Am Rad drehen

Heute ist es soweit – frohfroh dreht am Rad und startet eine Crowdfunding-Kampagne. Ein paar Gedanken nebenher.

Was es konkret mit der Aktion auf sich hat und worum es geht, findet sich kompakt bei der Kampagnen-Seite bei Visionbakery. Hier eher ein Sidekick dazu.

Seit über sechs Jahren gibt es diese Seite, doch kein Jahr war hinter den Kulissen so turbulent wie dieses. Die Spanne zwischen „Nichts geht mehr“ und „Den nächsten Schritt wagen“ könnte kaum größer sein. Tatsächlich liegt nur etwas mehr als ein halbes Jahr dazwischen.

Meine plötzliche Leere beim Beschreiben von Musik brachte frohfroh im Frühling auch für mich unerwartet ins Stocken – und je länger ich nicht schrieb, desto mehr war mir nach komplettem Hinschmeißen, Dichtmachen, Episode beenden. Aber – und auch das ist 2015 – Christoph war als zweiter Autor da und konnte übernehmen und mir über den Sommer eine beruhigte und komplette Schreibpause gewähren.

Und sie war gut und irgendwie wichtiger als gedacht, um wieder neuen Elan zu bekommen. Jetzt ist es soweit und wir haben Lust auf Herausforderungen: Mehr Inhalte abseits der Releases-vorstellen-Routine. Und Inhalte in einem neuen Format, das wir allerdings gern zusammen mit Profis machen wollen.

Wenn also alles klappt, können wir im nächsten Jahr eine monatliche Reihe mit kurzen „Behind the scenes“-Video-Beiträgen beginnen. Und wenn alles klappt, lässt sich auch etwas mehr Zeit für größere Geschichten freischaufeln, die oftmals von den eigentlichen Money-Jobs geblockt wird – ohne dass hier alles voller blinkender Werbebanner und fieser Layer Ads mit winzigen Close-Kreuzen ist. Wir haben Bock – ihr hoffentlich auch. Was für ein Herbst. Was für ein Pathos.

Vielen Dank an dieser Stelle an alle, die bei der Vorbereitung der Aktion mitbeteiligt waren: André und Benjamin von Relativ Kollektiv für das Drehen des Pitch-Videos sowie Planen der Aktion, Stefan und Stefanie von Frohe Zukunft Export für die Gestaltung, Robert für das Wachrütteln und Markus, Neele, Steffen, Daniel und Saskia für den Input zum Pitch-Video.

#supportfrohfroh

Und Nachtrag – warum eigentlich Visionbakery? Na, weil sie auch aus Leipzig sind.

Kunst am Vinyl – NYT

Not Yet Titled – kurz NYT. So heißt das Label zweier Leipziger Künstler, die auf Vinyl genre-übergreifende Musik mit Bildender Kunst verbinden. Ein Interview dazu.

Dass Labels die Kunst als erweiterten Aktionsraum für sich entdecken – bzw. umgekehrt Bildende Kunst die Musik – ist nicht neu. Ortloff war in Leipzig bislang am konsequentesten in dieser Richtung. Aber auch O*RS verknüpfte bereits beide Welten mit einem limitierten Box-Set. Und nicht zuletzt laden auch die großen Vinyl-Cover immer wieder zu künstlerisch herausragenden Artworks ein.

NYT geht noch einen Schritt weiter. Im letzten Jahr veröffentlichte das Label das erste Webermichelson-Album nochmals auf Vinyl. Aber nicht einfach so, sondern mit einem Cover, dessen schwarze Beschichtung sich wie bei einem Rubbellos zu einem Unikat zerkratzen ließ. Darunter lagen Credits und Namen. Gestaltet wurde das Artwork damals von Grabowski Böll.In diesem Sommer folgten zwei weitere Vinyl-Editionen. Einmal der Original Soundtrack zum Kurzfilm „Entropie“ – produziert von Kreidler-Mitglied Andreas Reihse und Isaac Bigsby Trogdon sowie das 13-minütige Ambient-House-Stück „Rust“ von Map.ache. Auf der Rückseite: Statt Musik eine eingravierte Textur von David Schnell, einem der renommiertesten zeitgenössischen Maler von Leipzig.

