RDF „Truck EP“ (RDF Music)

Ab in den Truck – Filburt und Ron Deacon werden zu den Franz Meersdonk und Günther Willers des Techno.

Meersdonk und Willers? Mir waren die Namen nicht geläufig, die Serienhelden dahinter aber schon. In der Serie „Auf Achse“ fuhren die beiden durch den ARD-Vorabend tausende Kilometer. Nach mehreren Tonnen Gewicht klingt auch das Titelstück der neuen RDF-EP. RDF ist ja das gemeinsame Label- und Session-Projekt von Ron Deacon und Filburt. Mit der „O’RS 1700“ tauchten sie erstmals auf. Es folgte die „Code“-EP mit dick aufgetragenem Analog-Synth-Sound.

Der Session-Charakter ist auf „Truck“ auch weiter zu hören. Erstmal dauert es zwei Minuten, bis die Bassdrum einsetzt. Danach pirscht sie sich im Hintergrund an, bis sie mit den ausladenden Synth-Fanfaren auf einer Höhe ist. Es gibt eine eigenartig antiquierte Dramatik in dem Track, die am Ende jedoch weniger opulent ausfällt, als anfangs zu vermuten gewesen wäre. Das raubt der zweiten Hälfte leider die Spannung, weil vorher so viel angeteast wurde.

Auf der B-Seite gibt es ein Wiederhören mit dem RDF-Remix von Simon Sunsets„ Blackwird“, der bisher nur digitial von Esoulate veröffentlicht wurde. Er ruft die mächtigen Bassdrums ins Gedächtnis zurück. Der große Hit dieser Mini-Compilation versteckt sich am Ende. „Give“, ein im Original noch nicht veröffentlichtes Stück von Ron Deacon im Lowtec-Remix. Die perfekte Mischung aus dem stromlinienförmig wogenden Deacon-Drive und der leiernden, genau richtig reduzierten House-Leichtigkeit von Lowtec.

In verschiedenfarbigen Vinyl-Varianten kommt die „Truck“-EP. Von der A9 geht sie in alle Welt.

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„Glad to be back“ – Johannes Beck

Stadt, Land, Rave – Steffen Bennemann im Gespräch mit Johannes Beck zu den Wechselwirkungen zwischen Metropole und Provinz sowie pleasure and pain.

„Beyond Pleasure And Pain“ – so heißt das neue Album von Johannes Beck, veröffentlicht vor wenigen Tagen bei Kann Records. Dass bei der Entstehung sein neuen Stücke der Umzug von Berlin nach München eine Rolle spielte, gab der Musik sofort einen höchst anziehenden Subtext, der sicherlich auch das Erschließen der Musik mitprägte.

Überhaupt Beck und die Provinz. In seine fränkische Heimat lädt er ab und an Freunde zum gemeinsamen Produzieren ein. Jeder soll ein Gerät mitbringen. Im letzten Jahr waren Sevensol und Steffen Bennemann im Steigerwald. Dokumentiert in zwei eigenwillig losgelösten Tracks.

Da auch bei dem eng mit dem Nachtdigital verbundenen Steffen Bennemann das Spannungsfeld zwischen Provinz und Stadt Spuren hinterlassen dürfte, lag die Idee nahe, beide um ein gemeinsames Gespräch zu bitten. Ein monothematisches.


Vergangenen Sommer war ich bei dir „zuhause“, also in Franken, auf dem Land sozusagen, wo du aufgewachsen bist. Dort ist recht deutlich zu spüren, dass in Sachen elektronischer Musikkultur scheinbar wirklich gar nichts geht. War das schon immer so oder kommt einem das heute nur so vor, weil man inzwischen mit dem Blick eines Stadtbewohners da drauf schaut?

Hmmm … da muss differenziert werden zwischen den Neunzigern und heute sowie dem Steigerwald, aus dem ich komme, und der Stadt Bamberg. In den Neunzigern war durch die Loveparade, Mayday und die Charterfolge von Westbam und Co. die Musik in den Großraumdiscos schon präsent. Im Steigerwald sowie in Bamberg – jedoch nur der kommerziell erfolgreiche Sound.

In Bamberg gab es wohl Anfang der Neunziger auch einen Club, der Afterhours hatte für die Leute die nach zwei bis drei Stunden Autofahrt aus dem Omen in Frankfurt kamen. Aber das kenne ich nur aus Erzählungen. Jedoch gab es Ende der Neunziger in Bamberg einen Laden, den Morph-Club, der hatte ab und zu Techno- und House-Sound.

