, auf jeden Fall wichtige Locations. Ich glaube es ist wichtig, dass Leute, denen sowas am Herzen liegt, irgendwo an einem Hebel sitzen und das dann mit einbringen. Und das sehe ich hier in der Stadt eigentlich schon, dass das vielerorts der Fall ist.“

Okaxy vom Duo Ninze & Okaxy hat auf den vielen Touren in der ganzen Welt einen Blick, ein Gefühl dafür entwickelt, in welchen Clubs gewisse „Standards“ gefahren werden. Für ihn steht außer Frage, dass ein gewisser, politischer Rahmen dazugehört, um einen Schutzraum schaffen zu können, in dem entspanntes Feiern möglich ist. Türpolitik beispielsweise: Zum einen beschränken Clubs, manchmal beinahe elitär, den Zugang. Zum anderen machen sie erst so einen Freiraum möglich. Okaxy betont vor allem den Aspekt des Safer Clubbing: „Das äußert sich ja in vielen Sachen. Wie ein Club sich im Internet darstellt, wie man sich positioniert. Wie die Leute sich zeigen, das Design, ob man sich mit Sponsoren schmückt oder sich bedeckt hält und kaum Informationen herausgibt. Und es gibt viele Möglichkeiten, die Türpolitik, Safer Clubbing, ob man Refugees kostenlos reinlässt, ob man Demonstrationen gegen die Gentrifizierung in der Stadt unterstützt – sowas bekommt man einfach mit. Das merkt man an der Tür, das merkt man an der Bar, ob dort zum Beispiel nur Frauen arbeiten oder ob es gemischt ist.“

Seiner Meinung nach ist die Situation in Leipzig in den meisten Clubs sehr aufgeklärt, Bedarf bestehe aber noch – vor allem fernab der Subkultur: „In Leipzig gibt es viele Clubs, die politisch fitte Leute an der Tür stehen haben, die verstanden haben, ob sie da jetzt einen Macho reinlassen oder nicht, die auch Konfliktsituationen anders lösen. Ich weiß nicht, ob ich auf vielen anderen Partys, die nicht in Leipzig sind, einfach so zur Secu gehen könnte. Wenn ich in Leipzig bin, fühle ich mich definitiv sicherer, ob jemand eine Überdosis hat, es ein sexistischer, homophober Übergriff ist oder Beleidigung gegenüber jemandem, der irgendwie nicht ins Weltbild des Anderen passt – da gibt’s keine Diskussion. Sowas finde ich sehr prägnant und unterstützungswert.“

Panthera Krause, Marbert Rocel-Mitglied und Solo-Producer, sieht die Notwendigkeit eines Clubkontexts, der gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung sensibilisiert ist. Dazu gehört für ihn aber auch, dass nicht abgegrenzt wird, wo es eigentlich um Inklusion geht: „Ja, darüber gab es nicht nur neulich eine abendfüllende Diskussion mit Freunden, inwiefern man als Musiker oder als Teil der Clubkultur eine Verantwortung hat und auch verpflichtet ist, sich zu positionieren. Da nicht nur für mich ein Teil des gesellschaftlichen Lebens im Club stattfindet, ist dieser Ort per se auch politisch. Für mich besteht das Politische dabei vorrangig im Umgang miteinander. Damit ein guter Vibe entstehen kann muss es nun mal Rahmenbedingungen geben, die ausdiskutiert und im besten Falle vorgelebt werden – und das ist natürlich manchmal eine Gratwanderung. Ich mag es nicht, wenn Sachen zu extrem in eine Richtung ausschlagen oder gar dogmatisch werden. Zum Beispiel finde ich es gut, dass es gerade so viele Crews an weiblichen DJs gibt. Es ist wichtig zu thematisieren, dass der DJ-Bereich meist männlich dominiert ist. Aber durch explizit weibliche DJ-Crews entsteht ja auch wieder eine Abgrenzung. Da denke ich mir dann, warum nicht noch einen Schritt weiter und gleich alle was zusammen machen.“