Er ist es auch, der NYT zusammen mit Sebastian M. Kretzschmar vom Künstlerkollektiv Famed gegründet hat. Aus einer ähnlichen Begeisterung für Musik, wie beide unter anderem im frohfroh-Interview erläutern:

Wie kam die Idee zum Label?

Wir haben uns recht klassisch über das gemeinsame Interesse an Musik und die Affinität zum Vinyl kennengelernt. Die Leidenschaft für Musik und die Lust unsere künstlerische Arbeit irgendwie mit diesem Interesse zu verbinden, hat letztendlich zu der Label-Idee geführt. Wir haben uns dafür dann auch die nötige Zeit genommen – also vom Namen über das Logo bis hin zum ersten Release.

Aber der tatsächliche Auslöser waren wohl Webermichelson mit ihrer Idee, ihr Album, das bis dahin nur im Netz veröffentlicht wurde, auf Vinyl zu veröffentlichen. Auch sollte zu dem eigentlichen Album noch ein Rework von Timoka aka Benjamin Kilchhofer gegenübergestellt werden – als musikalische Erweiterung. Das lieferte dann auch eine gute Vorlage für die gestalterische bzw. grafische Idee. Und so erschien das erste Release von NYT gleich als Trible Vinyl.Was habt ihr musikalisch und künstlerisch mit dem Label im Sinn?

Musikalisch sind wir sehr offen und fühlen uns keinem Genre verpflichtet. Unser Musikgeschmack ist auch eher genre-übergreifend und sehr heterogen. Die letzten Releases waren zwar sehr elektronisch geprägt, bei den nächsten Vorhaben wird sich das jedoch in andere Bereiche öffnen – mehr möchten wir dazu aber noch nicht sagen. Uns geht es schon darum Musik und Kunst zu verknüpfen und Zusammenarbeiten auf den Weg zu bringen, die so sonst nicht so entstanden wären.

Soll es auch bewusst um einen Austausch zwischen Musikern und Künstlern geben oder agieren beide Seiten autark voneinander?

Der Austausch bzw. die Zusammenarbeit zwischen Musikern und Bildenden Künstlern ist sicher eines unserer Ziele. Aber auch da sind wir ziemlich offen und wollen uns keine Prinzipien setzen. Das Erscheinungsbild spielt eine sehr wichtige Rolle, allerdings eröffnen sich auch in diesem Bereich viele Nuancen und Möglichkeiten.

Bei der Kooperation mit Map.ache hat David Schnell zum Beispiel auf die musikalische Vorlage von Jan Barich reagiert. Bei „Entropie“, dem Soundtrack zu dem gleichnamigen Film der Künstler Nadim Vardag und Michael Franz, fand die Zusammenarbeit zwischen den Musikern Andreas Reihse und Isaac B. Trogdon und den beiden Künstlern in Form des Filmes statt. Der Soundtrack auf Vinyl ist nun eine neue und andere Form dieser Zusammenarbeit – also eigenständiger und irgendwie autarker. Die Gestaltung hat hier Nadim Vardag übernommen.Mapache-David-Schnell Um auch noch mal kurz auf das Erscheinungsbild generell einzugehen, hier arbeiten wir mit Anna Lena v. Helldorf zusammen. Sie hat das Erscheinungsbild von NYT sehr stark geprägt und war bisher verantwortlich für das grafische Konzept und die Umsetzung – also vom Logo über Plakate bis teilweise hin zu den Covern. Überhaupt ist die Liste der Mitwirkenden sehr lang und alle sind am Ende irgendwie miteinander verbunden – so wie Kunst und Musik eben.

Ihr seid beide als Künstler aktiv. Werden in der Kunstszene solche limitierten Vinyl-Editionen als eigenständige Werke wahrgenommen – quasi als erweiterter Kontext eines künstlerischen Schaffens?

Ja, irgendwie schon. Wir hätten das selber so nicht erwartet. Doch viele sind an unseren Platten interessiert, obwohl sie nicht mal einen Plattenspieler besitzen. Oft werden auch gleich zwei Exemplare gekauft – eines zum Hören und das andere, das dann als Kunstwerk verhandelt wird.

