Im Februar gab es sakrale Gaming-Sounds, verflixten Deep House und was Neues von Sachsentrance. Dazu noch drei hörenswerte Nachzügler aus dem Januar. Here we go.
Shuray & Walle „International Licence EP“ (O*RS)
Yeah, endlich gibt es die erste EP von Shuray & Walle. Das Duo ist seit einiger Zeit Distillery-Resident und bringt jede Menge Good Vibes auf den House-Floor. Auf A Friend In Need gab es letztes Jahr schon die ersten Ergebnisse ihrer Produktionsskills zu hören, nun holt Filburt Shuray & Walle zu sich aufs Label. Dort passen sie auch bestens hin: Zeitloser Deep House, druckvoll und warm, dazu ein paar O-Töne und Vocal-Samples im Hintergrund. Lea Lisas Remix von „990 Pro“ lässt die Bass dann noch einmal etwas tiefer sitzen und bringt die Arrangements gefühlt nochmals einen Tick mehr auf den Punkt. Für eine Debüt-EP ist das alles sehr versiert und wohl-ausbalanciert. Aber insgesamt auch nicht weltbewegend. Der Deep House-Rahmen ist längst abgesteckt – verliert aber zugleich nichts an Faszination. Verflixt.
Mein Hit: „Job In This Game“. Why: Weil sich hier sofort die Vorstellung von einem abendlichen Open Air-Floor auftut, bei dem alle Lust auf mehr haben.
Salele „For Pitch Division“ (Ominira)
Bei Kassem Mosses Label Ominira gab es offensichtlich eine kleine, einjährige Pause, die in diesem Februar mit einem Album von Salele beendet wurde. Wer dahinter steckt? Kein Plan, es ist nur von „pure computer music“ die Rede. In zehn, teilweise nur anderthalb Minuten langen Stücken geht Salele auf eine nostalgisch anmutende Klangexploration. Sehr abstrakt und fast blutleer, aber auch äußerst harmonisch. Fast wie der Soundtrack von alten Computerspielen. In ihrer Reduziertheit und dem gedrosseltem Tempo haben die Tracks manchmal sogar etwas Sakrales. Wie Orgelstücke aus einer anderen Welt. I like it, klar.
Btw.: Auch im Februar hat Ominira das Mixtape von DJ Residue noch einmal re-releast. Darauf sind bisher unveröffentlichte Edits und Live-Snippets von Kassem Mosse in einen Mix gebracht. The Trilogy Tapes hatte das Tape im November 2021 erstmals rausgebracht.
Mein Hit: „Self-Aligned Vias“. Why: Weil es so slow und reduziert, so viel klangliche Geborgenheit ausstrahlt.
Damit zu der Hit-Platte des Monats. Zumindest wenn man auf die Bandcamp-Sales schaut. Letztes Jahr ist Sachsentrance an den Start gegangen und hat direkt für viel Aufsehen gehört. Bei dem Namen, logisch. Aber auch vom Sound her trifft das Label mitten in den Nerv des größer werdenden Oldschool-Rave-, Trance- und Hardstyle-Revivals. Mit „11ALLESNULLEN“ liefert Sachsentrance nun eine neue Fuck-the-police-Clubhymne. Und dazu eine Pferderennen-Hommage. Schön stumpf stampfend und mit albern-runtergepitchten Vocals. Bestes Ironie- und Provokationsfutter, und auf dem Dancefloor sind die beiden Rennhorse-Tracks sicher Euphorie-Bomben, ohne Frage. Aber sie klingen auch nach einer spät ausgelebten Teenager-Session. Hkkptr lässt das Kichern dann mit zwei weiteren Solo-Tracks weg und treibt das Härte-Level aufs Maximum. Big Room to the fullest. Aber hey, Sachsentrance pusht hier sehr konsequent Sounds, die sonst in Leipzig weniger präsent sind. Daher: Abfahrt!
Mein Hit: „Energie“. Why: Weil es nach dem Break tatsächlich einen extrem erhebenden Rave-Moment gibt.
Lexy „Shine“ (self-released)
Nun zurück in die echten Neuziger. In der letzten New In-Ausgabe ging es los mit dem Archiv von Alphacut-Betreiber LXC. Im Februar ist der zweite Teil der Retrospektive rausgekommen, sieben Stücke aus den späten Neuzigern, aus der Prä-LXC-Zeit also. In den Liner Notes blickt er zurück auf eine kleine Jungle-Szene, die im post-kommunistischen Grau des Nachwende-Leipzigs ihre Freiräume auslebt. LXC hat seine ersten Club- und Party-Erfahrungen gemacht und produziert nun offensichtlich mehr für den Floor. Wahnsinn, wie wenig die Tracks an Energie und Frische verloren haben. Selbst über neun bis zehn Minuten hinweg schaffte es Lexy, das Level zu halten oder weiter hochzuschrauben. Und auch hier gibt es einige große Rave-Momente wie in „Schnapsshot“, die von zarten Jungle-Drums und fetten Basslines dann weitergetragen werden. Wie beim letzten Mal ein Tipp: Lest auch die Liner Notes zu den Tracks. LXC ist ein toller Storyteller.
Mein Hit: „Rise“. Why: Weil sich in der Wildheit der Drums ein sehr warmer Hauch Big Beat-Funk herausschält.
Late In – Jan 22
Yes, im Januar sind noch drei erwähnenswerte Leipzig-Releases herausgekommen, die wir in der vergangenen New In-Ausgabe übersehen hatten. Deshalb hier noch ein paar Worte dazu:
Pük & Oward „Wellness IV“ (Wellness Records) Im Frühjahr 2019 startete mit Wellness Records ein neues House-Label in Leipzig, nach einer Pause kam kürzlich die Nummer 4. Der Brite Pük und der Franzose Oward teilen sich je eine Seite. Beide bewegen sich grob im Deep House. Auch sehr klassisch, aber irgendwie verstecken beide immer wieder kleine Twists in ihre Tracks, die für einen eigenen Funk sorgen. Oward ist dabei etwas mehr von Minimal beeinflusst, Pük von der perkussiven und discoiden Leichtigkeit.
Salomo & Reece Walker „Bumper 2 Bumper“ (Long Vehicle) Beim Kann-Sub-Label Long Vehicle gab es Ende Januar auch ein Wiederhören – dieses Mal mit einer Kollab zwischen den Leipzigern Salomo und Reece Walker aka DJ Carmel. Letzteren haben wir auch in unserer großen „Leipzig Import“-Story mitporträtiert. Die beiden liefern hier zwei gemeinsame und zwei Solo-Tracks. Und besonders die Duo-Stücke verbinden sehr smart verschiedene Oldschool-Vibes zu einem neuen Mix. Dezent trancig und breakig, hintergründig poppig und mit einigen Hit-Qualitäten. Vor allem bei „First Touch“ geht sehr viel sehr gut auf.
Ron Deacon feat. Johanna Jaeremo – „Untitled b2 Brando Jazz“Compost Records) Von Ron Deacon habe ich schon länger nichts mehr gehört. Aber im Januar schrieb er, dass sich für ihn ein Traum erfüllt hat: Er konnte eine jazzige Neufassung seines ursprünglich bei Workshop 2010 veröffentlichten Tracks „Untitled b2“ auf der legendären Compilation-Reihe „Future Sounds Of Jazz“ unterbringen. Das Original entfaltete sich sehr freigeistig und trippy. Zwölf Jahre später ist daraus ein laidback Jazz-Track mit prägnantem Saxofon und viel organischer Wärme geworden. Musikalisch auf jeden Fall ein großer Sprung – und sehr cool, dass der Track nun in einem so würdevollen Umfeld eingebettet ist. Ron Deacon hatte übrigens schon im Dezember einen weiteren Compilation-Beitrag beim 12. Jubiläum des Compost Disco-Labels. Dort gab es eine kosmische Ron Deacon-Reise. Hier sind beide Tracks zusammen:
Ende Januar brachte Varum sein Debüt-Album „Bassment Business“ heraus – und es lief direkt auf Repeat, weil es so gut Electro und HipHop vereint. Also wollten wir mehr zur Entstehung wissen und haben Varum interviewt.
Varum hat sich in den letzten sechs Jahren als eine der Leipziger Konstanten für pushenden Classic Electro etabliert. Nur logisch, dass er zur Clear Memory-Crew gehört, die auch Cyan 85 neulich schon bei frohfroh als eines der aktuellen Aushängeschilder der Leipziger Szene benannte.
Varum hat einen entscheidenden Anteil daran – mit EPs auf Hypress, A Friend In Need, Pulse Drift Recordings und zuletzt bei Strictly Strictly. Sein Sound bildet dabei die ganze Range des Genres ab – extrem pushend und mit scharfkantigen Acid-Schrauben, aber auch poppig und mit lässigem Funk.
„Bassment Business“, Varums erstes Album, holt nun zusätzlich classic HipHop- und Soul-Vibes mit rein. Hauptsächlich durch lange ausgespielte Rap- und Vocal-Samples mit toller 80er-Patina. Vermutlich kommen sie original aus dieser Zeit, sollten aber in keiner Lizenzliste auftauchen.
