Lootbeg versus Dwntmpo

Eine neue EP, ein neuer Compilation-Beitrag. Aktuell sind die beiden Seiten hinter dem A Friend In Need-Label-Betreiber deutlich zu hören.

Lootbeg ist durch eine Reihe von EPs – beispielsweise bei Esoulate – und seinem kürzlich gegründeten Label afin zunehmend ein Begriff für die Leipziger House-Szene geworden. Noch etwas unbekannter dagegen sein langsames, dunkles Alter Ego Dwntmpo.

Von beiden gibt es neue Stücke. Analog pumpender House bei Lootbeg, tiefenentspannter und monochrom klingender Dub-Techno bei Dwntmpo. Doch egal auf welcher Seite der echte Sascha steht: die Tiefe und Ausgewogenheit der Sounds ist hier und da gleichermaßen anziehend.

Gerade bei „Gauge“ bringt die Reduktion und Langsamkeit ein gelungene Frische in den sonst müde gewordenen Dub-Techno. Wieder ist das Stück auf einer Compilation von W-EE Records erschienen.

Bei Lootbeg ist dagegen alles auf classic eingestellt. US-inspiriert mit viel Verve und anskizziertem Soul. Aber wieder ohne Anbiederei.

Die Italiener Di Chiara Brother’s und Lootbeg-Buddy Dsant remixen beide Tracks der EP – veröffentlicht vom tunesischen Label Underground Source Records. Erstere mit mächtig drückender Bassdrum, Letzterer mit aufgedreht tänzelnden und angeschrägten Sounds. Irgendwie stimmig alles.

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Pwndtiac „Hey Girl“ (We Love This)

Ja, der Sommer braucht Hits. Leicht und soft, eingängig und zeitlos. Pwndtiac hat zwei solcher Hits parat.

Wirklich eilig hatte es Pwndtiac nicht mit seinem Nachfolger zur „Horsepower“-EP. Und selbst die Ankündigung dieser EP hier auf We Love This liegt schon beinahe ein Jahr zurück. Dafür hatten „Hey Girl“ und „Ready“ scheinbar genug Zeit, um zu reifen. Nicht unwichtig.

Wobei der Disco- und Pop-Appeal von Pwndtiac vom ersten Track an enorm ausgereift klang. Tight produziert, selbstbewusst eingängig und mit optischen und klanglichen Zitaten kokettierend. Die beiden neuen Stücke wissen um Pop und Club gleichermaßen gut.

Die eingewobenen Vocal-Samples – richtig alte sogar – bleiben angeteast, die Arrangements spielen aber mit schnellen Wendungen. Ruhiger und beseelter klingt Pwndtiac mit dieser neuen EP. Weniger Alarm, weniger Effekt, auch weniger Kanten als bei „Horsepower“. Dafür sind die Stücke super fokusiert und auch technisch noch einmal versierter.

Aber: Saxofon bei „Hey Girl“. Ein kurzer Klangkarussell-Schauder. Doch: war ich beim Debüt weitaus reservierter, habe ich mittlerweile einen aufrichtig gut gelaunten Pwndtiac-Zugang gefunden. Zwei Remixe gibt es noch, von dem Douze den richtigen Vibe finden.

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Leibniz „Shtum 004“ (Shtum)

Es ist schon erstaunlich wie schnell sich Leibniz als unverzichtbar entpuppt hat. Dabei kam letzte Woche erst seine dritte EP heraus.

Es liegt natürlich auch an den Live-Sets und den unzähligen DJ-Sets, die mittlerweile im Netz kursieren. Überall tritt jene Freude am Übersteuerten, Abwegigen und doch völlig Mitreißenden hervor, die derzeit nicht nur von Leibniz gehegt wird.