Für Peter Invasion, Betreiber des Labels Riotvan, geht es im Clubkontext schon um das Gefühl, aus dem Alltag aussteigen zu können. Dass das aber Hand in Hand mit einer inklusiven, toleranten Haltung geht, steht für ihn außer Frage. „Clubkultur ist und bleibt politisch. Das beste Beispiel ist ja Georgien gerade. Die Szene, in der wir uns bewegen, war noch nicht immer so befreit und offen, deshalb sollte man nie vergessen, wo das ganze mal angefangen hat und wo es noch hingehen kann. Uns in Deutschland geht es da schon wirklich sehr gut. Dementsprechend ist eine Message und vor allem eine Haltung wichtig. Nichtsdestotrotz ist natürlich eine Party bzw. Musik auch dafür da, um sich dem Ganzen mal zu entziehen. Darum geht es ja schlussendlich auch. Sich im Hier und Jetzt zu verlieren. Sich aber auch aktiv zu beteiligen einen Raum zu schaffen, in dem man sich frei fühlen kann – losgelöst vom Alltagsgeschehen, jeglichen Vorurteilen und Klischees, in dem alle gleich sind. Es geht darum, Schnittpunkte zwischen den unterschiedlichsten Menschen anzuregen und sich gegenseitig zu inspirieren. Und letztlich geht es natürlich auch um die Musik als universelle Sprache. Und diese Haltung bzw. Message ist in sich schon sehr politisch. Ich denke, man kann also beides sehr gut miteinander vereinen.“

Dass der politische Kontext, der über eine tolerante Haltung hinausgeht, manchmal den „Spaß beim Feiern“ überschattet, spricht Christal (Kazimir, *Stry) an: „Es ist auch die Frage, ob Kunst immer politisch sein muss. Ich gehe nicht davon aus, dass Musik immer politisch sein muss. Das ist eine individuelle Entscheidung. Für manche muss auch Spaß politisch sein, auf mich trifft das nicht zu. Es ist wichtig, dass es hinterfragt wird. Das sehe ich aber nicht als politische, sondern als zwischenmenschliche Verantwortung. Für mich sind gemeinsamer Spaß, Freude, Liebe an und mit Musik, etwas das verbindet. Gäste und Personal sind in der gegenseitigen Verantwortung, dass es ein guter Abend wird, der friedlich verläuft. Da trägt jeder die Verantwortung, nicht nur der Club. Das politisch Auferlegte macht es immer irgendwie so schwerwiegend. Daher vielleicht auch dieses Gefühl des ‚Abarbeitens‘.“

Der Grat ist manchmal schmal, den Clubs, Szeneakteuren/innen und Clubbesuchern/innen zu gehen haben, wenn Diskriminierung, Rassismus, Übergriffigkeiten und Sexismus, Kapitalismus, Old-Boys-Networks und Neoliberalismus ausgeschlossen werden, gleichzeitig aber die Politik nicht immer im Vordergrund stehen soll. Es wird stetig hinterfragt, transzendiert.

Letztendlich ist der Club als Raum, in dem viele verschiedene Menschen zusammentreffen, ein Ort, an dem man die Chance hat, sich zu begegnen: Die Musik bringt Menschen zusammen; die Regeln bieten Schutz. Insofern ist elektronische Musik selbst ein Politikum, indem sie Menschen unterschiedlichster Herkunft und manchmal auch unterschiedlicher Gesinnung auf engen Raum zusammenbringt. Das ist erst einmal nichts Besonderes, denn das passiert auch in Zügen, in Büros. Delikater wird dieser Kontext durch die Herangehensweise der Akteure/innen und der Clubgänger/innen: Es geht um Spaß, ums Loslassen können. Was für den/die Eine/n Ekstase bedeutet, kann in die Intimsphäre Anderer eindringen, kann sogar zum Übergriff werden. Ein friedliches Miteinander und gegenseitigen Respekt zu ermöglichen ist leider oft noch etwas Besonderes. Es sollte aber ein Standard sein – nicht nur in der Leipziger alternativen Clubszene.

Techno, generell elektronische Tanzmusik, ist heute mehr denn je Teil der Gesellschaft. Damit herrschen auch hier die Probleme der Gesellschaft vor. Partys und Clubevents sind damit nur so politisch und tolerant, wie die Menschen, die teilhaben. Wir haben einige von ihnen gefragt:

Auch interessant, was Menschen aus London und Australien zu diesem Thema zu sagen haben:

Die Gespräche mit Akteuren/innen und Besuchern/innen der Clubszene zeichnen ein eindeutiges Bild: Viele setzen sich vor allem mit den Aspekten Diskriminierung, Sexismus und Inklusion auseinander. Allerdings ist das Thema damit lange nicht erledigt. Was man sich außerdem fragen kann: Wenn Toleranz in der Clubkultur so oft gepredigt, so groß geschrieben wird, kann man dann vielleicht sogar heute noch diesen Antrieb für gesellschaftliche Veränderungen nutzen? Auch abseits der links-alternativen Szene? Können Menschen durch Clubkultur politisiert werden, kann dieser Schutzraum sensibilisieren?Weitere Denkanstöße
Es gibt noch weitere Ebenen des Politischen, als die bisher angesprochen. Einige Denkanstöße: Clubkultur ist mittlerweile auch ein großer Wirtschaftsfaktor. Es kann viel Geld gemacht werden – und das wird es oft eben auch. Illegale Partys und versteckte Open Airs möchten sich davon lösen, alternative Möglichkeiten zu teuren Clubabenden schaffen.

Gleichzeitig kann der Exzess ebenso ein Gegenpol zum neoliberalen Leistungsanspruch sein – Eskapismus, Ausbruch aus dem Alltag, in dem es sich oft darum dreht, für Geld zu arbeiten, um wiederum glücklich zu sein. Immer leistungsfähig sein, mit einer Karriere Statuspunkte zu sammeln.

Weitergedacht: Was bedeutet die Clubkultur als eskapistische Möglichkeit, um aus dem kapitalistischen Leistungsalltag auszusteigen und einfach loszulassen? Immerhin dürfte dies einer der Gründe sein, weshalb die linke Szene Techno vor Jahren für sich entdeckt hat. Der Eskapismus, in welcher Form auch immer betrieben, sagt aus: Der Alltag wird mir zu viel. Ich brauche einen Raum, eine Zeit, die losgelöst ist von dem, was ich leisten muss, was mich beschäftigt. In kaum einer Szene wird Rausch und Ausbruch so exzessiv betrieben, wie in der der elektronischen Tanzmusik.

Wie umgehen mit Barrieren in jedem Sinne? Wie kann man den angestrebten Schutzraum für all jene zugänglich machen, die ihn manchmal am nötigsten haben? Wie kann Inklusion stattfinden – beispielsweise kulturelle? Die damit einher gehenden Schwierigkeiten hat man erst letztes Jahr am Beispiel Conne Island in Leipzig erleben können: Sprachbarrieren, unterschiedliche Feierkulturen und soziale Codes können zu kritischen Situationen führen. Wie damit umgehen? Wie die Grenzziehung gestalten, die einerseits nicht diskriminieren, andererseits schützen soll?

Und dann kann Clubkultur auch politisch sein, weil sie sich illegale Räume sucht, um sich zu entfalten. Überall treffen Akteure/innen auf Vorgaben, Gesetze und Einschränkungen. Um dem zu entkommen, werden Schlupflöcher gesucht, wird sich beispielsweise mit Open Airs und Fabrik-Raves aktiv der Regelungswut gegengesetzt.

Auch Themen wie Gentrifizierung, Stadtpolitik und Sperrstunde sind als bedeutende Handlungsfelder für politisches Engagement im Clubkontext angekommen. Die Freiräume, die Clubs für viele ihrer Besucher/innen bedeuten, sind oft durch Immobilienspekulation bedroht (aktuelles Beispiel: Distillery in Leipzig). Auch Lärmbeschwerden durch „Nachbarn“ können diesen Verdrängungseffekt haben – siehe das IfZ. Da geht es dann schon mal um Kulturraumschutz: Parteien kommen ins Spiel. Stadtpolitik. Und natürlich lässt sich auch kritisch fragen, ob in der heutigen Clubkultur wirklich noch so viele unterschiedliche Milieus aufeinander treffen. Oder hat sich die Clubkultur nicht mittlerweile so ausdifferenziert, dass die Milieus tendenziell unter sich bleiben?

Viele Fragen, mit denen sich diese Reihe in den nächsten Monaten beschäftigen möchte.

Neues Festival für Leipzig: Balance – Club / Culture

Das Balance – Club / Culture-Festival setzt auf Kulturräume, Diversität und die Schnittmenge zwischen Clubkultur und Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht die Frage, was moderne Clubkultur zu gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart beiträgt und beitragen kann.

Kulturfestival
So ganz unbekannt und neu ist der Name Balance in Leipzig nicht. Als Veranstaltungsreihe im Institut fuer Zukunft, bei der in der Vergangenheit zum Beispiel die ukrainische Crew Cxema oder das tschechische Kollektiv Polygon eingeladen wurden, ist die Balance seit einiger Zeit bekannt. Diese Veranstaltungen sind als Prologe zu verstehen – jetzt kommt (nach zwei Jahren Planung) also das erste Kapitel, das erste Balance – Club / Culture-Festival.