Das freut uns natürlich und verschiebt auch noch mal die gängige Handhabe von Vinyl – obwohl das Sammeln natürlich auch zum Vinyl gehört. Wir sind mit NYT auch in diversen Ausstellungen vertreten. Also ja, es ist eine Erweiterung unser beider Schaffen, allerdings ist die Urheberschaft schon ein ganzes Stück weit aufgehoben.

DATE FÜR HAMBURG

NYT ist mit eingeladen bei „Recordings“, einer Ausstellung des Kunstvereins Harburger Bahnhof in Hamburg im Rahmen der Reihe „One Hundred People Say Umbrella Auditives in der Bildenden Kunst“. Vom 28. Oktober 2015 bis 13. Dezember 2015 ist sie zu sehen.

NYT Bandcamp / Soundcloud
Map.ache Facebook

Fabian Russ „Birds And Beats – Remixed“

Anfang des Jahres haben wir Fabian Russ zum großen Interview getroffen. Seitdem ist einiges passiert – unter anderem ein Remix-Contest. Hier seine sechs Helden.

Die Musik von Fabian Russ ist hauptsächlich auf Bühnen von Konzertsälen, Theatern oder interdisziplinären Orten wie dem Berliner Radialsystem zu hören – zuletzt als ein Part der opulenten „Orchestronik“-Aufführung beim Kunstfest Weimar (Trailer gibt es hier).

Immer mit dem Anspruch, Klassik und Elektronik zu verbinden, oftmals zusätzlich eingebunden in andere künstlerische Formen und besondere räumliche Kontexte. Insofern ist der Remix-Contest über die von Ableton gestartete Plattform Blend eine der wenigen Möglichkeiten, auch abseits des konzertanten Rahmens etwas von dem in Leipzig lebenden Komponisten zu hören.

Kurz nach unserem Interview folgte im Ableton-Blog ein kurzes Gespräch mit Fabian Russ über sein entwickeltes Kreissystem sowie über seine Arbeit mit Samples und die Zusammenarbeit mit Klassik-Musikern. Über den guten Ableton-Kontakt kam auch der Verweis auf Blend. Russ wählte als Ausgangsstück „Birds And Beats“, das er für das Theaterstück „Helden“ am Schauspiel Frankfurt (Regie von Mizgin Bilmen) produzierte und das der sakralen Erhabenheit einer Orgel einen breakig-stakato-haften Beat gegenüberstellt – alles eingebettet in die pathetisch aufwallenden Dramaturgien der Klassik.

Spannendes Material also, dem sich 13 Acts annahmen – seit wenigen Tagen ist der Contest beendet und alle Remixe sind hier zu hören. Fabian Russ wählte aber selbst noch einmal seine sechs Favoriten aus, die unten zu hören sind. CelSens und Thomas Redaellis Versionen erscheinen mir dabei am interessantesten, da sie das Original zwar im Blick behalten, dramaturgisch und klanglich jedoch noch einiges an neuen Nuancen beisteuern können.

Verrückt dagegen, wie Markus Adams aus „Birds And Beats“ ein laid-back Funk-Stück baut. Da wollte er wohl Fabian Russ Alter Ego fdong mit ins Boot nehmen.

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Der Daniel Stefanik-Oktober

Drei EPs in einem Monat – so konzentriert wie in diesem Oktober hat Daniel Stefanik noch nie neue Tracks veröffentlicht.

Außer mit seinen Alben natürlich. Doch die drei EPs unterscheiden sich mehr als ein Album klanglich stimmig zusammenhalten kann. Und genau diese  Vielseitigkeit scheint es Daniel Stefanik nicht immer leicht zu machen. Die Bandbreite würde teilweise die Hörer überfordern, so bekommt es Daniel Stefanik immer wieder mit. Deshalb möchte er künftig stärker bündeln – in drei Strängen.

