Arpen x Kestalt

Arpen wird in diesem Jahr ein sehr gutes Album herausbringen – leider erst im Herbst. Doch es gibt ein Nebenprojekt zur Überbrückung.

Bisher war bei frohfroh von Arpen eher am Rande die Rede – als Teil der jüngeren A Forest-Besetzung und der Landgang-Video-Reihe. In diesem Jahr steht aber sein Solo-Debüt-Album an, das auf Analogsoul erscheinen soll – ein kurzes, dafür aber umso pointierteres Werk.

Allerdings müssen wir uns noch bis zum Herbst gedulden. Es gibt aber ein weiteres Solo-Projekt namens Kestalt, das sich nicht mit elektronisch eingebettetem Pop beschäftigt, sondern mit instrumentalen und freieren Formen.

Auf Soundcloud gibt es mit „F“ ein erstes Kestalt-Stück mit sanft schwebendem Ambient-Part, der später zunehmend in neurotisch-eingedunkelte Loop-Überlagerungen abtriftet. Nostalgisch und zeitgenössisch zugleich. Da soll wohl noch mehr kommen in nächster Zeit. Ja, bitte.

UPDATE UPDATE

Mittlerweile gibt es das erste Video zu einem Song des neuen Arpen-Albums zu sehen. Generell steht das Album wohl im Spannungsfeld von Musik und Fotografie, mit der US-Künstlerin Taryn Simon als große Inspirationsquelle – so ist es im Analogsoul-Blog zu lesen.

Das Video zu „For How Long, How Long“ ist ebenfalls von einer fotografischen Dynamik geprägt. Mit surreal bis episch inszenierten Stillleben. Ein extrem beeindruckendes Video, gedreht von Tobias Schütze und Benjamin Büttner.

Und es gibt weitere Einblicke in das Kestalt-Projekt. Auch hier bietet der Analogsoul-Blog mit einem Interview höchst interessante Ergänzungen. Etwa, dass „’F‘ […] von den so genannten ‚F-Gebilden‘ aus dem mehrfach verfilmten Roman ‚Solaris‘ von Stanisław Lem [inspiriert ist]. Diese ‚F-Gebilde‘ sind im Roman eine bestimmte Form von molekularer Struktur, die sich aus noch kleineren Teilen als Atomen zusammensetzt.“

Daniel Stefanik & Thomas Stieler „Numbers Part 1“ (Rotary Cocktail Rec.)

Daniel Stefanik und Thomas Stieler haben sich für eine gemeinsame EP zusammengesetzt – vielleicht wird eine Reihe daraus.

Im letzten Herbst gab schon einmal eine Verbindung von beiden zu hören, jedoch noch autark voneinander. Da remixte Daniel Stefanik den Track „Well Justified“ von Thomas Stieler. Daraus wurde offensichtlich mehr und es entstand die Idee einer gemeinsamen Reihe – zumindest erzählt das Berliner Label Rotary Cocktail Rec. etwas von einer Reihe und die Nummerierung im EP-Titel impliziert es ebenfalls.

Teil 1 ist ein stromlinienförmiger und glatt gezogener Ausflug in den klassischen Deep House der frühen 2000er. Warme Classic-Chords  in reduziert-drückenden Arrangements, die nirgendwo anecken und so aus einem Guss klingen, dass keiner der vier Tracks für sich allein herausragt. Solide im besten Sinne, mir aber trotz der angenehm leichten Deepness zu toolig. Ich bin gespannt auf die weiteren Teile der Reihe.

Mehr Druck und zugleich mehr vertrackten Disco-Pop-Appeal gibt es übrigens gerade mit Daniel Stefaniks Remix für Haste Midis Track „Fool“. Mit ganz anderer Spannung, dank derb kickender Bassdrums und der super reduzierten Deepness.

Daniel Stefanik Website
Thomas Stieler Website
Rotary Cocktail Rec. Website
Mehr zu Daniel Stefanik bei frohfroh

Mesak „Decomposition EP“ (Moniker Eggplant)

Mit einer feinen 7″ winken uns die Macher des Labels Moniker Eggplant aus Berlin zu. Wir erinnern uns: In der Vergangenheit gab es unter anderem eine Compilation mit einigen Beiträgen aus Leipzig, eine Split-7″ mit Alphacute, bei der Britney Spears durch den Remix-Wolf gedreht wurde, und ein wahnwitziges Tape von Leise im Kran. Nun also eine 7″-Single, deren Leipzig-Bezug sich mit einem Remix von PorkFour im Bonus versteckt.

Aber der Reihe nach. Auf Vinyl werden uns zwei Stücke des Skweee- und Electro-Funk-Meisters Mesak präsentiert, den die einen oder anderen auch als Teil von Mr Velcro Fastener kennen. Kürzlich war er auch auf ersten Bassmæssage-Platte vertreten. Für Moniker Eggplant hat er zwei recht unterschiedliche Stücke herausgerückt, deren ebenso unterschiedliche Remixe als digitaler Bonus erscheinen.

Auf der ersten Seite begegnen wir dem fast schon Dubstep-artigen „Collapsing“, zu dem ChaCha in Shanghai aufgenommene Vocals beisteuert. Fast schon bedrohlich wirkt das Stück und erinnert auch etwas an die Zusammenarbeit von ChaCha mit Kode9 & The Spaceape. Der Bonus-Remix von Patric Catani steppt gleich etwas militärischer über den Dancefloor.

