Bouygerhl-Gründer und Podcaster Zacker im Interview

Der Name, die Partys, die Konzerte – viele von euch kennen Zacker als Initiator hinter den Leipziger Partyreihen Glitter und Trauma und No No No. Mit seinem neuen Projekt Bouygerhl widmet er sich nicht nur mit einem Blog und einem Archiv queerer Musik in ganz Deutschland, er betritt auch die Podcast-Bühne.

Wir haben Zacker zum Interview getroffen und wollten wissen, wie das Musikarchiv, das er betreibt, eigentlich funktioniert, welche Acts ihn in letzter Zeit besonders beeindruckt haben und wann es wieder Partys von und mit ihm geben wird.


ff: Erzähl doch bitte ein paar Worte über dich, wer bist du, was machst du?

Zacker: Ich würde mich klassisch als Veranstalter bezeichnen – das heißt, seit 20 Jahren organisiere ich in Leipzig Partys, Konzerte und Filmabende. Derzeit unter dem Label No No No. Mein Ziel ist es dabei immer, queere Musik in den Fokus zu rücken, bei allem, was ich als Veranstalter tue.

„Ich bin Musikliebhaber, Veranstalter – und habe Lust, Dinge loszutreten.“

Im letzten Jahr habe ich ein neues Projekt gestartet, das sich Bouygerhl nennt. Das ist ein Archiv, Blog und ein Podcast für queere Musik, für den gesamten deutschsprachigen Raum. 

___No No No

Wann hast du angefangen, als Veranstalter zu arbeiten? Und warum, was hat dazu geführt? 

2003 habe ich damit angefangen. Der Grund ist ganz einfach: Ich war und bin im Herzen ein Grufti. Und zu diesem Zeitpunkt gab es noch kein Social Media wie wir es heute kennen, mit Facebook und Instagram. Es gab lediglich Online-Foren, in denen die Vernetzung nicht besonders gut war. Ich hatte also keine Anknüpfungspunkte für Veranstaltungen für mich als Grufti. Denn wenn ich in Schwulendiskos gegangen bin, wurde ich blöd angemacht und die Gruftiszene war nicht besonders homofreundlich. Der Start für mich war dann damals eine Gruftiparty für die schwul-lesbische Subkultur; schwul-lesbisch deshalb, weil es den Begriff „queer“ für mich persönlich zu dieser Zeit noch nicht gab.

Was war denn die allererste Party, kannst du dich daran noch erinnern?

Ja, das war die erste Zacker-Night. Ganz simpel, davon gab es sechs Stück, über drei Jahre verteilt. Und da war ich in einem Keller in der Kuhturmstraße, hinten am S-Bahnhof – dort haben wir zu zweit aufgelegt und wir wussten gar nicht, wer oder wie viele kommen würden und was an diesem Abend passiert. Wir hatten nur Flyer verteilt, mehr gab es damals einfach nicht, um Werbung zu machen. Damals hieß ich als DJ noch nicht Zacker, sondern DJ Acid Rock, oh Gott (lacht).

Und ab diesem Zeitpunkt sind Leipziger Clubnächte in etlichen Locations und Clubs nicht mehr ohne Zacker denkbar: No No No wird zu einer der bekanntesten Partyreihen, die fast alle kennen dürften, die Pre-Corona in der Szene unterwegs waren. Wir spulen ganz fix 20 Jahre vor: Dann kam Corona. Wie war diese Zeit für dich, was hat sich verändert?

Das erste Jahr hatte ich gar keine Probleme – diese Zeit war wie ein schlechter Traum. Natürlich habe ich auch Ängste gehabt, das möchte ich nicht verschweigen. Aber ich habe die Zeit auch genossen. Denn nach 20 Jahren war es einfach mal gut, durchzuatmen und die Routine, die sich eingeschlichen hat, wurde aufgebrochen. Ich hatte Zeit darüber nachzudenken: Was will ich eigentlich, wo will ich hin? 

Das zweite Jahr war dann viel schwieriger. Da ging es mir überhaupt nicht gut, ich habe mich zurückgezogen. Auch wenn man Freunde hätte sehen können, habe ich niemanden getroffen und bin auch zu keinen Veranstaltungen gegangen, auch wenn sie kurze Zeit möglich waren. Ich habe dann für mich entschieden, dieses neue Projekt Bouygerhl zu starten – und das ist seitdem wie ein zweiter Job und hat mich aus der Krise gerettet. 

„Das war mein Weg zu sagen: Hey, was gibt’s denn da noch, außerhalb der Clubkultur?“

Was sich seit Corona verändert hat, ist, dass ich nicht mehr so viel darauf gebe, oder mich danach richte, was andere über meine Veranstaltungen denken. Ich höre nur noch auf mich, denn ich kann nur mein Bestes geben. Das habe ich gelernt: Ich mache meine Veranstaltungen nicht, um anderen zu gefallen. Und wer Lust hat, macht mit. 

__Bouygerhl

Wie funktioniert dein Musikarchiv für queere Künstler:innen? Wie viele Artists sind dort mittlerweile vertreten?

Das ist total verrückt, aber ja, wir sind mittlerweile bei 1000 Einträgen. Und ich habe noch viel mehr in petto, nur muss ich es erstmal schaffen, die Einträge zu machen. Um das Archiv herum hat sich noch so viel mehr entwickelt, dass ich das eigentliche Archiv derzeit etwas vernachlässige. 

Angefangen hat das Ganze mit einer Exceltabelle mit 100 Acts, die ich als Booker für mich gepflegt habe. Es kamen immer mal Fragen, ob ich nicht wen kenne, für dies und jenes, eine Idee oder einen Kontakt habe – dann dachte ich, ich kanalisiere das und schreibe alles auf, was ich zu den Acts recherchiert habe. Das wurde dann zum Selbstläufer. 

Mittlerweile ist es so, dass ich unheimlich viele Mails bekomme, mit Vorschlägen, auch von großen Plattenfirmen. Das Archiv ist also das Herzstück, aus dem dann die eigentliche Arbeit hervorgeht: Die Artikel, die Insta-Posts, Interviews, der Podcast… da passiert also ganz viel.

Wie viel Arbeit bedeutet es für dich, dieses Archiv zu pflegen und bekannt zu machen?

In der Phase, in der ich angefangen habe die ersten 800 Acts einzupflegen, da habe ich morgens um 8 Uhr angefangen und bin um 1 Uhr nachts ins Bett gegangen. Mein Mann hat den Abend dann alleine verbracht und mir war schon ganz schwummerig (lacht). Das war genau vor einem Jahr, denn im Februar kam die Mail vom Programmierer: Du kannst anfangen. Und heute bedeutet es, ich stehe früh auf und das erste was ich mache: Mails für Bouygerhl checken. Dann fahre ich zur Arbeit und mache meinen eigentlichen Job – und danach, wenn ich wieder Zuhause bin, starte ich wieder mit der Arbeit für das Archiv. Es ist momentan wirklich ein zweiter Job. 

