Lake People „Night Drive“ (Rumors)

Nach einem Remix für Guy Gerber & Dixon auf Rumors kommt nun die erste eigene EP von Lake People dort.

Irgendwie abgefahren, wie organisch sich die Karriere von Lake People entwickelt. Ohne Hype-Wellen tourt er mit seinem Live-Set Wochenende für Wochenende durch die Welt. Parallel die Platten. Krakatau Records, URSL, Permanent Vacation, dann Connaisseur Recordings, nun also Guy Gerbers Label Rumors.

Er drosselt die Aufmerksamkeit auch selbst. Keine Lust auf Interviews, Zurückhaltung, Fokus auf die Musik. Anfang des Jahres remixte Lake People „No Distance“ von Guy Gerber und Dixon. Wenige Monate später die eigene EP mit zwei neuen Stücken.

In gewohnt feinsinniger Deepness, weniger karg und überraschend als „Uneasy Hiding Places“. Lake People hat vieles definiert in seinem musikalischen Rahmen, hat offenbar seine gegenwärtigen Präferenzen gefunden. Und die sind schlichtweg so überzeugend und anziehend, dass das Weiterentwicklungsdiktat milde belächelt werden kann.

„Night Drive“ und „No Turning Back“ sind so angenehm austariert, so still schlummernd und doch in sich pulsierend. „No Turning Back“ öffnet sich dabei noch etwas mehr hin zum Spielerischen, Eingängigen. Einfach zwei weitere Perlen.

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Sonntagsdiskurse

Zwischen zwei Bassdrums bleibt meist wenig Platz für Diskurse. In dieser Woche kamen aber zwei spannende Themen auf.

Nicht unbedingt mit Leipzig-Bezug. Doch allgemein genug, um sie auch auf die lokale Ebene herunterzubrechen. Die aktuelle Groove-Ausgabe thematisiert über fünf Doppelseiten die sich verschärfenden Tendenzen zu immer höheren Künstlergagen, Pop-Star-adäquaten Entourage-Wünschen, einer globalen Monopolisierung der Agenturen und Top-DJs.

Der „Techno-Kapitalismus“ ist nicht neu und nicht per se verwerflich. Nur hat er in den vergangenen Jahren wohl noch einmal an Irre gewonnen. Wenn die Artist Alife-Bookerin Katrin Schlotfeldt (Chris Liebing, Loco Dice, Tale Of Us vertritt sie) meint, dass „wenn eine Anfrage aus Plauen kommt, können wir da keinen Großen hinbuchen,“ lässt sich natürlich entgegenhalten, dass Leipzig nicht Plauen ist. Aus Sicht der global aufgestellten Agenturen dürfte der Unterschied jedoch nur marginal ausfallen.

Einen Sven Väth oder Ricardo Villalobos gibt es demnach nur in einem Festival-Rahmen wie dem Think zu erleben. Oder eben weiter entfernt auf einem anderen großen Festival mit quasi jährlich identischen Line-ups. In der Distillery spielte Richie Hawtin zuletzt 2006. Andererseits: wer braucht die Hawtins und Väths wirklich? Der gemeinsame Nenner. Ist auch wichtig, gehört zum Pop, zum Mittelmaß.

Die interessanten Wagnisse und Neuauslotungen finden jedoch woanders statt. Hier wird es aber auch zunehmend problematisch für die Clubs und Veranstalter. Denn anscheinend steigen auch die Gagen für Underground-DJs und Soundcloud-Newcomer exponentieller als zuvor.

Allerdings scheint in dem Bereich noch mehr Verhandlungsspielraum zu bestehen, immerhin ist Leipzig nicht arm an derartigen Party-Line-ups. Dies bestätigen auch einigen Aussagen in der Groove: von den globalen Bookings der Großen profitieren die Underground-DJs auf der Suche nach regelmäßigen regionalen Auftrittsmöglichkeiten.