Also alles in allem gab es damals schon eine kleine Szene. Heute, so ist meine Wahrnehmung, ist das alles weg – weil die Chartmusik weitergezogen ist. Der nächste Anlaufpunkt wäre heute dann also Nürnberg.

Also war es schon so, dass dein erster Kontakt mit der Musik, die du heute auch selbst machst, bereits auf dem Land stattfand – während deiner Jugend?

Genau. Ich hörte damals Punk, Metal und Grunge. Und eines Tage kam mein bester Freund vorbei und hatte ein Tape der Mayday dabei. Ich war sofort Feuer und Flamme und wusste: Da muss es mehr geben. Also haben wir die Großraumdiscos und Clubs in Bamberg und Erlangen abgegrast. Fündig wurden wir dann z.B. im E-Werk in Erlangen wo wir dann öfter zum Feiern und Tanzen hin sind.

Und dann bist du sofort nach dem Schulabschluss in die große Stadt geflüchtet, nach Berlin. War das dann so schock-mäßig: „Oh Gott, krass, was geht denn hier?“ So next level / andere Welt mäßig?

Nee. Also ich bin dann zum Zivildienst nach Oldenburg und war am Wochenende fast immer in Bremen und Hamburg unterwegs. Da habe ich dann das erste Mal DJs mit Vinyl gesehen und das hat mich so geflasht, dass ich wusste: Das will ich machen. Ich war aber damals noch viel auf Goa- und Trance-Parties und war ständig auf der Suche nach einem anderen Sound.

Dann habe ich gehört, dass in Berlin sehr trockener und minimaler Sound läuft. Da habe ich entschieden: Ab nach Berlin. Tja und Ende der Neunziger in Berlin war ich dann wirklich wie in einer anderen Welt – total krass! Ich habe den Sound der Stadt sofort geliebt, mit den ganzen Clubs und Bars mit elektronischer Musik, Freunden, die DJs waren, der Fuckparade und den ganzen Plattenläden.

Das war das Paradies für viele Jahre, da ich endlich das Gefühl hatte , „den Sound“ gefunden zu haben. Und dann die ersten Fusion-Festivals und die U-site Parties. Und die Piratensender in Mitte – das war einfach eine feine Sache damals.

Nun hast du Alex (Sevensol) und mich vergangenen Sommer in das Dorf deiner Eltern eingeladen, damit wir dort gemeinsam ein bisschen Musik machen können. Du hättest uns ja ebenso nach München (deinem damaligen Wohnort) einladen können, wo du auch dein richtiges Studio hattest. Warum der Weg zurück in die Abgeschiedenheit?

Tja, da geht es einerseits vermutlich um die Wurzeln mit der Familie, die man liebt und die man mit Freunden teilen möchte und zum anderen darum, dass ich während meines Lebens in Berlin die Natur und Lebenseinstellung der Franken sehr zu schätzen gelernt habe. Ich habe die Sehnsucht danach diese Dinge in meiner Musik widerzuspiegeln – zumindest für so ein Projekt wie Studio Bruno.Ich hatte in dieser Woche bei deiner Familie schon sehr das Gefühl, dass ich verstehen kann warum diese ganzen alten Krautrocker inzwischen ein Gehöft oder Haus auf dem Land haben und dort vor sich hin werkeln. Das war schon sehr gemütlich und trotzdem auch produktiv.

Genau – man ist unglaublich entspannt und zugleich sehr produktiv. Ist vermutlich überall auf dem Land so – keine Ahnung – aber in Franken auf jeden Fall. Und wenn man nicht weiter weiß – kurz in eine kleine Brauerei und was Gutes essen und trinken und weiter geht’s. Man wird da ja dann auch nicht durch andere „elektronische Lebensaspekte“ so abgelenkt wie in Berlin.

Wie bewegt sich denn dein Album im Spannungsfeld Stadt – Provinz, Berlin – Steigerwald, Jugend – Erwachsensein?

Also das Album steht für mich im Spannungsfeld zwischen Berlin und München und auch zwischen Stadt und Land – zum Steigerwald hat es keinen direkten Bezug. Für mich war München eine neue Wahrnehmung im Vergleich zu Berlin in dem Sinne, dass ich auf superschönen Clubnächten war und trotzdem am nächsten Tag in der Natur war.

