Die sukzessive Verwüstung verantworten – Safi

Uh, Text für den falschen Blog geschrieben? Nö, nur haut Safi mir gerade mit ihrem zweiten Album „Janus“ die Sicherungen raus.

Mit Gitarren und Getöse und Rockschlagzeug und viel Sprödheit. Was ist passiert? Was macht Safi in einem Blog für elektronische Musik? Ich kann es nicht erschöpfend erklären. Aber irgendwie fasziniert mich die Rohheit, das Reduzierte, die Verwüstung und zugleich die Wehmut, sich in einer zerfasernden Gesellschaft selbst Wege ebnen zu müssen.

Die Leipzigerin – nun wohl Wahl-Berlinerin – veröffentlichte vor zwei Monaten ihr zweites Album „Janus“. Und natürlich gibt es darauf auch die klassischen Rockgesten zwischen laut und leise, harmonischem und lärmendem zu hören. Doch die rund 30 Minuten dieses Albums sind eher von einem Ausstieg aus dem Konventionellen geprägt.Deutsche Texte mit poetischer und anklagender Kraft, gesungen von einer spröden und teils heiseren Stimme. Arrangements, die immer wieder auch die Dynamik des Repetitiven suchen und damit eben gar nicht so weit weg sind von elektronischer Musik. Nur mit anderen Mitteln, Effektpedalen, geloopten Gesangsfetzen etwa. Ganz groß hier „Golem“, das sich zu einer spannungsgeladenen Hymne entfaltet. Oder das stille Gegenteil: „Ich will ich“.

Doch es war das Intro „Ausgebrannt“, das plötzlich und unerwartet da war und mich komplett in seinen Bann zog. So ungestüm und brachial, so unberechenbar und befreiend hat mich schon lange kein Rockstück mehr bewegt. Ja, kein Album. Vielleicht auch, weil mir die Referenzen und Zitate zu dieser Musik fehlen – ich kann mich naiv darin fallen lassen.

Safi Website

A Forest „5 Fruits / The Kings Speech“ (Analogsoul)

Eine neue EP von A Forest also. Im Mittelpunkt stehen die beiden wunderbar souligen Songs „5 Fruits“ und „The Kings Speech“. Passend dazu steuern Tilmann Jarmer und Klinke auf Cinch Remixe bei.

Mit nicht mal drei Minuten Länge ist „5 Fruits“ geradezu prädestiniert, in der Radio-Landschaft unterzukommen. Es sei dem Song gegönnt, handelt es sich bei ihm um auf den Punkt produzierten, opulent arrangierten Pop. Die prägnante Stimme von Fabian Schuetze wird hier durch die kanadische Musikerin Valery Gore unterstützt. Tilmann Jarmer entschlackt in seinem Remix das Arrangement ein wenig, bleibt aber nah am Song.

Dank des Interviews mit Nillson.de erfahren wir, dass „The Kings Speech“ zuvor vor allem live zum Einsatz kam. Der Song besitzt eine schöne Dramaturgie, lässt Raum für instrumentale Passagen und ist in der Grundstimmung ein wenig melancholischer als „5 Fruits“. Klinke auf Cinch verdichten den Song in ihrem Remix und lassen zwischendurch charmant die Bass-Drum durchstampfen.

Ein schönes Video zu „5 Fruits“ gibt es ebenfalls:

A Forest Website
Mehr zu A Forest bei frohfroh

Neues aus der Wolke – Thigh Gap Boi

Da hat die Hashtag-Aktion um #ListentoLeipzig bereits einen neuen Kandidaten für unserer „Neues aus der Wolke“-Reihe hervorgebracht. Welcome Thigh Gap Boi.

Ein Jahr liegt der letzte Teil dieser Reihe zurück. Wer es vergessen hat: Mit „Neues aus der Wolke“ wollen wir Artists vorstellen, die noch ohne Label unterwegs sind, dafür aber schon bei Soundcloud spannende Sachen veröffentlichen.

Thigh Gap Boi flashte gleich mit seinen ersten Tönen. Beatmaker-Offenheit plus viele Sidekicks ins Neurotische, Hektische und Elegische. Gerade läuft kaum ein Track durch, überall bricht es, zerfasert und setzt sich neu zusammen. Das klingt dann noch einmal anders als der lässig dahingleitende Sound der OverDubClub-Compilation – obwohl Thigh Gap Boi da wohl auch hinpassen würde.