Ganz aus dem Rahmen der fortschreitenden Professionalisierung der Clubkultur fallen die Nebenher-DJs. Die Leipzigerin Smilla weist im aktuellen kreuzer daraufhin, dass „Nicht-Berufs-DJs“ kaum noch Slots in den Clubs bekommen. Sie würden eher an die DJs vergeben, die mit den Gagen ihre Miete zahlen müssten.

Wie auch immer: aus Leipziger Sicht scheinen die sich hochschaukelnden Kapitalismus-Gedanken der Groove weit entfernt. Es gibt keinen Mega-Club vor Ort. Und bis auf Moon Harbour, Matthias Tanzmann und Daniel Stefanik kaum einen Ibiza-Akteur.

Aber: Clubmusik ist wieder nahe am Pop. Darauf deutet auch der zweite interessante Beitrag in dieser Woche – veröffentlicht ursprünglich im Conne Island-Newsflyer, re-issued von Das Filter.

Mariann Diedrich sieht das noch recht junge Boiler Room-Format als „zeitgenössisches Pendant des früheres Top of the Pops“. DJs und Live-Acts im schön geordneten, virtuellen, jederzeit klickbaren Pseudo-Club-Kontext. Spannend ist hier aber weniger die Weiterführung der Pop-Mechanismen und die abnehmende Experimentierlust des Formats, sondern die Veränderung des Erlebnisraums Club durch die digitale Social-Media-Durchdringung.

Alles ist verfügbar. Sogar der Club mit allen erdenklich guten Acts. Das Ober-Line-up, ständig abrufbar für das „Kollektiv Online“. Mariann Diedrich dazu: „Das Bekenntnis dieser Generation entblößt sich, wenn Clubschwärmer das musikalische Nachtleben, welches sie bekanntlich als Refugium vor der gesellschaftlichen Realität für sich beanspruchen wollen, freiwillig einem medial-öffentlichen Voyeurismus übergeben und das Bedürfnis nach Entkoppelung dem Online-Wahn des Zeitgeistes untergeordnet wird.“

Kameraverbot für den ungestörten Exzess hier, gestylte Inszenierung für die weltweit ausstrahlende Webcam da. Eine super Dichotomie. Und weiter: „Momentan verlagert sich der Diskurs auf eine […] viel öffentlichere Ebene, wenn nun selbst die Grenzen des subkulturellen Biotops aufgegeben und die finale Banalisierung und Trivialisierung der Clubmusik ohne Wimpern zucken tot gefeiert werden.“

Hier frage ich mich aber, ob nicht eher die digitale Eigendynamik durch Smartphones und Social Media einen größeren Einfluss auf die genannten Thesen hat als ein Format wie Boiler Room. Die Aufhebung der privaten Grenzen und der subkulturellen Refugien liegt maßgeblich in den eigenen Partygasthänden.

Boiler Room spielt der Pop-Werdung und Professionalisierung der Clubkultur in die Karten – Top of the Pops trifft es hier sehr gut. Das Erlebnis Club gerät jedoch durch tausendfaches privates Broadcasten und Selfien ins Triviale.

Die Woche zeigte: es ist durchaus viel Diskursraum zwischen zwei Bassdrums.

Absolut Bronson

Okay, sonst herrscht hier weitgehende Strenge bei der Themenauswahl. Leipzig. Elektronische Musik. Doch ab und zu lohnt auch die Ausnahme. Das Charles Bronson in Halle feiert eine Woche lang.

Es gibt ja die Leipzig-Hochnäsigkeit. Erst recht Halle gegenüber. Kleinere Stadt, eh mieser Ruf, aber: geilere Detroit-Hochstraßen, einen Stadtteil namens Frohe Zukunft, einen Dom ohne Domturm, einen super Fluss, die Burg Giebichenstein und das Charles Bronson mit einem kleinen, aber mittlerweile ordentlich gewachsenen – manchmal etwas zu schunkelig klingenden – Label- und Artist-Netzwerk.