Aber auch Varums Sound an sich klingt auf „Bassment Business“ deutlich luftiger, heller, melodischer und einfach offener für Pop-Gesten. „Me & U“, „You & Me“ sowie „Oh Word“ sind beispielsweise unglaublich nice Hits. Dazu gibt es mehrere laidback Tracks. Immer mit fein verwobenen Chords und einem anderen Varum als auf seinen clubbigeren und oftmals düsteren EPs.
Auch wenn Varum später im Interview sagen wird, dass es kein Konzept-Album ist, so klingt „Bassment Business“ doch erstaunlich rund aus einem Guss produziert. Ein sehr guter Start ins neue Jahr.
Unser Interview mit Varum
Hast du gezielt an einem Album gearbeitet oder haben die Stücke einfach gut als Ganzes gepasst?
Ich hatte schon seit Langem den Plan, endlich das erste Album rauszubringen. Am Ende hatte ich ein größeres Portfolio an Tracks fertig rumliegen. Da habe ich mich immer wieder durchgeklickt und für mich eine passende Mischung an Tracks rausgehört, die es nun auch geworden ist. Also, es war eher zufällig, dass es in dem Moment auf einmal da war. Aber ja, es hat einfach gut als Ganzes gepasst, ein wirkliches Konzept-Album ist es aber nicht. Fertig war das Album eigentlich schon Ende 2020. Durch Mastering und Ähnlichem hat sich die ganze Geschichte dann noch etwas verzögert.
Beim ersten Hören kommen mir die Tracks deutlich musikalischer, weniger pushy vor – hattest du einen anderen Drive bzw. Ansatz beim Produzieren des Albums?
Jein, also einerseits wollte ich schon Musik auf dem Album haben, die auch auf dem Floor spielbar ist, andererseits aber auch im Wohnzimmer funktioniert. Das ist mir mittlerweile wichtig geworden. Zumal man in der aktuellen Zeit ja doch häufiger Musik zu Hause als im Club hört. Am Ende ist es auch das, was ich in den jeweiligen Momenten empfunden und versucht habe musikalisch umzusetzen.
„Ich werde eben auch älter, wenn man das so sagen kann.“
Bei vielen Tracks sind auch Oldschool-HipHop-Referenzen herauszuhören – war dieser Sound ein wichtiger Teil deiner musikalischen Sozialisation?
Auf jeden Fall. Ich bin in meiner Jugend, abgesehen von einer klassischen musikalischen Ausbildung im Chor, größtenteils mit HipHop groß geworden. Ich verbinde definitiv einiges meiner frühen musikalischen Erfahrungen damit. Danach hatte ich längere Zeit eine Pause und bin in extremere Genres abgedriftet. In den letzten Jahren hat es mich dann wieder gecatcht und ich habe viel alten Kram aus Memphis entdeckt. Davon ist einiges mit eingeflossen, auch Musik, die ich schon damals gehört habe. Als DC Wreck habe ich 2018 auch mal einen Ausflug in die jazzige Boom Bap-Welt gemacht, kann man auch bei Bandcamp entdecken. Der Prozess und vor allem der Spaß beim Plattensamplen damals haben mich ebenfalls angespornt, noch einmal so zu arbeiten. Doch in kommender Zeit und bei kommenden Releases wird das mit dem Sampling wohl gewollt, aber auch notgedrungen wegen Copyright etc., weniger werden.
Es gibt zu „Bassment Business“ ein sehr umfangreiches Booklet – was gibt es dort zu sehen und wie passt es konzeptionell zur Musik?
Das Booklet beinhaltet viele Graffitibilder von Freunden und Bilder von Orten in der Stadt, die es teils so nicht mehr gibt. Ein bisschen wie ein Foto-Tagebuch oder so. TIN, der das Album auch gemastert hat, und ich hatten beide den Wunsch, etwas in der Hand halten zu können, während man das Album hört. Wir sind selbst beide leidenschaftliche Sammler und große Freunde von Inserts, Booklets und Ähnlichem. Da hat man noch was, worin man blättern kann und ein paar neue oder auch alte bekannte Eindrücke, die man zu sehen bekommt. Zudem liegen Electro, HipHop und Graffiti ja doch sehr nah beieinander. Daher war für uns schnell klar, dass wir derartiges dazugeben wollen.
Was ist noch geplant bei dir in nächster Zeit?
Also in direkter Zukunft ist vor allem ein Liveset mit mir und Georg aka Int Main zusammen als Yarn Init geplant. Außerdem arbeite ich bereits am nächsten Album, dieses Mal jedoch mit mehr Konzept bzw. dem Versuch, einen roten Faden zu ziehen. Auch wenn mir das bisher noch schwer fällt. Mal sehen, was am Ende dabei rauskommt.
Seit 2014 begleiten wir Friederike Bernhardts musikalischen Weg zwischen Theatermusik und elektronisch-klassischer Avantgarde. Und endlich scheint es auch die große Musikwelt zu checken, wie spannend die Leipziger Komponistin ist – denn unter ihrem neuen Alias passiert aktuell einiges.
Es ist gar nicht so lange her, dass wir Friederike Bernhardt im Blog hatten – im Dezember erwähnten wir ihren mittlerweile traditionellen Vocal-Part bei Micronauts neuem Album. Und im Herbst 2020 hosteten wir die Video-Premiere ihres Band-Bandprojekts Geza Cotard.
Mit Moritz Fasbender, einem neuen Alias, fokussiert sie sich nun verstärkt auf Solo-Piano-Stücke mit dezent eingewobener Elektronik. Zwei erste sehr beeindruckende Lebenszeichen ihres neuen Projekts sind bereits hörbar.
Letzte Woche veröffentlichte der Leiter Verlag – ein Label von Nils Frahm – ihr Stück „Aride Alas“. Es ist die zweite Single der ersten „Piano Day“-Compilation ever, die am 29. März 2022 veröffentlicht wird. Extra dafür wurde ein aufwendiges Video in der Villa Hasenholz aufgenommen, das Moritz Fasbender eine imposante Bühne für ihr vielschichtig schwankendes, zugleich stilles und sich später aufbäumendes Spiel gibt.
„Aride Alas“ ist eines von ingesamt 32 Stücken, die allesamt das breite Spektrum zeitgenössischer Piano-Musik aufzeigen. Mit dabei sind neben vielen jungen Musiker:innen auch bekannte Namen wie Chilly Gonzales, Ólafur Arnalds und Nils Frahm selbst.
Letzterer hatte 2015 den 29. März zum Piano Day ausgerufen – weil es der 88. Tag des Jahres ist und Klaviere 88 Tasten haben –, um dem Instrument sowie den damit verbundenen Menschen eine jährliche Plattform zu bieten. Also nicht nur den Musiker:innen, sondern auch den Instrumentenbauer:innen und Piano-Umzugsprofis. Jedes Jahr gibt es eine neue Spotify-Playlist, 2022 wird es nun erstmals eine Vinyl-Compilation sowie mehrere Events am 29. März geben.
Fragments x Erik Satie Im Mai folgt dann eine weitere Compilation auf Vinyl, bei der Moritz Fasbender mit einem Beitrag zu hören sein wird. „Fragments“ ist eine neue Reihe der Deutsche Grammophon, bei der sich zwölf zeitgenössische Künstler:innen mit dem Werk eines:r Komponist:in auseinandersetzen. Zum Start widmen sich Christian Löffler, Sascha Braemer, Monolink, French 79, Snorri Hallgrímsson, Two Lanes und Moritz Fasbender den Stücken von Erik Satie.
Doch während Braemer, Löffler & Co das Originalmaterial wenig inspiriert in ihre immer gleichen, glatt gezogenen Pop-, Tech- und Ambient-House-Rahmen hieven, öffnet Moritz Fasbender die Compilation in Richtung Experimental. Nicht ohne gefällige Momente, aber insgesamt mit deutlich mehr Mut, Reibung und Anspruch. Ihre Herangehensweise beschreibt sie so:
„Es war mir wichtig, den assoziierten Chorstil des Stücks beizubehalten und mich daher auf sein kleinstes Element zu konzentrieren: die ersten fünf Noten.“
Und weiter: „Ohne auf die freie metrische Form oder die Harmonien Saties zurückzugreifen, habe ich die ersten beiden Takte zum Hauptelement meiner Version gemacht und sie in ein neues Gewand gekleidet.“
Online ist „Fragments“ übrigens schon auf Spotify als Playlist zu finden. Und demnächst kommt eventuell endlich die erste Solo-EP von Moritz Fasbender. We hope so!
Wie empfinden Wahl-Leipziger:innen ihre neue Heimat als clubkulturelle Wirkungsstelle? Das wollten wir anhand von drei Künster:innenporträts herausfinden.
Den Beweis für die Popularität Leipzigs bekommen wir auch noch Jahre nach dem Erfinden des Begriffs Hypezig zu spüren: Leipzigs Einwohner:innenzahl wächst seit Jahren – und auch 2021 haben wir abermals den ersten Platz auf der Liste der attraktivsten Städte Deutschlands ergattert. Es ziehen nach wie vor jedes Jahr viele Menschen aller Art zu uns. Unter ihnen einige Künstler:innen – wie auch drei Musiker:innen, die wir hier vorstellen möchten.