Viel mag er nicht preisgeben. Mit dem Con Han Hop-Laden in der Eisenbahnstraße hängt er zusammen. Und mit ihm noch ein paar weitere Leute, von denen hier sicher demnächst auch noch zu lesen sein wird. Genregrenzen scheint es dabei nicht zu geben. Auch Techno wird gefeiert und eine Stoner-Rock-Band speist sich aus den Leuten des Ladens. Seine – sehr eigenwillige – Sicht auf die Dinge seines Solo-Projektes erklärt Thigh Gap Boi aber nun selbst.

Woher kommst du – lokal und künstlerisch?

Geboren wurde ich in Laurussia – im ehemaligen Pangeae. Die Leute vom Con Han Hop haben mich in einer Höhle im sächsischen Erzgebirge gefunden und bei sich auftauen lassen. Wie ich dorthin gekommen bin oder was in den 200 Millionen Jahren dazwischen passiert ist, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Diese Amnesie beeinflusst meine Musik wahrscheinlich stark. Der Wechsel war nicht einfach und hat mich schon ziemlich mitgenommen. Manchmal fühle ich mich entfremdet und als sollte ich gar nicht hier sein.

Was flasht dich musikalisch – von bestimmten Sounds oder Artists her?

Als ich das erste Mal zeitgenössische Musik gehört habe, traf mich das wie ein Schlag. Ganz anders als damals bei meiner Familie am Lagerfeuer. Gleichzeitig konnte ich alle Einflüsse von damals immer noch hören. Durch alle Zeitalter hindurch ist der Geist des Lebens in der Musik erhalten geblieben und findet seinen Ausdruck.

Dieses Gefühl der Verbundenheit mit dem Planeten und die Zeitlosigkeit der Kunst, das ist einfach toll. Ganz stark spüre ich das zum Beispiel bei den Werken Thomas G. Hornauers.

Die älteren Tracks waren eher TripHop und Pop-geerdeter als heute – gab es neue Inspirationen?

Naja, meine primitiven Anfänge hingen damit zusammen, dass ich andere Instrumente erst noch erlernen musste. Meine Feinmotorik war nach den Äonen im Eis ganz verkümmert. Inzwischen komme ich mit elektrischem Equipment aber ganz gut zurecht und plane in Zukunft auch mit Nanotechnologie zu arbeiten. Dafür werde ich mich schrumpfen und mich auf die Reise in einen Computerchip begeben. Das birgt Gefahren, aber als Pionier der Musikgeschichte will ich das Risiko auf mich nehmen.

Mit was für Equipment arbeitest du?

Hauptächlich spiele ich mit meinem Thigh Gap.

Was kommt demnächst von dir?

Mein nächstes großes Projekt ist die Zusammenarbeit mit Rappern aus Leipzig und Detroit – eine EP wird folgen. Außerdem spiele ich in einer Stonerband namens Weedshitter. Wir sind beim frisch geschlüpften Leipziger Label Schmutzige Teenager.

Mein Idol Thomas G. Hornauer versuche ich seit Jahren zu kontaktieren und zur Kollaboration zu bewegen, leider kam bis jetzt noch keine Antwort. Ich bleibe aber zuversichtlich. Ehre dem Tod.

Thigh Gap Boi Soundcloud
Thigh Gap Boi Facebook
Alles von Neues aus der Wolke

360° Support

Heute belagert der Legida-Stumpfsinn wieder die Leipziger Straßen. Heute startet aber auch eine viertägige Party-Reihe zur Unterstützung von Flüchtlingen.

Offene Hetze, Brandanschläge, mangelnde Empathie und dümmliche Ressentiments gegen alles Fremde – Dunkeldeutschland ist gerade so dunkel wie schon lange nicht mehr. Und doch ist es ermutigend, wie viel Gegenwind und Engagement sich dagegen stemmt.

Unter anderem nun auch auf dem Dancefloor. Spontan wurden fünf Partys organisiert, deren Erlöse den Flüchtlingen in der HTWK und der Ernst-Grube-Halle zukommen sollen. Von heute bis Donnerstag gibt es je einen Abend im Ilses Erika, Pracht, Institut für Zukunft, Eden und dem Westwerk.

Auftreten werden: Antr, Charlotte, Enrico Meyer, Esclé, Faq, Lovekosi, Martha Van Straaten, Neele, Oh Walter, Polo, Remark, Schnell & Sebastian, Shape, Skor72, The Arabian Teddy, True Kunze Rahel Hutter, Johannes Cotta und Felix Franzke. Weitere Infos auch auf der Facebook-Veranstaltungsseite.