Eine andere Stimmung auf der zweiten Seite: „Lahota“ ist ein flirrendes Eletronica-Stück, das mit seinem eigenwilligen Groove sowohl Füße und Kopf erfreuen. Ganz behutsam geht mit PorkFour in seinem Remix mit dem Original um, ergänzt es um einige schnatternde Sounds und dezente Flächen, nimmt zu Beginn den Drive raus, um es dann umso herausfordernder zum Funk-Übermonster mutieren zu lassen. Fantastisch!

Moniker Eggplant beschert uns hier ein schönes Mahl und macht gleichzeitig auch Hunger nach mehr Musik vom lokalen Modul-Synth-Wizard PorkFour.

Five Favs – Februar 2016

Wir starten eine neue Reihe: Am Ende des Monats stellen wir noch einmal unsere fünf liebsten Tracks zusammen. Los geht es.

Es ist nicht so, dass wir die größten Fans von Listen sind, aber irgendwie reizt die andere Auseinandersetzung mit dem, was wir bei Releases Releases  an neuer Musik aus Leipzig vorstellen. „Five Favs“ soll eine resümierende Konzentration unseres vorherigen Monats sein. Ganz einfach fünf Hits, ohne Ranking-Anspruch unter den fünf ausgewählten Tracks.

cmd q „Epigon“ (Kann Records)

Neu bei Kann Records und gleich ein Ausflug in die klangliche Stratosphäre. „Epigon“ von cmd q bewegt uns durch seine „elegisch-abstrakte Ambient-Weite, die im harschen Kontrast zur brüchigen und mit dubbigen Kantigkeit der Beats steht.“

Stefkovic van Interesse „Unterholz“

Stefkovic van Interesse geht an besondere Orte und nimmt dort Sounds auf aus denen er Ambient-Artefakte produziert. Zuletzt war er in einem Laden für antike Möbel aus dem das Album „Im Unterholz“ entstanden ist. Der gleichnamige Track steht exemplarisch für „eine düstere Reise ins Halbdunkel und ins Zwischenweltliche.“ Unser Listening-Favorit.

Panthera Krause „Z-Cuts“ (Uncanny Valley)

Auf einen linearen Sound mag sich Panthera Krause nicht festlegen. Und so kommen glücklicherweise neben den offenherzig-eingängigen Hits auch sehr spannende B-Seiten-Hits hervor. Solche wie „Z-Cuts“, die „die in ihrer Unberechenbarkeit [besonders] gefallen.“

Ron Deacon „2605 (Filburt Rmx)“ (RDF Music)

Hier ist Filburt ein wirklich herausragender Remix für Ron Deacons Track „2605“ gelungen. Erst so tun, als ob nichts weiter passiert und plötzlich „flutet eine helle Synth-Harmonie das melancholisch eingetrübte Intro und öffnet den Weg für eine weitere freier umher schwenkende Synth-Schleife.“

Blac Kolor „Terpentin“ (Basic Unit Productions)

Ok, der Februar war ganz schön dark – auch durch Blac Kolors zweites Album „Born In Ruins“, das in seiner breakigen Schroffheit noch einmal intensiver wirkt wie das techno-lastiger „Wide Noise“. Einen Track herauszunehmen ist nicht leicht, ist „Born In Ruins“ doch ein sehr homogenes Album. Wir legen uns trotzdem fest auf das ebenso harsche wie ambiente „Terpentin“.

Mehr zu cmd q / Kann Records / Stefkovic van Interesse / Panthera Krause / RDF Music / Filburt / Blac Kolor bei frohfroh

Video – Shishigami „Abyssal Gigantism“

Eine Nebelmaschine plus mehrere Scheinwerfer mit Farbfolien – fertig ist ein kontemplativ-schillerndes Musikvideo zu Shishigamis Track „Abyssal Gigantism“.

Wer ist Shishigami? Wir hatten ihn vor einem Jahr entdeckt und voller Euphorie vorgestellt. Euphorisch wegen der „mit Hall beladenen Ambient-Elegie, die durchaus Avant-Pop, viel Pathos, Subbass und Shoegaze-Doomness mit aufsaugt.“ Und auch auf unserer ersten frohfroh-Compilation war er mit seinem Stück „Soft Codes“ zu hören.

Für „Abyssal Gigantism“ von der ersten EP „Sea Green“ hat Shishigami nun ein Video zusammen mit Malte Pätz gedreht. In einer Black Box experimentierten sie mit Nebelschwaden, unterschiedlich eingefärbt von Farbfolien und durchsetzt von Staubpartikeln. Alles analog aufgenommen. Super Video. Aber: Ein Jammer, dass da noch nicht mehr Neues von Shishigami zu hören ist.

Shishigami Facebook
Mehr zu Shishigami bei frohfroh

Ron Deacon „Ella Rosa“ (RDF Music)

Fast ein Jahr nichts Neues mehr Ron Deacon gehört – sein mit Filburt betriebenes RDF-Label beendet die kleine Pause.

Doch Gitarre und Glöckchen, was ist da passiert? „Ella“ und „Rosa“ klingen für Ron Deacon arg lieblich und seicht. Zweimal die volle Emo-Breitseite. Bei „Ella“ eingebettet in eine ravig-trippige Weite, bei „Rosa“ in ein perkussives Schunkeln. Das ist das erste Mal, dass mir Ron Deacon zu kitschig ist.