An vier Tagen werden hier nicht nur nationale und internationale Künstler/innen in Leipzig, sondern auch verschiedene Kunstformen und Musikgenres zusammenkommen. DJ Stingray, Atom™, Aïsha Devi, Umfang, Ikonika, Coucou Chloe, Mor Elian, Shygirl, Rui Ho, Bonaventure und das Duo Schwefelgelb sind u.a. angekündigt. Natürlich sind auch Künstler*innen aus Leipzig vertreten: Neele, DJ Minusminus, Black Nakhur, Nadine Talakovics, Dorothy Parker und XVII sind zum ersten Balance-Festival ebenfalls mit dabei.

Wer nach dieser Liste „nur“ ein modernes Musikfestival erwartet, liegt allerdings ziemlich falsch. Konzerte, Installationen, Talks, Raum für Diskussion, eine Filmvorführung und ja, natürlich auch Clubnächte, werden zu einem Kulturfestival.Mikro – Meta – Makro
Das Balance-Projekt setzt sich mit der Definition und dem kritischen Hinterfragen von moderner Clubkultur als solche auseinander. Und macht sie gleichzeitig, auf progressive Art und Weise, erlebbar. Die Frage „Was trägt moderne Clubkultur zu politischen Prozessen bei?“ stellt sich somit direkt und indirekt, zwischen und mit dem Publikum, den Künstlern*innen, Akteuren*innen und Kuratoren*innen, inner- und womöglich außerhalb der Festivalevents.

Vor dem Hintergrund der Ereignisse in Georgien, bei denen sich als Reaktion auf einen gewaltsamen Polizeieinsatz, u.a. im Club Bassiani, hunderte Menschen vor dem Regierungsgebäude in Tiflis zu einer Demonstration unter dem Motto „We dance together – we fight together“ zusammenfanden, ist das Festivalprogramm noch gegenwärtiger geworden. Auch die von 170 Berliner Clubs initiierte Anti-AfD-Demonstration, bei der 70.000 Menschen auf die Straße gingen, zeigt Clubkultur in der Rolle als soziale, politische Begegnungsstätte – mit Revolutionspotenzial.

Programm, Locations und Tickets
Wer alle Veranstaltungen des Balance-Festivals erleben möchte, wird von Donnerstag bis Sonntag (31. Mai – 3. Juni) das Institut fuer Zukunft, die naTo, das UT Connewitz und die Galerie KUB ansteuern. Den Anfang markiert die Vernissage zur Ausstellung des serbischen Künstlers Bogomir Doringer mit seiner Kunstinstallation „I Dance Alone“ in der Galerie KUB. Doringer zeigt Menschen beim Tanzen – aus der Vogelperspektive. Er beobachtet damit, ob und wie Menschen beim Tanzen interagieren, welche Formen dabei entstehen und zeigt die Tanzenden als sich bewegende, kollektive Körper.

Ab 22 Uhr heißt es dann Balance x Channel im IfZ mit DJ Stingray. Von Freitag bis Sonntag geht es genauso hochkarätig weiter. Das Samstags-Konzert im UT Connewitz mit Atom™, Aïsha Devi, Lyra Pramuk und Ana Bogner ist aber sicher noch ein besonderes Highlight. Das Festival endet mit einem BBQ in der Galerie KUB und zwei Talks. Mit Peter Kirn kann man sich beim „Tech Talk“ (ebenfalls Galerie KUB) austauschen, anschließend geht es zum wirklich letzten Event in die naTo, zu einem Gespräch mit den Künstlerinnen Umfang und stud1nt (Discwoman), moderiert von Sarah Ulrich und Charlotte Eifler von Feat. Fem*.

Einen Hintergrundartikel mit Stimmen von Kyle van Horn (Kurator), Xaver Thiem (Veranstalter), Bogomir Doringer (Künstler) und Anja Kaiser (Designerin) findet ihr bei Spex, online und for free.

Tickets (auch für einzelne Events) gibt es hier: balance.ifz.me
FB-Event.