Auf dem Uncanny Valley-Sublabel Shtum gibt es nun vier neue Tracks, wieder voller Beiläufigkeit. Und wieder mit einer erfrischenden Imperfektion in den Sounds. Irgendwie tragen Leibniz-Tracks immer auch eine unbedarfte, naive Ebene in sich. Herrlich simpel, ohne geschliffene Kanten. Egal welche Stimmungslage Leibniz gerade vertont.

Ob den überschwänglichen Piano-Hedonismus wie bei „YouAndMe“, die stoiische und irgendwie auch neurotische Rastlosigkeit bei „Feli“ und „Stumm“ oder den bassüberfluteten Ambient-Moment von „PukPukPuk“. Es hat etwas von einer Suche nach dem Ursprünglichen, Nicht-Überzeichneten, Freien. Nicht der Dissonanz oder der Avantgarde wegen.

Eher so, als würde man als Kind elektronische Musik für sich entdecken und alles ausprobieren. Mit all der Neugier und dem Ausblenden der Konventionen. Das heißt nicht, dass Leibniz hier Kinder-House produziert. Nur schafft er es mit seinen Tracks, jene Unbefangenheit schillern zu lassen.

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Matthias Tanzmann „Reframed“ (Moon Harbour Recordings)

Eine neue EP von Matthias Tanzmann – mit einem überragenden Remix und einem noch überragenderen B-Seiten-Track.

Ein dreiviertel Jahr liegt die letzte Matthias Tanzmann-EP zurück. Überraschend damals, weil so lange keine erschienen war. „Reframed“ erscheint demnach relativ kurz dahinter. Was mir bei den vier Tracks hier besonders auffällt: wie schmal der Grat bei der musikalischen Reduktion zwischen zu wenig und genau richtig verläuft.

Während sich das Original des Titelstücks wenig inspiriert entfaltet, schaffen es Rampa & Re.You als RAR mit ebenso wenigen präzisen Sounds eine unglaubliche Spannung zu erzeugen. Die Rhythmik leicht angejazzt, klanglich runtergestrippt und direkt. Tech House-Geradlinigkeit ohne Tech House-Langeweile.

Doch auch Matthias Tanzmann selbst ist auf der EP einen Schritt neben den Dancefloor getreten. Sein „Soul Mate“ ist ein brüchiges, herrlich schwelgendes und in sich ruhendes House-Stück. Fern aller Deliveries und Rave-Zwänge. Beinahe könnte man annehmen, es sei hier fälschlicherweise ein Lowtec-Track auf die EP gelangt. Mein Favorit in gesamten Matthias Tanzmann-Diskografie schlechthin. Nebenbei ist die „Reframed“-EP die 70. EP im Moon Harbour-Katalog.

In diesem Sommer ist er auch auf erster großer Festival-Tour mit Better Lost Than Stupid. Das gemeinsame Projekt mit Martin Buttrich und Davide Squillace entstand 2010 spontan beim Electric Zoo in New York und ist eine Back-to-back-to-back-Session.

Seit zwei Jahren arbeiten die drei auch an einem Album, das im Winter fertig werden soll. Der Blick auf die Tourstationen verrät, dass das Better Lost Than Stupid-Soundsystem durchaus für größere Bühnen gedacht ist.

06.07.Neuss, Kiesgrube
13.07.Novi Sad, Exit
26.07.Amsterdam, Welcome To The Future
27.07.Boom, Tomorrowland
02.08.Ibiza, DC10
19.08.Pag Island, Sonus
23.08.London, SW4
24.08.Liverpool, Creamfields
31.10.Turin, Movement Festival

 

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M.ono „Liked To Be Loved“ (Nite Grooves)

Oh, M.ono nun mit einer EP beim New Yorker House-Label Nite Grooves.

Und damit in einem Katalog mit Kerri Chandler, Ananda Project und unzähligen anderen House-Größen der vergangenen Jahre. Mit der Umstellung auf einen rein digitalen Vertrieb scheint dort die Release-Dichte wieder an Schwung gewonnen zu haben. Wobei der Label-Katalog auch schon vorher enorm war.