Dafür packt mich „2605“ umso mehr. Wunderbar wie sich aus dem trocken-bassigen, breakigen Beginn ein sphärischer House-Track herausschält, der aber immer wieder eine gewisse Breakigkeit zulässt. Die Piano-Chords halten alles zusammen – ein stiller Nebenschauplatzhit.

Filburt baut mit noch trockenerem Bass und einem anfangs dahin mäanderndem Arrangement eine ganz eigene Spannung für „2605“ auf, die sich sehr großartig auflöst. Plötzlich flutet eine helle Synth-Harmonie das melancholisch eingetrübte Intro und öffnet den Weg für eine weitere freier umher schwenkende Synth-Schleife. Auch toll, aber der Übergang kickt mich besonders. Der beste Filburt-Remix so far.

Ron Deacon Facebook
RDF Music Facebook
Mehr zu Ron Deacon bei frohfroh
Mehr zu RDF Music bei frohfroh

Bleep Bleep – Workshop für elektronische Klangsynthese

Vielleicht hat sich auch der eine oder andere schon mal gefragt, wie genau eigentlich die seltsamen Geräusche entstehen, die elektronische Musik immer wieder so spannend und vielfältig macht.

Irgendwann stolpert man dann über Synthesizer: Geräte mit vielen Knöpfen und Reglern, manchmal auch mit Steckverbindungen und wenn man Glück hat, dann gibt es eine Tastatur wie beim Piano. Schaut man sich die Kisten genauer an, tauchen viele Fremdwörter und noch mehr Fragezeichen auf: VCO, VCA, ADSR, CV … Was zur Hölle soll das alles bedeuten?

Um diese und weitere Fragen zu beantworten und einen Einblick zu erhalten, wie Sounds gebaut werden, bietet die Musikschule Neue Musik Leipzig am 5. März einen Workshop zu elektronischer Klangsynthese an. An einem analogen Modularsystem erklärt Klaus Franzheld alias Klangakrobat grundlegende Synthesekonzepte und zeigt euch, wie ihr eigene Sounds erstellen könnt.

Teilnehmen könnt ihr für 35 €, ermäßigt 25 €. Los geht’s am Samstag um 11 Uhr, ab 18 Uhr könnt ihr dann den Tag zu einem Live-Set von Klangakrobat ausklingen lassen. Anmelden könnt ihr euch unter info(at)neue-musik-leipzig(punkt)de oder unter 0341 / 5500 8344.

Neue Musik Leipzig

Stefkovic van Interesse „Im Unterholz“

Stefkovic van Interesse war im Antik-Laden Unterholz auf Sound-Spurensuche – neben zwei Live-Auftritten entstand auch ein Album.

Im Dezember 2014 haben wir Stefkovic van Interesse im Rahmen unserer Ambient Week erstmals vorgestellt. In der Zwischenzeit ergab sich für den Ambient- und Drones-Producer die Möglichkeit im Antik-Laden Unterholz Sounds von antiken Möbeln aufzunehmen, um daraus eigene Tracks zu produzieren.

Im Dezember letzten Jahres sowie im Februar 2016 führte er dann im Laden zur Vernissage und Finissage der Ausstellung „Im Unterholz“ von der Wiener Künstlerin Maxi Schramm erste Stücke auf. Zwischen beiden Terminen entstand zudem ein gleichnamiges Album, das Stefkovic van Interesse via Bandcamp veröffentlicht hat.Die sieben Stücke auf „Im Unterholz“ entfalten dabei eine unterkühlte, bedrohliche Atmosphäre aus abstrakten und entschlüsselbaren Field Recordings. Mit Schubladengriffen, Scharnieren und Schranktüren erzeugtes Rasseln, Knarzen und Pochen verschwimmt mit dauerpräsenten oder sich mit Hall-Effekten langsam aufbäumenden Sound-Artefakten. Teilweise mit kurzen Entgleisungen in Richtung Noise.

Es ist kein gemütlicher und gefälliger Wohlfühl-Ambient, den Stefkovic van Interesse mit „Im Unterholz“ geschaffen hat. Vielmehr eine düstere Reise ins Halbdunkel und ins Zwischenweltliche. Ein Album, dem man sich hingeben und öffnen muss, das aber im richtigen Moment als auditives Kunstwerk viele faszinierende Schichten offenbart.

„Im Unterholz“ gibt es digital oder als limitierte CD-Box mit einer Fotografie und einem Rindenstück aus dem Leipziger Wald.

Stefkovic van Interesse
Mehr zu Stefkovic van Interesse bei frohfroh

 

Panthera Krause „Umami EP“ (Uncanny Valley)

Nach Perm und Leibniz dockt nun auch Panthera Krause mehr beim Dresdner Label Uncanny Valley an – mit einer eigenen EP.

Mit seinem herausragenden Track „Coochie“ tauchte Panthera Krause auf der 5-Jahres-Label-Compilation erstmals im letzten Herbst bei Uncanny Valley auf. So überzeugend wohl, dass die Zeit für eine ganze EP reif war.

Und die fällt sehr vielfältig aus. Mit großem Hit-Potential entfaltet sich der Titel-Track in perkussiv-balearischer Leichtigkeit. Inklusive kurzen Vocal-Cuts und ungewohnten, aber doch erfreulich unschunkeligen Orgel-Chords. Bei „Howling For July“ sind es dann sich wild überlagernde Querflötensounds, die dem breakigen House-Track eine eigene Südsee-Romantik verleihen.