Welche Rückmeldungen bekommst du für deine Arbeit von Musiker:innen?

Das ist tatsächlich sehr zweigeteilt. Ich bekomme sehr viel positives Feedback aus der Branche, also von Labels, von Agenturen und Acts. Mein Ziel ist es jetzt, das Projekt auch an die Userschaft zu bringen. Dass die Leute das Konzept und den Mehrwert annehmen und für sich nutzen, den Podcast hören, die Artikel lesen und und und. 

Die negativen Rückmeldungen sind weniger geworden. Viele verstehen nicht, warum ich das Label queer verwende und schreiben mir, für sie gibt es keine queere Musik – auch wenn sie sich selbst als queer identifizieren. Aber ich weiß, warum ich es mache und wie wichtig mir der Begriff und die Gesamtheit des Projekts sind.

Ich habe diesen Satz, der auch in deinem Podcast, über den wir noch sprechen werden, fällt, zuerst in einer Pressemeldung gelesen: „Identität ist Realität.“ Ist das ist dein Credo, dein Motto?

Das fasst alles gut zusammen und ist für mich die Antwort darauf, warum ich das Ganze mache. 

„Ich bin der Meinung, dass es da draußen so viel mehr gibt als Mann, Frau, cis, trans, nonbinär, schwul, lesbisch, bisexuell, asexuell… jeder Mensch hat seine Realität. Und die gilt es, anzuerkennen, nicht zu verstecken und nicht in Schubladen zu stecken.“

__Podcast

Nächstes Thema: Dein Podcast. Wie großartig einfach… Top produziert, tolle Gäst:innen, krasse Gespräche. Warum mussten wir so lange darauf warten? 

Ich wollte nie einen Podcast machen. Ich fand das Medium merkwürdig und habe keine Podcasts gehört, außer „Paardiologie“ von Charlotte Roche und Martin Keß-Roche. Ich habe aber gemerkt, dass das Thema Musik für mich nur funktioniert, wenn ich mit den Menschen wirklich rede. Ich habe bei schriftlichen Interviews gemerkt, dass eine Barriere bleibt und viele Zwischentöne verschwinden. Ich habe dann ein Interview mit dem Künstler Lie Ning hier in Leipzig geführt und das aufgenommen. Da war der Weg vom Audio-Interview zum Podcast nicht mehr weit. 

Und mit welchem Team arbeitest du hier zusammen?

Durch Glück habe ich ein Produktionsteam in Leipzig kennengelernt, mit dem ich das Video-Interview In bed with Marcella produziert habe. Und genau die haben mich dann auch bei meinem Podcast in puncto Technik unterstützt. Ein Freund von mir ist Tontechniker, er mastert den Podcast für mich. Den Rest mache ich: Ich schreibe die Texte, ich konzeptioniere, ich fahre zu den Acts – na gut, mein Mann fährt mich – ich mache das Alles wirklich alleine. 

Ich wünsche mir natürlich, dass es Leute gibt oder geben wird, die Lust haben, dazuzustoßen und auch Artikel für Bouygerhl zu schreiben und Interviews zu führen. Aber gerade mache ich alles selbst – ich werde aber zum Glück von tollen Menschen, die ich gerne um mich habe, unterstützt.

Auf welche Gäst:innen dürfen wir uns als nächstes in deinem Podcast freuen?

Als nächstes kommen Folgen mit Becks, eine talentierte Deutsch-Pop-Musikerin, die durch TikTok bekannt geworden ist, Bambi Mercury, eine Teilnehmerin von Queen of Drags, die Pop-Musikerin Wilhelmine und der Rapper Sir Mantis. Mit Bouygerhl werde ich langfristig aber über subkulturelle Musikacts hinausgehen, das darf ich schon verraten.

Was steht im Sommer bei dir an? Planst du Veranstaltungen?

Ich plane erst einmal nichts. Ich habe zwei Veranstaltungen absagen müssen und das hat mir sehr weh getan. Ich warte bis es wieder zu 100 Prozent geht, denn ich habe einfach wieder Bock auf indoor also Keller, Schweiß, Beton, Sex, Techno, Indie, Dreck. 

„Ich freue mich natürlich auch sehr darauf, wieder Live-Konzerte und Partys zu veranstalten – allein mit den Leipziger Bands aus meinem Archiv könnte ich ein zweitägiges Festival füllen. Aber erst, wenn es wieder geht.“

Eine Frage noch, die du sonst immer zum Ende einer Folge im Podcast stellst: Deine drei prägendsten Alben?

Um diese Frage bin ich lange herumgeschlichen, weil ich einfach zu viele Alben nennen müsste. Ein prägendes Album ist in jedem Falle Madonna – Erotica. Das war der Startschuss für mich als junger schwuler Boy. Das Cranberries-Album No Need To Argue ist auch eines der prägendsten Alben für mich, weil es für mich die erste Berührung mit trauriger Musik war. Das war das erste Mal, dass ich mich in eine traurige, wehmütige, schmerzvolle Welt begeben habe und es war der Start meiner Grufti-Zeit. Und dann, natürlich, das Debut von Anohni. Eigentlich müsste ich noch Roxette nennen, aber das wäre dann mein viertes Album (lacht).

Und gib uns, als letztes, doch gerne noch ein paar Namen queerer Künstler:innen mit, die dir derzeit im Kopf sind, und die wir unbedingt auschecken sollten..?

Wenn wir es auf Deutschland begrenzen, dann auf jeden Fall Lie Ning, mit der schönen, samtigen Stimme. Boah Robin, der leider, leider Leipzig schon wieder verlässt und nach Berlin ziehen wird, die Hamburger Band FLIRT und Unconscious Honey.  


Zacker brennt für sein Projekt, für Musik, für Techno und für Queerness, und neuerdings auch für das Podcast-Machen, das wird in unserem Gespräch deutlich. Man möchte sich vor ihm und seiner unermüdlichen Kraft verneigen – und vor seinem Podcast, der einfach nur großartig ist. Empfehlung: Hört rein, ihr werdet nicht enttäuscht sein.

Die Fotos für unser Interview sind im Elipamanoke entstanden. Darüber freuen wir uns sehr und möchten Danke sagen an Zacker für seine Archiv- und Veranstaltungsarbeit und an Bastian Steinbach für die Fotos –  und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen. Im Keller. Mit Schweiß, der von den Wänden und der Decke tropft, im Dunkeln, mit Techno. Ganz bald.