Die zwei Stücke der EP lassen nichts anbrennen. Also noch weniger, als sonst schon bei M.ono. Gerade „Liked To Be Loved“ wagt sich an ein unglaubliches Hymnen-Level. Alles bejahende Streicherwellen hinter antiquierten Disco-Bassdrums.

„Deep1704“ kontert gegen diesen Affirmationsschwall mit einer angenehmen Zurückgenommenheit. Warm, aufgeräumt und ohne überpräsente Vocals. Der stille Hit. Die Italiener Deepshakerz shufflen das Titelstück noch einmal mit leicht abgefederter und perkussiverer Note.

Ein gelungener New York-Trip. Nur: was für ein schrecklich hässliches Cover. Es gibt auch einen neuen Mix von M.ono.

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Zweimal Remixe-Freude

Was für ein Zufall – oder nicht? Zwei Analogsoul-Bands veröffentlichen parallel die Remixe zu ihren aktuellen Alben.

Es ist ja ein großes Miteinander in der Analogsoul-Bande. Freundschaften statt Lizenzen, Handgemachtes statt Produkte. Ein Label-Bullerbü. Das wird an den beiden Remix-Platten zu den Alben von Wooden Peak und Klinke Auf Cinch einmal mehr deutlich. Es gibt eine Menge Geschichten hinter der Remixer-Auswahl zu erzählen. Alte Bekanntschaften, Tour-Freundlichkeiten, Szene-Überschneidungen zwischen Leipzig, Rostock, Berlin und Jena. Der Höhepunkt: Wooden Peak und Klinke Auf Cinch remixen sich gegenseitig.

Auch wenn ich „Polar“, dem Original von Wooden Peak, bisher nicht viel Beachtung geschenkt habe, scheint mir der Ausgangspunkt spannender. Die Brüche und Neujustierungen der Remixe fallen tiefgreifender aus. Natürlich auch, weil die stilistischen Switches größer ausfallen. Elektronisch pointierter Folk hier, plötzlich House und Electronica dort. Noch dazu haben Wooden Peak alles offen gelassen. So entstanden nicht nur klassische Remixe, sondern auch Cover-Versionen mit neuem Gesang. Ein Angebot, das einige auch angenommen haben.

Aus dem Elektronik-Blickwinkel bleiben mir Micronaut – nebenbei auch Studio-Nachbar von Wooden Peak –, Touchy Mob, Robert Helms und Shishigami am stärksten hängen. Micronaut mit seiner breakigen Opulenz, Touchy Mob mit einer neunminütigem Slow-House-Caribou-Hommage, Robert Helms mit dem neuen feingliedrigen Elektronik-Fundament und Shishigami in seinem alles umspannenden und umarmenden Ambient-Kitsch. Gut revisted. Und komplett frei zum Herunterladen.

Die Remixe zu „Highs & Hills“ sind stilistisch fokussierter, größtenteils dem Dancefloor verbunden. Marbert Rocel bringen dezent Melancholie in „Highs & Hills“ rein, Pentatones mehr Dunkelheit. Meine Hits platzieren aber Tilmann Jarmer, Boytalk und Freund der Familie auf dem Vinyl.

Einerseits mit herrlich selbstbewussten, klar gezogenen House, andererseits bassgeladener und breakiger Dub-Techno. Dazu dann der schnörkellose, fast unverschämt klassisch drückende Deep House von Boytalk. Tolle Gegensätze, die in diesem Rahmen aber doch zusammenpassen. Micronaut ist auch hier wieder mit dabei. Mit seiner mellow Seite. Wohlig angedoomt lässt er die EP ausfaden – zumindest das Vinyl.

Digital gibt es noch zwei weitere Tracks. Und Wooden Peak und Klinke Auf Cinch? Durchdringen sich gegenseitig mit ihrem jeweils originären Sound. Als sei es das Selbstverständlichste der Welt. In Kooperation mit dem Erfurter Label Poch Poch Records erscheint die EP übrigens.