Abseits dieser beiden offensiven Hits gibt es aber auch noch „Z Cuts“ und „The Space Between Us“, die mir in ihrer Unberechenbarkeit noch besser gefallen – zumal auch hier zwei völlig unterschiedliche Facetten ausgespielt werden. Sehr acid-angeraut und unterkühlt bei „Z Cuts“, dann super langsam und melodisch schwingend bei „The Space Between Us“. In der stilistischen Breite erreicht die „Umami EP“ schon beinahe die Qualitäten eines guten Albums.

Ergänzend sei noch das Interview von Panthera Krause bei groove.de empfohlen.

Panthera Krause Website
Uncanny Valley Website
Mehr zu Panthera Krause bei frohfroh

Lootbeg „Never Doubt About“ (Tieffrequent)

Nach seinem Beitrag zur zweiten Blaq Numbers-Platte folgte kürzlich eine neue Artist-EP von Lootbeg.

Und zwar auf dem Berliner Vinyl-only-Label Tieffrequent. Darauf drei Stücke, die sich geschichtsbeflissen dem klassischen Deep House widmen. Mit trocken-tighten Bassdrums, scharfen HiHats, deep-warmen Chords und einem leichten Soul-Einschlag bei „They Wonder Why“.

Das klingt alles so klassisch, dass es fast öde ist. Aber eben auch so unbeschwert und schiebend, dass es mich doch auch berührt. Wahrscheinlich ist es die ungetrübte Freude hinter diesem zeitlosen Sound.

Jan Ketel nimmt mit seinem Remix zu „They Wonder Why“ spürbar den Druck heraus und dimmt die Freude in ein wohlig-weiches Entspannen, um am Ende doch wieder mehr Dynamik anzudeuten.

Lootbeg ist aber noch woanders gerade zu hören – bei der vierten Platte des französischen Labels W-EE. Zweimal war er dort bereits mit seinem dwntmpo-Alias zu hören.

Nun kommt als Lootbeg sein „Finine“ auf weißes, limitiertes Vinyl. Und der gefällt mir noch um einiges besser. Packende Beats, erst Acid, dann dubbige House-Deepness. Zum direkten Abtauchen.

Und um es komplett zu machen: Es gibt auch zwei aktuelle Podcast-Mixe von ihm. Für die Labels O*RS und Tieffrequent.

Lootbeg Facebook
Mehr zu Lootbeg bei frohfroh

Blac Kolor „Born In Ruins“ (Basic Unit Productions)

Blac Kolor legt Album Nummer Zwei nach und bringt einmal mehr eine neue Dynamik in seinen düsteren Sound.

Gefühlt liegt sein Debüt-Album „Wide Noise“ gar nicht so lange zurück. Vor knapp zwei Jahren kam es heraus und verband die aufgeladenen EBM-Einflüsse der Blac Kolor-Anfänge mit straightem, dystopischem Techno.

„Born In Ruins“ schlägt nun noch ein neues Kapitel auf. Nicht nur konzeptionell, sondern vor allem rhythmisch. Der Track „Pain Delivery“ auf der im Januar erschienen „Stormfly“-EP teaste es bereits an: Die neuen Blac Kolor-Tracks sind weitaus breakiger und experimenteller. In zehn Episoden schaut Blac Kolor zurück auf prägende Momente seines Lebens – in unserem großen frohfroh-Interview geht Blac Kolor vertiefend darauf ein.

Mit Blick auf die musikalische Evolution von Blac Kolor bleibt der schroffe, dunkle und kalte Sound, der seine EBM-Wurzeln nicht leugnet, weiter erhalten. Doch die neuen rhythmischen Verschiebungen steigern dessen Intensität nochmals. Massive Bassdrums und peitschende Claps vor sich episch-aufbäumenden und langsam schwebenden Synth-Sounds. Es ist ein permanentes Spiel dieser Kontraste.

Und zwar so homogen auf der gesamten Länge des Albums ausformuliert, das kein Track wirklich als Solitär heraussticht. Abgesehen vom schiebenden Intro „Spirits“ bewegen sich die neun weiteren Tracks unter der gleichen schweren Glocke, die „Born In Ruins“ zu einem in sich geschlossenen Konzeptalbum werden lässt.

Vocals tauchen da nur noch als verfremdete Spurenelemente auf, der Dancefloor ist in weiter Ferne, das EBM-Pathos weicht einer stärkeren Reduktion – all das macht „Born In Ruins“ zu einer ebenso verstörenden wie tief einnehmenden Reise durch eine Dunkelheit, in die immer auch ein spärliches und weit entferntes Licht fällt. Einnehmender noch als das toolige „Wide Noise“.

Blac Kolor Website
Mehr zu Blac Kolor bei frohfroh

Düstere Ambivalenzen – Blac Kolor im Interview

„Born In Ruins“ heißt das zweite Album von Blac Kolor – wir wollten endlich wissen, wer dahinter steckt und haben ihn zum Interview getroffen.

Es kommt nicht oft vor, dass mir der Chef einer etablierten Digital-Agentur gegenübersitzt und von alten EBM-Zeiten vorschwärmt. Doch Hendrick Grothe alias Blac Kolor verkörpert auf dem ersten Blick nicht das Bild eines satten und angeschnöselten Agentur-Bosses.

In legerem Schwarz bestellt er Burger und Bier, holt in seinen Erzählungen und Erklärungen weit und selbstbewusst aus, aber stapelt an vielen Stellen in Demut vor seinen musikalischen Helden auch wieder tief. Ambivalenzen und Zwischenräume sind denn auch seine Welt – das wird im Interview immer wieder deutlich.