Programm

Donnerstag, 31. Mai

19:00 / galerie KUB / (freier Eintritt)
Ausstellung / Vernissage ‘I Dance Alone’ von Bogomir Doringer + Präsens Editionen Showcase

22:00 / Institut fuer Zukunft / Balance x CHANNEL
mit DJ Stingray [USA], Mor Elian [Fever AM, USA], Neele [IfZ/G-Edit, DE], DJ minusminus [CHANNEL, DE]

Freitag, 1. Juni

18:00 / galerie KUB / Artist interview / (freier Eintritt)
Yuko Asanuma interviewt Ikonika

19:30 / galerie KUB / Artist interview / (freier Eintritt)
Lisa Blanning interviewt Bill Kouligas

22:00 / Institut fuer Zukunft
mit Ikonika [Hyperdub, UK], Schwefelgelb – live [aufnahme + wiedergabe, DE], Coucou Chloe – live [Nuxxe, UK], Shygirl – live [Nuxxe, UK], Bill Kouligas [PAN, DE], XVII [IfZ, DE]

Samstag, 2. Juni

17:00 / naTo / Film + Talk / (freier Eintritt)
Voguing as Empowerment for Queer Refugees
Film: ‘Berlin is Burning’
Gespräch mit Future V, moderiert von Sarah Ulrich

19:00 / UT Connewitz / Konzert
Atom™ – live [Raster Medien, CHL/DE]
Aïsha Devi – live [Houndstooth, CH]
Lyra Pramuk – live [Objects Limited, USA/DE]
Ana Bogner – live [oxxxi, DE]

23:59 / Institut fuer Zukunft / Club night – Discwoman Showcase
mit UMFANG [Discwoman, USA], stud1nt [Discwoman, USA], RUI HO – live premiere [Objects Limited, CHN/DE], Bonaventure [NON Worldwide, PRT], Black Nakhur [Pneuma-dor, DE], Dorothy Parker [Cry Baby, DE], Nadine Talakovics [No Show, Distillery, DE]

Sonntag, 3. Juni

14:00 / Galerie KUB / (freier Eintritt)
Closing Barbeque

16:00 / Galerie KUB / Tech Talk / (freier Eintritt)
Modular ideas and music – an introduction using free software (mit Peter Kirn)

18:00 / naTo / Artist Talk / (freier Eintritt)
‘Shake the patriarchy: Collective organization as a feminist strategy in the music industry’
mit: UMFANG und stud1nt (Discwoman)
In Kooperation und moderiert von Feat. Fem* mit Charlotte Eifler und Sarah Ulrich

5 Years x A Friend In Need – Interview mit Lootbeg

Von einer Podcast-Reihe zum eigenen Label – A Friend In Need kann in diesem Jahr sein fünftes Jubiläum feiern. Wir haben mit Label-Head Lootbeg über das Erreichte gesprochen und gefragt, warum sein Debüt-Album nicht auf dem eigenen Label herauskam.

House, Techno, Electro, Ambient – Lootbeg ist stilistisch kaum festzuzurren. Immer, wenn man denkt ‚Ah, ein weiterer Classic-House-Typ‘, überrascht er mit einem anderen Sound. Das sorgt auch bei seinem Label A Friend In Need immer wieder für Überraschungen. Zwischen dem harschen Techno von Tsorn und dem süß-melancholischen House der ersten EPs liegen Welten. Zugleich gehört A Friend In Need zu den aktivsten Leipziger Elektronik-Labels der letzten Jahren. Zeit, sich etwas mehr mit Lootbeg zu beschäftigen.

Das Interview ist ein schöner Reminder an Lootbegs sehr nächtlich gestimmtes, interstellar gleitendes Debüt-Album „Stargazing“, das Anfang des Jahres auf O*RS herauskam.

A Friend In Need wird 2018 fünf Jahre – bist du happy mit dem, wie das Label gewachsen ist?

Auf jeden Fall. Es ist wirklich ein gutes Gefühl nach fünf Jahren mal in Ruhe auf das Erreichte zurück zu blicken. Nicht nur auf die Musik, auch auf das viele positive Feedback und den Support einzelner DJs. Vor allem in den letzten zwölf Monaten war aus der Richtung nochmal ein deutlicher Aufschwung bemerkbar, der viel dazu beigetragen hat, dass das Label und die Musik eine immer größer werdende Hörerschaft erreicht und anspricht.