Seiner Liebe für den Detroit- und Post-Hardwax-Sound widmet sich fortan das Projekt Urban Force – im Sommer kam auf Ornaments eine neue EP heraus. Die lang gedehnten, von Perlon beeinflussten Deep House-Tracks laufen unter dem ebenso reduzierten Namen DLSK. Und Daniel Stefanik? Steht ab sofort eindeutig für den druckvollen, weiter ausholenden Cocoon-Sound.

Der ist auf seiner neuen Cocoon-EP „I Wonder“ auch klar herauszuhören. Während sich der Titel-Track in ebenso melodisch weich geerdeter wie hoch konzentrierter Weise zur Hymne hochschraubt, mutiert „Twilight Zone“ von Anfang an zum alles abreißenden Acid-Detroit-Rave-Killer. Peaktime hoch drei. Und doch in seiner Ruppigkeit einnehmender als die letzte Cocoon-EP „Signs“.

Für ein anderes Frankfurt steht seit Ende der Neunziger das Label Raum … Musik – und zwar für den weich gezeichneten, stromlinienförmigen Deep House, der sich viel Zeit zum Entfalten nimmt und der in den vergangenen Jahren etwas in den Hintergrund geraten ist. Nichtsdestotrotz steht er auch für die Suche nach Zeitlosigkeit, einen Ruhepol zwischen schnell aufflammenden und abebbenden Trends.

Hier setzt Daniel Stefanik mit DLSK ein Zeichen mit seiner „Subterraneans EP“. Hauptsächlich mit dem Track „Sense Of Doubt“, der sanft dahin gleitet auf federleichten Bassdrums, warmen Chords und angeteasten Vocals. „Subterraneans“ selbst rückt dann aber doch wieder näher in die Tech House-Gegenwart. Die Beats fallen druckvoller aus, dahinter gruppieren sich diffuse, improvisierte Sounds, die an Vogelstimmen erinnern – Ornithologen-House. Oder aber ein subtil eingebetteter Jazz-Ansatz, der es schafft, mehr aus der eigentlichen Tech House-Eintönigkeit herauszuholen.

Schließlich gibt es noch eine weitere EP, die allerdings nicht ganz in das neue Konzept passt. Denn eigentlich müssten die dubbigen Tracks der „Aftermath EP“ auf dem nicht weniger renommierten Label Dissonant von Marc Antona eher unter dem Urban Force-Alias laufen. Hier zeigt sich dann eben auch das Dilemma mit den verschiedenen Pseudonymen. Daniel Stefanik ist einfach der Name mit der stärksten Wirkung und so wundert es nicht, dass Marc Antona sich die EP unter genau diesem Namen wünschte. Als Kompromiss in der Übergangsphase ist es aber ebenso nachvollziehbar.

Wie auch immer: „It Might Be Drizzle Until September“ und „Jolly Green Giant“ klingen ähnlich federnd und schwerelos wie „Sense Of Doubt“, aber eben mehr im Dub-Techno als im Deep House verwurzelt. Mit weiten Hallräumen und klassischer Dub-Deepness knüpfen die beiden Tracks nahtlos an Stefaniks Alben „Reactivity“ und “Genesis“ an. Classic Stuff, der einfach nie an Glanz verliert.

Daniel Stefanik Website
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Marbert Rocel „In The Beginning …“ (Compost Records)

Album N° 4 von Marbert Rocel ist soeben erschienen – ruhiger klingt es. Und einige wirkliche Perlen enthält es.

Seit rund vier Jahren lebt ein Drittel von Marbert Rocel nun in Leipzig. Wobei: Mittlerweile ist das Drittel zum Ganzen geworden. Denn Martin Kohlstedt war zwar bei den Aufnahmen zu „In The Beginning …“ noch mit dabei, konzentriert sich ab sofort aber wohl mehr auf sein Solo-Projekt. Live unterstützt nun aber Niklas Kraft die Band – eine sehr gute Alternative.

Nach mehreren House-Ausflügen von Panthera Krause – herausragend neulich auf Uncanny Valley – und dem Live-Projekt Karocel mit Mathias Kaden und Michael Nagler war interessant zu hören, inwieweit dieser Dancefloor-Einfluss auch auf Marbert Rocel abfärben würde. Gar nicht, so die schnelle Antwort. Große Verschiebungen sind auf „In The Beginning …“ nicht zu hören. Oder vielleicht doch, aber in die andere Richtung?