Sein zweites Album „Born In Ruins“ erscheint in diesen Tagen, und es war Anlass für uns, einmal näher zu fragen, woher diese düstere, sich scheinbar permanent wandelnde Musik herkommt.

Ich kannte dich eigentlich als Santini, dann war plötzlich Blac Kolor da – wie kam es zu dem Switch?

Der Switch kam in erster Linie aus dem Bedürfnis heraus, technisch besser auflegen zu können. Ich hab irgendwann begriffen, dass ich mit dem Produzieren anfangen muss, um ein besseres Musikverständnis zu bekommen und Tracks granularer zu hören. Ich habe dann mit Beat-Basteleien angefangen und alle Fehler gemacht, die man so machen kann.

Irgendwann habe ich gemerkt: Egal wie ich an Tracks herangehe, es gibt immer diese extrem düstere Komponente – ich baue irgendwie immer Maschinengewehre zusammen. Die ersten Ergebnisse habe ich dann immer noch unter Santini auf Soundcloud – teilweise ungemischt und ungemastert – rausgehauen, um einfach nur Feedback zu sammeln.

Ich wurde besser in den Produktionen und je dunkler diese wurden, desto klarer wurde mir, dass das nicht mehr unter dem Moniker Santini laufen sollte, dass ein Neustart hermüsse. Santini war für mich generell vielleicht auch einfach etwas verbraucht.

An welchem Punkt hattest du das Gefühl, dass das Produzieren mehr sein könnte als eine DJ-Schule?

„Rule Forever“ war der erste Track, der die Aufmerksamkeit von Daniel und Dejan von Haujobb bekam. Die Beiden boten mir an, diesen Track auf dem ersten „Frost“-Sampler ihres Labels Basic Unit Productions zu veröffentlichen. Eigentlich noch unter Santini produziert, bekam hier also alles schnell seinen eigenen Drall, eben nicht zuletzt durch positives Feedback von befreundeten Musikern.

Es fühlte sich richtig an, diesen düsteren Sound, den ich in der Anfangszeit von Santini ja fast ausnahmslos gespielt habe, wieder konsequenter anzugehen, mich quasi zurückzubesinnen – Blac Kolor war geboren. Mein Debüt-Release, die „Range“- EP folgte dann auch recht schnell, ebenfalls auf Basic Unit Productions und ich wusste, ich sollte hier am Ball bleiben. Das war genau der Sound, den ich machen wollte.

Warum Blac Kolor?

Blac Kolor ist als Widerspruch und vielleicht auch Ambivalenz zu verstehen. Da Schwarz keine Farbe definiert, sondern einen Kontrast – hier spricht dann wohl der Grafiker aus mir – und ich diese Widersprüchlichkeit aber auch immer in der Musik spürte, passte der Name für mich perfekt. Darüber hinaus fühle ich mich oft fehlplatziert, bei dem, was ich tue, obwohl ich es gern tue. So, als würde ich nicht hingehören, wo ich gerade bin und trotzdem gern da sein.

Das ist wirklich schwer zu beschreiben. Grund dafür ist sicher eine Art Unterwürfigkeit dem eigenen Schaffen gegenüber. Vielleicht ist es auch einfach nur aus dieser kritikschwangeren Unsicherheit und den ständigen Selbstzweifeln heraus, die kreative Menschen so häufig mit sich herumschleppen.

Das Cover-Artwort meines Debüt-Albums „Wide Noise“ ist übrigens bestes Zeugnis dieses Gefühls: Exotische Tiere in einen europäischen Mischwald – unpassender geht’s wohl kaum. Aber aus diesem Gefühl des „Fehlplatziert-Seins“ zog ich andererseits auch schon immer irgendwie meine Energie – alles sehr ambivalent eben.

Mir war es bei Blac Kolor von Anfang an auch immer wichtig, nie so wirklich greifbar zu sein und trotzdem so etwas, wie einen eigenen Sound zu schaffen. Ich freue mich jedenfalls, dass man sich schwertut, Blac Kolor in eine Genre-Schublade zu packen. Darüber hinaus, mag ich wohl einfach Schwarz ganz gern.

Du bist automatisch zu einem düsteren Sound gekommen – dem muss ja eine musikalische Sozialisation in diese Richtung vorgegangen sein. Wo kommst du da her?

Die musikalische Sozialisierung begann bei mir Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger. Ich komme aus einem kleinen, anhaltinischen Nest und wir fuhren damals regelmäßig zur Disko ins entfernte Bad Kösen. Das war mit dem Moped zwar immer eine Weltreise, dafür kriegten wir dort aber zuverlässig unsere Dosis Leila K und Konsorten, was zu der Zeit halt die Tanzflächen füllte.

Der DJ schickte dann aber jeden Samstag ab 1 Uhr die gesamte Tanzfläche in die Pause, machte einen völligen Stilbruch und spielte Dark Wave und EBM – alles superfinster. Es gab im Umkreis eine recht große Szene und die Tanzfläche wurde quasi einmal komplett ausgetauscht. Wir standen mit unseren bunten Pash-Klamotten maulaffenfeil am Rand und waren völlig fasziniert von diesen ganzen schwarzen Gestalten und der Musik zu der sie tanzten.