Ich schätze, das liegt wohl auch daran, dass ich mit dem Label regelmäßig versuche auch musikalisch in andere Richtungen zu schauen. Auch das aktuelle Album von 5http, das als Tape das erste wirklich anfassbare Release auf A Friend In Need ist, stößt derzeit auf eine sehr positive Resonanz. Alles in allem bin ich sehr zufrieden, wie sich alles entwickelt hat. Und ich freue mich auf das, was sich daraus noch alles entwickeln wird.

Du hast ausschließlich digital veröffentlicht: Lässt sich so eine ähnliche Fanbase aufbauen oder haben es Vinyl-Labels einfacher?


Das kann ich nur teilweise beurteilen, da ich als Label keine Erfahrung mit Vinyl-Veröffentlichungen habe. Ich bin mir aber dennoch ziemlich sicher, dass es ein Vinyl-Label leichter hat, sich eine feste Fanbase aufzubauen als ein Digital-Only-Label. Vorausgesetzt der Output stimmt. In der unendlichen Masse der wöchentlichen Digital-Releases geht man einfach zu stark unter. Man muss schauen, dass man mit der Qualität punktet, um Leute darauf aufmerksam zu machen und entsprechend ans Label zu binden. Wenn man dann den langen Atem hat und dranbleibt, hat man, denke ich, schon gute Chancen, sich trotz der Digi-only-Mentalität einen Namen zu machen. Vergleichbar mit den Möglichkeiten und dem Aufwand eines Vinyl-Labels ist das dann aber natürlich trotzdem nicht.Wo ist A Friend In Need besonders beliebt, lässt sich das ausmachen?


Nur an den Sales der letzten zwölf Monate gemessen, sind das die Top 5: USA
, UK, Deutschland
, Italien
 und Russland. 
Frankreich, Südafrika und Australien gehören aber auch in den engeren Kreis der Fanbase.

Was war den Verkaufs- und/oder Streamingzahlen nach der größte Label-Hit bisher?

Das ist in beiden Punkten „Keep It Up“ von 78Edits aus Schottland. Der Track stammt vom fünften afin-Release „Various Varieties“ von 2015. Zu der Zeit lag der musikalische Fokus des Labels fast ausschließlich bei langsamen Sleazy-House und Edits.Dein erstes Album wolltest du aber nicht auf dem eigenen Label veröffentlichen?

Ehrlich gesagt habe ich nie direkt daran gedacht, überhaupt ein Album zu veröffentlichen. Der Anstoß dazu kam von Filburt, als ich ihm vor zwei, drei Jahren einen Ordner mit aktuellen Demos geschickt habe. Das waren um die zehn Tracks und er meinte, dass wohl alle recht stimmig seien und dass das ja eigentlich schon ein fertiges Album ist. Ich habe die Tracks damals nie als Ganzes gesehen. Sicher hätte man da ein oder zwei EPs aus je drei bis vier Titeln zusammenstellen können, aber als Steffen dann die Idee mit dem Album hatte und ich mir in diesem neuen Kontext alles nochmal zusammenhängend angehört habe, machte das durchaus Sinn. Also haben wir uns zusammengesetzt und alles für eine Veröffentlichung auf O*RS vorbereitet.

Du hast in den letzten Jahren sehr unterschiedlich klingende Tracks veröffentlicht, das Album wirkt dagegen sehr geschlossen. Ist es in einer zusammenhängenden und bestimmten Phase entstanden?


Ja ist es. Ich muss dazu sagen, dass ich die ursprünglich geplanten Tracks fürs Album aufgrund der langen Verzögerungen noch einmal komplett über den Haufen geworfen habe. Zwischen Steffens erster Idee, ein Album zu machen, und dem finalen Release im Januar 2018 waren über zwei Jahre vergangen – und ich habe mich musikalisch und technisch in der Zeit natürlich weiterentwickelt. Somit habe ich das Konzept dazu überarbeitet und Steffen hat mir glücklicherweise viel Freiraum dazu gelassen. Ein Großteil der finalen Stücke ist in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum entstanden, in dem ich krankheitsbedingt viel Zeit fürs Produzieren hatte. Da ich dem Album bewusst einen geschlossenen und zusammenhängenden Charakter geben wollte um, war dies natürlich ein großer Vorteil.

Was genau wolltest du bei deinem Album nochmals überarbeiten?