In München zu leben hat für mich bedeutet, genau zwischen Natur und Großstadt zu stehen – einfach weil die Berge so nah sind und du in der Isar schwimmen und surfen kannst. Das war für mich nach so vielen Jahren in Berlin, wo ich das Gefühl hatte mich umgibt nur Stadt und elektronische Musik, ein super Ausgleich und eine neue Inspirationsquelle. Gleichzeitig habe ich auch wieder diese Leere gespürt wenn man neu und fremd in einer Stadt ist und auch die „Leere“ der Natur habe ich wieder verspürt.

Könnte man also sagen das Album dokumentiert für dich ein Kapitel in deinem Leben, nämlich das Kapitel München?

Ja. Zeitdokument und Kapitel aus meinem Leben auf jeden Fall. Zum Verhältnis würde ich sagen: ein halbes Kapitel ist München und die andere Hälfte ist Berlin, aber aus meiner Münchner Sicht auf mein Leben in Berlin. Damit meine ich, dass die andere Hälfte mit Skizzen begann, die ich bereits aus Berlin mitgebracht habe und die ich dann in München mit meinen Erinnerungen an Berlin abgeschlossen habe.

Wobei sich die Berliner Skizzen in München durch den Einfluss dieser Stadt vermutlich noch einmal etwas verändert haben oder bleiben Skizzen bei dir eigentlich unverändert und bekommen nur noch den Feinschliff?

Na ja, in der Ausarbeitung der Details und der Struktur haben sich die Stücke schon noch sehr stark verändert. Aber die Grund-Atmosphäre ist schon die gleiche geblieben.

Jetzt bist du nach dieser München-Episode wieder in Berlin gelandet. Wie ist das denn, jetzt wieder zurück zu kommen? Du bist ja auch weg, weil du ein bisschen Abstand von Berlin wolltest, nicht?

Berlin: Meine Liebe! Was soll ich sagen – ich war müde von der Stadt und wollte Veränderung. Als ich dann weg war, habe ich gemerkt dass ich Berlin und seine Menschen liebe. Glad to be back!

Leipzig ist in unserem Gespräch bisher noch gar nicht aufgetaucht. Nun kommt dein Album aber ausgerechnet weder bei einem Berliner, noch einem Münchner, noch deinem eigenen Label Mutual Musik raus. Kannst du vielleicht kurz umreißen warum?

Leipzig: My second love! Ok, das klingt jetzt verrückt, denn ich kenne eigentlich nur den Hauptbahnhof und Connewitz. Und den Stadtteil, wo das Westwerk steht und den Cospudener See. Aber ich kann wirklich sagen dass ich oft in Leipzig war und immer eine super Zeit hatte – Menschen, Party, Sound usw. Egal ob einfach so oder als Musiker. Na ja und ich liebe die Kann Records-Jungs sowieso. Also das mit dem Release auf einem Leipziger Label passt perfekt.

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Johannes Beck „Beyond Pleasure And Pain“ (Kann Records)

„Johannes Beck ist und bleibt der ‚Obstler’ unter den Kann Künstlern“, so schließt Kann Records sein Statement zum gemeinsam veröffentlichten neuen Album.

Obstler sind ja eher die Opas unter den Spirituosen, fruchtig vergorene Maischen, am Ende schön klar destilliert. Feinkost mit antiquiertem Charme. Wohl kein unpassendes Bild: Johannes Beck stand musikalisch bisher auch mehr für ländliche Ruhe und im Feld aufgenommene Sounds, frei vom Exaltierten und dem großen Exzess.

Seine Verbindung zu Kann Records reicht zurück zur ersten Compilation. Schon dort fiel sein „The Flashlight Hits The Rocker“ als poetisch klingende, irgendwie vom Club losgelöste Form von House aus dem Rahmen. „Beyond Pleasure And Pain“ bleibt dem treu. Feingliedrig und warm und ungekünstelt klingen die neun Stücke dieses zweiten Albums – bereits 2005 brachte Johannes Beck in Eigenregie sein Debüt heraus.

Zwei Seiten zeigt das Album auf: organisch pulsierende, fern jeder Hektik dahin gleitende House-Miniaturen einerseits, von Electronica, Folk und Jazz geprägte Song-Skizzen andererseits. In ihrer Detailfreude und der Unaufgeregtheit werden sie zusammengehalten.