Mitte der Achtziger machte zwar schon ein dubioses Front242-Tape bei uns im Dorf die Runde und sicher war man irgendwie Depeche Mode-Fan, aber erst durch die Disse in Bad Kösen verdichtete sich das für mich. Spätestens als dann dort „Metal Hammer“ von And One lief, war es um mich geschehen – das war 1991. In der Zeit haben wir die gesamten Kataloge von Throbbing Gristle, SPK und Skinny Puppy etc. nachgeholt. Was man als Ossi, kurz nach der Wende musikalisch so machte – nachholen, viel nachholen.

Ich habe damals alles aufgesaugt, was aus dieser Szene kam. In Halle eröffnete um diese Zeit herum auch der großartige Plattenladen „Schlemihl“, den es leider schon lange nicht mehr gibt. Jedenfalls wurde das schnell unser musikalisches Epizentrum. Dort bekam man einfach alles aus Darkwave, EBM und Industrial. Die Bands gaben da noch höchstpersönlich ihre Releases ab – Kundenbindung galore – und wir haben alles gekauft. Irgendwann habe ich dann angefangen selbst Partys zu veranstalten.Wo war das?

In Merseburg. Wir spürten einen gewissen Mangel an Club-Subkultur. Es gab im Umkreis keine relevante Clubnacht für uns. 1994 veranstalteten wir im damaligen Studentenclub „Reaktor“ eine Project-Pitchfork-Nacht mit dem Ziel, unsere Musik laut im Club hören zu können. Keiner von uns konnte wirklich auflegen und so haben wir das erste Mal live am Publikum geprobt. Die Szene war aber noch nie wirklich mix-affin, so störte es damals niemanden, solange wir die Hits abfeuerten.

Wir sprechen aber hier ohnehin über eine recht heterogene Musik mit hohen BPM-Schwankungen, am Mix verzweifelt man da schnell mal. Es ging mehr um die Bands, deren Hits und deren Image. Floor-Tools spielten keine Rolle, insofern musste ich in meiner damaligen Dark Wave- und EBM-Zeit auch nie wirklich mixen können. Das wurde nie vom Publikum erwartet.

Auch heute ist das noch so?

Ich glaube hier und da findet man heutzutage schon den einen oder anderen Szene-DJ, der sein Handwerk beherrscht und auch in der Selektion zu überraschen weiß. Der Standard ist das jedoch leider nicht – aber darüber will ich hier gar nicht richten. Wir konnten es damals jedenfalls definitiv nicht. Es kamen trotzdem 350 Gäste.

Ab da startete ich mit zwei Freunden das DJ-Team „Electrosmog“ und wir veranstalteten zweimal im Monat „Szene-Relevantes“. Wir hatten eine Menge Live-Acts, unzählige geile Sausen, doch irgendwann war alles gefühlt übersättigt, ringsum machten Szene-Clubs auf, die Gäste verteilten sich, wir konnten uns nicht wirklich neu erfinden und so war die Sache dann auch irgendwann durch.

Fakt ist: Hierdurch bin ich musikalisch sozialisiert wurden. Fakt ist aber auch, dass ich recht schnell von Dingen gelangweilt bin. Musikalisch brauchte ich nach gewisser Zeit immer frischen Wind. Ich habe Ende der Neunziger beispielsweise Drum & Bass-Warm-Ups zu unseren regulären Veranstaltungen aufgelegt – verstanden hat das aber niemand. Erstaunlicherweise hat meine „erste“ EBM-Phase ziemlich lange durchgehalten, bevor ich angeödet war.

Seit wann bist du in Leipzig?

1998 bin ich nach Leipzig gezogen und habe weiter als Santini aufgelegt, da aber musikalisch bewusst mit dem ehemaligen Sound gebrochen. Alles was düster war, war für mich uninteressant geworden. Die Szene hatte keine Relevanz mehr für mich. Mir fehlte das Neue. Ich habe damals dann recht kunterbunte Rave-Sachen und viel Breaks gehört und gespielt, wirklich dunkle Sachen nur sehr selten – meist im Kontext des Wave Gotik Treffens.

Wie ist es heute?

Mittlerweile gehe ich mit diesem Erbe stolz um. Es gibt ja gerade auch eine gewisse Wiederbelebung dieser Sounds. Im Berliner Boiler Room hört man jetzt die düstersten Sets mit Musik, die wir vor zwanzig Jahren schon gut fanden. Ich freue mich, dass der Sound überlebt hat und wir ihn damals auch irgendwie mitprägen und erhalten durften. Seit vielen Jahren lege ich im Rahmen des WGT auf und das macht nach wie vor eine Menge Spaß. Ich habe definitiv Frieden geschlossen mit der Szene.

Verfolgst du aber noch aktuelle Sachen der Szene oder ist das eher ein Schwelgen im Genre-Archiv?

Wenn, ist das ist schon eher Archiv-Konsum. Wirklich spannende Sachen liefert mir die Szene nicht mehr. Hier und da tauchen vielleicht mal ein paar Amis auf, die mich total wegblasen, wie Youth Code oder 3 Teeth beispielsweise. Aber auch die Label-Kollegen von Haujobb kehren immer noch ganz vorzüglich vor der eigenen Haustür. Aber generell bleibt da wenig.

Doch um ehrlich zu sein, weiß ich auch gar nicht mehr, wo die Szene anfängt und wo sie aufhört. Ich kümmere mich da nicht groß drum. Labels wie Aufnahme + Wiedergabe finde ich noch ganz spannend. Inwieweit man das aktuell zur Szene zählt, kann ich aber schon gar nicht mehr beurteilen. Vielleicht komme ich auch generell mit dem Begriff „Szene“ nicht mehr so wirklich zurecht.