Inspiriert vom Text „Leipzig Export“ meiner Kollegin Paula Charlotte Kittelmann, der 2019 in unserem frohfroh-Printmagazin gedruckt wurde, möchten wir die Wirkung Leipzigs als clubkulturelle Wirkungsstelle anhand ihrer Künstler:innen unter die Lupe nehmen. Diesmal jedoch nicht jene Künstler:innen, die aus Leipzig und Umgebung kommen, sondern die Leipzig als ihre Wahlheimat bezeichnen. Was macht Leipzigs Szene für Künstler:innen so attraktiv – wenn sie es überhaupt ist? Welche Wahrnehmung haben zugezogene Künstler:innen von der Stadt und wie schneidet sie im Vergleich zu anderen (deutschen) Orten ab? Hierfür haben wir drei deutschlandweit bekannte DJs und Labelbosse zum Interview gebeten, die alle aus unterschiedlichen Städten kommen und unterschiedlich lange schon in Leipzig leben.
Marie Montexier
Die erste Künstlerin, der wir uns widmen wollen, ist Marie Montexier. Seit Oktober 2020 ist sie in Leipzig ansässig. Um Marie als Künstlerin heute noch übersehen zu können, muss man wohl blind sein: Neben Auftritten im Boiler Room und Berghain sowie vielen, vielen internationalen Gigs hat sie nur aus den letzten Monaten einige Meilensteine vorzuweisen. Schon 2019 landete sie im GROOVE-Leser:innenpoll auf Platz 13 der besten Newcomer:innen, im letzten Jahr unter den Top 50 der besten DJs. Ihre vinyl-only Sets strotzen nur so vor Energie und werden durch punktgenaues Mixing charakterisiert; es scheint, sie darf als Headlinerin auf keinem Line-Up mehr fehlen.
Nachdem sie in Sankt Augustin, einem kleinen Ort in der Nähe von Bonn aufwuchs, zog Marie schnell nach Köln, wo sie auch vor drei bis vier Jahren mit dem Auflegen anfing. Sie merkt an, dass diese Anfänge nicht immer leicht waren – Technik und Platten sind schließlich nicht gerade günstig und eine männlich dominierte und musikalisch eher homogene Szene nicht bedingungslos unterstützend. Die Szene ist deutschlandweit krass privilegiert, macht Marie auch klar: mal hier tausend Euro für Plattenspieler, mal dort hundert Euro für Platten. Das ist nicht selbstverständlich und sie hat selbst lange sparen müssen.
Als wir uns darüber austauschen, kommt Marie sofort auf Leipziger Ressourcen wie den DJ-Proberaum im Conne Island zu sprechen. Sie freut sich, dass es hier solche Räume gibt, um nicht nur FLINTA*-Personen Zugänge zu ermöglichen, sondern auch Menschen, die geringe finanzielle Mittel haben. Junge Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen, wären genügend da, man müsse ihnen nur den Zugang ermöglichen – so entsteht Nachwuchs, der auf die Szene Druck ausüben könne. Solche Projekte wären auch für Köln wünschenswert.
Leben und leben lassen?
Köln ist mit über einer Million Einwohner:innen zwar fast doppelt so groß wie Leipzig, was clubkulturelle Verhältnisse angeht jedoch deutlich weniger vielfältig. Aber keinesfalls vollständig abwesend: Da gibt es zum Beispiel etablierte Szenegrößen wie Kompakt – Plattenladen, Distribution und Label – den Gewölbe-Club oder das Hoove-Label, das Künstler:innen wie DJOKO released. Es gibt aber auch jüngere, diversere Projekte: zum Beispiel die Phonovision-Crew, die vor allem im letzten Jahr die Szene deutschlandweit aufgemischt hat, feministische Gruppen wie das Cumming Collective oder das DIANA-Kollektiv, breit aufgestellte Labels wie Spa Recordings und jüngere Clubs wie das Jaki.
Klar, ohne diese Stadt wäre Marie nicht dort, wo sie heute ist; als großen Einfluss nennt sie unter anderem den ehemaligen Kölner Plattenladen Topic Drift, der ihr dabei half, ihren Sound zu finden und ihre Liebe für Vinyl zu entdecken. „Leben und leben lassen,“ so sagt sie, wäre das Motto der dortigen Szene. Nach ihrem Geschmack ist das nicht, denn dieses Motto bedingt die Stagnation der Nachwuchsförderung und dem somit fehlenden Druck auf geschlechtlich unausgeglichene Line-Ups. Junge Menschen würden sich dadurch seltener trauen, ihre Kolleg:innen und Vorbilder zu kritisieren; das Künstler:innendasein würde weniger als Beschäftigungsverhältnis und mehr auf emotionaler Ebene gesehen. Somit gäbe es gefühlt weniger Notwendigkeit, sich gegen Missstände auszusprechen.
„Leipzig ist dagegen ein gemachtes Nest.“
Das ist es auch, was Maries Umzug aus Köln nach Leipzig motiviert hat: Sowohl ihre politische- als auch ihre Lebenseinstellung. Abgesehen natürlich ihrem neu angefangenen Studium, das sie ohne der Pandemie aus Zeitgründen wohl nie angefangen hätte. Dass es hier günstigere Mieten, mehr Wohnraum und mit der Uni eine gute Infrastruktur als junge Person gibt, kann man natürlich auch als Vorteil betrachten. Aber: „Ein Ort ist immer nur so gut, wie die Menschen, die man dort kennt.“
Und warum nicht Berlin, vor allem als etablierte Künstlerin? „Klar wäre Berlin das Mekka der elektronischen Musik, ich wollte aber nicht in einer Metropole leben.“ Dass Berlin manchmal doch einfach zu stressig ist, das bestätigt später auch ein weiterer Künstler.
„Mir ist die Decke auf den Kopf gefallen.“
Vor ihrer endgültigen Ankunft in Leipzig hatte Marie zwar schon zweimal hier gespielt, jedoch wenig von der Stadt mitbekommen. Dass sie keine großen Erwartungen hatte, machten die positiven Überraschungen umso angenehmer: „Ich hätte nicht gedacht, dass hier so eine große und junge Szene ist.“ Sie betont die vielen Kollektive, von denen sie den Großteil nicht auf dem Schirm hatte, die eher miteinander statt gegeneinander arbeiten.
„Der Teich ist voller Fische!“
Auch, wie politischer Aktivismus in Leipzig innerhalb der Clubkultur gelebt wird, findet Marie bemerkenswert. Bei grenzüberschreitenden Situationen, die vor allem öfter sichtbar gemacht werden, ist viel Awareness und Solidarität da. FLINTA* wissen sich zu organisieren.
Dass die Clubkultur von der Stadtpolitik so viel Förderung erfährt, hebt Leipzig nicht nur innerhalb der eingeschlafenen sächsischen Gefilde hervor, sondern auch deutschlandweit. Denn, wie anfangs erwähnt: mangelnde Kulturförderung bedingt strukturelle Problematiken, wenn das Klassenthema unter den Tisch fällt und kulturelles Kapital nicht auf Anhieb gegeben ist. Inmitten all dieser Stärken bleibt für Marie aber doch ein Kritikpunkt: Auch in Leipzig wäre insgesamt, wie auch in anderen deutschen Städten, mehr Selbstreflexion in Bezug auf soziale Nachhaltigkeit wünschenswert – Stichwort finanzielle Privilegien. Klar ist aber, wie Marie betont, dass während ihrer kurzen Zeit hier, die Leipzig vor allem im Lockdown oder Teil-Lockdown verbracht hat, ihre Wahrnehmung immer noch limitiert ist.
Die Fotos, die wir von Marie für den Text machen, finden in ihrer eigenen Wohnung statt; einem Ort, an dem sie während der Pandemie viel Zeit verbracht hat, da ihr beruflicher Raum auch in ihrem privaten Raum stattfindet. Eine Grenze, die für Menschen, die sich hauptberuflich der elektronischen Musik gewidmet haben, schnell verschwimmt.
Eine notwendige Möglichkeit aus diesem Raum auszubrechen, ist für sie Sport, insbesondere Fußball, gewesen, den sie auf Plätzen in Plagwitz oder Lindenau gespielt hat. Marie ist eine außerordentlich aktive Person, die damals wie heute noch oft als einzige Frau im Team spielt. Dort, wie auch auf diversen Basketballplätzen oder beim Klettern, fühlt sie sich sehr wohl.
Im Ballsport ist der Gedanke des Teams elementar, egal ob man die gleiche Sprache spricht, aus derselben Bürger:innenschicht kommt oder nicht. Dass man keine Worte braucht, um zu kommunizieren, kann auch eine gute Gemeinschaft formen, meint Marie, und das gefällt ihr so am Fußball. Ähnlich wie auf dem Dancefloor; einem Ort, an dem es egal ist, wo man herkommt oder wer man ist.
Als Teamplayer würden sie sicherlich auch ihre Peers bei der Warning-Crew in Berlin bezeichnen, die Marie nicht nur als ihre Residency aufzählt, sondern auch ihre Family nennt. Mit ihrem damals noch sehr auf Newschool-Breaks fokussierten Sound, der heute deutlich technoider geworden ist, nahm die Crew Marie „unter ihre Fittiche“ und pushte sie dorthin, wo sie heute ist. Dass sie in Köln zuerst musikalisch weniger Anklang fand, war wohl
Abgesehen von Warning nennt Marie ihre Zugehörigkeit bei Précey, einem FLINTA*-Kollektiv, das sie gemeinsam mit drei weiteren Frauen aus Köln heraus organisiert und mit dem sie hauptsächlich im Jaki Club eine Veranstaltungsreihe hosted. Abgesehen davon war eines ihrer größten Projekte 2021 das neu gegründete Label Paryìa, welches bisher ein Release und mit Paryìa FM eine Show bei HÖR verzeichnen kann. Und obwohl sie sich im Kölner Gewölbe-Club zuhause fühlt, freut Marie sich, bald einen Club in Leipzig zu finden, in dem sie sich als Besucherin genauso wohl fühlt.