Bei den House-Stücken tritt die dramaturgische Losgelöstheit hervor, wie sie schon bei den ersten „Franconia Sessions“ zu hören war. Peaks und Effekte braucht Johannes Beck nicht – nur einen Pfad neben der Landstraße. Dort streckt er die Arme aus, fängt Sounds und Eindrücke ein. Der schlendernde Gesang nebenher kommt gleich mit aufs Band.

Ein großes Bullerbü – mit all der Romantik, die einem Städter beim Gedanken an Natur und Land zwanglos aufkommt. Es weht eine nicht ungefährliche Beiläufigkeit und Unaufgeregtheit durch „Beyond Pleasure And Pain“. Gefährlich, weil solch ein Album im Rasen, Klicken und Suchen schnell unterzugehen droht. Und das darf eigentlich nicht sein.

Auch bei frohfroh: ein Interview mit Johannes Beck, geführt von Steffen Bennemann.

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Re.You „Don’t Stop“ (Moon Harbour Recordings)

Moon Harbour pflegt die Berlin-Verbindung weiter. Dieses Mal mit einer EP von Re.You.

Kein Unbekannter ist er. Mit Rampa produzierte er einiges, doch auch allein hat er sich in nur vier Jahren eine beachtliche Discografie aufbauen können. Bei Moon Harbour war er erstmals zusammen mit Philip Bader zu hören. Die „Don’t Stop“-EP startet loopig-schlank mit dem gleichnamigen Track. Ein Tool.

Interessanter wird es bei „Stare“ – auch wenn eigentlich nicht viel passiert. Nur klingen die Grooves so klar und fein und reduziert, dass ich doch länger hängen bleibe. Der Insektenschwarm-Break holt „Stare“ dann kurzzeitig auf die Dancefloor-Realität zurück.

Es gibt ein beeindruckend politisches Video zu dem Stück. Molotov-Cocktail, Polizist in voller Montur, verbale Gewalt, Spannung und Entladung zum Schluss – als Soundtrack die Vor-Break-Phase von „Stare“. Verrückt, was für eine Dramatik das Stück durch die Bilder bekommt. Obwohl es dem visuellen Aufschrei zum Schluss nicht gerecht werden kann.

„Nian“ beendet die EP mit einem diffus verschrobenen Sound. Leichter Glitch in sehr aufgeräumten Bahnen. Übrigens auch wieder auf Vinyl.

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Sonntag im Regen

Draußen Regen, drinnen Musikvideos. Drei visuelle und klangliche Sonntagsretter.

Los geht es mit einem Kurzfilm von Elenor Kopka. „Have A Alright Day“ heißt der knapp dreiminütige Durchlauf eines Tages. Vertont von Talski.

Dann ein Teaser auf die nächste EP von O*RS. Der Berliner House-Producer Aaaron wird die bespielen, mit dem Namen „Super Single“.

Nach Hit schreit sie. Das Video dazu haben Nora Heinisch, Florian Seidel und Florian Schneeweiß gedreht.

Und zum Schluss eine inhaltliche Ausnahme in eigener Sache. Jazzanova haben vor wenigen Monaten eine neue Single veröffentlicht.

Das Grafik-Büro hinter frohfroh hat nicht nur das Cover, sondern auch das Video gestaltet. Da kann ich die Dude-Freude nicht verbergen.

Schönen Sonntag.

Vinyl-Geschichten sammeln

Bekanntlich ist Leipzig einer der wenigen Orte, an denen noch Schallplatten hergestellt werden. Das Presswerk R.A.N.D. Muzik plant nun ein Buch über die Vinyl-Kultur in Leipzig. Und ihr könnt mit helfen.

Aber nicht in Form von Crowdfunding. R.A.N.D. Muzik sucht Geschichten. Von Sammlern, Händlern, Labels, DJs, aber auch von Fotografen, Malern oder Bildhauern, die sich mit der Schallplatte in irgendeiner Form beschäftigen. Um Geschichten aus Leipzig und der näheren Umgebung geht es.

„Wir wollen ein Buch heraus bringen in dem alle Vinyl-Begeisterten zu Wort kommen – egal ob Künstler, Historiker oder Sammler“, so Elise Menzel, die das Projekt bei R.A.N.D. Muzik betreut.

Im März 2015 soll das Buch erscheinen. Bis zum 30. November 2014 können Ideen unter buch@randmuzik.de eingereicht werden. Also? An Geschichten zur Schallplatte sollte es nicht mangeln.

Nicht verpassen: das Video zur Vinyl-Herstellung direkt aus dem R.A.N.D.-Werk.
Oder acht weitere bei Thump.