Bei deinen ersten Tracks war die EBM-Erdung noch deutlicher zu hören. Bei „Wide Noise“ war dann plötzlich ein anderer Techno-Einschlag dabei.

„Wide Noise“ ist in sehr kurzer Zeit entstanden. Mit Familie und Firma im Vordergrund blieb doch recht wenig Zeit zum Produzieren. Trotzdem war mein Kopf voller Ideen, die raus mussten. Ich brauchte für mich ein Prinzip, um schnell auf den Punkt zu kommen. Ich habe mich nie wirklich lange an Skizzen aufgehalten und versucht immer innerhalb kürzester Zeit Tracks fertig zu machen.

Es ergab sich dann, dass ich drei Wochen am Stück keinen Esel zu kämmen hatte und mir wurde klar: Wenn ein Album entstehen soll, dann jetzt oder nie. Die Herausforderung war groß, das Album derart zeitlich zu bündeln, aber es hat geklappt. „Wide Noise“ habe ich dann tatsächlich innerhalb von drei Wochen durchproduziert. Ich habe viele Stimmungen aus der kurzen Zeit eingefangen und mich auf ein paar wenige Soundquellen konzentriert.

Zu der Zeit ist fast alles digital entstanden, heute taucht dann hier und da doch mal ein analoger Sound auf. Aus dieser Einschränkung und der inhaltlichen Herangehensweise ist auch ein bestimmter Sound entstanden. Ein halbes Jahr später hätte ich das so möglicherweise gar nicht mehr reproduzieren können – es war schon eine Momentaufnahme.

Ich erkenne aber auch eine gewisse Entwicklung bei meinen Releases: Die „Range“-EP war eine konzeptfreie Track-Sammlung, „Wide Noise“ war das erste ernsthafte Auseinandersetzen mit Themen und einem Konzept. Die „Stormfly“-EP hatte wieder mehr Tool-Charakter und schaut dabei auch erstmals klar auf den Dancefloor und bei „Born In Ruins“ wusste ich bereits im Vorfeld, welcher Sound herauskommen wird.

Also war die Stimmung bei „Born In Ruins“ auch eine andere als bei „Wide Noise“ – der Sound unterscheidet sich enorm.

Meine Grundstimmung und die Produktionsumstände sind unverändert. „Born In Ruins“ war jedoch im Gegensatz zu „Wide Noise“ von Anfang an einem klaren Konzeptgedanken unterworfen: Geboren in Ruinen. Meine ganz persönliche Geschichte von mir selbst musikalisch erzählt. Es ist sehr retrospektiv und fast schon autobiografisch. Ich will hier mein Aufwachsen in der DDR, und die damit verbundenen Empfindungen dem Hier und Jetzt gegenüberstellen und in einem Stück Musik dokumentieren.

Klingt erstmal alles sehr verkopft, ist es sicher auch, aber ich hatte rückblickend einfach das Glück, zwei Systeme mitzuerleben. Ich war 16 als die Wende kam, da kann man schon gut einordnen, was da gerade im Land passiert. Und dann ist da wieder dieser Widerspruch: Die tristen Plattenbauten von damals und mittendrin ein Kind mit einer Menge bunter Knete im Kopf. Das habe ich versucht auch alles etwas kritisch für mich aufzuarbeiten. Ich habe mich gefragt, was ich eines Tages meiner Tochter erzähle, wenn sie mich danach fragen sollte. Das war sicher auch ein Trigger, sich dem Thema zu nähern.

Ich habe mich bewusst für Plattenbau-Fotomaterial von Frank Machalowski entschieden, denn in so einer Platte bin ich groß geworden. Und wenn man sich das anschaut, dann war das tatsächlich trist, kaputt und irgendwie ruinös und doch kommen dabei tolle Kindheitserinnerungen hoch. Dieses zweischneidige Schwert habe ich versucht, irgendwie in Musik einzufangen. Das ist meine Geschichte, so war ich, so bin ich, so fühle ich mich. Ich fand den Ansatz interessant: bewusst kaputte, industrielle Musik erzählt eine Geschichte über ein fröhliches Kind.

Auf dem Cover ist übrigens auch ein Kinderfoto von mir verarbeitet, das „Born In Ruins“ einmal mehr zu einem sehr persönlichen Album macht. Man fragt sich unweigerlich, warum heute, viele Jahre nach diesem grauen Staat, draußen in unserem gesättigten Leben alles so schön kunterbunt ist, in den Köpfen dafür aber ziemlich viele graue Wolken langziehen.

Was waren denn Themen oder konkrete Bilder?

Wie gesagt, vornehmlich Bilder aus meiner Kindheit, aber auch ein, zwei Momente aus meinem Leben als Familienvater und Geschäftsmann. Bei „Terpentin“ habe ich mich an ein Bild aus meiner Kindheit erinnert, was irgendwie noch erstaunlich präsent ist – irgendwo im Wald, ein harzender Baum. Keine Ahnung mehr, was der Kontext war, ich habe nur abgespeichert, dass ich zu diesem Zeitpunkt sehr glücklich war.