Denn im Rückblick war das vorherige Album „Small Hours“ viel durchmischter von einem House-Drive als das neue Album. Auch das übersanfte Spiel von elektronischer Reduktion und organischer Wärme hat ein paar mehr Kanten bekommen. Statt mehr Dancefloor ist mehr ruhige Melancholie hinzugekommen, inklusive mehr Cosmic-Appeal durch krautige Synthesizer.Und das bringt ein paar wirkliche Perlen hervor, die dem leichtfüßig tänzelndem Marbert Rocel-Pop deutlich mehr Spannung verleihen. Gleich der Opener „80 Horses“ deutet an, dass das Tempo auf „In The Beginning …“ etwas zurückgenommen wird. „Velvet“, „Dance Slow“, Bird Of Passage“ und „With Your Love“ gehen dann mit ihrer fernen, langsamen Schwerelosigkeit und den teils holprigen, zurückgesetzten Beats noch mehrere Schritte weiter. Meine fünf Hits.

Doch es gibt ihn auch weiterhin, den feingliedrigen, sanften und erwachsenen Pop, der besonders durch Spunks Gesang ins Pop-Universum gehievt wird. Und mit  „Me Myself And I“ und „Dawn Of The Day“ gibt es durchaus den offensiven Dancefloor-Bezug, der bei „Small Hours“ noch präsenter war. Doch die eigentlich neuen Nuancen bringen mir Marbert Rocel näher denn je.

Marbert Rocel Website
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Bernhard Y. Riemann „Wesen“ (Yuyay Records)

Ein neues Release auf Yuyay, wieder eingebettet in die rätselhafte Mythologie rund um nach Erleuchtung strebender Mathematiker. Hört man die Forschungsergebnisse von Bernhard Y. Riemann (alias Robyrt Hecht), so scheint er dieser recht nah zu kommen. Fünf Stücke lang entfalten sich Welten, die Raum und Zeit vergessen lassen. Wie auch bei den vorherigen Yuyay-Veröffentlichungen fungiert wieder ein bekannter Mathematiker als Ausgangspunkt für das Konzept der EP.

Sehr gemächlich beginnt „Polyfoil Planes Are Withering“. Flirrende Synthesizer-Melodien durchziehen den Opener. Verrückt: Obwohl dieser bereits sieben Minuten lang ist, kommt er mir viel kürzer vor. Zeit ist halt relativ. Regelrecht erhaben wirkt das Stück zum Ende hin.

In „Conjuring Zeta Function“ schnattern die Synths schon viel offensiver. Dazu kommen Vocals zum Einsatz, die dem Track eine völlig unerwartete Komponente geben, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen. In besseren Zeiten würde davon ein kurzer Edit in der Radio-Landschaft hoch und runter gespielt werden.

Ein hakeliger, gebrochener Groove fordert uns in „Les 859 Quartos de Legendre“ heraus. Bestimmt steckt eine gewisse Mathematiker-Freude dahinter, abseits vom Viervierteltakt zu experimentieren. Gleichzeitig erinnert es sehr deutlich daran, wie selten dies in elektronischer Musik passiert. Der Titel ist womöglich ein Hinweis auf die Kürze des Tracks: Innerhalb einer Woche hat Bernhard Riemann das auf 859 Quartformat-Seiten erschiene Werk „Théorie des Nombres“ von Legendere gelesen und verstanden – als Schüler, wohlgemerkt.

Gleich mal gegoogelt, was das „Jacobisches Umkehrproblem“ ist, dann aber doch festgestellt, dass die freiwillige Beschäftigung mit Mathematik nicht zu meinen bevorzugten Freizeitaktivitäten gehört. Vielleicht beschreibt das Stück aber gut das Gefühl, sich in eine Zone der Konzentration zu versenken – jene, die man für komplexe Gedankengänge benötigt.