R.A.N.D. Muzik Website

„Ich möchte alles so live wie möglich halten“ – Weber im Interview

„Eins“ heißt das erste Mini-Album, das Philipp Weber in diesen Tagen veröffentlicht. Wie schon bei seinem anderen Projekt Webermichelson lässt er mit echten Instrumenten die Grenze zum Elektronischen verschwimmen. Ein Interview ist das wert.

Philipp Weber ist ja auch Teil der großen Holger Records-Label-Familie. Schlüssig, dass sein Solo-Debüt auch dort erscheint. Mit gespenstischen Cover und einer beeindruckenden Wendung. Wie es dazu kam, erzählt er im frohfroh-Interview.

Was war musikalisch zuerst da – Weber oder Webermichelson?

Na, wenn man so will, ist Weber schon immer da. Aber natürlich würde es Weber in dieser Form nicht geben, hätte es vorher nicht Webermichelson gegeben. Ich hääte wohl auch irgendwann aufgehört, Musik zu machen. Denn als ich vor 10/12 Jahren nach Leipzig zog, fand ich einfach keinen Mitmusikanten. Das war schon sehr frustrierend.

Als ich dann Sven traf, war das toll. Wir begannen zu experimentieren und entwickelten ein musikalisches Konzept, das dann auch Einfluss auf Weber hatte. Jetzt höre ich aber auf, von mir in der dritten Person zu sprechen …

Ich habe schon immer irgendwelche Musik gemacht. Es ging mit klassischer Gitarre los. Dann folgten Nirvana-sound-alike Songs. Später klang ich wie ein einzelner Tocotronic. Punk. Hardcore. Noise. Der typische Weg, den ein Gitarrist meiner Generation wohl gegangen ist.

Elektronische Musik im weitesten Sinne kam dann irgendwann zum Schluss dazu. Ich hatte zwei Auftritte allein mit Konzertgitarre und Drumcomputer in meiner Heimatstadt Döbeln und in Dresden. Danach kam ein musikalisches Loch. Doch schließlich passierte Webermichelson und jetzt gibt es ein Soloalbum. Ab dem Loch verlief eigentlich alles recht „natürlich“.

Spielen Samples eine Rolle für deine Musik, oder nimmst du alles selbst auf?

Tatsächlich hatte ich erst vor kurzem eine Diskussion über Samples. Ich benutze bis jetzt keine. Beziehungsweise habe ich überhaupt kein Interesse an Samples. Wenn man aber so will, dann gehe ich mit meinen eigenen Aufnahmen – ja, ich nehme alles selber auf – so um, als wären es Samples.

Die Arbeit mit Samples würde auch einfach die Arbeit mit Musik bereits in der Entstehung auf den Computer konzentrieren. Und da ich alles so live wie möglich halten möchte, beschränke ich mich eigentlich computermäßig nur auf das nötigste. Und möglichst erst am Ende.

Ich versuche halt alle möglichen Geräusche, die sich erzeugen lassen in einem live nahen Prozess zu einem Song zusammen zu bauen. Ich mag es Momente festzuhalten und irgendwie funktioniert das für mich nicht mit Samples.

Was sind für dich die wichtigsten Instrumente neben der Gitarre.

Also, das wichtigste Instrument ist die Gitarre. Die spiele ich seit fast 30 Jahren und irgendwie lande ich auch immer wieder bei ihr. Die Moogerfooger-Effektreihe wurde in der letzten Zeit recht wichtig, da sie sowohl mit Gitarre als auch mit Synthies spiel- und kombinierbar sind.

Es sind also gar nicht so sehr die „Quelleninstrumente“, die mir wichtig sind, als viel mehr die Effekte durch die ich sie dann schicke. Meine Looper würde ich ebenfalls als wichtig einstufen.

Dramaturgisch bricht das Album ab „Somehowalovesong“ in zwei Teile – anfangs leicht und zugleich wehmütig, später dunkel und zerstörerisch. Der Inspirationsradius scheint sehr groß zu sein, oder?

Jupp. Ich höre erstmal grundsätzlich alles. Aber in allem was ich höre, gibt es sicher eine Gemeinsamkeit, die ein Musikstück für mich interessant macht. Das sind meist rhythmische Strukturen und eine bestimmte Soundästhetik. Schwer zu beschreiben. Persönlicher Geschmack halt.