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Klinke Auf Cinch Website
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Neonlight „Sidus EP“ (Blackout Music)

Der wohl energiegeladenste Leipziger Export in Sachen Neurofunk-Drum & Bass und Techstep-Rave hat wieder einen dicken Fang gemacht – diesmal haben Neonlight die Niederländer von Blackout an der Angel.

Und sie haben das Label gleich mal zu sowohl Doppel-Vinyl als auch Digitalveröffentlichung mit Bonus überredet. Das mit der Platte scheint allerdings nicht so wichtig zu sein, habe ich doch eine gutes Weilchen Recherche gebraucht, um rauszufinden, ob es die nun wirklich geben wird, bzw. sie im Moment noch nicht zu haben ist. Der Vertrieb scheint noch nicht mal den EP-Namen auf dem Schirm zu haben.

Heutzutage setzt man da scheinbar mehr auf große blinkende Buttons, die einen zu Beatport für die MP3s verweisen. Obschon das doch das Medium und vor allem der Webshop ist, bei dem die Künstler mit am wenigsten verdienen. Das Ganze nennt sich Beatport Exclusive-Releasetermin, alle anderen müssen noch bis 30. Juni warten.

Im Blackout-Shop selbst gibt es interessanterweise eigentlich auch fast nur Merchandise; oder wenn Schallplatten dann nur mit Mütze und Hemdchen. Nun ja, hoffentlich profitiert da wenigstens das Label etwas von der Subbasskultur.

Wirft man ein Ohr auf diese EP, drängt sich ein Bild von Matjesbrötchen mit Softeis, genossen auf einer zünftigen Runde Korkenzieherachterbahn auf. Hier jagen sich verzerrte Basswürfel auf nahezu jeder Achtelnote mit Standard Techstep-Pattern anno 1998 und Presslufthammer-Drumsounds vom Neurofunk-Fließband.

Moment Moment, ja, das ganze ist handwerklich ohne Frage stattlich zusammengehämmert, aber das gehört wohl zum Genre, habe ich mir sagen lassen. Funktion steht hier deutlich vor musikalischem Tiefgang und es gibt tendentiell eher wenig Anhaltspunkte für Signifikantes:

Schon beim Aufhänger „Extrasolar“ muss – jetzt mal musiktheoretisch betrachtet – im Hauptteil schonmal eine einzige große Sekunde als Hitgarant herhalten. „Transit“ schafft es, als bis an die Zähne bewaffnetes Werkzeug von der Stange ohne Anhaltspunkte oder kreativen Tiefgang abzuraven. Tracks wie Schnellzüge – machen viel Wind und sind schnell wieder weg.

„Heavy Bettie“ versucht sich mechatronischer, leicht ange-metal-t, mit großspurig daher furzender Bassline und zumindest allerlei kleinen Switches. Der Mittelteil mit stampfend halbierter Geschwindigkeit dürfte wohl zum kräftig Haare schütteln gedacht sein und wird dieser Aufgabe sicherlich auch gerecht.

Mit „Kosmonaut“ versucht die EP jedoch noch einen Schlenker hin zur Experimentierfreudigkeit und erntet dafür auch hier und da Respekt. Das gewohnte Programm wird etwas aufgebohrt und tiefer gelegt. Allerdings bleibt man auch hier nicht von gehirnbohrenden Synthesizern und funktionellen Arrangements verschont. So bleibt das Stück zwischen den Stühlen, höchstwahrscheinlich sogar ungläubig beäugt von beiden Seiten. Nicht unspannend, aber eigentlich unspielbar. Oder wie viele „Intelligent-Neurofunk“-DJs gibt es mittlerweile da draußen?