** Der Name BOUYGERHL ist übrigens eine Hommage an Zackers erwähnte Lieblings-Musikerin, Anohni – „eine der progressivsten queeren Künstlerinnen unserer Zeit und unerbittliche Stimme im Kampf für Transgender- und Frauenrechte“, wie er schreibt.

Der Name sei eine lautmalerische Verschmelzung der Songtitel ‚For Today I Am A Bouy‘ und ‚Bird Gerhl‘ vom Album ‚I Am A Bird Now‘ aus dem Jahr 2005 (veröffentlicht als Antony & The Johnsons). Die Songs handeln von Geschlechtsidentität und vom Hinterfragen, vollendet in einer mutmachenden Botschaft voller Selbstbewusstsein, Zuversicht und Kraft.

Die Worte ‚Bouy‘ und ‚Gerhl‘ sind dabei nicht binär zu verstehen – also stellvertretend für männlich oder weiblich – sondern bereits als Aufweichung in sich. **

KW 11 – Samstag

Ein nachzuholendes Konzert in Plagwitz, Rave im Kunstkraftwerk und Aera in der Distillery – das sind unsere Samstagstipps.

Partyname: Periphere Sounds Festival
Zeit:19.03.2022, 20:00 Uhr
Location:Markthalle Plagwitz
Acts:Fhunyue Gao & Sven Kacirek

Seit einigen Monaten kuratiert das Periphere Sounds Festival in der Markthalle Plagwitz sehr spannende Konzerte mit experimentellen Sounds. Heute holen Fhunyue Gao & Sven Kacirek ihr eigentlich für November im UT Connewitz geplantes Konzert nach. Sehr passend: Denn im April bringt das Leipziger Label Altin Village & Mine das Debütalbum der beiden heraus.


Außerdem heute …

Saturday Rave – Distillery, 23:30 Uhr – House und Techno mit Aera, Schlepp Geist, Amotik, Mauro Caracho, Houdafk, Ninette

Night At The Museum – Kunstkraftwerk, 22 Uhr – Immersives Club-Event mit DeWalta, Weg, Nøvae

KW 11 – Freitag

Zwei Tipps für heute haben wir – Seelen feiert Birthday, im Freezone Store gibt es eine DJ-Session.

Partyname: 4 Years Seelen – Part 1
Zeit:18.03.2022, 22:30 Uhr
Location:Distillery
Acts:Karapapak, Sue Lèwig, Janein, Narciss, Shaleen, Stigmatique

Das Leipziger Techno-Label Seelen wird vier Jahre – Wahnsinn, wie viel die Betreiber:innen in dieser kurzen Zeit erreicht haben. Zum Geburtstag wird es zwei Partys geben – in der Distiller und später im IfZ. Heute spielen fünf Seelen-Acts und so ist straighter Techno in verschiedenen Nuancen zu erleben.

+++ Es gilt 2G Plus Plus, d. h., Einlass ist nur geimpft, genesen oder geboostert PLUS ein tagesaktueller negativer Test möglich +++


Außerdem heute …

Freezone Session – Freezone Store, 13-20 Uhr Uhr – House, Soul, Disco mit Filburt und sndoflpzg

Detroitnitz Rumble – Kulturlounge, 22 Uhr – House und Techno mit Shuray & Walle, Mbius, Naitwa, Submod (AUSVERKAUFT)

Doors? Open!

Seit dem 4. März dürfen in Sachsen die Clubs wieder aufmachen. Die Distillery hat dies gleich genutzt, andere lassen sich noch etwas Zeit. Hier erfahrt ihr, wer wann wieder aufmacht und was euch erwartet.

Die sächsische Corona-Schutzverordnung vom 1. März 2022 dürfte für viele Clubbetreiber:innen und Raver:innen eine Erleichterung gebracht haben. Denn unter Paragraf 12, Absatz 3 stand: „Für den Zugang zu Diskotheken, Bars mit Tanzlustbarkeiten und Clubs besteht die Pflicht zur Vorlage eines Impf- oder Genesenennachweises sowie jeweils eines Testnachweises (2Gplus-Regel) und zur Kontrolle der Nachweise durch den Betreiber oder Veranstalter. Es besteht keine Maskenpflicht für Besucherinnen und Besucher.“

Damit ist seit dem 4. März der Weg frei für das Re-Opening der Clubs. Aber so schnell geht das dann doch nicht. Ein Großteil der Leipziger Clubs hat sich noch etwas Zeit genommen – um sich intern zu sortieren und neue Programme zu planen. Nur ein Club war sofort wieder mit dabei:

Distillery

Die Tille feierte am 5. März ihr Last Re:Opening mit Camea, Somewhen, Daniel Stefanik und Vincent Neumann. Und die Leute waren offensichtlich sehr heiß darauf:

https://twitter.com/sndoflpzg/status/1500470408914608128

In der Telegram-Gruppe der Distillery hieß es, dass sogar die Polizei beim der Organisation des Einlasses aushelfen musste. Klar, für den Club und dessen Fans sind das die letzten Wochen an der aktuellen Location. Deshalb gibt es im März direkt ein volles Programm. Wie lange noch, wollte uns die Tille auf Anfrage bisher nicht verraten. Aktuell gibt es Termine bis Ende März.

17. März – Book-Release mit Alec Empire und Max Dax
18. März – 4 Years Seelen Part I
19. März – Saturday Rave w/ Aera, Schlepp Geist, Amotik …
26. März – Saturday Rave w/ Ryan Elliott, Manamana …

Institut fuer Zukunft

Das IfZ eröffnet Anfang April mit zwei Clubnächten wieder – verteilt über zwei Wochenenden. Und auch danach wird es erstmal nur eine Party pro Woche geben. Der Grund: „Die Pandemie hat unter anderem auch unsere Personalinfrastruktur zerschlagen“. Ende April feiert das IfZ dann seinen achten Geburtstag und im Mai findet das Trip-Festival statt. Hier der erste Überblick:

02. April – Reopening Clubnacht I
09. April – Reopening Clubnacht II
17. April – IO.ill
23. April – 4Yrs Seelen Part II
30. April – 8ACHT IfZ Birthday Extended
07. Mai – Drive x Young Shields
12. Mai – Trip Day I
14. Mai – Aequalis x Nebula x PVC

Neue Welt

Nach dem Opening des „Neue Welt“-Clubs in Kleinzschocher hieß es recht schnell wieder: Doors closed. Sehr schade. Im April öffnet er aber erneut – dieses Mal erstmal für zwei Veranstaltungen:

08. April – Space Disco w/ Marcel Vogel, Heninspace, Onkit
22. April – Warm Graves feiert seine Record Release-Show plus Clubnacht w/ Jennifer Touch, Credit 00

Elipamanoke

Beim Elipamanoke war es im letzten Jahr besonders tragisch: Das Re-Opening nach vielen vielen Monaten wurde direkt zum Closing. Eigentlich sollte es nun Mitte März wieder losgehen, aber es verzögert sich noch. Genauere Infos kommen hier noch.