Deshalb sind die 40 Kilometer eigentlich näher als einige vielleicht annehmen. Vom 14. – 21. Juni könnte man sich rüber wagen. Dann organisiert der Charles Bronson-Club ein einwöchiges Festival. Eingerahmt von Partys mit HVOB, Seth Schwarz, Mila Stern, Erobique und Radio Slave. Doch auch unter der Woche wird es Action geben – Flohmarkt, Theater, Nachmittagsrave. Das ganze Programm gibt es hier. Empfehlung!

Darüber hinaus auch im Blick behalten: From Halle With Love.

Aufgedeckte Strukturen

Bisher nur Konzert- und Party-Reihe, nun auch Label – Hidden Structures geht den Weg weiter. Mit einem quasi ausgestorbenen Format.

Bei der ersten Party-Ankündigung im April 2013 stand schon einmal die Frage im Raum: wächst hier gerade ein neues Label mit Hidden Structures? Mit solch einem Namen kann nur ein Label daraus werden. Und heute ist es das auch geworden. Denn seit heute gibt es die erste Maxi-Single – digital und als aufwändig gestaltete CD.

Die Maxi-Single, ein bewusster Schritt im Revival-Rausch um Vinyl und Tape. Nur, dass die Maxi-Single die „künstlerisch wohl sinnloseste Veröffentlichungsform darstellt, die der Musikindustrie je eingefallen ist“, wie es treffend im Label-Text zum Start heißt.

Eine Hommage. Oder eher eine Persiflage. Aber letztendlich eine ernstgemeinte. Denn Musik soll auf jeden Fall unter dem Hidden Structures-Banner veröffentlicht werden. Die Partys kündigten die stilistische Offenheit zwischen Shoegaze, Drone, Post-Punk und Club schon an. Logisch, dass es mit beiden Welten losgeht. Ganz klassisch für eine Maxi-Single mit einem Hit, dessen Instrumental-Version und einem Club-Mix dazu.Creams heißt die Band, die das rastlose, sich hochpushende und doch sehr reduzierte „Ratio“ geschrieben hat. Ein Trio aus Elmshorn, das es mittlerweile nach Leipzig verschlagen hat.

Niklas Kraft alias Talski – ja, schon wieder er – produzierte den Song. Wer hinter dem entspannten und zurückgenommenen Club-Mix steckt, bleibt aber unklar. Wer könnte es sein? Ich tippe auf Map.ache. Andere Vorschläge gern in die Kommentare.

Die musikalische Durchdringung könnte aber noch einige gute Momente hervorbringen. Bei Facebook stehen mit Aidscrew, Brow, Flying Moon In Space und Heinrich Heinrich Jerusalem noch weitere Act-Namen.

Record Release-Party ist übrigens heute im Ilses Erika. Zusammen mit OS OVNI.

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Ausgeschwitzt

In den Cluberöffnungsenthusiasmus der letzten Monate kommt ein Dämpfer – der Sweat Club schließt.

Nun ist der Enthusiasmus auch durch die andauernden IfZ-Verzögerungen ins Stocken geraten, eine Clubschließung haut aber noch einmal anders rein. Wobei: die Booking-Qualität – vom subjektiven Feiererleben einmal abgesehen – flaute schon seit geraumer Zeit ab im Peterssteinweg 17.

Die sechswöchige „Eintritt frei“-Kampagne zum sechsjährigen Bestehen des Clubs im Frühjahr des Jahres kann im Nachhinein als erster Schritt in Richtung Schließung gedeutet werden. Ein letztes, nicht ohne Zweifel behaftetes Aufbäumen.

Am Ende lässt sich bestimmt einiges Rumnörgeln. Am Ende kann aber auch einmal Respekt gezollt werden für sechs Jahre durchhalten. Die Anfänge sahen durchaus viel versprechend aus. Nun denn, heute der abschließende Facebook-Post:

„Das Ende ist so sicher wie der Anfang…
6 Jahre SWEAT!
6 spannende und aufregende Jahre!
Wir bedanken uns bei unseren Gästen, Freunden, und bei allen, die in all der Zeit im Stillen mitgewirkt haben. Ein Dank an all die Protagonisten die dazu beigetragen haben, dass die Stille der Nacht mit Leben erfüllt wurde. Ein Dank an unsere Mitarbeiter!!!
Ein besonderes Dankeschön an unseren Vermieter, ohne den das SWEAT! keine 6 Jahre durchgehalten hätte. DANKE…
Doch jedem Ende wohnt bekanntlich ein Anfang inne. We shall see!“

Eine Abschiedsparty scheint es wohl nicht zu geben.