In diesem Sinne: Refugees Welcome!

Urban Force „The Outer Space Connections“ (Ornaments)

Nach seinem Album „Genesis“ im Dezember und seinem Beitrag zur Softeis-Compilation gibt es nun eine neue EP von Daniel Stefanik. Genauer gesagt handelt es sich um das Nebenprojekt Urban Force, das er zusammen mit Chet betreibt. Ich bin ganz erstaunt, wie schön die beiden eine kleine Weltraum-Oper über vier Tracks hinweg inszenieren.

Zwischen Dub-Techno und Ambient bewegt sich „The Outer Space Connections“. Mit viel Liebe zum Sound träumen sich die beiden in den Weltall, behalten aber auch einen Fuß auf der Tanzfläche.

Letzteres zeigt gleich zu Beginn „Metal Sunrise“: Wie ein Countdown baut sich der Track über sieben Minuten hypnotisch auf, bis die Chords in sich zusammenfallen und in der Stratosphäre verglühen. Beginnend mit einem trockenen Beat steuert der Track entschlossen auf die Synth-Spielereien am Ende zu.

Dagegen knarzt und knirscht „Rippling Waves“ auf einer pulsierenden Bass-Drum vor sich hin, als würde man versuchen, die Echos Lichtjahre entfernter Signale zu entschlüsseln. Eine irgendwie charmant-entrückte Tiefe hat das Ganze. Vielleicht, weil die sonst so prominenten Elemente wie die Hi-Hat nur im Hintergrund ab und an durchschimmern.

Deutlichere Dub-Anleihen stehen bei „Time Regression Study“ im Mittelpunkt. Nach einem langen, schwerelosen Intro setzt unvermittelt der Beat ein, als hätte jemand den Antrieb aktiviert. Gemächlich, aber auch zielstrebig befördert der Track uns durch die Galaxie.

Als würde man mit einem Jetpack durch die Schwerelosigkeit gleiten – nicht zuletzt das Rauschen in „Interruptions“ vermittelt mir diese Bild. Ganz behutsam schaffen Urban Force es, hier Raum und Zeit vergessen zu lassen. Wunderschön, für mich das Highlight der EP.

Daniel Stefanik Website
Ornaments Website
Mehr zu Daniel Stefanik bei frohfroh

Sven Tasnadi „All In“ + Remixes (Moon Harbour Recordings)

Es ist hier untergegangen – das zweite Album von Sven Tasnadi. Mit den Remixen lässt es sich aber noch einmal hervorholen.

Ende Mai kam „All In“ bei Moon Harbour heraus. Während Sven Tasnadis Debüt „Slow“ mit experimentelleren Stücken eine völlig neue Seite des Vielproducers offenbarte, knüpft „All In“ an den Sound der vergangenen EPs und seiner DJ-Sets an. In all den diversen Nuancen, die die House- und Tech House-Gegenwart bestimmt. Mit dubbigen und sehr deepen, dann wieder ironischen und pumpenden Phasen. Die verschiedenen Stimmungen des Dancefloors waren hier eindeutig die Referenz für „All In“.

Wie so oft bei Sven Tasnadi klingen die Tracks fein ausjustiert. Aber so richtig will sich nichts festsetzen. Konsolidierter und satter House, der sich selbst genügt und verwirrende Überraschungen meidet. Andererseits kann „All In“ aber auch als ein weiteres Manifest gegen den schlimmer werdenden Pop-House-Overkill gesehen werden. Das Album hält sich unbeirrt davon fern und hangelt sich an den klassischen House-Strängen entlang – nur „Eighteen“ verirrt sich leicht in diese Richtung. Aber das reicht insgesamt leider nicht für einen eigenen Klassiker.


Vor kurzem kamen dann die Remixe zum Album. Um es abzukürzen: Langeweile mit Nick Curly, Kaiserdisco und Cristian Viviano. Aufhorchen bei Simon Baker und Map.ache.

Der Brite Baker scheint sich mit dem BKR Project gerade der Oldschool zu widmen, was „Rest“ zu einem roughen Acid-Schliff verhilft. Und zugleich einen guten Ausbruch aus der Tech House-Stromlinienförmigkeit von Curly & Co mit sich bringt.