Areal Orbis

Anfang des Jahres hatten wir von der neuen Club- und Event-Location Areal Orbis in Hartmannsdorf berichtet. Einen genauen Opening-Termin gibt es noch nicht. Aber die Betreiber meinen, das sie gut im Zeitplan liegen, was Umbau und Vorbereitungen angeht. Ende April sollen die Türen dann erstmals öffnen.

Mjut

Auf unsere Anfrage kam leider nichts zurück. Aber Falk von Sound of Leipzig meinte auf Twitter, dass es auch am 08. April wieder losgehen soll – verbunden mit der diesjährigen Birthday-Party.

Track-Premiere: Noémie „Psychedelic Experimentations“ (Unusual Suspects)

Diese Premiere ist special für uns – neues Label, neuer Sound. Soviel vorweg: Es wird härter als sonst. Inklusive eines Label-Interviews.

Ja, Hardcore, Hard-Tek und Gabber waren bisher keine Genres, die bei frohfroh viel Aufmerksamkeit bekamen. Abgesehen von den zwei Sachsentrance-Platten und einem Hkkptr-Porträt. Doch die Szene vor Ort scheint immer mehr zu wachsen. Eine der aktuell aktivsten und bekanntesten Leipziger DJs ist Ostbam. Gemeinsam mit Crline aus Dresden hat sie im letzten Jahr das Label Unusual Suspects gegründet.

Ende März erscheint darauf die zweite Compilation mit vier Tracks, die verschiedene Nuancen von härteren Genres wie Rave und Hardcore vereinen – zwischen extrem pushenden und martialischen Sounds bis zu verspulter Happiness. Unser Premieren-Track „Psychedelic Experimentations“ gehört definitiv zur ersten Kategorie. Noémie aus Berlin rast mit ultra harten classic Gabber-Bassdrums, finsteren Vocals und peitschenden Synths durch eine düster-dystopische Welt. Nichts mit Deepness, nichts mit Laidback, dafür maximale Energie, hohes Tempo.


Interview mit Ostbam und Crline

Ergänzend zur Track-Premiere wollten wir gleich mehr wissen zum Label. Deshalb haben wir Ostbam (r.) und Crline (l.) um ein paar Einblicke gebeten. Ostbam ist nicht nur solo als DJ aktiv, sondern ist auch Teil des DJ-Duos Monsoon Traxx sowie der Kollektive Vir.go und ProZecco. Im Mai spielt sie auch im Rahmen des Berliner CTM-Festivals im Berghain. Crline ist ebenfalls bei ProZecco – dem Dresdner DAVE-Festival hatte sie kürzlich auch ein Interview gegeben.

Was kam die Idee zu eurem Label?

Wir haben uns über einen DJ-Workshop kennengelernt und zusammen mit paar anderen DJs das feministische DJ-Kollektiv ProZecco gegründet. Wir kennen uns also seit den Anfängen hinter den Decks und haben uns im Laufe der Jahre gegenseitig wachsen und entwickeln sehen können. Die gemeinsamen Erfahrungen und Projekte haben uns quasi immer wieder gezeigt, dass wir ähnliche Werte haben und beide extrem ehrgeizig sind. Das Gründen von einem Label war also eher eine Frage der Zeit und wir haben dafür einfach die Zwangpause durch die Pandemie genutzt.

Wo soll es vom Sound her hingehen?

Wir wollen uns nicht für ein konkretes Genre festlegen. Die Idee hinter Unusual Suspects ist es, auch Sachen zu präsentieren, die woanders nicht passen. Musik, die nicht den Erwartungen der großen Labels entspricht und uns beide als DJs überrascht. Um die Tracks trotz ihrer unterschiedlichen Sounds zusammenzubringen, wählen wir immer ein gemeinsames Element, was dann wie eine Art roter Faden in allen Tracks präsent ist. Das erste Release war eher melodisch und ging in Richtung Trance. Bei dem zweiten Release ist es eine Gabber-Kick, die in allen Tracks zu hören ist, trotzdem repräsentieren alle eigentlich ganz andere Genres.

Ich bin nicht so into was Hard Tech, Hardcore und Gabber angeht – wie schätzt du die Szene in Leipzig ein, ist da gerade ein Uplift spürbar und wen kannst aus Leipzig kannst du noch empfehlen? 

Es hat etwas gedauert, aber ich bin froh, dass Leipzig auch nun dabei ist, was die schnellere Musik angeht. Was Producing angeht kann ich natürlich Hkkptr oder Treuhand empfehlen. Ich bin auch ganz froh, Oolmatri entdeckt zu haben. Leider hatte er keine Zeit, um etwas für dieses Release beizutragen, vielleicht klappt es ein anderes Mal. DJ Break Da Law sollte man auch noch unbedingt abchecken.

Was ist noch über die Nummer 02 hinaus konkret geplant?

Wir nehmen uns tatsächlich schon viel Zeit mit allem, da wir beide viel arbeiten und anderweitig ziemlich ausgelastet sind. Außer der Compilation haben wir vor ein paar Tagen auch unseren DIY-Merch gelaunched. Die Einnahmen von den Verkäufen aus dem März spenden wir komplett an eine ukrainische NGO namens Insight, die queere Menschen auf der Flucht unterstützt. Wir überlegen auch eine Party – also direkt 2-in-1 mit einer nachträglichen Release-Party – zu veranstalten. Da es sich aber noch so surreal anfühlt, dass die Clubs wieder aufhaben, sind wir mit der Planung noch gar nicht so weit.

KW 10 – Samstag

Und hier noch ein Tipp für den Samstag. O*RS ist back.

Partyname: O*RS House Nation Ind55 – Record Release
Zeit:12.03.2022, 23:30 Uhr
Location:Distillery
Acts:Lea Lisa, Filburt, F.D.M. & Traxx Jr., Charly Schaller, Atalanta, Frau Zimmer

Filburts Label O*RS feiert den neuen Release von Shuray & Walle – die beiden sind beide leider in Quarantäne und sind daher doch nicht dabei. Wir hatten die Platte in unserer New In-Reihe vorgestellt. Mit dabei ist auch Lea Lisa – sie hatte einen Remix zur EP beigesteuert.