 

Die Säulen vollmappen

Am kommenden Wochenende können die Visuals-Skills erweitert werden – Kalma kommt rum und gibt einen zweitägigen Workshop im Westwerk.

Ich habe davon keine Ahnung. Aber super sieht es aus, wenn bestimmte Bereiche eines Raumes durch Grafiken aufleben – mit der Musik als direkten Impuls. Mapping heißt das wohl.

Die in Berlin lebende Künstlerin Kalma gibt am 13. und 14. Juni einen Mapping-Workshop im Westwerk, bei dem sie die Basics der Programme Madmapper und Modul8 erklärt.

Und am Samstag werden die erarbeiteten Mappings live bei der Troika-Party an die sechs Säulen des Westwerks projiziert. 80 € für zwei Tage, ab drei Leuten geht es los. Anmelden ist hier möglich. Ein Video zum Einklang gibt es bei uns.

M.T.-L.E.F.T. 1-1-0

Falt-Zine, neue Pullis, neues Sub-Label und mehr – bei Modern Trips brodelt gerade einiges.

Nach den letzten Tapes schiebt Modern Trips einen Track von XVII via Soundcloud dazwischen. „Addix“ heißt er, düster klingt er, Funk hat er trotzdem in den Claps und Preacher-Raps obendrein.

180° zu „Siblings“, das auf der „10 Jahre It’s Yours“-Compilation herauskam. Da muss noch mehr kommen von XVII. Bitte. Hier erstmal „Addix“ als Download.

Und weil Modern Trips scheinbar nicht ausreicht, haben die Betreiber gleich noch L.E.F.T. 1-1-0 als Sub-Label für den urbanen Output gegründet. Von einer ersten Platte ist schon die Rede. Zum Start gibt es aber via Soundcloud neben einigen Alza54-Mixen auch Dubs von Concerta54 und Leibniz. Ja, Leibniz, der seine HipHop-Liebe immer wieder betont hat.

Als Download gibt es einen Dub von Lemon Ds „Manhattan Melody“ aus dem Jahr 1995. Die Kids wühlen in der Geschichte und im HipHop- und Trap-Sound der US-Vorstädte. Beides vermengen sie in den Edits schließlich zusammen. Ein HipHop-Stück von Leibniz taucht auf diese Weise auch hervor.

Abseits der Musik gibt es zwei neue Modern Trips-Pullover. Erstmals auch einer mit Doppeldenk-Motiv. Und ein Feature für die Astoria-Hotelruine am Bahnhof. Weiterhin kein Ponyhof-Design, eher morbide Bordsteinkante und Asphalt.Daran erinnern auch die Falt-Zines „The Trip“, die künftig in unregelmäßigen Abständen erscheinen sollen. Symbolbeladen und rough und fern der Hype-Weichzeichner mit Neunziger-Style-Reminiszenzen .

Übrigens: am kommenden Sonntag ist Label-Nacht im Institut fuer Zukunft im Westwerk.

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L.E.F.T. 1-1-0 Soundcloud
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„Es entwickelt sich latent launisch“ – Delhia de France

Pentatones-Sängerin Delhia de France ist mit dem Start ihrer Solo-EP-Trilogie eine ordentliche Überraschung gelungen. Worum es geht, sagt sie im frohfroh-Interview.

Neulich erst gab es einen Pentatones-Auftritt in der Distillery bei dem erste Stücke des noch unveröffentlichten, mit Robot Koch produzierten Albums vorgestellt wurden. Letzte Woche erschien dann recht überraschend „Suavium“, der erste Teil einer EP-Trilogie, die sich „auf ästhetische Weise mit Deformation und Veränderung des Körpers sowie körperlicher Wahrnehmung“ beschäftigen soll – mit dem Kuss als Motiv.