Map.ache fällt da mit seinem spielerischen Ansatz ebenfalls aus dem Rahmen. Doppelt, denn er pusht das ursprünglich still dahin schwingende Dub-Stück „Until The End“ zu einer eigenständigen Hymne mit Acid-Ausklang.

Sven Tasnadi Facebook
Moon Harbour Website
Mehr zu Sven Tasnadi bei frohfroh
Mehr zu Moon Harbour bei frohfroh

Überfällig

Die Anmerkung „Überfällig“ häuft sich gerade in der kleinen frohfroh-Redaktionsliste – hier der Versuch, ein paar Releases der letzten Wochen nachträglich vorzustellen.

Es ist nicht vollständig. Ein paar Nachzügler kommen noch auf andere Weise mit rein. Zum Anfang gleich viel Pathos mit Micronaut. Er hat nämlich auf der dritten Zwischenwelten-Platte – Anlass ist übrigens das 9-jährige Bestehen der Crew – ein neues Stück hinterlassen, das sein Wechselspiel zwischen brüchigem Pop und eigensinniger Dancefloor-Electronica um eine weitere Geschichte ergänzt. Wieder durchaus barock und weich gefederten Beats.

Label-Kopf Chris Manura folgt nicht weniger emotional – sein „Television“ holpert anfangs sehr charmant umher, bevor sich langsam ein angenehm entschlacktes und weiterhin breakiges House-Stück herausschält. Wobei, hinten raus wird es dann doch ganz schön voll und fanfarenhaft.

Bei Mathias Ache & muLe bleibe ich das erste Mal überhaupt länger hängen. Obwohl das Rave-Break sich so berechenbar hochschaukelt und da auch eine dieser kitschige Gitarren mitschwingt. Doch die – ja, teilweise sogar trance-artigen – Synth-Schleifen, die sich durch „Avoi“ durchziehen, kriegen mich irgendwie. Der massive, bassüberladene Preacher-House-Aufguss von Mac-Kee dagegen ist mir zu konstruiert oldschool.

Damit rüber zu Rose Records. Nach der M.ono & Luvless-EP folgte vor kurzem die 10″ „Running From Whatever“ des Niederländers Junktion. Das ist – soweit ich gerade im Bilde bin – die erste EP von jemanden, der nicht direkt zum Inner-Circle des Labels gehört.

Sie fügt sich mit ihrer umarmenden House-Glückseligkeit aber nahtlos ein in den Rose Records-Sound. Piano-Tänzeln, Cosmic-Ausflüge, alles dabei bei „Pale Blue Dot“. Der Titel-Track ist mir dann aber zu schunkelig. Zu viel Happiness auf einmal.

Im Juli kam auch eine neue Kann Records-Platte heraus – eigentlich sogar eine sehr besondere. Nämlich das Debüt von Polo, der bisher durch seine sich unglaublich emotional entfaltenden und hypnotischen DJ-Sets für einige tolle Momente auf dem Dancefloor sorgte.

Die vier ersten eigenen Tracks auf der „Route“-EP greifen dieses Ausdehnen der Stimmungen auch auf. Sehr smooth und schwerelos, aber bei „Robin’s Friend“ auch schon in Richtung Techno. Höhepunkte sind „Route De Nice“ und „To Loosen“ – der Rauheit und rotzigen Einfachheit wegen, klar.

Da ist sie wieder, die Wehmut, das interstellare Fernweh. Ein schönes und unaufgeregtes Debüt.

Rohdiamanten auch bei Ortloff. Das Duo QY erweitert ja mit jeder neuen EP sein Soundspektrum. Auf dieser neuen EP prallen drei Welten aufeinander: Lässig-straighter Acid-House bei „Quatro“, ultra entschleunigter Deep-House mit „Zord“ und zum Schluss eine umwerfend umher flirrende Break-Hymne namens „Skynet“.

Definitiv meine Lieblingsplatte in dieser überfälligen Liste hier. Da braucht es gar nicht viel mehr Worte.

Zwischenwelten Website
Rose Records Facebook
Kann Records Website
Ortloff Facebook
Mehr zu Zwischenwelten bei frohfroh
Mehr zu Rose Records bei frohfroh
Mehr zu Kann Records bei frohfroh
Mehr zu Ortloff bei frohfroh

A Beef Story

Oh, da ist einiges schief gelaufen am vergangenen Wochenende bei einer Party in der Alten Damenhandschuhfabrik.