Bei mir ist es so, dass ich für mich mit der Zeit neue Herangehensweisen in Sachen Produktion entwickle und auch musikalisch gesehen bestimmte Phasen habe, in denen sich einfach die Interessen ändern bzw. weiterentwickeln. In den letzten drei Jahren hat sich da bei mir also einiges bewegt und ich war vom damaligen Konzept und den Tracks des Albums nicht mehr zu 100 Prozent überzeugt. Bis auf drei Titel habe ich also alle Tracks neu und direkt für das Album produziert, um ein wirklich in sich geschlossenes Werk zu schaffen. Thematisch betrachtet war es ähnlich. Ich wollte mit dem neuen Sound eine gewisse mysteriöse Stimmung erzeugen, die sich rund um das Thema Weltraum, fremde Zivilisationen und deren Interaktionen mit uns Menschen dreht. Das wäre mit den ursprünglich geplanten Tracks so einfach nicht umsetzbar gewesen.Was ist dir generell wichtig beim Produzieren – technisch und musikalisch?


Am wichtigsten ist es, dass ich Ideen schnell und unkompliziert umsetzen kann, ohne viel Zeit damit zu verbringen, Signalwege zu patchen, Presets und Samples zu durchsuchen, Geräte an und abzuschließen usw. Da ich einen normalen Job habe, bleibt leider nicht viel Zeit zum Produzieren und aus diesem Grund versuche ich immer einen gewissen stetigen Grundaufbau bei Hard- und Software zu haben, um mich bei jeder Gelegenheit dransetzen zu können ohne immer wieder bei Null anfangen zu müssen. Dieses grundlegende Set-up ändert sich in gewissen Details natürlich von Zeit zu Zeit bzw. ist es projektabhängig wie im Fall des Albums oder einzelner EPs. Aber gewisse Drum-Racks und Synth-Presets sind darin auch auf Dauer wiederzuerkennen. Somit ist auch der musikalische Aspekt damit verknüpft. Wenn es die Zeit dann hergibt, experimentiere ich mit anderen Genres, Geräten und Sounds, schaue was sich ergibt und speichere das entsprechend entstandene Set-up für spätere Sessions ab.

Du bist super aktiv, mit dem Label, aber auch als Producer – davon leben wolltest du aber nie?

Leider ist da ein großes Loch zwischen wollen und können. Sicher wäre es ein Traum, ausschließlich davon zu leben, aber um das wirklich in einem sicheren und zufriedenstellenden Rahmen tun zu können, fehlt mir da einfach die internationale Bekanntheit. Das Geld wird mit Bookings verdient und solange diese eher sporadisch und unregelmäßig kommen, wird es erstmal so bleiben wie es ist.

Ein Jahr Feat. Fem*

Vor ungefähr einem Jahr gab es die erste Feat. Fem*-Veranstaltung. Seitdem ist die Gruppe eine sichtbare Crew in Leipzigs Kollektivlandschaft geworden. Wir haben mit Anja Kaiser und Charlotte Eifler gesprochen, die gerade in der Hochphase zum zweiten großen Feat. Fem*-Event stecken.

Theorie und Statistik
Frauen* in der Clubkultur und im Kulturbetrieb ist seit gut einem Jahr das Hauptthema des Netzwerks. Über das „große Versprechen der Gleichberechtigung, das nicht eingelöst wird und über patriarchale Strukturen – darüber wollen wir weiterhin sprechen“, sagt Charlotte.

Mittlerweile organisieren sich bei Feat. Fem* Arbeitsgruppen mit Schwerpunktthemen wie Booking, Awareness, Security, (feministischer) Theorie oder Statistik. Die Gruppe trifft sich hierfür regelmäßig im Institut fuer Zukunft zum Austausch und ist mit DJ*s bei verschiedenen Partys in und außerhalb von Leipzig vertreten.

Manifest auf dem Weg
Wo die Reise mit Feat. Fem* hingehen soll, wird auch nach einem Jahr noch verhandelt. Sie verstehen sich bisher als Netzwerk bzw. Empowerment-Plattform für FLTIQ. Viele Fragen seien allerdings noch zu beantworten: „Wer sind wir, wer wollen wir sein, das müssen wir noch klären“, sagen sie. Das Formulieren des Selbstverständnisses ist einer der wichtigsten Punkte für die zukünftige Arbeit. Auch (die eigene, finanzielle) Ausbeutung im Club- und Kulturbetrieb klingt hier an.

Im Herbst wird Feat. Fem* eine Art Manifest publizieren – ob es eher ein Kritikbrief oder eine Club-Agenda sein wird, steht noch nicht ganz fest. Es soll und wird konkrete Probleme in der Leipziger Clublandschaft aufzeigen. Inhaltlich werden Räume und Situationen benannt, besprochen und Forderungen an eben diese gestellt.