Im Lateinischen gibt es drei verschieden nuancierte Bedeutungen des Kusses: den Liebeskuss (Suavium), den Zuneigungskuss (Basium) sowie den freundschaftlichen Kuss (Osculum). Ein mächtig aufgeladener konzeptioneller Überbau also, der audiovisuell durch begleitende Song-Videos mit unterschiedlichen Visuals-Künstlern umgesetzt werden soll.

Unabhängig von der verbindenden Konzeption vereint der erste Teil „Suavium“ sechs dunkel gedimmte, zwischen Electronica und Pop chargierende Songs, die Delhias Stimme einen pulsierenden Kontra-Rahmen geben. Gänzlich anders als bei den Pentatones oder ihren Vocal-Beträgen für Douglas Greed oder demnächst Steve Bug.

Für mich das erste Mal, dass es komplett passt – die selbstbewusste Getragenheit der Arrangements, die warmen und doch unberechenbaren Sounds – inklusive der Harfe von Julia Pritz, Delhias weniger ausholende Stimme.

„Holy Ghost“, „Share A Breathe“ und „The Book“ wagen sich wirklich weit ins Experimentelle. Mit „Suneater“ und „Unconcealable“ wird später das songwriterische Pop-Potential deutlich, in dem sogar die Grundwehmut der Stücke verlassen wird. Eine große Überraschung. Und ein Anlass, Delhia selbst zu Wort kommen zu lassen.


Eigentlich habe ich als nächstes das Pentatones-Album erwartet – nun plötzlich der Start einer groß angelegten Solo-Trilogie. Ein spontanes Projekt scheint es aber nicht gewesen zu sein.

Das schwelte schon eine Weile vor sich hin. Ich muss das natürlich alles mit Pentatones koordinieren. Aber ich konnte auch nicht mehr warten, bis das neue Album released wird, was am Ende vielleicht strategisch klüger gewesen wäre. Ich habe schon viel zu lange darauf gewartet, endlich loszulegen und nun hab ich es einfach getan und es fühlt ich gut an.

Dass das Ganze nun zu einem konzeptionellen Projekt herangewachsen ist, hat sich dabei eher von selbst ergeben. Es ist ein Prozess geworden und ich möchte mich darauf einlassen. Nach all den Kooperationen und der Bandarbeit der letzten Jahre war es mehr als überfällig, aber ich habe eine Weile gebraucht, mich auch wirklich zu trauen.

Natürlich ist man nie allein, auch wenn ich das anfangs dachte und das genau der Grund meines langen Zögerns war. Ich habe viele unglaublich talentierte Künstler und Freunde, die bei diesem Projekt mitarbeiten – sei es musikalisch-mixtechnisch oder für Artwork und Videos. Dafür bin ich wirklich sehr dankbar die Möglichkeit zu haben meine Ideen umzusetzen.

Das ist nicht immer einfach und nervt teilweise, wenn man mit einem Low-bis-eher-No-Budget arbeiten muss. Aber so ist es einfach gerade und es fordert einen auch heraus, effektiver und minimaler zu denken.

Eine der Kernfragen der Trilogie ist: wie viel Experiment braucht Popmusik und wie viel Pop braucht experimentelle Musik? Hast du für dich schon eine Antwort darauf gefunden?

Ich glaube nicht. Das wäre ja auch langweilig. Tatsächlich bin ich ein sehr ambivalenter Mensch. Mir wird schnell langweilig und ich brauche die Abwechslung und Herausforderung. Das hat auch was damit zu tun, die eigenen Gewohnheiten und Hörgewohnheiten zu hinterfragen bzw. auch den Zuhörer eben genau dazu zu bringen.

Manchmal frage ich mich auch, ob ich dies oder jenes musikalisch wirklich machen kann, weil es stilistisch zu weit auseinander geht. Aber ich sehe Delhia ein bisschen als Spielwiese und versuche das nicht all zu sehr zu bewerten. Ich verzweifele manchmal daran, aber eigentlich möchte ich nicht daran glauben, das Dinge so oder so sein müssen damit sie funktionieren, von der Industrie gefeiert werden oder verkäuflich sind.