„Doomed“ wiederum beschreibt eine herbe geschäftliche Erfahrung, bei der ich mir eine sehr blutige Nase geholt habe. Neben aktuellen Erlebnissen ist das Album aber wie gesagt, schon eher retrospektiv. Es geht beispielsweise auch um starke, familiäre Bindungen (Strong Bonds) oder aber auch um meine Zeit als Reisender (Wanderings). Alles einfach mal aufgearbeitet, an was man sich so erinnern will, was einen geprägt hat.

Bei „Born In Ruins“ als Titel-Track gehen dann thematisch die Fäden zusammen. Ich wollte bei der Titel-Platzierung eigentlich chronologisch vorgehen – das machte konzeptionell zwar Sinn, musikalisch aber irgendwie nicht. Also habe ich zeitliche Sprünge in Kauf genommen, um eine musikalische Reise zu erzeugen. Das Album schaut hier sicher auch weniger auf die Tanzfläche, dafür mehr auf eine kaputt-ruinöse Couch und ein paar anständige Kopfhörer.

Du sprichst immer wieder von Ambivalenz – wie wird das in den jeweiligen Szenen wahrgenommen?

Ich weiß es nicht wirklich. Als Projekt bin ich sicher schwer greifbar – sowohl für die Tool-Time-Fraktion des Techno als auch für die alteingesessene Dark-Wave-Szene. Wenn ich live spiele, ist das schon meist im WGT- und Dark Wave-Umfeld. Ich bin z.B. nebenbei seit vielen Jahren als Grafiker für das Szene-Event „Planet Myer Day“ tätig. Da kennt und schätzt man sich.

Ich denke aber, dass ich in vielen Kontexten wahrgenommen werde und zugleich in keinem richtig. Ich fühle mich auch selbst zwischen den Welten. Der Sound ist jedenfalls nicht so leicht einzuordnen und vielleicht hier und da für das Publikum schwer zu konsumieren. Von einigen aus der EBM- und Dark Wave-Szene habe ich aber schon gehört, dass Blac Kolor als innovatives Projekt wahrgenommen wird, was mich natürlich sehr freut.

Dass wenig Frisches kommt, ist etwas, was ich an der Szene immer bemängelt habe. Aber ich bin auch außerhalb dieser Gefilde unterwegs. Demnächst werde ich zusammen mit Georg Bigalke wohl öfter in der Distillery zu finden sein. Das wird dann eher ein straighter, düsterer Techno-Sound – Tooltime sozusagen.

Dann wirst du in der Techno-Szene schon wahrgenommen – die Distillery hat dich auf dem Schirm.

Ich denke, im Ansatz schon. Für mich verschwimmt das aber ohnehin alles. Ich spiele meinen Sound und wer’s mag, der bleibt, wer nicht, der geht eben wieder. Für mich wird es spannend, wenn wir am 27. Februar den Album-Launch im Distillery-Keller veranstalten werden. Mal sehen wieviel „Szene“ man dann antreffen wird. Aber am Ende ist das eigentlich auch egal.

Wer hat dich bei der Distillery eigentlich mit eingebracht?

Georg war das. Er hatte mich vor einiger Zeit für seine Mix-Reihe „45 Minutes of Techno“ angefragt und wir haben dann auch mal zusammen gespielt, was prima funktioniert hat. Wir haben uns sofort super verstanden. Georg spielt seinen Sound und ich meinen, aber es gibt eine gewisse Schnittmenge, die, über einen ganzen Abend betrachtet, sehr spannend für das Publikum sein kann.

Du hast gesagt, dass du dich musikalisch schnell langweilst – bist du jetzt mit der Veröffentlichung von „Born In Ruins“ eigentlich auch schon wieder an einem anderen Punkt?

Ja, der nächste Schritt ist für mich schon so gut wie fertig. Das wird alles etwas schneller, geradliniger und mehr auf die Tanzfläche blickend. Ich weiß zwar noch nicht, welche Tanzfläche das sein wird, aber ich fühle, dass es die irgendwo gibt. Ich arbeite momentan auch mehr mit Hardware, was den Sound sicher auch beeinflussen wird.

Ich bin keinesfalls von „Born In Ruins“ gelangweilt, aber das Kapitel ist abgeschlossen, die Geschichte erzählt und jetzt habe ich Bock auf neue Sachen. Die neuen Sachen möchte ich jedenfalls gern irgendwann in diesem Jahr auf meinem eigenen Label herausbringen.

Eigenes Label?

Ja, ich habe vor, ein eigenes Label zu gründen – zu viel möchte ich aber noch nicht verraten.

Du hast eine Familie und eine Firma, machst Musik und hast auch noch die Ressourcen für ein Label?

Wie viel Ressourcen das sein werden, wird sich herausstellen. Ich habe zumindest einen guten Partner dafür und wir haben einen guten Plan. Wir müssen nicht davon leben und wollen uns in erster Linie den Spaß an der Freude bewahren. Die Strenge der Veröffentlichungspolitik des Labels wird sich auch erst noch zeigen. Erstmal alles ganz entspannt, so, wie’s halt ins Leben passt. Familie und Job gehen bei beiden ganz klar vor.

Am Ende ist das alles sicher auch irgendwie ein riesengroßer Selbstverwirklichungsworkshop für mich. In erster Linie wird das sicher ein Hafen für unsere eigene Musik, ohne Kompromisse beim Sound und der Vermarktung. Wir werden sehen. Hm, jetzt hab ich ja doch drüber geplaudert …

Blac Kolor Website
Mehr zu Blac Kolor bei frohfroh