Im Keller dürfte es dagegen deutlich schneller und technoider werden. Hier ist Charly Schaller aus Berlin als Headlinerin eingeladen. Btw. letzte Woche war es urvoll vor der Distillery. Also etwas Zeit einplanen.

+++ Es gilt 2G Plus Plus, d. h., Einlass ist nur geimpft, genesen oder geboostert PLUS ein tagesaktueller negativer Test möglich +++

KW 10 – Freitag

OMG, seit letzter Woche dürfen die Clubs wieder öffnen. Hier sind zwei Tipps für den heutigen KW 10-Freitag.

Partyname: … schon wieder KLUB
Zeit:11.03.2022, 22:00 Uhr
Location:Conne Island
Acts:Karete Bu, Hannie Phi, EnelRam, Julius Optic, Philipp Rmke

Hach ja, das Island öffnet mal wieder nach gefühlter Ewigkeit seinen Saal für eine deepe und lange House-Nacht. Mit dabei lauter tolle Locals.

+++ Es gilt 2G Plus Plus, d. h., Einlass ist nur geimpft, genesen oder geboostert PLUS ein tagesaktueller negativer Test möglich +++


Außerdem heute …

Boundless Beatz – Distillery, 22 Uhr – Drum & Bass und Dubstep mit Dubbalot, Plaschunique, Remasuri, Stumbleton, Vrum, Derrick, Audite, Mo:ody, MXD, Doc Dressla

Backstein wird 4 – Backstein @ gfzk, 16-22 Uhr – Nice Beats für Leipzigs beste Bäckerei mit JJ Kramer, Flip, Xubi

Dub FX – Werk 2, 20 Uhr – Breaks-Held ist mal wieder auf Tour

female:pressure FACTS 2022

Pünktlich zum internationalen Frauentag aka Frauenkampftag erscheint die fünfte Ausgabe der FACTS-Studie des female:pressure-Netzwerkes. Sie zeigt einmal mehr auf, wie wenig divers die Line-ups bei Festivals mit elektronischer Musik sind. Die Ergebnisse sind ambivalent.

Seit 2012 scannt das female:pressure-Netzwerk die internationale Club-Szene hinsichtlich ihrer vielfältigen Gender-Gaps. Mit der neuen Ausgabe der FACTS-Studie kann also nun auf fast ein Jahrzehnt zurückgeschaut werden. Und auf den ersten Blick ist die Tendenz positiv: Spielten 2012 nur 9,2 Prozent weibliche DJs bei den ausgewählten Festivals, waren es 2021 28 Prozent. Neun weitere Prozent der Acts waren 2021 gender-mixed, 1,6 Prozent non-binär. Die Zahl an männlichen DJs sank zwischen 2012 und 2022 von 81,5 auf 57,9 Prozent.

Interessant ist auch der Blick in die Regionen. An der Spitze der Gender-Equality standen 2021 südamerikanische Festivals mit rund 42 Prozent weiblichen DJs, gefolgt von Veranstaltungen in Europa (30,6 Prozent). Wobei hier anzumerken ist, dass deutlich weniger Festivals aus Südamerika untersucht wurden. In Deutschland hatten 2020 und 2021 übrigens knapp 32 Prozent der betrachteten Festivals weibliche DJs gebucht. Vor zwei Jahren gab es übrigens bei Feat. Fem und uns eine ähnliche Line-up-Auswertung von drei Leipziger Clubs.

Grafiken: female:pressure

Und noch zwei spannende Fakten aus der FACTS-Studie: Je größer ein Festival, desto größer ist das Gender-Ungleichgewicht. Und je stärker öffentlich gefördert es ist, desto mehr weibliche DJs sind im Line-up. Das heißt: Sich allein auf den „freien Markt“ zu verlassen, ist wenig aussichtsreich, um mehr Gleichheit zu erreichen. Alle Daten im Detail findet ihr hier in der Online-Version der FACTS-Studie. Dort gibt es auch ein Add-on zu anderen Diversity-Aspekten wie der mangelnden Präsenz von People Of Color, älteren Menschen und Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen innerhalb der Clubkultur.

Was die Zahlen deutlich machen

Die Awareness für Gender-Equality scheint bei den Booker:innen von Festivals allmählich zuzunehmen. Offensichtlich lohnt sich der Einsatz von Initiativen wie der FACTS-Studie. Regelmäßige Publicity für das Thema, diversitätsfördernde Booking-Policys, neue weibliche und non-binäre Role Models für künftige DJ-Generationen, FLINTA*-DJ-Workshops – all das trägt zu einem grundlegenden Umdenken bei.

Ein Grund zum Ausruhen sind die Ergebnisse aber nicht. Nach wie vor gibt es große Ungleichgewichte in den Line-ups vieler Festivals und Clubs. Dazu kommen oftmals noch größere Gaps in den Back-Office- und Technik-Strukturen der Clubszenen sowie in der Höhe der Gagen. Es muss auch von Männern mehr Platz in deren oftmals dominierten Domänen eingeräumt werden, auch männliche Kumpel-Netzwerke sollten sich öffnen und Angebote schaffen, um Diversität zu einer gelebten Selbstverständlichkeit werden zu lassen.

Es bleibt also auf vielen Ebenen weiter eine Aufgabe, der sich aktiv und kontinuierlich gewidmet werden muss. Als praktische Denkanstöße gibt die FACTS-Studie daher für verschiedene Akteur:innen der Clubszene „Call to Actions“, also Empfehlungen, wie die sich oft als progressiv inszenierende Clubkultur dauerhaft zu mehr Gleichheit gelangt. Angesprochen werden Festival-Organisator:innen und Artists ebenso wie Journalist:innen, Politiker:innen und Festivalbesucher:innen. In der Online-Ausgabe sind sie hier zu finden.

Inpirationen für mehr Diversität nötig?

Und nun Guys, damit es keine Ausreden mehr gibt, wo denn all die weiblichen, non-binären und nicht-weißen DJs sind. Es gibt allein in Leipzig mehrere inspirerende Podcast-/Radio-Reihen, die zeigen, wie vielfältig die Clubszene ist – lokal und deutschlandweit. Wer noch weitere kennt, schreibt sie gern in die Kommentare.

Track-Premiere: Janthe „Reso“ (none/such)

Am 18. März 2022 erscheint eine neue Charity-Compilation des internationalen Labels und Artist-Kollektivs none/such. Vorab gibt es bei uns schon einen Track made in Leipzig.

In Ann Arbour bei Detroit hat sich none/such im Sommer 2020 gegründet. Mittlerweile ist daraus ein interdisziplinäres Label und Kollektiv über verschiedene Kontinente hinweg entstanden. Auch Artists aus Berlin, Philadelphia und Leipzig sind dabei, unter anderem auch unsere frohfroh-Autorin Amy aka ttyfal.