Dass etwas so und so klingen oder aussehen muss, damit man es hier oder dort einordnen kann. Vielleicht ist das völlig naiv, aber was soll’s. I try.

Werden sich die drei Teile musikalisch spürbar unterscheiden – ein Liebeskuss unterscheidet sich ja auch von einem freundschaftlichen Kuss?

Ja das habe ich vor. Aber es ist gar nicht so einfach, dass trotzdem irgendwie unter einen Hut zu bringen, da ich am liebsten alles machen würde. Doch auch das wird sich ergeben. Und wohin die musikalische Reise, das lasse ich passieren. Es kristallisiert sich so langsam heraus. Kann sich aber andererseits auch morgen wieder ändern. Latent launisch.

Ich habe noch ein paar sehr ruhige Stücke, nur mit Klavier und dann wiederum auch den Drang mich wieder mehr mit Clubmusik zu beschäftigen. Ich vermisse das Roughe, das Ausrasten, treibende Beats. Dann ist da noch meine erste Liebe HipHop. Die vergisst man ja bekanntlich nie und die klopft immer mal wieder an meine Tür und bleibt für ein paar Tage.

Und die Grand Dame Pop, die thront über allem und ja, die ist tricky – aber das ist auch gut so. Vielleicht besteht der Unterschied in den EPs auch eher in einem Gefühl? Oder einer Geschichte? Ich weiß es nicht. Das die erste EP „Suavium heißt, ist Absicht: die Songs sind teilweise etwas älter und haben mit dem Abschied einer Liebe zu tun. Ein letzter leidenschaftlicher Kuss sozusagen.Welche Rolle spielt die Harfistin Julia Pritz – ist sie beim Songwriting auch mit involviert?

Mit Julia habe ich erst angefangen die Tracks live umzusetzen. Und klar, wenn man dann zusammen probt, kommt es auch dazu, dass man anfängt zusammen zu schreiben. Das ist dann ähnlich wie bei Pentatones: wir jammen zusammen und daraus entstehen Songs, die ich arrangiere und ausproduziere bzw. Lines zu denen ich schreibe. Manchmal produziere ich die Tracks auch direkt so, dass die Synthies von Julia mit der Harfe übernommen werden können, wobei ich die Harfe zumeist auch noch einmal im Ableton mit Effekten bearbeite.

Julia überrascht mich dabei immer wieder. Sie hat ein unglaublich gutes Gespür für Melodien und ein kompositorisches Talent. Das ist nicht selbstverständlich für jemanden, der es gewohnt ist, klassische Stücke mehr oder weniger rigide nach recht konkreten Anweisungen zu spielen. Aber sie kann gut loslassen und wahrscheinlich ist es auch etwas der Hunger nach anderer Musik als nur klassischer. Neulich hat sie beispielsweise einen HipHop-Groove samt Bass ausgepackt. Ich konnte es fast nicht glauben, dass das jetzt von diesem weißen Harfenmädchen kommen soll.

Was ist meist zu erst da – deine Gesangsparts oder die Sound-Arrangements?

Zumeist mindestens eine Line oder ein Beat. Darauf improvisiere ich den Gesang und schreibe dazu. Oder ich habe Lyrics, die ich unbedingt verwenden will. Dann passe ich sie darauf an. Aber hauptsächlich beginnt es mit einem Gefühl und dann lasse ich es meistens einfach passieren. Es ist eine Art Zuhören oder in sich hinein hören. Zumindest in den besten Momenten bzw. am Anfang. Das Arrangieren und Produzieren empfinde ich dann oft eher als Arbeit. Aber man muss in dieses Trancegefühl kommen, richtig vertieft sein und am besten den Kopf ausschalten. Das klappt mal mehr mal weniger gut.

Es schwingt bei den Solo-Stücken eine nächtliche Melancholie, eine einsame Stille mit – ist die Nacht deine Zeit zum Produzieren?