Reece Walker
Einen deutlich weiteren Weg nach Leipzig hatte Reece Walker alias DJ Carmel, denn ursprünglich kommt er aus Perth in Australien. Was seinen Bezug zur Szene angeht, ist Reece praktisch ein Local. Obwohl es natürlich anfangs ganz anders aussah: „Coming to Leipzig first I was pretty nervous being in a city with not that many foreigners.“
Bevor er vor fünf Jahren hierher zog, wohnte er in Berlin, einer Stadt, die natürlich weitaus mehr englischsprachige Menschen beherbergt und im Gegensatz zu sächsischen Großstädten für ihre Weltoffenheit weitaus bekannter ist. Er meint, dass alles, was er an Berlin so gut fand, ihn auch an Leipzig reizte: günstige Mieten, geschichtliche Anhaltspunkte, eine gesunde Clubszene und generell weniger Druck, was das Künstler:innendasein anging.
„It’s a bit of a cliché – Australians moving to Berlin for more authentic parties.“
Er sagt, die Clubkultur spielte definitiv eine Rolle bei seiner Entscheidung umzuziehen, zwar nicht zentral, aber maßgeblich. Denn für ihn lag der Fokus stattdessen auf das Leben als Kreativschaffender, mit weniger finanziellen Zwängen und einer Szene, die zwar kein unbeschriebenes Blatt, aber noch beeinflussbar war. „It was more feasible to live off and create music here than a lot of other places. I just wanted to live somewhere I could enjoy myself and do my thing without too much pressure.“
Bevor er sich endgültig dazu entschied, hierher zu kommen, war er nur ein paar Mal zu Besuch, bei Freund:innen und auf Partys. Aber die Entscheidung zum Umzug bereut er bis heute kein bisschen: „It was one of the best decisions of my life to move here.“
Angekommen in einer fast zu gesunden Szene
Ohne Frage, ein Umzug bringt viele Veränderungen mit sich. In Reece’ Fall hieß das, erstmal klarzukommen: „I realized I had to sort my shit out – which is also, I think, a reason I’ve really done something here.“ Something heißt in diesem Falle wohl a great deal: von seiner Arbeit bei R.A.N.D. Muzik (Presswerk und Label) und dem Vertrieb Inch by Inch Distribution, über seine zwei anderen Labels QC Records und Bitterfeld bis hin zu Releases bei KANN und Lobster Theremin, hat er sich fest in die DNA der Leipziger Szene integriert.
Eine zentrale Rolle spielt dabei sein Gespür für Qualität, egal ob es up-and-coming Locals aus Leipzig oder bekanntere Namen aus seiner Heimat sind – oder eben seine eigenen Produktionen. Ein neues Release bei R.A.N.D. ist für House-Heads weltweit so gut wie immer ein must-buy.
Vorteilhaft bei unserem Interview ist natürlich, dass Reece im Vergleich zu meinen anderen beiden Interviewgäst:innen Clubnächte ohne jegliches Anbahnen von Corona hat erleben können. Reece weiß als eingefleischter Leipziger Partygast, die Szene einzuschätzen. Die bezeichnet er vor allen Dingen als „gesund“, für seinen Geschmack vielleicht sogar zu gesund.
„Just before the pandemic I sometimes had the feeling that there were too many parties on for the amount of demand.“ Im Februar 2020 war jeder zweite Dancefloor so gut wie ausgestorben, obwohl fast überall beeindruckende Line-Ups aufgefahren wurden. Stimmen Angebot und Nachfrage also überhaupt noch überein? Reece ist sich unsicher: „There’s a lot of clubs, maybe even too many for the size of the city. It’s not like we have the techno tourism Berlin does. […]
I’ve seen a few places come and go while I’ve been here.“
Clubschließungen waren in vergangenen Jahren in erster Linie der Gentrifizierung geschuldet: siehe das So&So, ein Ort, den Reece vermisst. Wir fragen uns, wie lange es also noch dauert, bis die ersten Clubs wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit weichen müssen? „To have places that aren’t entirely commercial enterprises is pretty important for the dance scene here“; dass es überhaupt Orte gibt, die diesen Parametern nicht folgen müssen, – das Conne Island beispielsweise – schätzt Reece ebenfalls als elementar ein.
Das ist es auch, was Leipzig in Reece’ Augen inmitten anderer deutscher Städte auszeichnet: stadtpolitisches Engagement zur Förderung der lokalen Clubkultur und die Rolle des politischen Aktivismus in der Szene, gepaart mit fehlender Regulierung (insbesondere im Vergleich zu Städten wie München) und dem Angebot an noch bespielbaren Räumen. „I think we’re still at a point of the natural development of the city where it’s still possible to do things and not be too harassed by regulation or cost.“ Spannend wird es, meint er, wie sich die Situation in weiteren fünf Jahren gewandelt haben wird.
Ein weiterer Punkt, der Leipzig in der deutschen Szenelandschaft hervorhebt und Reece gleichzeitig an seine Heimat erinnert, ist die subkulturelle Community. „There’s more of a community here than in other cities, which is what it’s like in Perth. […] Some people may think ‚Ugh, I go to the club and see all the same faces‘, but it’s actually something I appreciate.“ Natürlich ist es aber keinesfalls so, fügt Reece lächelnd hinzu, dass man irgendwo hingeht und automatisch jeden und jede kennt.
„There have been many artists from Leipzig that have been able to make a career out of here“
Ich möchte in dem Zuge von Reece wissen, welche Orte, Kollektive oder Projekte für ihn in Leipzig besonders bemerkenswert sind. Es platzt aus ihm heraus:
„I love Fäncy!“
Der Vibe, der auf Fäncy-Partys transportiert wird, ist genau das, wofür er als Szeneakteur arbeitet. „First and foremost it’s about party! Everything we work for, all the records and music, it works best in spaces where people can enjoy themselves and be free.“ Eine Fäncy-Party als Ort der persönlichen Selbstentfaltung.
Er spricht auch das Waldbrand-Kollektiv an, das er vor allem mit Open Air-Veranstaltungen in Verbindung bringt und symbolisch für kommende Generationen sieht. „It’s important to bring the next generation in“; motiviert und risikobereit. Und wenn wir schon bei kommenden Generationen sind – die werden bald einen brandneuen Ort zum Feiern haben. Für Reece stellt die frisch eröffnete „Neue Welt“ eine Lückenschließung in der Clublandschaft dar: „Leipzig needs this space. An intimate space for partying that’s not a bar.“ Er möchte zudem alle drei Szene-Plattenläden erwähnt haben, das Vary, das Inch by Inch und das Sleeve++, von denen er froh ist, dass sie alle ihre eigene Nische bedienen. Das trägt für ihn zur besonders diversen Musikkultur in dieser Stadt bei.
Wenn es darum geht, wo Reece sich selbst im Konglomerat der Clubkultur einordnet, findet er simple Worte: „I feel like I do my own thing a bit.“ Nichtsdestotrotz sagt er folgendes von seiner präferierten Arbeitsweise:
„first and foremost I like making music with other people a lot.“
Und wie ist er überhaupt zur Musik gekommen? Ein Blick in seine Geschichte offenbart: Bis er mit der High School fertig war, widmete Reece sich „guitar music“, vor allem im Math Rock- und Indie-Bereich. Dann ging es mit elektronischer Musik los, zu der er erstmal einen Bezug durch das Feierngehen und Hip-Hop-Hören aufbaute. Als besonders einflussreich zu dieser Zeit nennt er die Labels Brainfeeder, Warp und Stones Throw.
Platten sammelte er zwar schon seit dem Teenager-Alter, doch mit 22 fing er schließlich mit dem Produzieren und mit 23 mit dem Auflegen an. „Obviously I knew what house and techno sounded like, but I wasn’t that drawn to it“, stattdessen sagte ihm Dubstep zu, der sich durch eine andere Art von Beat auszeichnete und sich geschwindigkeitsmäßig zwischen Drum & Bass und House bewegt. Das war auch das erste, was er zu produzieren begann, worüber es dann zu härterem Techno ging. Übersteuerte, schroffe Sounds charakterisieren für ihn sein erstes Dance Music-Projekt, auf dem er mit einem Freund unter dem Namen Senate Platten veröffentlichte. Und nun – obviously – ist er seit einigen Jahren bei House-Musik angekommen, die er mal alleine, mal in Kollaboration mit Künstlern wie Qnete oder Salomo produziert.
Mit Salomo ist im Januar unter dem Namen Bumper 2 Bumper ein weiteres Release bei Long Vehicle erschienen und bei R.A.N.D. Muzik Recordings ist von Reece als Head-Kurator wohl auch noch einiges zu erwarten. Nach fünf Jahren ist er mit Leipzig noch lange nicht fertig geworden, so viel steht fest.