Der Bonus-Track schließlich will noch einmal alles abreißen, was noch mit offenen Mündern dasteht. Von der Energie her die Nummer mit den meisten Eiern, aber wohl zuviel Spielkram an Board, dürfte genreübergreifend Unwillen darüber herrschen, dass es gerade diese Granate nicht auf die Platte geschafft hat. Ja klar, das ist wie immer subjektiv. Genau wie dieses Review. Viel Spaß beim Moshen!

Neonlight
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Various Artists „Frost Vol. 2“ (Basic Unit Productions)

Pünktlich zum Wave-Gotik-Treffen kam die zweite Ausgabe der „Frost“-Compilation.

Pünktlich, weil der düster-aufgeladene Techno-Sound hinter dem „Frost“-Konzept da auch hinpasst. Aber nicht nur, denn die Anknüpfpunkte zum reduzierten dystopischen Techno sind unüberhörbar. Meine Euphorie für den ersten Teil war verhalten, weil mir der Pathos vieler Stücke doch zu erdrückend wirkte.

Der zweite Teil erweitert sich in doppelter Hinsicht: einmal ist die Artist-Range breiter dieses Mal. Dies wirkt sich auch musikalisch aus. Seicht sind die zehn neuen Stücke weiterhin nicht. Es dominiert darker, treibend-harscher Techno, auf Maximum ausgelotet. Und doch mit einer ganzen Reihe eindrücklicher Momente.

Die bröckelnde Fanfarenhaftigkeit bei Blush Responses „Body Hammer“ etwa. Oder „Hidden Razor“ von Bombardier, das trotz mächtig crisper Bassdrums irgendwie gut das Tempo für einen Moment lang herunterdrückt. Dagegen mischt sich Querpushers „Emptyset“ in überraschender Leichtigkeit dazwischen.

Mit The Horrorist gelangt sogar eine New Yorker Electronic-Legende auf „Frost Vol. 2“. Und Boogas Square7-Alias integriert nun auch seine große Breaks-Verbundenheit. Insgesamt ein spannenderer Anschluss an das Debüt.

Basic Unit Productions Bandcamp
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Aaaron „SuperSingle“ (O*RS)

Hits, Hits, Hits – mit einer neuen 10“-Reihe möchte sich O*RS darauf konzentrieren. Der Berliner Aaaron legt vor.

Zwei Seiten, zwei Tracks, ja, zwei Hits – so das SuperSingle-Konzept. Überhaupt ein schönes, kompaktes Vinyl-Format. Aaaron ist Berliner, bei O*RS nicht gänzlich neu. Auf der „1700“ remixte er Stereotypes „Keepin’ Me“. Was heißt Hit aber im O*RS-Kosmos? Noch pointierterer House mit mächtig raumgreifenden Soul-Vocal etwa.

Insofern ist „What I Got“ mit seiner predigenden Energie tatsächlich ein großer Schieber. Cool aber, wie Aaaron dem überpräsenten Vocal ein reduziertes Beat- und Sound-Gerüst zur Seite stellt. Das nimmt dem Ganzen die Plumpheit, die ja auch schnell bei einem Hit mitschwingen kann. Insofern alles richtig gemacht.

„Sticks & Stones“ setzt komplett auf Understatement, ein sehr klares und aufgeräumtes House-Stück mit extrabassgeladener Bassdrum und klassisch-deepem Rhodes-Chord. Gute Balance, guter Hit. Es soll demnächst schon mehr geben von diesen SuperSingles, meint Filburt.

O*RS Bandcamp
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Lake People „Night Drive“ (Rumors)

Nach einem Remix für Guy Gerber & Dixon auf Rumors kommt nun die erste eigene EP von Lake People dort.

Irgendwie abgefahren, wie organisch sich die Karriere von Lake People entwickelt. Ohne Hype-Wellen tourt er mit seinem Live-Set Wochenende für Wochenende durch die Welt. Parallel die Platten. Krakatau Records, URSL, Permanent Vacation, dann Connaisseur Recordings, nun also Guy Gerbers Label Rumors.