Aber entsprechend hörte sich dann auch meine Platte an, als sie fertig war. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern hat sich im Prozess so ergeben. Ein Song folgte dem anderen und sie sind eigentlich auch fast genau in der Reihenfolge entstanden, in der sie auf der Platte sind. Irgendwas will ich wohl sagen …Bei Webermichelson gibt es ja neben den offenen Strukturen besonders auf dem Album auch Pop-Ansätze mit Gesang – solo scheint darauf kein so großer Fokus zu liegen oder hat sich das so ergeben?

Die Gesangsparts bei Webermichelson waren so etwas wie kleine „Inseln“, auf denen man sich immer wieder ausruhen konnte. Das Webermichelson-Album wurde in einem Durchlauf live eingespielt und wir wussten, wir müssen von Insel A zu Insel B kommen. Dazwischen gab es dann mehr oder weniger Freiraum für Improvisation.

Meine Soloplatte besteht aus einzelnen Tracks. Keine Übergänge. Und irgendwie ergab es sich nicht. Es fehlte mir nicht. Die Aussagen der einzelnen Songs brauchten keine Worte.

Ich muss auch zugeben, dass ich mich recht schwer mit Texten tue. Ich mag die menschliche Stimme und ich mag es auch zu singen, aber Texte wären eine feste Größe, die zeit- und situationsbezogen ist. Also beim Schreiben macht es Sinn. Aber eine Woche später passt es dann irgendwie nicht mehr und dann mag ich das dann nicht mehr singen.

Ich bin kein Storyteller und warte bis mir mal was schlaues Zeitloses einfällt. Eine kurze Zeile. Wie bei „Somehowalovesong“. Diese Zeile verstehe ich dann als Sample und ich kann das dann singen oder nicht, oder verändern oder in ein anderes Lied packen. Verstehst du? So eine Art Lego-Prinzip, abhängig von der Tagesform.

Hast du solo auch ein Live-Set geplant?

Ja. Aber frag mich nicht, wann ich soweit bin. Allein auf der Bühne war schon immer so eine Sache. Zu zweit ist super, aber allein und dann nur zwei Hände, keinen Computer, keine vorgefertigten Spuren und Playbacks und trotzdem spannend. Mal schauen …

Bei der eigentlich im IfZ geplanten Holger Records-Nacht steht auch was von Käthe, bei dem du wohl mit involviert bist – was hat es damit auf sich?

Käthe sollte zuständig für Raum 2 sein. Die Idee war, dass Webermichelson einen eigenen Raum bespielen kann. Da wir das aber nicht allein machen und auch keinen festen weiteren Musiker beschäftigen wollen, haben wir Käthe „erfunden“.s

Sie steht in verwandtschaftlichem Verhältnis zu Holger und ist ein offenes Kollektiv von Künstlern, das sich für die Partys im IfZ zusammenfindet und von uns sozusagen immer wieder neu zusammen gestellt wird und in der Idee von Holger ein Angebot für einen Raum in einem Club macht.

Leider lässt sich das in der Ausweichlocation Conne Island nicht realisieren. Aber zur nächsten Holger-Nacht im IfZ wird es auch Käthe geben.

Webermichelson Website

Weber „Eins“ (Holger Records)

Diese Platte kann nur gewinnen. Nicht nur, weil sie auf Holger Records herauskommt. Auch, weil sie im Webermichelson-Kontext entstand.

Einiges ist in diesem Jahr bei Webermichelson bereits passiert. Das Debüt-Abum kam kürzlich endlich auch auf Vinyl mit zusätzlichen Reworks von Timoka heraus. Und Philipp Weber, ein Teil von Webermichelson lässt erstmals in seine Solo-Arbeiten hören.

„Eins“ ist ein Mini-Album, deren Song-Folge den Entstehungsprozess wiedergibt, wie Philipp Weber im frohfroh-Interview erzählt. Mit Gitarre, Effekt- und Loopgeräten schafft er ein weit angelegtes Spektrum zwischen Electronica und Avantgarde.

Ein überaus spannender Bruch geht durch das Album: anfangs ein melancholisches und tief versunkenes Mäandern im Sound. Mit „Somehowalovesong“ kippt die Stimmung aber nach und nach. Der schnarrende Folk zerfasert plötzlich, als ob das Stück Philipp Weber aus den Händen gleitet. Ausgerechnet ein Love-Song.