Cyan85
Auch Yannick, bekannt als Cyan85, ist inzwischen Wahl-Leipziger. Aufgewachsen in Erfurt, der Landeshauptstadt Thüringens mit zweihunderttausend Einwohner:innen, kennt er sich im Gegensatz zu meinen anderen beiden Interviewgäst:innen mit den neuen Bundesländern aus – und bezeichnet sich nichtsdestotrotz als „Provinzler“.
Wie Reece ist Yannick Vollblutmusiker, sobald es irgendwie möglich war, saß er vor einem Instrument. Es fing an mit dem Schlagzeug, wobei er schnell entdeckte, dass er lieber mit anderen Menschen zusammen Musik macht – und so ging es für ihn von „Bandgeschichten“ im Grunge-, Indie- und Mathrock-Bereich zu „Programmarbeit“, wie er sie nennt. Für ihn ein Gamechanger.
2009 circa bekam er seinen ersten Laptop, von da aus ging es sowohl mit dem Produzieren, als auch dem Auflegen los, während er auf Partys in Erfurt und Weimar elektronische Musik entdeckte. Diese Erfahrungen verarbeitete er naturgemäß in seinen eigenen Produktionen, zuerst in Form von House, dann Techno und schließlich Electro. Im letzteren Genre ist er mit seinem Alias heute einer der bekanntesten Produzent:innen Deutschlands geworden, immer raw und funky unterwegs.
Aber auch eine weitere Musikrichtung, fernab von Clubs und illegalen Raves, war für ihn immer ein großer Einfluss: Hip Hop. Seitdem er denken kann, sagt er, hört seine Mutter Gangsta Rap, welcher für ihn die Grundlage weiterer elektronischer Genres bietet. „Ghettotech“, zum Beispiel, „habe ich schon viel früher immer gehört, aber nie produziert oder aufgelegt, weil ich dachte das versteht keiner. Das war eher Homeparty-Musik“.
Breaks, breaks, breaks
Als Yannick das sagt, driften wir kurz ab und unterhalten uns über das erneute Aufleben von Breakbeats. Seit Pandemiebeginn hat sich da gefühlt mehr Akzeptanz aufgetan – aber warum? „Wahrscheinlich das Internet“, meint Yannick. Das kann an großen Namen liegen, denn solange es sich nur im Underground bewegt, gewinnt es nur schwer an Popularität. Oder es kann an einzelnen Tracks liegen, die Welle gemacht haben, breakige Bootlegs und Edits eben. „Breakbeat-Tracks basieren ja häufig auf Sample-Arbeit. Das ist vor allem auch für Einsteiger:innen interessant, weil man schnell einen tauglichen Grundbeat bauen kann. Man hat eine Struktur vorgegeben, das macht das Ganze einfacher.“
In dem Zuge holt Yannick eine Anekdote aus Erfurt heraus und erzählt, dass er oft donnerstags auf einer Tischtennisparty in seinem Stammclub gespielt hat. Dort war gemischtes Publikum anzutreffen: Leute, die gerne zu Techno feiern gehen, Hip Hop hören oder eben gar keinen musikalischen Anspruch haben. „Und wie kriegst du die alle unter einen Hut, dass alle geil feiern können?“ 80’s Classics kennen und lieben zwar viele, können einen Floor aber nicht immer zum Kochen bringen, meint er, zumindest oft nicht all night long. Edits bringen das alles eben doch unter einen Hut: Tracks und Lyrics, zu denen Menschen bereits einen Bezug haben, gepaart mit tanzbaren Beats. „Du hast ‘ne ganz andere Bandbreite an Leuten, die du ansprechen kannst und die sich vielleicht durch die bekannten Lyrics auch an eine schnellere BPM gewöhnen können“. Das macht allen Beteiligten – Crowd, DJs und Producer:innen – Spaß.
Vor ein paar Jahren war es jedoch nur begrenzt möglich, mit Breaks in bestimmten Städten den Floor voll zu spielen, wie auch Yannick bestätigt: „In Erfurt war ich mit Electro nicht unbedingt angesagt“. Trotzdem war die Zeit für ihn dort prägend und richtungsweisend; Erfurt bot ihm die Möglichkeit, sich in jungen Jahren auszuprobieren. Er landete mit seinem Studio zum Beispiel im Zughafen, einem Künstler:innennetzwerk und Kulturzentrum, das von Clueso gegründet wurde. Auch im Kalif Storch, dem wohl bekanntesten Club der Stadt, wurde er Resident und hostete mit Freunden eigene auf Electro und Breakbeat fokussierte Clubnächte namens Aquatic. Es entstanden jede Menge Chancen, Output zu generieren, in welcher Form auch immer. Chancen, für die er bis heute dankbar ist.
„Leipzig war für mich immer die Electro-Stadt.“
Yannick zog zwar zeitgleich mit Marie schließlich Ende 2020 nach Leipzig, war aber schon deutlich vertrauter mit der Stadt. Viele Erfurter:innen aus dem Bekannten- und Freundeskreis wohnten bereits hier, die räumliche Nähe bedingte viele Besuche. Was ihn zum Umzug motivierte, war letzten Endes nicht nur die musikalische, sondern vielmehr die kulturelle Vielfalt, wie auch die Infrastruktur und
„eine gewisse vertraute Ost-Optik“.
Mit der Clubkultur hatte der Umzug aber nicht allzu viel zu tun: „Ich wusste, dass es hier ’ne interessante Szene gibt und dass hier bestimmt einige Symbiosen entstehen, aber das war nie mein Hauptfaktor.“
„Man war voll heiß, hierher zu kommen, die Stadt und ihre Leute kennenzulernen – das ging aber gar nicht, es war halt nichts los“, bemerkt Yannick als wir von seinen bisherigen Erfahrungen in Leipzig sprechen, die pandemiebedingt begrenzt sind. Im Sommer 2021 hatte er dann trotzdem seinen ersten Gig als Leipziger in den Pittlerwerken und bestätigt: „Leipzig hat soundtechnisch viel zu bieten, das habe ich auch nochmal im Sommer gemerkt, als es dann endlich losging“. Vor 2020 hatte er erst ein- oder zweimal hier gespielt und entgegen meiner Vermutungen keinen großen Erwartungen an die Szene. Außer, was ein Genre angeht angeht:
„Clear Memory waren für mich immer das ausschlaggebende Label für Electromusik in Leipzig“.
Bei der Frage danach, was Leipzig von anderen deutschen Städten unterscheidet, nennt Yannick erneut die musikalische Vielfalt, die für ihn besonders prägnant ist. Hierbei verweist er allen anderen Clubs voran auf das mjut als Anlaufstelle für diversere Musikrichtungen. Für ihn ein Ort, an dem er sich clubtechnisch seit seiner Ankunft besonders wohl fühlt – vielleicht auch, weil es ihn durch die Gleisnähe an das gewohnte Habitat im Zughafen erinnert. Und, grinst er: „Vor allem im Vergleich zu Erfurt geht es in Leipzig länger, das ist schon mal schön!“
Als weiteren Ort, der ihm in Leipzig wichtig ist, nennt er seine Stammbar: Die Liqwe auf der Zschocherschen Straße, welche ebenfalls von befreundeten Erfurtern betrieben wird. Tipp! Und wenn es um Plattenläden geht, taugt ihm vor allem das Sleeve++ im Osten, zu dessen Betreiber:innen er schon länger Kontakt hat, zum Beispiel über das Clear Memory-Label oder fellow Thüringer DJ Maik. Von Ost bis West ist überall etwas dabei.
Ich frage mich, ob Yannick sich nach knapp anderthalb Jahren schon als Teil der Szene angekommen und aufgenommen fühlt. „Ich fühle mich als Teil einer Teil-Szene“, erwidert er; nur weil man bekannt ist, ist man nicht automatisch integriert. „Auf einmal ist man Teil des Kulturprogramms, obwohl man noch gar nicht wusste, worauf man sich einlässt. Man muss ein neues Umfeld erst selbst richtig kennenlernen, bevor man sich dort angekommen oder zugehörig fühlen kann“.
Umgekehrt dürfte Leipzig sehr wohl im Bilde sein, worauf sie sich bei Yannicks Präsenz in der Stadt einlassen dürfen: tighte Productions straight aus 0341, wie sein aktuelles Release auf Curtis Electronix bestätigt. Auch die gemeinsame Plattform Habibi Bass mit seinem Kollegen Turk Turkelton liefert ständigen Output, fokussiert auf Digital Releases von unbekannteren Künstler:innen. Kommende Releases versüßen Hörer:innen währenddessen nur das Warten während des erneuten Clublockdowns, bis die Stadt von Yannick endlich standesgemäß partytechnisch entdeckt werden kann.
Vielen Dank an alle Künstler:innen für ihre Zeit und vielen Dank besonders an Sam Müller, die für diesen Artikel alle Fotos beigesteuert hat.
Dies sind nur drei Beispiele von vielen Artists, die in Leipzig eine neue Heimat gefunden haben – vielleicht wird aus Leipzig Import ja eine neue frohfroh-Reihe? Wenn es Künstler:innen gibt, die ihr hier sehen möchtet, lasst es uns in den Kommentaren oder über unsere Social Media Kanäle wissen.
Pünktlich zum Olympia-Jahr 2020 wollte Micronaut eine musikalische Hommage zur Olympiade veröffentlichen – doch es kam anders als geplant. Nun aber ist alles komplett und wir haben ein Mini-Interview mit ihm.