Ein essentieller Bestandteil von none/such ist das Fundraising für verschiedene soziale Initiativen. Gleich der erste Release war eine Compilation, dessen Erlöse an das Detroit Justice Center gingen. Im März 2022 folgt die dritte Ausgabe dieser Charity-Reihe. Dieses Mal geht der Support an das Stuttgarter Netzwerk Refugees4Refugees, das sich für die Belange von Geflüchteten einsetzt – sowohl ganz praktisch als auch als Lobby.

Auf der neuen Compilation mit über 20 exklusiven Tracks ist auch ein Stück von Janthe von G-Edit und Feat.Fem mit dabei. Wir hatten sie 2020 in unserer „Spot On“-Reihe ausführlich vorgestellt. Bisher war sie hauptsächlich als DJ zu hören, allmählich kommen aber auch die ersten eigenen Tracks an die Öffentlichkeit. Bei der Soli-Compilation von Blaq Numbers war ebenfalls ein Stück von ihr.

„Reso“ auf none/such ist eine unaufgeregte Reminiszenz an die Trance-Welle der Neunziger – sehr klar, sehr präzise, sehr deep. Im Gegensatz zu Janthes Blaq Numbers-Track dominiert bei „Reso“ nach einem breakigen Intro aber die gerade Bassdrum. Wir sind happy, diesen Track als Premiere präsentieren zu dürfen:

Es ist übrigens nicht der einzige Leipziger Beitrag auf der Compilation – auch Soda Kids, DJ Detox, DJ Balaton und Salomo sind mit dabei. Hier ist schon mal die gesamte Tracklist über Bandcamp eingebettet. Über den Link könnt ihr die Compilation dann auch downloaden – für den Betrag, den ihr spenden möchtet.

New In – Feb 22

Im Februar gab es sakrale Gaming-Sounds, verflixten Deep House und was Neues von Sachsentrance. Dazu noch drei hörenswerte Nachzügler aus dem Januar. Here we go.

Shuray & Walle „International Licence EP“ (O*RS)

Yeah, endlich gibt es die erste EP von Shuray & Walle. Das Duo ist seit einiger Zeit Distillery-Resident und bringt jede Menge Good Vibes auf den House-Floor. Auf A Friend In Need gab es letztes Jahr schon die ersten Ergebnisse ihrer Produktionsskills zu hören, nun holt Filburt Shuray & Walle zu sich aufs Label. Dort passen sie auch bestens hin: Zeitloser Deep House, druckvoll und warm, dazu ein paar O-Töne und Vocal-Samples im Hintergrund. Lea Lisas Remix von „990 Pro“ lässt die Bass dann noch einmal etwas tiefer sitzen und bringt die Arrangements gefühlt nochmals einen Tick mehr auf den Punkt. Für eine Debüt-EP ist das alles sehr versiert und wohl-ausbalanciert. Aber insgesamt auch nicht weltbewegend. Der Deep House-Rahmen ist längst abgesteckt – verliert aber zugleich nichts an Faszination. Verflixt.

Mein Hit: „Job In This Game“. Why: Weil sich hier sofort die Vorstellung von einem abendlichen Open Air-Floor auftut, bei dem alle Lust auf mehr haben.


Salele „For Pitch Division“ (Ominira)

Bei Kassem Mosses Label Ominira gab es offensichtlich eine kleine, einjährige Pause, die in diesem Februar mit einem Album von Salele beendet wurde. Wer dahinter steckt? Kein Plan, es ist nur von „pure computer music“ die Rede. In zehn, teilweise nur anderthalb Minuten langen Stücken geht Salele auf eine nostalgisch anmutende Klangexploration. Sehr abstrakt und fast blutleer, aber auch äußerst harmonisch. Fast wie der Soundtrack von alten Computerspielen. In ihrer Reduziertheit und dem gedrosseltem Tempo haben die Tracks manchmal sogar etwas Sakrales. Wie Orgelstücke aus einer anderen Welt. I like it, klar.

Btw.: Auch im Februar hat Ominira das Mixtape von DJ Residue noch einmal re-releast. Darauf sind bisher unveröffentlichte Edits und Live-Snippets von Kassem Mosse in einen Mix gebracht. The Trilogy Tapes hatte das Tape im November 2021 erstmals rausgebracht.

Mein Hit: „Self-Aligned Vias“. Why: Weil es so slow und reduziert, so viel klangliche Geborgenheit ausstrahlt.


Rennhorse / Hkkptr „Sachsentrance 002“ (Sachsentrance)

Damit zu der Hit-Platte des Monats. Zumindest wenn man auf die Bandcamp-Sales schaut. Letztes Jahr ist Sachsentrance an den Start gegangen und hat direkt für viel Aufsehen gehört. Bei dem Namen, logisch. Aber auch vom Sound her trifft das Label mitten in den Nerv des größer werdenden Oldschool-Rave-, Trance- und Hardstyle-Revivals. Mit „11ALLESNULLEN“ liefert Sachsentrance nun eine neue Fuck-the-police-Clubhymne. Und dazu eine Pferderennen-Hommage. Schön stumpf stampfend und mit albern-runtergepitchten Vocals. Bestes Ironie- und Provokationsfutter, und auf dem Dancefloor sind die beiden Rennhorse-Tracks sicher Euphorie-Bomben, ohne Frage. Aber sie klingen auch nach einer spät ausgelebten Teenager-Session. Hkkptr lässt das Kichern dann mit zwei weiteren Solo-Tracks weg und treibt das Härte-Level aufs Maximum. Big Room to the fullest. Aber hey, Sachsentrance pusht hier sehr konsequent Sounds, die sonst in Leipzig weniger präsent sind. Daher: Abfahrt!

Mein Hit: „Energie“. Why: Weil es nach dem Break tatsächlich einen extrem erhebenden Rave-Moment gibt.


Lexy „Shine“ (self-released)

Nun zurück in die echten Neuziger. In der letzten New In-Ausgabe ging es los mit dem Archiv von Alphacut-Betreiber LXC. Im Februar ist der zweite Teil der Retrospektive rausgekommen, sieben Stücke aus den späten Neuzigern, aus der Prä-LXC-Zeit also. In den Liner Notes blickt er zurück auf eine kleine Jungle-Szene, die im post-kommunistischen Grau des Nachwende-Leipzigs ihre Freiräume auslebt. LXC hat seine ersten Club- und Party-Erfahrungen gemacht und produziert nun offensichtlich mehr für den Floor. Wahnsinn, wie wenig die Tracks an Energie und Frische verloren haben. Selbst über neun bis zehn Minuten hinweg schaffte es Lexy, das Level zu halten oder weiter hochzuschrauben. Und auch hier gibt es einige große Rave-Momente wie in „Schnapsshot“, die von zarten Jungle-Drums und fetten Basslines dann weitergetragen werden. Wie beim letzten Mal ein Tipp: Lest auch die Liner Notes zu den Tracks. LXC ist ein toller Storyteller.