Richtig beschissene Erfahrungen gibt es ja selten zu lesen auf den Facebook-Profilen von DJs und Artists. Alfred Heinrichs und Bebetta haben ihren Unmut über geprellte Gagen und gewaltandrohende Security-Leute aber nicht verbergen wollen.„Lass uns Freunde sein“, hieß die Party, deren Line-up uns nicht so überzeugt hat, um sie in die Tipps reinzunehmen. Nichtsdestotrotz sickerten aus den Kommentaren unter den Postings der beiden einige ungute Details heraus, die sofort einen der mittlerweile typischen Shitstorms nach sich zogen.

Was ist passiert: Ein Worst Case-Klassiker für jeden DJ. DJs werden eingeladen, reisen an, werden aber nicht bezahlt und auf eigene Kosten in Hallenser Hotels einquartiert sowie zum Schluss auch noch von der Security bedrängt. Die Informationen waren jedoch nicht immer sehr eindeutig. Fremdveranstaltung und Eigenveranstaltung war eine der großen Fragen?

Michael Mahne, Betreiber der Alten Damenhandschuhfabrik betont auf unsere Anfrage hin, dass er „den Club am letzten Wochenende komplett an einen Fremdveranstalter vermietet und nichts mit der Party zu tun hat.“ Generell hätte er sich selbst aus dem Veranstaltergeschäft zurückgezogen und würde die Location nur noch vermieten. Der Vorwurf gegen den Laden an sich scheint sich hier also aufzulösen – auch wenn das Qualitätsmanagement bei der Auswahl der Fremdveranstalter auch verbesserungswürdig ist.

Und die Fremdveranstalterin? Sie ist untergetaucht, Kaffee trinken, reingehauen. Was bleibt: eine miese, wenn auch kurzweilige Beef Story aus dem Leipziger Nachtleben.

NACHTRAG 1: Und noch ein Interview mit Alfred Heinrichs.

NACHTRAG 2: Mittlerweile hat sich auch die Veranstalterin bei uns gemeldet und darum gebeten, ihre Sicht auf den Abend äußern zu können.

„Ich hatte niemals die Absicht irgendjemandem Schaden zuzufügen. Es lag auch nicht in meinem Interesse jemanden sein Geld nicht auszuzahlen. Was der Unwahrheit entspricht ist, dass niemand angeblich an dem Abend Geld bekommen hat. Es wurden DJs bezahlt. Ich habe mich auch nie mit irgendwelchem Geld aus dem Staub gemacht oder war Kaffee trinken, so wie dargestellt. Ich habe lediglich den Versuch unternommen noch irgendwo Geld aufzutreiben.

Zu erwähnen wäre auch das zwei Veranstaltungstechnikfirmen geschädigt wurden. Sie hatten mit der Veranstaltung nichts zutun und müssen jetzt darunter leiden. Ihnen wurden zwei Allen & Heath xone:2 entwendet. Gäste hatten zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit diese zu stehlen, da diese von der Größe her viel zu groß sind, um sie ungesehen vom Gelände zu tragen.

Ich möchte niemanden irgendwas unterstellen – an dem Abend hatten aber nur DJs die Möglichkeit diese zu entwenden. Auch möchte ich nicht das die Alte Damenhandschuhfabrik, insbesondere Michael Mahne, weiterhin mit als Beschuldigte dastehen. Zu dem Verhalten der Security, so wie dargestellt, kann ich nichts sagen, da ich zu keiner Zeit mitbekommen habe, dass sie irgendwem Gewalt angedroht haben.

Ich kann nur nochmals betonen, dass ich niemanden schaden wollte. Jeder soll für seine Arbeit belohnt werden und ich bemühe mich, dass jeder zu seinem Geld kommt. Ich habe lediglich versucht, etwas Abwechslung ins Leipziger Nachtleben zu bringen. An diesem Versuch bin ich gescheitert, dessen bin ich mir durchaus bewusst. Ich habe daraus gelernt und werde in Zukunft keinen neuen Versuch unternehmen.“

Mehr Atonal, bitte

Gestern mein erster Besuch beim Berlin Atonal-Festival – nun frage ich mich, warum so etwas nicht auch in Leipzig geht.