Zum Ende gibt es wieder Vocals bei „No Pole Has Been Lifted“. Und diesmal ist es tatsächlich ein Song, der an dunkleren Synth-Pop anknüpft, aber doch mit einem Bein ins All abhebt. Eine neue Facette, die Yuyay Records hier zeigt und von der wir hoffentlich noch mehr zu hören bekommen.

Yuyay Records Website
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Umzug ins Basement

Wir haben Neuigkeiten aus den Leipziger Plattenläden – einer zieht in den Keller, einer ist im Endspurt.

Zuerst geht es nach Connewitz: Letztes Jahr hatte dort Possblthings aufgemacht und schloss relativ schnell nach der Schließung des Kann Record Stores die Plattenladenlücke in Leipzig. Die Räumlichkeiten im Erdgeschoss der Bornaischen Straße 95 waren aber wohl schon zu diesem Zeitpunkt nur als Provisorium geplant.Vor zwei Wochen ist Possblthings nun eine Etage tiefer gezogen, in den Keller mit alten Fliesen und niedrigen Gewölben. Eine Menge Arbeit wurde reingesteckt, um die Räume zu einem Plattenladen herzurichten. Gemütlicher und mit mehr Plattenladen-Atmosphäre sollte es sein. Am Programm hat sich nichts geändert. Es gibt Kisten mit Vinyl und Tapes zu House, Acid, Techno, Electro, Ambient, Wave, EBM, Synth, Italo, Noize, Reggae, Dub, Afrobeat, Jazz, Funk und Soul.

Am kommenden Freitag und Samstag (16. und 17.10.) gibt es nun ein offizielles Re-Opening mit Snacks und Drinks. Jeweils ab 14 Uhr geht es los.

Sonst ist Possblthings von Mittwoch bis Samstag zwischen 14 und 19 Uhr geöffnet. Ach ja, die Adresse bleibt, aber der Eingang ist nun über die Kellerluke in der Durchfahrt neben dem alten Eingang.

Im N°9 in der Kolannadenstraße sind die Tage dagegen gezählt. Das Riotvan-Quartier mit kleinem kuratierten Plattenladen war Anfang des Jahres als einjähriger Pop-up-Store geplant. Und zumindest in der Kolonnadenstraße wird das auch tatsächlich so bleiben. Ein paar Special Abende wird es aber noch geben. Und eventuell geht es an anderer Stelle weiter – Ideen und Optionen sind da, aber nichts davon spruchreif. Geduld also.

NACHTRAG

Da ist noch mehr los, wie uns eben via Twitter gesteckt wurde. Ende Oktober eröffnet in der Eisenbahnstraße mit Vary ein ganz neuer Plattenladen mit Café.

Der Berliner Blog Drift Ashore war bereits im Gespräch mit den Betreibern – lest unbedingt das Interview dort.

Possblthings Facebook
N°9 Facebook

Props von oben – UT Connewitz

Gestern wurden in München die besten kleinen bis mittleren Clubs für Live-Konzerte prämiert – zwei Leipziger Clubs waren unter den Preisträgern.

APPLAUS heißt der Preis, den die Initiative Musik organisiert – ausgesprochen ist es die Auszeichnung der Programmplanung unabhängiger Spielstätten und besonders freuen kann sich das UT Connewitz, das in der Kategorie der Clubs mit mindestens einem Konzert pro Woche zur Spielstätte des Jahres gekürt wurde. Die Auszeichnung kommt von ganz oben, genauer von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. Seit drei Jahren zeichnet der Bund besondere Live-Musik-Programme von kleinen bis mittleren Clubs sowie Veranstaltungsreihen mit bis zu 1.000 Besuchern aus und fördert sie zugleich mit Prämien zwischen 5.000 und 30.000 €.

Dieses Jahr kann sich das UT Connewitz doppelt freuen: Einmal über eine Programmförderung in Höhe von 15.000 € und über die extra Auszeichnung zur Spielstätte des Jahres – neben dem bekannten Kölner Club Gebäude 9 sowie der Jazz-Reihe Zoglau3. Mit dem Preisgeld soll die Programmqualität erhalten bleiben, durch die auch immer wieder höchst interessante Abende mit elektronischen Experimenten im UT Connewitz zu erleben sind.