Diese Woche beginnen die Olympischen Winterspiele in China, Micronauts zweites „Olympia“-Album ist also genau pünktlich erschienen. Im September 2020 kam bereits der erste Teil heraus – auch auf dem renommierten Label Ki Records. Damals mussten die Sommerspiele in Tokio aber corona-bedingt um ein Jahr verschoben werden.
Aber egal, konzeptionell geht das Album-Duo sehr gut auf. Es featured fast jeder Sportart einen eigenen Song. Musikalisch unterscheiden sie sich in feinen Nuancen, die „Summer Games“ klingen an vielen Stellen tatsächlich etwas wärmer, leichter und poppiger. Dagegen wird es bei den „Winter Games“ darker und schroffer – beispielsweise wechselt „Ice Hockey“ von einem breakig-gleitenden Intro plötzlich in bedrohlich-dramatische Phasen.
Micronaut hat auf den beiden „Olympia“-Alben seinen Sound-Mix noch einmal deutlich verfeinert und auf ein neues Level gebracht. Die hektisch-springenden UK-Breaks und weit ausholenden, teils sogar ravigen Synth-Melodien; die mal kurz gesampleten, mal story-erzählenden Vocals – all das sind Elemente, die Micronauts Spektrum schon lange prägen. Aber auf den beiden Alben klingt es insgesamt noch viel stimmiger und in sich geschlossener als zuvor. Auf jeden Fall haben die UK-Einflüsse auch noch einmal mehr an Gewicht gewonnen – und das ist definitiv ein Gewinn.
Weiter unten erzählt Micronaut selbst etwas mehr zum Entstehungsprozess und schaut zurück auf 10 Jahre Micronaut.
Interview mit The Micronaut
Wie kam die Idee zu zwei Olympia-Alben?
Es sind gar nicht zwei verschiedene Alben – die gehören schon zusammen. Ursprünglich sollte es eine Doppel-Vinyl werden, alle 24 Lieder waren ja schon fertig. Und dann wäre genau wie jetzt, eine Platte „Summer Games“ und die andere „Winter Games“ geworden. Nun kommen beide nacheinander raus.
Gibt es bewusste Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen beiden Alben?
Ja, ich führe meine Strategie und Albumstruktur fort, jeder Track ist dem Thema des Albums untergeordnet. So sind jeweils die Sommer- und Wintersportarten aufgeteilt. Als ich bei den ursprünglichen Songskizzen am Fertigproduzieren war, hatten die meisten noch gar keinen richtigen Namen. Ich fing dann an, alle Tracks in Kategorien aufzuteilen – wie z. B. filigran, detailliert, brachial, robust, intensiv, sensibel, ausdauernd, team, solo, fokussiert. Alle Tracks und auch Sportarten ließen so so zuordnen. Die „Summer Games“ hat schon wärmere Vibes und die „Winter Games“ ist hingegen eher rau und hat irgendwie mehr eine kühle Weite.
Die „Summer Games“ hatten einen deutlicheren UK-Einschlag als zuvor, finde ich – haben sich deine Sound-Präferenzen in den letzten Jahren noch einmal erweitert und verschoben?
Wäre schlimm wenn nicht. Ich will mich ja nicht wiederholen. Den Sound vom „Friedfisch“-Album konnte ich nur einmal machen. Die Musik, die ich höre, hat natürlich auch einen Einfluss auf das, was ich mache. Klar habe ich immer noch meine Jungle- und Drum & Bass-Helden von damals, aber ich bin immer sehr interessiert an neuen Sachen oder entdecke alte Schätze.
Selbst wenn Scuba oder Joy Orbison Techno machen, hat das immer diesen UK-Touch und irgendwie holt mich das mehr ab. Trotzdem bin ich aber auch großer Fan von Marko Fürstenberg und Vainqueur. Ich habe angefangen, wieder ganz naiv Musik zu machen und mich von Strukturen oder festgefahrenen Produktionsweisen zu lösen.
„Das Experimentieren ist wichtig geworden.“
10 Jahre Micronaut – Zeit für einen Rückblick, was waren deine Highlights, deine Struggles?
Ich habe mal gesagt, eine Platte mit meiner Musik, das ist ein großer Traum. Und das war das „Friedfisch“-Album. Alles was danach kam, war ein Bonus, den ich zu meinen Highlights zähle. Ich konnte mich 2014 als Musiker selbstständig machen und lebe bis heute diesen Traum – auch wenn es gerade schwierig ist.
Struggles gab es auch genug, aber die nehme ich dafür gerne in Kauf. Ich bin dankbar für alles, was ich durch 3000 Grad, Freude Am Tanzen, Ki Records und natürlich Marv von MR Kultpro ermöglicht bekommen habe. Das bin nicht nur ich, es gibt viele Freunde, die mich unterstützen. Meine größten Highlights sind eher die Leute, die ich durch die Gigs kennengelernt habe. Da sind manchmal sogar Freundschaften draus entstanden. Auch dass ich Orte bereisen kann, die ich ohne den Auftritt dort niemals gesehen hätte, ist toll. Ich kann jetzt nicht nur drei bis vier Bespiele nennen.
Du lebst seit einiger Zeit in einem Dorf bei Leipzig – hat das dein Musikmachen verändert?
Mein Studio war schon immer ein kreatives Spielzimmer zum Musikmachen. Nicht clean, sondern etwas unaufgeräumt und gemütlich, mit vielen Erinnerungsstücken wie Fotos oder kleinen Mitbringseln von unterwegs. Ich brauche solchen Kram um mich rum, der mich an schöne Momente erinnert – einfach zum Wohlfühlen. Wo dieser Raum dann ist, spielt keine Rolle. Darum hat das Dorf auch keinen Einfluss auf meine Produktionen. Der einzige Unterschied ist, wenn ich jetzt zweimal am Tag eine Hunderunde gehe: Ich muss nicht erst mit dem Auto fahren, um in den Wald zu kommen, ich gehe einfach vom Hof und bin da. Ich fahre aber trotzdem mindestens einmal die Woche nach Leipzig. Freunde besuchen, Essen gehen usw. – 20 Kilometer, easy.
Was für Specials sind rundum das neue Album geplant?
Ideen gibt es viele, nur die Umsetzung musste schon mehrmals verschoben werden. Es gibt eine neue Liveshow mit neuer Lichtshow. Und es ist was mit den Icefighters und der Spielvereinigung Süd geplant. Ich hoffe, dass wir bald wieder live spielen können und das noch alle Clubs da sind.
Das neue Jahr ist mit Nostalgie, Electro-Funk und analoger Ruppigkeit gestartet. Hier sind unsere sechs EP-Empfehlungen vom Januar 2022.
DjBadshape „Hurrican Kick“ (Defrostatica)
Bevor es mit einer ganzen Reihe an Oldschool-Stuff losgeht, fange ich mit dem freshesten an, was dieser Monat wohl hervorgebracht hat: die erste eigene EP von Dj Badshape. Die Leipzigerin bewegt sich zwischen Design sowie Musik und hatte bei Human und Defrostatica bereits erste Compilation-Beiträge – bei uns gab es auch schon eine Track-Premiere mit ihr. Nun also das EP-Debüt. Und was für eins. Zwei Tracks, die einerseits unglaublich filigran und detailliert ist, andererseits total minimalistisch bleibt.
„Hurricane Kick“ mäandert in Midtempo voran und lässt dem Preacher-Vocal der Londonerin Stormskater viel Raum. „PMS (I Am Tired) verschiebt die Soundgrenzen dann zu düster-ravigem Breaks-Techno. Ohne aber an Minimalismus und Tiefe zu verlieren. Mega gute EP.
Mein Hit: „Hurrican Kick“. Why: Weil mich die fette Bassdrum direkt reingezogen hat und Stormskater die Spannung so gut hält.
Robyrt Hecht „Type EF“ (Clear Memory)
Damit beginnt eine längere Nostalgia-Reise. Robyert Hecht überrascht mich hier mit einer vollen Ladung Electro-Funk, Detroit-Straigthness und wahnsinnig positiven und verspielten Vibes. Irgendwie hatte ich seinen Sound anders in Erinnerung. Aber diese neue selbstbewusste Happieness gefällt mir richtig gut. Raus aus den verspulten interstellaren Träumen, rauf auf den alles umarmenden Dancefloor. „Scrilla Cruise“ strahlt hier besonders heraus und offenbart echte Hit-Qualitäten. Aber auch die anderen fünf Tracks legen den Fokus auf einen eher leichtgängigen, fast poppigen Zugang zu klassischem Oldschool-Electro.
Mein Hit: „The Cone“. Why: Weil er so simpel so viel gute Laune verbreitet, bester Konter gegen das Winter-Grau.
Credit 00 „Data Phobia“ (Mechatronica)
Klanglich nicht weit entfernt bewegt sich Credit 00 auf seiner neuen EP. Gerade „Being Baked“ kommt ähnlich unbekümmert und poppig daher. Allerdings sind die anderen Tracks deutlich darker und rougher und geradliniger. „Fatty Acid“ taucht herrlich tief ein in die Acid-Spirale. Mit kosmischen Melodien, schroffen Claps und äußerst trippigen Synth-Schleifen. „Control Z“ ist der Gegenentwurf dazu: sehr spannungsgeladen mit spooky Vocals und reduziert-düsterer Atmosphäre. I love it.