Er drosselt die Aufmerksamkeit auch selbst. Keine Lust auf Interviews, Zurückhaltung, Fokus auf die Musik. Anfang des Jahres remixte Lake People „No Distance“ von Guy Gerber und Dixon. Wenige Monate später die eigene EP mit zwei neuen Stücken.

In gewohnt feinsinniger Deepness, weniger karg und überraschend als „Uneasy Hiding Places“. Lake People hat vieles definiert in seinem musikalischen Rahmen, hat offenbar seine gegenwärtigen Präferenzen gefunden. Und die sind schlichtweg so überzeugend und anziehend, dass das Weiterentwicklungsdiktat milde belächelt werden kann.

„Night Drive“ und „No Turning Back“ sind so angenehm austariert, so still schlummernd und doch in sich pulsierend. „No Turning Back“ öffnet sich dabei noch etwas mehr hin zum Spielerischen, Eingängigen. Einfach zwei weitere Perlen.

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Sonntagsdiskurse

Zwischen zwei Bassdrums bleibt meist wenig Platz für Diskurse. In dieser Woche kamen aber zwei spannende Themen auf.

Nicht unbedingt mit Leipzig-Bezug. Doch allgemein genug, um sie auch auf die lokale Ebene herunterzubrechen. Die aktuelle Groove-Ausgabe thematisiert über fünf Doppelseiten die sich verschärfenden Tendenzen zu immer höheren Künstlergagen, Pop-Star-adäquaten Entourage-Wünschen, einer globalen Monopolisierung der Agenturen und Top-DJs.

Der „Techno-Kapitalismus“ ist nicht neu und nicht per se verwerflich. Nur hat er in den vergangenen Jahren wohl noch einmal an Irre gewonnen. Wenn die Artist Alife-Bookerin Katrin Schlotfeldt (Chris Liebing, Loco Dice, Tale Of Us vertritt sie) meint, dass „wenn eine Anfrage aus Plauen kommt, können wir da keinen Großen hinbuchen,“ lässt sich natürlich entgegenhalten, dass Leipzig nicht Plauen ist. Aus Sicht der global aufgestellten Agenturen dürfte der Unterschied jedoch nur marginal ausfallen.

Einen Sven Väth oder Ricardo Villalobos gibt es demnach nur in einem Festival-Rahmen wie dem Think zu erleben. Oder eben weiter entfernt auf einem anderen großen Festival mit quasi jährlich identischen Line-ups. In der Distillery spielte Richie Hawtin zuletzt 2006. Andererseits: wer braucht die Hawtins und Väths wirklich? Der gemeinsame Nenner. Ist auch wichtig, gehört zum Pop, zum Mittelmaß.

Die interessanten Wagnisse und Neuauslotungen finden jedoch woanders statt. Hier wird es aber auch zunehmend problematisch für die Clubs und Veranstalter. Denn anscheinend steigen auch die Gagen für Underground-DJs und Soundcloud-Newcomer exponentieller als zuvor.

Allerdings scheint in dem Bereich noch mehr Verhandlungsspielraum zu bestehen, immerhin ist Leipzig nicht arm an derartigen Party-Line-ups. Dies bestätigen auch einigen Aussagen in der Groove: von den globalen Bookings der Großen profitieren die Underground-DJs auf der Suche nach regelmäßigen regionalen Auftrittsmöglichkeiten.

Ganz aus dem Rahmen der fortschreitenden Professionalisierung der Clubkultur fallen die Nebenher-DJs. Die Leipzigerin Smilla weist im aktuellen kreuzer daraufhin, dass „Nicht-Berufs-DJs“ kaum noch Slots in den Clubs bekommen. Sie würden eher an die DJs vergeben, die mit den Gagen ihre Miete zahlen müssten.

Wie auch immer: aus Leipziger Sicht scheinen die sich hochschaukelnden Kapitalismus-Gedanken der Groove weit entfernt. Es gibt keinen Mega-Club vor Ort. Und bis auf Moon Harbour, Matthias Tanzmann und Daniel Stefanik kaum einen Ibiza-Akteur.