Was für eine Kathedrale – das Kraftwerk in der Berliner Köpenicker Straße beherbergt eigentlich die Clubs Tresor und Ohm. Doch das Herzstück des Berlin Atonal ist eine riesige karge Halle, die über fünf Tage hinweg mit mächtigen Soundwänden bespielt wird. Dissonant, verstörend, faszinierend – im Hintergrund der Bühne eine vertikal in die Höhe ragende Leinwand für Visuals. Das Zusammenspiel aus dystopischer Kulisse und experimenteller Musik scheint hier in Vollendung aufzugehen.

Noch beeindruckender aber: Es sind super viele Menschen anwesend und hören gebannt zu, wie Lustmord in elegischem Ambient abtaucht und Ben Frost das große Finale spielt. Manche liegen auf dem Betonboden mit geschlossenen Augen. Obwohl das Programm in der Halle alles andere als eingängig ist. Es gibt es, das Publikum für Experimente. In Berlin natürlich der Stadtgröße und der touristischen Anziehungskraft wegen eher als in kleineren Städten.Und trotzdem muss so etwas doch auch in der Peripherie möglich sein. In Leipzig etwa. Leicht ist es nicht, wie es in den Interviews mit Fabian Russ und dem Institut für Zukunft angesprochen wurde.

Kaum jemand nimmt das Geld in die Hand, zapft die Fördertöpfe an. Und natürlich ist das Risiko nur wenige Besucher anzuziehen schwer kalkulierbar. Einerseits ließe sich fragen, warum beispielsweise das Gewandhaus sein Audio Invasion-Format nicht stärker dafür nutzt oder gleich ein neues Format etabliert. Andererseits stellt sich auch die Frage, ob dem Leipziger Publikum die Neugier und Offenheit für experimentelle Musik fehlt.

Es geht hier weder um Publikums- oder Veranstalter-Bashing. Allerdings hat die Berlin Atonal-Erfahrung gezeigt, dass es nicht allein am mangelnden Interesse für sperrige und herausfordernde Musik liegen kann. Und insofern ist es nur ein naiver Wunsch, so etwas künftig auch hier regelmäßig zu haben.

Fotos: Camille Blake

Zwei neue EPs von Alphacut: „Fundamentals“ und „Late Boomers“

Alphacut setzt nach seinem etwas in die Länge gezogenen Jubiläum also die reguläre 12″-Reihe fort. Zwei EPS sind nun in kurzer Zeit erschienen, deren Fokus natürlich weiterhin auf Drum & Bass für Fortgeschrittene liegt.Die „Fundamentals“-EP beginnt mit dem leichtfüßigen Track „Foundation 11“ von Theory, der bereits digital auf dem mittlerweile beerdigten Label Syncopathic-Recordings herauskam. Eine wahnsinnig tanzbare, aber entspannte Jungle-Nummer, die genauso gut zum Schwester-Label 45Seven passen könnte. Kein Wunder, dass das Stück nochmal für ein Vinyl-Release ausgewählt wurde. Danach zieht Kodamas atmosphärisches „Ritualz“ die Spannungskurve stetig an und zeigt, dass der Amen-Break zum Glück nicht tot zu kriegen ist.

Auf der zweiten Seite wird es mit „Reload, Replay“ von Hidden Element für Alphacut-Verhältnisse ungewöhnlich versöhnlich, sogar einige Jazz-artige Samples glaube ich zu hören. Nun ja, die gechoppten Drums verhindern, dass die Harmonien in den Vordergrund treten. Abstract Elements beschließen die EP dann mit der rohen Dancefloor-Bombe „Mindcrusher“. Hier dürften auch Breakcore-Freunde ihre helle Freude an verzerrten Beats haben.

Eine messerscharfe Snare zerschneidet bei „Run It Rudie“ von Fade die Luft. Theory will der Autorität mit sparsamen Dub-Anleihen in „F The Police“ ans Leder. Alphacut-Debütant Ill_K beschleunigt und bremst seine Breaks in „Posuere“ und drückt in der Mitte ein paar Tasten am Klavier. Zum Schluss stellt Act One in „Masonry“ markante Bass-Sounds in den Mittelpunkt und umrahmt diese mit dramatischen Samples.

Im Vergleich zur „Fundamentals“-EP ist die zweite EP „Late Boomers“ eine ganze Ecke trockener. Alle vier Tracks setzen nur sehr verhalten Samples ein und warten mit bestechendem Drum-Work auf. Das ist weniger abwechslungsreich, knüpft dafür aber nahtlos am Sound des Labels an. Und natürlich werden die vier Tracks ihre Wirkung auf einem Soundsystem besser entfalten als beim Durchhören daheim.