Mein Hit: „Rise“. Why: Weil sich in der Wildheit der Drums ein sehr warmer Hauch Big Beat-Funk herausschält.


Late In – Jan 22

Yes, im Januar sind noch drei erwähnenswerte Leipzig-Releases herausgekommen, die wir in der vergangenen New In-Ausgabe übersehen hatten. Deshalb hier noch ein paar Worte dazu:

Pük & Oward „Wellness IV“ (Wellness Records)
Im Frühjahr 2019 startete mit Wellness Records ein neues House-Label in Leipzig, nach einer Pause kam kürzlich die Nummer 4. Der Brite Pük und der Franzose Oward teilen sich je eine Seite. Beide bewegen sich grob im Deep House. Auch sehr klassisch, aber irgendwie verstecken beide immer wieder kleine Twists in ihre Tracks, die für einen eigenen Funk sorgen. Oward ist dabei etwas mehr von Minimal beeinflusst, Pük von der perkussiven und discoiden Leichtigkeit.

Salomo & Reece Walker „Bumper 2 Bumper“ (Long Vehicle)
Beim Kann-Sub-Label Long Vehicle gab es Ende Januar auch ein Wiederhören – dieses Mal mit einer Kollab zwischen den Leipzigern Salomo und Reece Walker aka DJ Carmel. Letzteren haben wir auch in unserer großen „Leipzig Import“-Story mitporträtiert. Die beiden liefern hier zwei gemeinsame und zwei Solo-Tracks. Und besonders die Duo-Stücke verbinden sehr smart verschiedene Oldschool-Vibes zu einem neuen Mix. Dezent trancig und breakig, hintergründig poppig und mit einigen Hit-Qualitäten. Vor allem bei „First Touch“ geht sehr viel sehr gut auf.

Ron Deacon feat. Johanna Jaeremo – „Untitled b2 Brando Jazz“ Compost Records)
Von Ron Deacon habe ich schon länger nichts mehr gehört. Aber im Januar schrieb er, dass sich für ihn ein Traum erfüllt hat: Er konnte eine jazzige Neufassung seines ursprünglich bei Workshop 2010 veröffentlichten Tracks „Untitled b2“ auf der legendären Compilation-Reihe „Future Sounds Of Jazz“ unterbringen. Das Original entfaltete sich sehr freigeistig und trippy. Zwölf Jahre später ist daraus ein laidback Jazz-Track mit prägnantem Saxofon und viel organischer Wärme geworden. Musikalisch auf jeden Fall ein großer Sprung – und sehr cool, dass der Track nun in einem so würdevollen Umfeld eingebettet ist. Ron Deacon hatte übrigens schon im Dezember einen weiteren Compilation-Beitrag beim 12. Jubiläum des Compost Disco-Labels. Dort gab es eine kosmische Ron Deacon-Reise. Hier sind beide Tracks zusammen:

Bassment Business mit Varum – inklusive Interview

Ende Januar brachte Varum sein Debüt-Album „Bassment Business“ heraus – und es lief direkt auf Repeat, weil es so gut Electro und HipHop vereint. Also wollten wir mehr zur Entstehung wissen und haben Varum interviewt.

Varum hat sich in den letzten sechs Jahren als eine der Leipziger Konstanten für pushenden Classic Electro etabliert. Nur logisch, dass er zur Clear Memory-Crew gehört, die auch Cyan 85 neulich schon bei frohfroh als eines der aktuellen Aushängeschilder der Leipziger Szene benannte.

Varum hat einen entscheidenden Anteil daran – mit EPs auf Hypress, A Friend In Need, Pulse Drift Recordings und zuletzt bei Strictly Strictly. Sein Sound bildet dabei die ganze Range des Genres ab – extrem pushend und mit scharfkantigen Acid-Schrauben, aber auch poppig und mit lässigem Funk.

„Bassment Business“, Varums erstes Album, holt nun zusätzlich classic HipHop- und Soul-Vibes mit rein. Hauptsächlich durch lange ausgespielte Rap- und Vocal-Samples mit toller 80er-Patina. Vermutlich kommen sie original aus dieser Zeit, sollten aber in keiner Lizenzliste auftauchen.

Aber auch Varums Sound an sich klingt auf „Bassment Business“ deutlich luftiger, heller, melodischer und einfach offener für Pop-Gesten. „Me & U“, „You & Me“ sowie „Oh Word“ sind beispielsweise unglaublich nice Hits. Dazu gibt es mehrere laidback Tracks. Immer mit fein verwobenen Chords und einem anderen Varum als auf seinen clubbigeren und oftmals düsteren EPs.

Auch wenn Varum später im Interview sagen wird, dass es kein Konzept-Album ist, so klingt „Bassment Business“ doch erstaunlich rund aus einem Guss produziert. Ein sehr guter Start ins neue Jahr.


Unser Interview mit Varum

Hast du gezielt an einem Album gearbeitet oder haben die Stücke einfach gut als Ganzes gepasst?

Ich hatte schon seit Langem den Plan, endlich das erste Album rauszubringen. Am Ende hatte ich ein größeres Portfolio an Tracks fertig rumliegen. Da habe ich mich immer wieder durchgeklickt und für mich eine passende Mischung an Tracks rausgehört, die es nun auch geworden ist. Also, es war eher zufällig, dass es in dem Moment auf einmal da war. Aber ja, es hat einfach gut als Ganzes gepasst, ein wirkliches Konzept-Album ist es aber nicht. Fertig war das Album eigentlich schon Ende 2020. Durch Mastering und Ähnlichem hat sich die ganze Geschichte dann noch etwas verzögert.

Beim ersten Hören kommen mir die Tracks deutlich musikalischer, weniger pushy vor – hattest du einen anderen Drive bzw. Ansatz beim Produzieren des Albums?

Jein, also einerseits wollte ich schon Musik auf dem Album haben, die auch auf dem Floor spielbar ist, andererseits aber auch im Wohnzimmer funktioniert. Das ist mir mittlerweile wichtig geworden. Zumal man in der aktuellen Zeit ja doch häufiger Musik zu Hause als im Club hört. Am Ende ist es auch das, was ich in den jeweiligen Momenten empfunden und versucht habe musikalisch umzusetzen.