Außerdem erhält auch das Noch Besser Leben in Plagwitz eine Förderung von 5.000 €. Doppelte Entzückung.

UT Connewitz Website

Küchengespräche zur Clubkultur

Nur saufen, nur tanzen, nur werfen, nur balzen – es gibt sie tatsächlich, die Meta-Ebenen der Clubkultur. Die Berliner Reihe „The Amplified Kitchen“ beleuchtet sie seit einem Jahr.

Im Berliner Club ://about blank entstand im Sommer 2014 diese spannende Veranstaltungsreihe, die über verschiedene Aspekte der Clubkultur reflektieren möchte. Nicht in strikt akademischem Habitus, vielmehr in einem lockeren Beisammensein, wie es sich auch spontan aus einem Küchengespräch heraus entwickeln könnte.

Der Kulturraum e.V, KReV. veranstaltet ähnliche Abende – vorwiegend im Institut für Zukunft. Die Berliner Gespräche der „Amplified Kitchen“ sind hier in ihrer mittlerweile gewachsenen Themenfülle eine interessante Ergänzung – und sie entfalten sich thematisch so universell, dass sie auch in Leipzig gelesen werden sollten. Oder gehört. Denn es gibt Audio-Mitschnitte und teilweise auch transkribierte Versionen der Gespräche beim Online-Magazin Das Filter.

In diesem Sommer ging es beispielsweise um Arbeit im Nachtleben, im Gespräch war auch Jan Barich alias Map.ache, der von seinen Erfahrungen als Conne Island-Booker erzählen konnte. Ebenso spannend: Förderung in der Clubkultur, das System Vinyl und vor wenigen Wochen die Frage, inwieweit Party und Politik zusammen gedacht und gelebt werden können.

Überaus lesens- und hörenswert.

Creep-E „If U Didn’t Know EP“ (L.e.f.t. 110)

Mit Creep-E gibt es einen weiteren Artist auf L.e.f.t. 110, der Beats für langsame Low Rider-Fahrten um den Block produziert. Im Vergleich zu Avbvrn aber eine Spur entspannter und auch abwechslungsreicher, verhallter, atmosphärischer. Acht Tracks gibt es davon auf der „If U Didn’t Know EP“, die auf Soundcloud zu finden ist.

Wer genau sich hinter Creep-E verbirgt, ist unklar. Aber vielleicht auch gar nicht so wichtig. Es sind Interpretationen von – ja, wie nennt sich das Ganze eigentlich? Drill-Hop? Dirty-South-Crunk? Irgendwo habe ich da mal einige Abfahrten auf der Hip Hop-Style-Autobahn verpasst.

Es fällt aber auf, dass Creep-E hier einige andere Einflüsse durchschimmern lässt, die die EP gut durchhörbar machen. Gerade der doch recht dicke Bass könnte durch britische Styles beeinflusst sein. Auch die sonst omnipräsenten Rap-Samples tauchen hier nur stellenweise auf.

Interessant, wie sich aber die heruntergepitchten R’n’B-Vocals in „I Wont B Afraid“ in den Kopf eingraben. Vielleicht ist hier noch Raum für viel mehr Experimente mit dieser Art von Beats.

Ich bin jedenfalls gespannt, wo bei L.e.f.t. 110 und Modern Trips die Reise noch so hingeht.

L.e.f.t. 110 Website
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An der A4 aufgesammelt

Einmal raus und die A4 runter – an den Abfahrten Dresden und Jena haben wir zwei Dinge aufgesammelt.

Various Artists „Uncanny Valley: Five Years On Parole – What’s Happening“

Zum einen feiert nämlich das Dresdner Label Uncanny Valley in diesen Tagen groß seinen 5. Geburtstag – mit einer zweiteiligen Compilation. Nachdem Filburt auf der Jubiläumskatalognummer 20 schon Leipzig mit repräsentierte, übernimmt Panthera Krause nun diesen Part.