Mein Hit: „Control Z“. Why: Weil die wenigen, präzise gesetzten Drums eine unglaubliche Spannung aufbauen – und trotzdem hat es Pop-Appeal.
Core „Rise“ (RUNLXC)
Nun wird es richtig oldschool – und zwar tatsächlich. Denn LXC vom Leipziger Traditionslabel Alphacut hat sich entschieden, auf Bandcamp ein Archiv all seiner Tracks zu veröffentlichen. Nach und nach. Von den Neunzigern bis heute. Los geht es mit Core, einem ersten Projekt von LXC aus einer Zeit, als DIY-Producing mit 512 KB RAM auskommen musste und es noch keine tausende Youtube-Tutorials gab. Die ersten elf Tracks wurden alle neu gemastert und sind dadurch quasi kaum gealtert. Musikalisch ist das Ganze äußerst divers: von Breakcore über Jungle, Rave und Drum & Bass bis zu komplett verrückten Riot-Momenten. Eine tolle Zeitreise. Lest unbedingt auch die Liner Notes bei Bandcamp zu jedem Archiv-Release. Dort erzählt LXC noch mehr zu den einzelnen Tracks.
Mein Hit: „Deny“. Why: Weil hier eine super wilde Riot-Hymne wiederhervorkommt, mit in Headphones eingesungenen Vocals.
Reflex Blue „RM12014“ (R.A.N.D. Muzik)
Gefühlt kein Monat, in dem nicht eine neue R.A.N.D. Muzik-Platte erscheint. Nach einigen Compilations gibt es mal wieder eine reine Artist-EP – von einem australischen Newcomer. Seit rund einem Jahr gibt es erste Tracks von ihm öffentlich zu hören. Dafür klingen sie aber schon sehr versiert und auf den Punkt gebracht. Die vier House-Stücke sind sehr powerful und treibend, durchaus mit progressiven, kitschigen und triballastigen Vibes, aber nie plump dabei. Immer mit einer gewissen Reibung, um sich der Beliebigkeit zu entziehen.
Mein Hit: „Into the Void“. Why: Weil dieser Track auf entspannte Weise die ganze Vielfalt der EP vereint.
TIBSLC „How To Open Your Eyes In The Eye Of A Sandstorm“
Zum Schluss noch eine Neuentdeckung. TIBSLC, noch nie davon gehört, obwohl es bei Soundcloud schon sechs Jahre alte Tracks gibt. Wahrscheinlich aus dem Pracht-Umfeld, bei einer Compilation erschien auch ein Track. Bei Bandcamp hat er im Januar eine sehr spannende EP mit kurzen Ambient- und Experimental-Tracks veröffentlicht. Mit leicht melacholisch eingehüllten Sounds, unsophisticated Glitches und dennoch einigem Art-Appeal. Bei Instagram lässt sich erahnen, das TIBSLCs Musik sehr eng mit moderner Kunst verbunden ist. Nice one.
Mein Hit: „Curiosity City“. Why: Weil hier Wärme und Unruhe so gut und schlüssig aufeinanderprallen.
Aktuell tut sich einiges an den Rädern von Leipzig. Während im weiten Norden die Pittler-Werke immer mehr Gestalt annehmen, wächst am anderen Ende der Stadt ebenfalls ein neuer Club-, Event- und Kunst-Spot – das Areal Orbis. Wir haben erste Informationen.
Die ersten Gerüchte zu einer neuen Location im Südwesten gab es vor wenigen Wochen bei Twitter und Instagram, danke an Sound of Leipzig btw. Daraufhin haben wir uns auf die Suche gemacht und einen Ansprechpartner gefunden – Philipp. Er ist Initiator und Teil eines kleines Teams, das das Areal Orbis im April 2022 eröffnen möchte. Unter anderem steht ihm dabei auch ein erfahrener Techno-Head zur Seite, der aber incognito bleiben möchte.
Wo entsteht das Areal Orbis? Im südwestlichsten Zipfel von Leipzig wird das Areal Orbis entstehen, unweit vom Zwenkauer See und der Weißen Elster sowie mittendrin in einem Gewerbegebiet am Bösdorfer Ring. Ganz ehrlich, mir war nicht klar, dass dies überhaupt noch zu Leipzig gehört. Aber es zählt zu Hartmannsdorf-Knautnaundorf. Mit dem Rad braucht es 30 Minuten bis dahin. Alternativ ist aber auch ein barrierefreies Shuttle zwischen dem Areal Orbis und dem Bahnhof Knauthain geplant.
Die Location ist übrigens eine alte Lagerhalle aus DDR-Zeiten, die nach der Wende meist leer stand, ein paar Partys hat sie wohl auch schon erlebt. Rundherum gibt es einen großen grünen Außenbereich, der künftig auch für Open Airs genutzt werden soll. Indoor ist Platz für rund 500 Menschen. Aktuell sei das Grundgerüst für eine geile Party bereits vorhanden, meint Philipp. Aber es brauche noch etwas Feinschliff und die finale Abnahme.
Was ist geplant? Das Konzept sieht eine stilistisch breite Ausrichtung vor. Zwar gibt es einen großen Fokus auf verschiedene Genres der elektronischen Musik. Aber das Areal Orbis soll auch ein Ort für HipHop- und Rockkonzerte, Festivals, Kunst-Ausstellungen und Poetry-Slams werden. Dazu wird in den warmen Monaten der Außenbereich intensiv bespielt. Parallel dürfte das Areal auch als mietbare Event-Location genutzt werden.
Die Inspiration eine solche Location aufzuziehen, keimt bei Philipp schon seit seiner Jugend. Nach seiner ersten Clubnacht mit 16 war ihm direkt auf dem Dancefloor klar, dass dies sein Ding ist. Über ein Jahrzehnt später traf er auf den oben erwähnten Techno-Pionier und fand den Support, um solch ein Projekt zu verwirklichen.
Mitten in der Pandemie natürlich kein leichtes Timing. Aber es ist ein großer Hoffnungsschimmer, dass nach dem Neue Welt-Club noch an anderer Stelle zuversichtlich nach vorn geschaut wird.
Emma Philine lebt und arbeitet seit vielen Jahren als Musikerin und Künstlerin in Leipzig. Jetzt erscheint nach vier Jahren ihre erste EP „17 2 20“. Wir haben die Newcomerin kurz vor dem Jahreswechsel zum Interview getroffen und mit ihr über den Start während Corona, Leipzigs Musiknetzwerk und Spotify gesprochen.
„hyperpop-icon“
Gemeinsam mit ihrem Produzenten Dennis Behrendt aka Zoetrop hat Emma Philine seit 2017 an mehreren Songs gearbeitet, die von Sex und Depression handeln. Zwei der Songs, Slow und Ghost of mine, wurden bereits mit aufwändigen Videoproduktionen im vergangenen Jahr veröffentlicht – die Macher:innen des Kaltblut-Magazins beschrieben die Sängerin erst kürzlich treffsicher als hyperpop-icon. Nicht nur das hat deutlich gemacht, dass man an der Newcomerin einfach nicht mehr vorbeikommt.
Emma Philine_17 2 20
frohfroh: Erzähl erstmal gerne von dir… Wie heißt du, wer bist du, was machst du?
Emma Philine: Ich bin Emma Philine, 21 Jahre alt und komme ursprünglich aus Berlin. Mit 13 bin ich nach Leipzig gezogen und habe hier meinen Produzenten Dennis kennengelernt. Mit ihm habe ich angefangen, eigene Musik zu machen. Vorher hatte ich Gesangsunterricht an der Musikschule „Neue Musik“ in Leipzig.
Am 6. Januar 2022 erscheint deine erste EP namens „17 2 20“. Wie lange haben Dennis und du daran gearbeitet?
Wir haben seit 2017 bis 2020 daran gearbeitet… (lacht)
Der Name ist also auch programmatisch. Ist das ein langer Zeitraum für dich?
Ja, das ist lang. Als DIY-Projekt ist es klar, dass es länger dauert als mit einem eingespielten Team hinter einer Produktion. Dazu kommt, dass wir alles – wirklich alles – das erste Mal gemacht haben. Dennis hat zum Beispiel erst mit mir angefangen zu produzieren und ich habe mein erstes Musikvideo geschnitten. Das heißt, alle Prozesse bis zur Fertigstellung – das Artwork, das Setting, die Vermarktung – das alles war bis dahin neu für uns.
„17 2 20“ von Sarah Letalik, Lucas Parsley und Tim Bencker
Worum geht es in deiner EP, inhaltlich?
Es geht um die Jahre von 2017 bis 2020, also um genau diesen Zeitraum. Es gibt zwei zentrale Themen: Sexualität und Depression. Als Titel habe ich „17 2 20“ gewählt, weil ich zu diesen Themen Distanz schaffen wollte.
„Denn ich bin meiner Kunst, egal was ich mache, voraus.“
Ob das am nächsten Tag ist, dann bin ich natürlich etwas näher dran, oder eben ein Jahr oder auch mehrere Jahre später – ich bin dann schon so viel weiter weg von dem, was ich mal produziert habe. Mit dem Titel wollte ich auch die Dramatik etwas herausnehmen.
Bist du sehr perfektionistisch, was deine Darstellung, die Inszenierung deiner Musik und das Konzept dahinter angeht? Deine erste Single Slow und auch die zweite Auskopplung Ghost of mine sieht sehr danach aus, im positiven Sinne.