Auf der Website von Alphacut könnt ihr die Tracks übrigens in voller Länge vorhören.

Alphacut Records Website
Mehr zu Alphacut Records bei frohfroh

Electric Weekender – Win Win

Am kommenden Wochenende wird langsam das Ende der Sommerpause eingeläutet – der Electric Weekender steht an. Wir haben Infos und Karten.

Von Tradition muss ja gar nicht mehr gesprochen werden – der Electric Weekender hat so tiefe Wurzeln im Clubbing-Jahreskalender geschlagen, dass er zu einer der schönsten Selbstverständlichkeit dieser Stadt herangewachsen ist.

Und irgendwie hat sich der 3-Tages-Marathon mit jedem Jahr etwas mehr Eigensinn angeeignet – es zählen nicht die renommierten Standard-Acts, es zählt der Fokus auf die pulsierenden, der Patina des Analogen zugewandten Nebenschauplätze.

In diesem Jahr sind das neben vielen vielen anderen Shanti Celeste, Miles Whittaker von Demdike Stare, Hunee und Palm Trax. Dazu der Beatless-Floor draußen und Dahmar mit einem Live-Set am Sonntag. Das komplette Line-up gibt es hier.

Wir haben 2 x 2 Karten für das ganze Wochenende. Also du plus Begleitung. Bitte schick uns bis Donnerstag (20.8.2015), 18 Uhr eine Mail an dance(at)frohfroh.de und schreibt rein, was ihr wollt. Es wird ausgelost.

Neuigkeiten bei Modern Trips: Avbvrn, Glokkhom und Swisher Sweets

Es ist gar nicht so einfach, die Aktivitäten rund um Modern Trips zu verfolgen. Nicht nur, dass sich das Klamotten- und Mixtape-Label an kryptischen Facebook-Einträgen erfreut, auch die Flyer-Ästhetik zu den eigenen Veranstaltungen spielt gern mit überbordernder Fülle. Ob es sich bei Left 110 und Trade Policy um Sublabels oder eher um eigenständige Projekte handelt, bleibt für mich auch unklar. Aber vielleicht ist das auch gar nicht wichtig.

Ganz frisch sind die beiden EPs „Achromatic“ und „Shoot Them Thangz 2015“ auf Left 110 erschienen. Der Frankfurter Produzent Avbvrn aus Frankfurt hat dabei aktuelle Hip Hop-Ableger wie Trap förmlich aufgesaugt und verpasst diesem eine düstere Grundstimmung. Natürlich rattern die Beats hier ebenso militant wie bei den Vorbildern aus den USA. Passend auch der Einsatz diverser Rap-Samples, die in den meisten Tracks eher im Hintergrund verbleiben.

Das ist gut umgesetzt, allerdings fehlt ein wenig die Abwechslung, wenn man die zwei EPs am Stück hört. Sicherlich geht es dabei eher darum, Beats zeitnah rauszuhauen, aber ich glaube, da könnte noch mehr passieren.

Ein doch sehr anderer, wenn auch ebenfalls düsterer Sound dafür auf Trade Policy: Industrial-beeinflusste Beats von Glokkohm erwarten uns auf dem fünfzig Minuten langen „Sweet Candy“. Dass der Titel des Tapes etwas irreführend ist, kann man schon in den ersten Sekunden des Snippets hören. Vielleicht ist es aber auch doppeldeutig gemeint, attackiert der verzerrte Sound unsere Ohren genauso aggressiv wie Zucker unsere Zähne.

Jedenfalls ist das die richtige Medizin für alle, denen lokale Releases in letzter Zeit zu harmonisch waren. Dabei ist das Tape abwechslunsgreich genug, dass es am Stück durchgehört werden kann. Das ist ja bei Noise und davon inspirierter Musik sonst nicht zwingend der Fall. Erst zum Ende testet Glokkhom mit dem höhnisch betitelten „Is It Enough“ nochmal unsere Belastbarkeit.

Aber es kann im Universum von Modern Trips auch deutlich entspannter zugehen: Für die kleine Mix-Serie „Swisher Sweets Display Unboxing Selection“ unternehmen Perm, OneTake und T.I.N. eine Reise in die Welt des Dub.

Avbvrn Facebook
Glokkhom Facebook
Modern Trips Website
Left 110 Website
Trade Policy Facebook
Mehr zu Modern Trips bei frohfroh