Ja, an sich schon. Obwohl ich versuche tagsüber zu arbeiten, komme ich doch immer wieder zu diesem nokturnen Rhythmus zurück. Wenn die Welt schläft, dann kehrt eine gewisse Ruhe ein, eine bestimmte Energie. Dann arbeite ich am liebsten. Dann bin ich für mich.

Die Inszenierung und der konzeptionelle Überbau sind ja wichtige Elemente bei den Pentatones und deiner Solo-Arbeit – woher kommt die Faszination dafür?

Das ist wohl der Kunsthochschulen-Background, wir haben ja fast alle Kunst oder Gestaltung studiert. Bei Pentatones muss man dazu sagen, da LeSchnigg und Hannes beide auch als Performance-Künstler bzw. Bildende Künstler tätig sind, schwingt quasi das Inhaltlich-Konzeptionelle stets mit.

Bei mir auch teilweise, aber ich würde sagen, es ist eher der enorme Hang zu Ästhetik und einem ästhetischen Gesamtbild, sowie der Drang zu einer gewissen Andersartigkeit und einer Faszination für Fremdes. Es fühlt sich an wie eine Sehnsucht, eine getriebene Neugier, eine Welt um sich zu bauen wie ich sie empfinde oder sie sehe bzw. mir vorstellen möchte.

Du lebst nicht mehr in Leipzig – wie kommt es?

Ich habe fünf Jahre in Leipzig gewohnt und es war wirklich schön. Da ich eh oft gependelt bin zwischen Thüringen und Berlin hat das gut gepasst. Aber Leipzig war einfach nie wirklich meine Stadt. Vielleicht hätte ich mich auch mehr integrieren sollen. Manchmal hatte ich das Gefühl alles was passiert geht an mir vorbei …

Ich mag Leipzig und dann kommt es mir wieder provinziell vor, die Eigenbrötlerei und Fuckoff-Attitude abseits des Berlin-Hype-Rummels. Aber die kann ich auch in Thüringen haben – dort gibts wenigestens Berge. Nein wirklich, es war eine schöne Zeit, und es gibt einiges, dass ich vermisse, aber irgendwie war es eher eine Transitphase.

Berlin finde ich einfach kulturell spannender. Und dort habe ich auch einen großen Freundeskreis sowie einen Teil meiner Familie. Ich komme natürlich gern zurück, besonders jetzt im Sommer, und Pentatones treffen sich hier auch zum Proben.

„Suavium“ erscheint auf Lebensfreude Records, vorerst nur digital – bei Bandcamp zum selbst definierten Preis.

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Lowcut & Phuture-T auf 45Seven

Doppel-Release bei 45Seven. Zwei 7“s voller Dub-Tiefe also, bespielt von Lowcut und Phuture-T.

Lowcut Lowcut – warum kommt eigentlich so selten etwas von Lowcut heraus? Eine Platte auf Alphacut, eine auf 45Seven, mehr nicht.

Jetzt ein neues Lebenszeichen des Leipzigers mit zwei kurzen, schwer schiebenden Dub-Stücken. Etwas leichter „All Day Dub“, etwas düsterer „3Four“, zwei unterschiedlich temperierte Seiten.

Eine Stelle flasht besonders – das letzte Drittel von „All Day Dub“ schimmert und schwebt so losgelöst, dass das jähe Ende einer 7“-Seite wirklich zum Jammer wird.

Der Amsterdamer Phuture-T war 2011 zweimal auf Alphacut zu hören. Drei Jahre später kehrt er mit zwei Ella-Dubs zurück. Sehr soulig durch die Vocals und doch irgendwie gut entkoppelt von deren Pop-Appeal. Perkussiver „Ella In Dub“, abgespacter schließlich „Dubber Ella“.Es gibt übrigens endlich auch 45Seven-Shirts – forstgrün, in Vintage-Typo und Alphacut-Logo-Einnäher.