Im Hier und Jetzt geht es aber erst einmal um den großen Tag im Conne Island, dessen Programm sich wie ein Tagesfestival liest: Von Workshop, Kuchenessen, Film-Screening, Talk bis Clubnacht ist alles dabei. Das Netzwerk hofft mit dieser großen Veranstaltung weitere Kreise anzusprechen:

„Wir wollen nicht nur im eigenen Teich fischen“.

Alle Interessierten sind also herzlichst willkommen, sich mit der Materie ‚Feminismus im Club‘ auseinanderzusetzen und einen Anfang zu wagen. Denn nur als Zusammenschluss bildet sich die nötige Reichweite, gebündelt zu empowern und auch weiterhin die Clublandschaft zu bereichern und damit (positiv) zu verändern.Final Fantasies
„Lasst uns die Klubkultur destabilisieren, das Netzwerk befeuern und uns verwöhnen!“ heißt es bei Feat. Fem*. Start ist am 18. Mai um 15:00 Uhr mit zwei parallel laufenden Workshops und ab 17:00 Uhr wird ausgelost, wer mit wem die nächste Stunde die Decks teilen darf. Ein Highlight ist das Speed-Dating, bei dem sich Künstlerinnen*, Frauen* aus den Bereichen Booking, Öffentlichkeitsarbeit und allgemein Kulturarbeit kennenlernen können.

Zur Primetime findet dann noch ein besonderes Film-Screening statt. Wer im letzten Jahr „RAW Chicks.Berlin“ gesehen hat, dem sei auch der Film „Born in Flames“ wärmstens ans Herz gelegt. Die Protagonist*innen in diesem Sci-Fi-Film gründen eine Untergrund-Armee, um sich gegen die täglich stattfindenden Belästigungen zur Wehr zu setzen und sich zu bewaffnen.

Den Film von 1983 holt Diana McCarty beim anschließenden Filmtalk in die Gegenwart. Diana McCarty ist Kommunistin, Feministin und Mitgründerin des Radiosenders reboot.fm und konnte dank finanzieller Unterstützung vom StuRa der Uni Leipzig, dem Referat für Kultur und dem FSR KuW noch kurzfristig eingeladen werden.

Lyzza, Swan Meat, Arletka, Charlotte und ANTR beschließen die Nacht als Female Force Line-Up des elektronischen Untergrunds. Die Künstlerin Lyzza aus Amsterdam sei an dieser Stelle besonders hervorgehoben – „Lyzza ist für uns als DJ*/Producerin eine starke Repräsentantin und ist gerade dabei ein Pop-Star zu werden“, sagt Anja. Solltet ihr also unter keinen Umständen verpassen.

Hier das Programm en détail:

15:00 Smarttechnologien als kreative Tools
// Anmeldung bis zum 17.5. an girlz-edit@conne-island.de
15:00 Mentoring Decks ANTR (G-Edit) & Febi (Vice versa)
17:00 B2B Decks by chance moderated by Buzy A (G-Edit)
// Anmeldung bis zum 17.5. an nado@conne-island.de
18:00 Treat yourself, Take the fem* cake, Smash the patriarchy
18:30 Feminist Network Speeddating
// Anmeldung bis zum 17.5. an feat.fem@gmail.com
20:00 Screening: Born in Flames directed by Lizzie Borden (Sci-Fi-Film, 1983 USA, 1h 30m) + Talk mit Diana McCarty
23:00 Klub w/ Lyzza, Swan Meat, Arletka, Charlotte, ANTR
Visuals by Saou TV

*FLTIQ

„Artists“ #2 – Rustre

Gregor Barth hat sich mal wieder mit seiner Kamera in das Studio eines Leipziger Musikers geschlichen – und er brachte uns damit Rustre näher, bzw. in den Fokus. Hier der zweite Teil seiner „Artists“-Foto-Serie.

Vor anderthalb Jahren war Gregor Barth bei Yuyay Records-Gründer Robyrt Hecht im Studio. Dort dokumentierte er mit seiner analogen Kamera, wie ein Track entsteht. Was Gregor mit der „Artists“-Reihe vor hat, erklärt er dort selbst. Sonst lässt er die Bilder sprechen – und deshalb halte ich hier meine Klappe und stelle das aktuelle Rustre-Album in einem eigenen Artikel vor.