Es ist sehr schön, wenn du sagst, es wirkt als hätte das Alles ein Konzept – denn das hatte es nicht. Am Anfang, wenn man Musik macht, weiß man noch nicht, was es bedeutet – und wie man die Teile in einer EP oder in einem Album zusammenfasst.
Wir haben einfach Musik gemacht und ich habe dann im Nachhinein geschaut, wie das Alles zusammenpasst, welche Themen es sind, wie es ästhetisch aussieht und wie sich das anfühlt. Mich freut, dass es so professionell aussieht, denn das zeigt, dass sich unsere Arbeit, die wir reingesteckt haben, gelohnt hat.
Wie war das für dich, als Musikerin während Corona zu starten?
Eigentlich hat das für uns gepasst, kann man sagen. Denn anfangs ging es für uns um Musik schreiben, Videos drehen, Artworks erstellen – jetzt, wo Liveshows immer relevanter werden, wird es natürlich auch für uns kritisch. Corona war aber auch für uns eine Herausforderung als es um die Videoshootings ging, hier mussten wir Auflagen einhalten und Termine wurden uns teilweise abgesagt.
Du warst erst kürzlich als Künstlerin bei einer Spotify-Playliste auf dem Cover. Was hältst du von Musik-Streamingdiensten wie Spotify & Co.?
Das Thema ist für mich super aktuell und sehr neu. Ich war demgegenüber relativ unkritisch. Bis wir die EP veröffentlicht haben.
„Jetzt merke ich Schritt für Schritt, wie sehr Spotify Künstler:innen über den Tisch zieht und wie wenig Einnahmen bei mir als Artist ankommen.“
Für mich geht es zwar gerade noch weniger um Geld als um Reichweite und da freue ich mich natürlich, dass es derzeit bei Spotify für mich so gut läuft, allerdings wird es zunehmend als DIY auch wirklich wichtig Einnahmen zu generieren. Und da 10.000 Streams auf Spotify nicht mal einer Pizza mit Cola dazu entsprechen, ist das natürlich schon frech.
Man muss andere Wege finden sein Geld wieder rein zu kriegen. Deswegen ist es wichtig, dass Musikkonsument:innen sich dieses Umstandes im Klaren sind und schauen wie sie insbesondere die small Artists unterstützen können. Ich habe jetzt zum Beispiel neuerdings ,,Fanklub“, da kann man mich monatlich mit einem selbst gewählten Betrag unterstützen und bekommt exklusiven Content und BTS Material im Gegenzug zurück. Checkt das auf jeden fall aus.
Stichwort Netzwerke: Mit welchen Künstler:innen aus Leipzig hast du bisher zusammengearbeitet?
Die einzige Konstante in meiner künstlerischen Arbeit ist Dennis. Er ist immer dabei, das übrige Team wechselt. Ich muss sagen, auch wenn ich sehr dankbar für die Unterstützung, die ich erhalten habe, bin, habe ich viele Schlüsse gezogen, die mir gezeigt haben, dass ich mit einigen Menschen nicht mehr zusammenarbeiten möchte. Das betrifft vor allem cis männliche Personen.
„Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich am liebsten nur mit FLINTA-Personen zusammenarbeiten.“
Ich habe was das angeht aus meinen Fehlern gelernt – und bin vorsichtiger. Ich war vertrauensvoll und habe mich sehr geöffnet und dabei wenige Grenzen gezogen. Ich wusste damals auch noch nicht, wie ich mit meiner Rolle als diejenige, die das letzte Wort hat, umgehen soll. Und das als Frau unter Männern. Ich bin trotzdem froh, dass ich diese Erfahrungen jetzt gemacht habe und nicht erst später, wenn mehr Geld oder ein größerer Deal im Spiel ist.
_Ghost of Mine
Wie feiert ihr den Release, jetzt, wo wieder Lockdown ist – und vermutlich auch im Januar noch nicht mit der Öffnung von Clubs und Konzertlocations zu rechnen ist?
Ich würde mir sehr wünschen, falls es erlaubt ist, eine kleine Party zu organisieren. Mit meinen engsten Freund:innen und allen, die an der EP beteiligt sind und die ich schätze und gerne habe. Und mit ihnen möchte ich gerne anstoßen und einfach einen sweeten Abend verbringen.
Letzte Frage: Was kommt noch, was hast du vor? Planst du deine Karriere auch über Leipzig als Standort hinaus?
Erstmal werde ich in Leipzig bleiben, weil ich hier gerade mein Abi nachhole. Aber ich könnte mir natürlich vorstellen, über Leipzigs Grenzen hinweg zu gehen, Berlin bietet sich da an. Mein großes Ziel ist ein Album, das ich aber was Lyrics, Performance und Message betrifft, mit Sinnlichkeit angehen möchte – dafür müssen wir uns aber erst Zeit freiräumen.
Die aktuelle EP ist ein Abbild der musikalischen und künstlerischen Entwicklung von Emma und Dennis, die nun hörbar geworden ist. Und eben diese Entwicklung ist noch lange nicht vorbei, wie Emma sagt.
YouTube, TikTok, Instagram, Spotify, Twitter… die beiden sind überall, vor allem aber im Ohr. Einen Überblick, was wo wann passiert, was wo zu hören ist und wie ihr sie unterstützen könnt, lest ihr auf ihrer Website.
Kurz vorm Jahresende noch ein Blick auf die Leipzig-Releases der letzten Wochen. Mit dabei zwei Classics, ein Remix und ein Techno-Pionier aus Leipzig.
The Micronaut „Curling“ (Ki Records)
Ende Januar 2022 kommt der zweite Teil von Micronauts Ode an die Olympischen Spiele. Nachdem im Sommer mehrere Sportarten der Sommerspiele einen Song erhielten, kommen dann die Wintersportarten zum Zuge. Mit „Curling“ erschien neulich die zweite Single-Auskopplung von „Olympia (Winter Games)“. Und mittlerweile ist es zu einem Micronaut-Classic geworden, dass ein Song mit der Leipziger Komponistin, Musikerin und Sängerin Bernhardt entsteht. „Curling“ ist dreamy Indietronic – mit filigraner Rhythmik, lässigem Gesang und direkt umarmenden simplen Melodien. So soft kann Wintersport also sein.
Mein Hit: „Curling“. Why: Naja, lol, weil es eine Single mit einem Trackist
Ana Bogner „I Can Hear The Wind“ (Filburt Remix) (O*RS)
Lange nichts mehr von Filburts Label O*RS gehört. Obwohl: Im Sommer kam eine hörenswerte Workshop-EP, die ich nebenbei hier noch einmal auf den Radar hieven möchte. Eigentlich geht es aber um einen Remix eines sechs Jahres Ambient-Pop-Song von Ana Bogner. Filburt scheint er nach wie vor nachzuhallen – und so hat er aus „I Can Hear The Wind“ eine super weich gleitende House-Hymne gemacht. Perfekt für sehr späte und sehr emotionale Stunden. Hört auch gern nochmal in die EP des Originals rein. Ana Bogner sollte viel mehr Aufmerksamkeit bekommen.
Mein Hit: „I Can Hear You (Filburt Remix)“. Why: Weil dieser Remix nochmal ein Spotlight auf einen wunderbaren Song wirft
Klima „Static Off“ (Kellermusik)
So, nun aber raus aus den kuscheligen Wolldecken – ab in den Techno-Keller. Kellermusik ist nämlich wieder zurück. Seit 2001 featured das Leipziger Label Underground-Techno in verschiedenen Facetten – allerdings gab es mehrere Jahre keinen neuen Release mehr. Label-Head Klima nutzt das Comeback und btw. 20. Labeljubiläum für eine eigene Vier-Track-EP. Und ein bisschen klingt es so, als sei die Zeit stehengeblieben. Zwar sind die rougheren und analogen Sounds längst wieder groß zurück, aber es ist hörbar, dass hier jemand mit einem längeren Erfahrungshorizont Techno produziert. Scheppernden Hard-Tek mit Industrial-Einschlag sowie breakige Electro-Basslines vereint Klima auf der EP – alles mit einer gewissen Patina.
Mein Hit: „Static Off“. Why: Weil er irgendwie super dystopisch und rau, aber auch sympathisch verspielt klingt
Various Artists „RM241221“ (R.A.N.D. Muzik)
Hier noch ein Classic: Das Label vom Leipziger Vinyl-Presswerk bringt seit geraumer Zeit jedes Jahr eine Weihnachts-Compilation heraus – immer pünktlich zu Heilig Abend. Dieses Jahr sind vier Tracks von Producern aus Leipzig, Australien und Tel Aviv dabei. Der Anfang und das Ende sind die Highlights: Olsvangèrs „Pkak Del Mar“ entfaltet sich ewig lang in einer trippy-perkussiven Cosmic-House-Session. Barney In The Tunnel verschwindet mit „Emojional Rescue“ in einem verschrobenen Strudel aus breakigem Techno, hell gleisenden Synth-Flächen und wilden Zwischenphasen. Tim Schlockermann und Adam Strömstedt sind da deutlich aufgeräumter und unaufregter in bewährten House-Gefilden unterwegs.
Mein Hit: „Emojional Rescue“. Why: Weil dieser Track so viel Spannung und Wendungen hat, dass er eine eigene EP bespielen könnte
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