Die zwei darauffolgenden Stücke haben den sanften Weg des Anfangs längst hinter sich. Lässt „Zwei“ noch eine grobe Struktur zu, so löst sich bei „Drei“ gänzlich alles auf. Was für eine Wendung in Richtung Avantgarde-Konzertsaal. Wie ein sich mächtig aufbäumender Höhepunkt mit dem zugleich alles in sich zusammenfällt.

Wunderbar, dass Holger Records sich traut, solch ein Mini-Album zu veröffentlichen. Beim französischen Online-Magazin SeekSickSound gibt es übrigens noch eine Alternate-Version von „Zwei“.

Holger Records
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Pragmat auf CD-Kurs

Jetzt kommt die CD zurück. Zumindest bei Pragmat – eigentlich ein Label für Tape und Vinyl.

Sie ist ja gar nicht weg, die CD. In Deutschland bleibt sie weiterhin der Umsatzbringer der Musikbranche. Kaum zu glauben. Rund eine Milliarde Euro verdienten die Plattenfirmen damit.

Pragmat dürfte da mit den limitierten 40er-Auflagen wahrscheinlich gar nicht berücksichtigt werden. Dennoch greift Markus Masuhr mit seinem Label nach Tape und Vinyl auf dieses Format zurück. Zwei Veröffentlichungen gab es in diesem Jahr.

Im Februar bereits eine große EP von Erich Schall mit mehrfach geschichtetem Dub-Techno. Sehr reduziert und floorentrückt aber, gerade in den Beats. Und sogar einem breakigen Stück – „Moon Jungle“. Markus Masuhr akzentuiert „Shades Of Orange“ dann äußerst charmant in die drückende Form von Dub-Techno. Ein Lichtblick.

Wenige Tage erst ist dagegen die „Poim II Compilation“ draußen. Ein Paket aus zwei CDs in Vinyl-Optik, Sticker, Postkarte und einem Bild. Es ist mit 15 Tracks die bislang größte Werkschau auf Pragmat. Mit einigen Insectorama-Acts und neben Markus Masuhr auch Ren.db aus Leipzig. Irgendwie nähern sich beide Labels musikalisch immer mehr an, habe ich das Gefühl.

Diese Compilation fährt zu viel auf, mir fehlt hier die Konzentration oder die musikalische Breite, die die Fülle erträglicher machen würde – eines von beiden. Spätestens ab dem siebten Stück wird dies überdeutlich. Eigentlich ist bis dorthin alles gesagt.

Besonders die Stücke von stghz.01, Dying und Ren.db heben sich noch einmal gesondert ab. Danach verliere ich den Anschluss. Trotzdem abgefahren mit welchem Aufwand die Pragmat-Veröffentlichungen visuell und musikalisch aufgezogen werden.

Beides ist via Bandcamp zu bestellen.

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Tomika „Good People And Good Night“ (Organik Recordings)

Nun ist es soweit – das Debüt-Album von Tomika ist draußen. Folktronica auf orangefarbenem Vinyl.

Auf den ersten beiden EPs war zwar bereits ein Großteil der Album-Songs zu hören, aber in diesem großen Setting dürfte für Tomika nun alles so aufgehen, wie er es sich vorgestellt hat. Aus Portland, Oregon kommt das Label Organik Recordings, das Tomika für sich entdeckt und eine 100er Vinyl-Auflage realisiert hat.

Irgendwie denke ich beim Hören dieser Songs immer an Sophia und The Postal Service. Tomikas Stimme und Stimmung kommen dem Pathos, der Dramatik und der Melancholie dieser beiden Bands unheimlich nah. Teilweise sogar mit ebensolcher Opulenz.

Wer die EPs kannte, wird auf „Good People And Good Night“ wenig Neues finden. Nur eben jetzt alles gebündelt und einen Hauch offizieller als bisher. Bei Soundcloud gibt es aber noch eine EP mit Outtakes des Albums.

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[kju:bi] „Prospects EP„ (Break The Surface)

Revival und Premiere – das Label Break The Surface ist zurück. Und LXC stellt erstmals für frohfroh eine EP vor. Denn der Break The Surface-Sound hat sich erneut gewandelt.

Ein neuer Stern am Leipziger Drum & Bass-Himmel. Könnte man meinen – aber nicht ganz. Moment mal … wie bitte? Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese digitale EP als Machwerk von Leuten, die ganz genau wissen, was sie da verzapfen.