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Martin Hayes „Modern Love“ (Rose Records)

Nun kommt endlich auch Martin Hayes zu seiner ersten Artist-EP auf Rose Records. Erstaunlich soulig.

Rumleisuren, das geht mit Rose Records wie kaum einem anderen Leipziger House-Label. So viel Hingabe zur Leichtigkeit, zur Softiness und zum Kellerclub-Glamour. Mit Rose Records ist immer Sonntag mit Sonne und Schlagsahne. Martin Hayes, der dritte Producer der kleinen Label-Familie kann sich nun dort auch über mehr als ein Stück hinweg entfalten.

Und er nutzt beide Seiten für eine weitaus souligere und perkussivere Note als zuvor. Bisher schienen mir bei Martin Hayes die Disco-Bezüge stärker ausgeprägt. Auf „Modern Love“ kommt seine Soul-Liebe mehr zum Vorschein. Alles sehr organisch und mit einem gewissen Jazz-Gestus orchestriert.

Da ist es wieder, das Leisure Life von Rose Records. Mit dem Interlude „One Step Away“ hat es auch ein Classic-HipHop-Fragment auf die EP geschafft.

Auf der B-Seite gibt es aber ein Wiederhören mit dem 80er-Flavour. Da schillert „Bring The Love“ mit Synthie-Bassline und schallenden Claps.

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Krink „Disturbance EP“ (Underyourskin Records)

Entweder hatte Krink einen harten Winter oder sein Sound ändert sich gerade. Seine zweite EP in diesem Jahr lässt dies vermuten.

Im Februar wunderte ich mich bereits über die ungewohnt eingedunkelten, atmosphärisch etwas unentschlossenen Stücke der „The Wilderness“-EP. Seine neue EP auf Undermyskin Records – einem Label aus Fahrdorf, richtig weit im Norden, nahe der dänischen Grenze – setzt den nächtlich klingenden Drive fort.

Waren die ersten Stücke von Krink quasi immer von einer positiv dahin schwebenden House-Deepness geprägt, geht es 2014 wesentlich introvertierter, aufgeladener, cleaner und teils auch rave-betonter zu. Dark Tech-House mit loser Dramaturgie.

Eingewoben in ein DJ-Set oder in Krinks eigenes Live-Set wahrscheinlich nicht unberührend. Für sich allein stehend aber wenig spannend. Vielleicht sind sie alle in einer langen Winterphase entstanden. Vielleicht wandelt sich Krinks Sound aber auch einfach gerade und ich verliere die Anknüpfpunkte.

„Ghost“ beginnt noch sehr angenehm in seiner Zurückgenommenheit und musikalischen Verspieltheit, wechselt dann später aber in den Dicke-Bassline-Schubmodus. Zwei Remixe gibt es schließlich noch – aber die können leider nichts retten.

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Jennifer Touch „s/t“ (Lunatic)

Komisch ein Debüt zu verkünden, wenn die Musikerin gefühlt schon ewig präsent ist. Doch: hier kommt die erste EP von Jennifer Touch.

Drei Jahre ist es her, dass ein erster Song von Jennifer Touch offiziell zu hören war – auf der „Fuchs Edition“ des Tetsamplers. Es folgten gemeinsame Stücke mit New World und PorkFour. Und immer war da dieser unterkühlt lässige Pop-Appeal in den Songs und in ihrer Stimme. Vom Glamour der Achtziger geprägt, unnahbar und gedimmt.

Das Blackred-Sublabel Lunatic widmet Jennifer Touch nun endlich eine ganze EP mit drei Songs, die nahtlos ihren Sound weiterführen. Mit weiträumig schwingenden und kurz angebundenen Synthesizer-Sounds, einem entfernt wirkenden, mit Hall aufgeladenen, irgendwie auch ruppigen Gesang.

Analoger Dance-Pop im besten Sinne. Ohne Anbiedern, ohne Koketterie. Jennifer Touch klingt so tief im originalen popoffenen Achtziger-Electro-Sound geerdet als sei die Zeit musikalisch und technisch stehen geblieben. Ganz groß. Weiterhin und noch mehr auf Vinyl.

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