Mit einem höchst überragenden Track – vielleicht sogar seinem bisher besten. „Coochie“ vereint so hymnisch und selbstverständlich raumgreifende House-Deepness mit zuvor wilder und enorm aufgeladener Breaks-Spannung. Dass sich aus dem neurotischen Intro später noch so viel Sanftheit herausschälen kann, um am Ende nochmals zu eskalieren, ohne dass zusammengekleistert klingt – groß. Vielleicht ein Ausreißer im Panthera Krause-Sound, vielleicht ein neues Level. Wie auch immer: Danke Uncanny Valley für diesen Track.

No Accident In Paradise „Asymetria Remiksy II“

Und in Jena? Da kam eben die zweite Remix-EP zum vor gut einem Jahr veröffentlichten No Accident In Paradise-Album heraus – zur Ambient Week hatten wir darüber berichtet. Das spannende hier: Neben sehr guten Neuinterpretationen von Lowtec, Ian Simmonds und Erlenbrunn sind auch A Forest dabei.

Dass das Trio auch Remixe produziert, war mir neu. Ist auch nicht unbedingt klassisches Terrain für eine stark im Pop geerdete Band. Für dubbig schwer schiebende „Radiolokacja“ kommen die analogen Synthesizer von „Grace“ hervor. Und Arpen ergänzt das eigentlich instrumentale Stück um ein paar gesungene Verse. Irgendwie wird dann Schwere und Schwerelosigkeit daraus.

Uncanny Valley Website
Freude am Tanzen Website
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Heute auf, morgen zu

Lesetipp aktueller Kreuzer: Die Titel-Story dreht sich um die Frage, ob der Hype um die Stadt ihre eigenen Clubkinder auffrisst.

Eigentlich ist das Thema nicht neu in Städten mit gewissen Freiräumen und sich verändernden Vierteln – da ploppen plötzlich Läden und Keller mit Anlagen und Bars auf, es gibt eine gewisse Zeit verschwitzten Hedonismus in der Grauzone und irgendwann ist die Tür zugemauert.

Besonders im Fokus gerade: der Osten, rundum die Eisenbahnstraße. Das Goldhorn hatte dort bis vor ein paar Monaten für einige Monate große Arbeit geleistet und neben dem klassischen Dance auch sehr ambitionierte Konzerte und Club-Abende veranstaltet.

Eigentlich wollten die Betreiber jedoch mehr, aber das Ordnungsamt und die Hausbesitzer sagten „no“. Zugleich gibt es aber eben auch nicht mehr die vielen räumlichen Optionen wie noch vor ein paar Jahren – woran auch das Goldhorn nicht ganz unbeteiligt war. Der Klassiker in einem lange Zeit brach liegendem, nun aber vom starkem Zuzug zunehmend unter Druck geratenden Immobilienmarkt.

Noch etwas klingt wenig überraschend: Und zwar, dass die ganzen hinter xxx, Mailing- und SMS-Listen versteckten temporären Orte der Clubkultur – egal wie schmutzig die Wände und wie schlecht die Boxen sind – immer eine ungeheure Anziehungskraft haben werden. Gegen das Verruchte und Verbotene, Exklusive und Vergängliche, können die institutionalisierten professionellen Clubs nicht immer mithalten.

Interessant fand ich aber in dem Kreuzer-Text, dass angeblich durch die temporären Läden der Ruf der professionell betriebenen Clubs leiden würde. Das war mir so nicht bewusst. Ich glaubte an eine sichere Koexistenz, an eine sich langfristig haltende Balance zwischen hochwertigem Programm und Exzess ohne Lüftung. Martin Driemel von der Distillery relativiert da auch.

Aber vielleicht sind die vielen neuen Läden ebenso ein Zeichen für einen Generationswechsel und das Potential des ungebrochenen Zuzugs in die Stadt – neue Leute wollen sich eigene Orte erschaffen, bespielen und weiterentwickeln. Da können Clubs mit langen Geschichten und ihren mehr oder weniger hermetischen Netzwerken natürlich nur bedingt eine Folie für den jugendlichen und post-jugendlichen Elan zum Selbstgestalten bieten. Insofern alles halb so wild, oder?

Außer aber, dass es für jene Läden, die sich aus dem temporären Zustand heraus legal professionalisieren wollen, offensichtlich gerade schwerer wird.