Denn die Jungs von Kjubi sind lange keine Frischlinge mehr und auch Break The Surface dürfte noch in einigen Hinterköpfen sein. Da war doch noch was – Rewind!

Hinter Kjubi, oder in Lautschrift wie es von den Produzenten lieber gesehen wird, [kju:bi], steckt niemand anderes als das vormalige Querbass-Kollektiv, bestehend aus SH1, Red Husk, Carisma und Oxyt, die auf der Achse zwischen Halle und Leipzig ihr Unwesen als Radiomacher und DJs treiben – und das schon seit weit über zehn Jahren.

Ein Ende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil – jetzt wird nach jahrelangem Tüfteln im Studio ausgepackt, was nicht mehr länger im Verborgenen bleiben darf: Drum & Bass mit Tiefe, Sinn fürs Detail, aber auch ordentlich Arsch in der Hose.

Das Titelstück „Prospects“ macht keine Gefangenen und kommt funktionell und repetetiv ins Rollen. Die Kollaboration mit Wintermute verpasst dem Stück die gewohnte Stromlinienförmigkeit. Wer in der Mitte dann ein kleines feines Bassgewitterchen erwartet hat, wird mit pathetischen Streichern eines Besseren belehrt. Ferrari fahren? Aber bitte mit Sektglas und nicht so wild um die Kurven.Bei „Intentions“ wird mit verspielt versetztem aber punktgenauem Drum Programming experimentiert und – von zurückhaltender Tiefe begleitet – bewusst zwischen die Stühle Kopflastigkeit und Tanzbarkeit produziert. Aktuelle Trends zur lässigen Halbzeit-Snare werden bei „Expectations“ verarbeitet und mit einem Dialog zwischen rückwärts laufenden Gitarren und allerlei knarzigen Bassfetzen garniert.

Hier macht die EP einen Schlenker weg von der Tanzfläche zur Sitzgelegenheit. Da wird doch nicht der Titel mit Erwartungshaltungen spielen wollen? Auch der letzte Track „Changes“ balanciert schön zwischen Chillout und Bassbad. Mitreißend, aber nie aufdringlich.

Möchte man für Objektivität eine Lanze brechen, muss festgestellt werden, dass hier das Rad nicht neu erfunden wurde. Eher drängt sich das Gefühl soliden Handwerks auf, welches hier vier wohlproportionierte Werkzeuge bereitstellt. Die Qualitätslatte wird auf amtliches Niveau gehangen. Das messerscharfe Mastering aus der Hand von Con.struct tut sein Übriges. Punktlandung.

Auf jeden Fall wird die Leipziger Breakbeat-Landschaft mit dieser Veröffentlichung deutlich wahrnehmbar erleuchtet. Eine neue Riege an Produzenten macht auf sich aufmerksam, ein kleines Label lebt wieder auf und man darf gespannt sein, was die Zukunft bringt. Für den Moment gibt es die vier digitalen Stücke auf Bandcamp direkt und ab 30.5. dann auch in allen gängigen Portalen zu kaufen. Wer mehr will und vor allem länger, ist mit dem Podcast zum Release gut beraten.

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Die Woche der Absagen

Das kommt auch nicht jede Woche vor: drei Veranstalter verkünden, dass ihre Partys abgesagt werden müssen. Ein kurzer Überblick über das, was nicht stattfinden wird.

„Wir gönnen uns und euch keine Ruhe – diesen Freitag und Samstag geht es weiter“. So kündigte das Institut fuer Zukunft das Wochenende an. Nun kommt es anders. Die Tipps waren auch schon bei frohfroh drin. Dann plötzlich eine Meldung von Uncanny Valley via Facebook: die Party und die kommenden fallen bis weiteres aus.

Die erste Reaktion des Clubs kündet von einem „richtig stinkenden Wasserrohrbruch auf dem Mainfloor“. Ein süffisanter Tweet von Uncanny Valley ließ jedoch im ersten Moment auch eine andere Deutung zu: „Alle Räder stehen still, wenn der Vater Staat es will.“ Betroffen ist auch der Perc-Auftritt am Samstag.

Es ist nicht die erste Absage in dieser Woche. John Talabot sollte eigentlich am Freitag im Täubchenthal spielen. Wegen „interner Gründe“, hieß es hier. Und schließlich klappt auch die Einladung des Raider Klan durch Modern Trips für nächsten Mittwoch nicht. Wegen nicht ausreichender Genehmigungen der Europa-Tour.

Alternativen gibt es übrigens genügend.