Aber: Clubmusik ist wieder nahe am Pop. Darauf deutet auch der zweite interessante Beitrag in dieser Woche – veröffentlicht ursprünglich im Conne Island-Newsflyer, re-issued von Das Filter.

Mariann Diedrich sieht das noch recht junge Boiler Room-Format als „zeitgenössisches Pendant des früheres Top of the Pops“. DJs und Live-Acts im schön geordneten, virtuellen, jederzeit klickbaren Pseudo-Club-Kontext. Spannend ist hier aber weniger die Weiterführung der Pop-Mechanismen und die abnehmende Experimentierlust des Formats, sondern die Veränderung des Erlebnisraums Club durch die digitale Social-Media-Durchdringung.

Alles ist verfügbar. Sogar der Club mit allen erdenklich guten Acts. Das Ober-Line-up, ständig abrufbar für das „Kollektiv Online“. Mariann Diedrich dazu: „Das Bekenntnis dieser Generation entblößt sich, wenn Clubschwärmer das musikalische Nachtleben, welches sie bekanntlich als Refugium vor der gesellschaftlichen Realität für sich beanspruchen wollen, freiwillig einem medial-öffentlichen Voyeurismus übergeben und das Bedürfnis nach Entkoppelung dem Online-Wahn des Zeitgeistes untergeordnet wird.“

Kameraverbot für den ungestörten Exzess hier, gestylte Inszenierung für die weltweit ausstrahlende Webcam da. Eine super Dichotomie. Und weiter: „Momentan verlagert sich der Diskurs auf eine […] viel öffentlichere Ebene, wenn nun selbst die Grenzen des subkulturellen Biotops aufgegeben und die finale Banalisierung und Trivialisierung der Clubmusik ohne Wimpern zucken tot gefeiert werden.“

Hier frage ich mich aber, ob nicht eher die digitale Eigendynamik durch Smartphones und Social Media einen größeren Einfluss auf die genannten Thesen hat als ein Format wie Boiler Room. Die Aufhebung der privaten Grenzen und der subkulturellen Refugien liegt maßgeblich in den eigenen Partygasthänden.

Boiler Room spielt der Pop-Werdung und Professionalisierung der Clubkultur in die Karten – Top of the Pops trifft es hier sehr gut. Das Erlebnis Club gerät jedoch durch tausendfaches privates Broadcasten und Selfien ins Triviale.

Die Woche zeigte: es ist durchaus viel Diskursraum zwischen zwei Bassdrums.

Absolut Bronson

Okay, sonst herrscht hier weitgehende Strenge bei der Themenauswahl. Leipzig. Elektronische Musik. Doch ab und zu lohnt auch die Ausnahme. Das Charles Bronson in Halle feiert eine Woche lang.

Es gibt ja die Leipzig-Hochnäsigkeit. Erst recht Halle gegenüber. Kleinere Stadt, eh mieser Ruf, aber: geilere Detroit-Hochstraßen, einen Stadtteil namens Frohe Zukunft, einen Dom ohne Domturm, einen super Fluss, die Burg Giebichenstein und das Charles Bronson mit einem kleinen, aber mittlerweile ordentlich gewachsenen – manchmal etwas zu schunkelig klingenden – Label- und Artist-Netzwerk.

Deshalb sind die 40 Kilometer eigentlich näher als einige vielleicht annehmen. Vom 14. – 21. Juni könnte man sich rüber wagen. Dann organisiert der Charles Bronson-Club ein einwöchiges Festival. Eingerahmt von Partys mit HVOB, Seth Schwarz, Mila Stern, Erobique und Radio Slave. Doch auch unter der Woche wird es Action geben – Flohmarkt, Theater, Nachmittagsrave. Das ganze Programm gibt es hier. Empfehlung!

Darüber hinaus auch im Blick behalten: From Halle With Love.