„Ich werde eben auch älter, wenn man das so sagen kann.“

Bei vielen Tracks sind auch Oldschool-HipHop-Referenzen herauszuhören – war dieser Sound ein wichtiger Teil deiner musikalischen Sozialisation?

Auf jeden Fall. Ich bin in meiner Jugend, abgesehen von einer klassischen musikalischen Ausbildung im Chor, größtenteils mit HipHop groß geworden. Ich verbinde definitiv einiges meiner frühen musikalischen Erfahrungen damit. Danach hatte ich längere Zeit eine Pause und bin in extremere Genres abgedriftet. In den letzten Jahren hat es mich dann wieder gecatcht und ich habe viel alten Kram aus Memphis entdeckt. Davon ist einiges mit eingeflossen, auch Musik, die ich schon damals gehört habe. Als DC Wreck habe ich 2018 auch mal einen Ausflug in die jazzige Boom Bap-Welt gemacht, kann man auch bei Bandcamp entdecken. Der Prozess und vor allem der Spaß beim Plattensamplen damals haben mich ebenfalls angespornt, noch einmal so zu arbeiten. Doch in kommender Zeit und bei kommenden Releases wird das mit dem Sampling wohl gewollt, aber auch notgedrungen wegen Copyright etc., weniger werden. 

Es gibt zu „Bassment Business“ ein sehr umfangreiches Booklet – was gibt es dort zu sehen und wie passt es konzeptionell zur Musik?

Das Booklet beinhaltet viele Graffitibilder von Freunden und Bilder von Orten in der Stadt, die es teils so nicht mehr gibt. Ein bisschen wie ein Foto-Tagebuch oder so. TIN, der das Album auch gemastert hat, und ich hatten beide den Wunsch, etwas in der Hand halten zu können, während man das Album hört. Wir sind selbst beide leidenschaftliche Sammler und große Freunde von Inserts, Booklets und Ähnlichem. Da hat man noch was, worin man blättern kann und ein paar neue oder auch alte bekannte Eindrücke, die man zu sehen bekommt. Zudem liegen Electro, HipHop und Graffiti ja doch sehr nah beieinander. Daher war für uns schnell klar, dass wir derartiges dazugeben wollen. 

Was ist noch geplant bei dir in nächster Zeit?

Also in direkter Zukunft ist vor allem ein Liveset mit mir und Georg aka Int Main zusammen als Yarn Init geplant. Außerdem arbeite ich bereits am nächsten Album, dieses Mal jedoch mit mehr Konzept bzw. dem Versuch, einen roten Faden zu ziehen. Auch wenn mir das bisher noch schwer fällt. Mal sehen, was am Ende dabei rauskommt. 

Piano-Experimente mit Moritz Fasbender

Seit 2014 begleiten wir Friederike Bernhardts musikalischen Weg zwischen Theatermusik und elektronisch-klassischer Avantgarde. Und endlich scheint es auch die große Musikwelt zu checken, wie spannend die Leipziger Komponistin ist – denn unter ihrem neuen Alias passiert aktuell einiges.

Es ist gar nicht so lange her, dass wir Friederike Bernhardt im Blog hatten – im Dezember erwähnten wir ihren mittlerweile traditionellen Vocal-Part bei Micronauts neuem Album. Und im Herbst 2020 hosteten wir die Video-Premiere ihres Band-Bandprojekts Geza Cotard.

Mit Moritz Fasbender, einem neuen Alias, fokussiert sie sich nun verstärkt auf Solo-Piano-Stücke mit dezent eingewobener Elektronik. Zwei erste sehr beeindruckende Lebenszeichen ihres neuen Projekts sind bereits hörbar.

Letzte Woche veröffentlichte der Leiter Verlag – ein Label von Nils Frahm – ihr Stück „Aride Alas“. Es ist die zweite Single der ersten „Piano Day“-Compilation ever, die am 29. März 2022 veröffentlicht wird. Extra dafür wurde ein aufwendiges Video in der Villa Hasenholz aufgenommen, das Moritz Fasbender eine imposante Bühne für ihr vielschichtig schwankendes, zugleich stilles und sich später aufbäumendes Spiel gibt.

„Aride Alas“ ist eines von ingesamt 32 Stücken, die allesamt das breite Spektrum zeitgenössischer Piano-Musik aufzeigen. Mit dabei sind neben vielen jungen Musiker:innen auch bekannte Namen wie Chilly Gonzales, Ólafur Arnalds und Nils Frahm selbst.

Letzterer hatte 2015 den 29. März zum Piano Day ausgerufen – weil es der 88. Tag des Jahres ist und Klaviere 88 Tasten haben –, um dem Instrument sowie den damit verbundenen Menschen eine jährliche Plattform zu bieten. Also nicht nur den Musiker:innen, sondern auch den Instrumentenbauer:innen und Piano-Umzugsprofis. Jedes Jahr gibt es eine neue Spotify-Playlist, 2022 wird es nun erstmals eine Vinyl-Compilation sowie mehrere Events am 29. März geben.

Fragments x Erik Satie
Im Mai folgt dann eine weitere Compilation auf Vinyl, bei der Moritz Fasbender mit einem Beitrag zu hören sein wird. „Fragments“ ist eine neue Reihe der Deutsche Grammophon, bei der sich zwölf zeitgenössische Künstler:innen mit dem Werk eines:r Komponist:in auseinandersetzen. Zum Start widmen sich Christian Löffler, Sascha Braemer, Monolink, French 79, Snorri Hallgrímsson, Two Lanes und Moritz Fasbender den Stücken von Erik Satie.

Doch während Braemer, Löffler & Co das Originalmaterial wenig inspiriert in ihre immer gleichen, glatt gezogenen Pop-, Tech- und Ambient-House-Rahmen hieven, öffnet Moritz Fasbender die Compilation in Richtung Experimental. Nicht ohne gefällige Momente, aber insgesamt mit deutlich mehr Mut, Reibung und Anspruch. Ihre Herangehensweise beschreibt sie so:

„Es war mir wichtig, den assoziierten Chorstil des Stücks beizubehalten und mich daher auf sein kleinstes Element zu konzentrieren: die ersten fünf Noten.“

Und weiter: „Ohne auf die freie metrische Form oder die Harmonien Saties zurückzugreifen, habe ich die ersten beiden Takte zum Hauptelement meiner Version gemacht und sie in ein neues Gewand gekleidet.“

Online ist „Fragments“ übrigens schon auf Spotify als Playlist zu finden. Und demnächst kommt eventuell endlich die erste Solo-EP von Moritz Fasbender. We hope so!

Bild-Credit: Maximilian König