Letzte Woche fand die dritte Ausgabe des Balance Club / Culture Festivals statt – als Web-Version. Als Höhepunkt brachte das Festival seinen ersten Sampler heraus. Spoiler: Er ist unglaublich gut.
Wer es noch nicht mitbekommen hat: Leipzig hat endlich sein jährliches Event, bei dem die zeitgenössische Musik-, Kunst- und Gesellschafts-Avantgarde zu erleben ist. Das Balance Club / Culture Festival machte spätestens im letzten Jahr klar, dass es mit seinem ambitionierten und vielfältig kuratiertem Programm wirklich das Zeug zu einem international wirkenden Format hat.
Umso größer war die Vorfreude auf die nächste Ausgabe. Und auch die anfängliche Enttäuschung, dass es – wie so viele andere Kultur-Events auch – der Corona-Krise zum Opfer fällt. Doch sie hielt nicht lange. Denn das Balance-Festival switchte einfach ins Digitale. Klar, es steckten auch Fördergelder dahinter, die ohne Veranstaltung ausgefallen wären. Aber es war genau das richtige Zeichen für ein Festival, das sich auf allen Ebenen als contemporary verortet. Wie die Organisation funktionierte, erzählt Ulla Heinrich von der Festival-Crew in unserem Talk Talk-Podcast.
Auf der Balance-Webseite sind viele der gestreamten Sets, Workshops, Interviews und Diskurse weiterhin online abrufbar – schaut vorbei.
Worüber ich mich aber grad am meisten freue, ist der erste Festival-Sampler, der am Sonntag via Bandcamp veröffentlicht wurde. „Tender Squads“ bildet die musikalische Breite des Festivals sehr gut ab.
Und er ist ein super Impulsgeber, um neue Acts kennenzulernen.
Ganz genau wie das Festival im Real Life. Ich kenne nur Ana Bogner, Lamb Kebab und ABOGAR, sonst Neuland.
Eine kurze Recherche zeigt aber: Auf „Tender Squads“ sind durchaus bekanntere Acts mit exklusiven Tracks dabei. TSVI aus London, Kablam aus Stockholm und Animistic Beliefs aus Amsterdam etwa. Doch viel wichtiger als der Fame: Die Tracks überzeugen durch ihre frischen, experimentellen Ansätze. Durchweg, in all ihrer Bandbreite und Dekonstruktion von klassischen Genres. Egal ob Rap, Ambient, Breakbeat, Folklore oder Techno – überall entstehen neue Twists, überall gibt es faszinierende Sounds.
Meine Hits: Diese Einordnung kann hier nicht funktionieren, denn jeder fuckin‘ Track ist gut, unique für sich stehend und motivierend, mal wieder mehr nach neuem Stuff zu suchen.
„Tender Squads“ gibt es digital für einen selbstgewählten Preis – die Erlöse gehen an die Organisation Migrantifa Leipzig.
Der zweite Geburtstag, die Coronakrise, das Soliticket und die Crowdfunding-Aktion(en) – im Interview mit den Clubbetreiber*innen des mjut gab es viel zu besprechen. Zwei unserer Autorinnen im Gespräch über die momentane Lage im Club und in der Leipziger Subkultur.
Selbst wer diesen Geruch zuvor für unangenehm empfunden hat, dürfte ihn nun vermissen: Der vereinte Geruch von Zigarettenrauch, Nebelmaschine und Schweiß, der sich über Monate und Jahre hinweg auf und unter Tanzflächen, Wänden und Decken manifestiert hat. Das Gefühl, wenn die Schuhsohlen kurz am Boden kleben ob des verkippten Biers.
Ähnlich ging es unseren Autorinnen, die erst einmal tief durchatmen mussten, als sie endlich wieder zwischen den Backsteinmauern eines von Leipzigs größten Clubs stehen.
Status Quo
Die momentane Grundstimmung in der Leipziger Clubkultur ist, untertrieben gesagt, nicht gerade positiv. Etliche Crowdfunding-Aktionen und Clubs ringen hoffnungsvoll um die nicht mehr ganz so gefüllten Geldbeutel ihrer Besucher*innen. Wöchentlich wird von allen Seiten versucht, ausgefallene Veranstaltungen durch Streams zu ersetzen oder gar neue Stream-Konzepte zu erstellen – aber auch hier lässt langsam die Motivation nach.
Ähnlich wie unsere Subkultur ist das mjut gerade eine Baustelle. Den mit Sand bedeckten Boden im Außenbereich verdecken wiederum etliche gestapelte Holzplanken, alles ist irgendwie zur gleichen Zeit im Auf- und Abbau; sowohl draußen als auch drinnen stapelt sich Technik, soweit das Auge reicht.
Foto von Paula CharlotteFoto von Paula Charlotte
Und obwohl der Club im Leipziger Osten mit den Rahmenbedingungen rund um seine Geburtstage bisher nie wirklich Glück gehabt hat und auch sonst gerade viele Kompromisse eingehen muss, ist die Stimmung unter den Mitwirkenden überraschend gediegen. Im mjut ist man sich sicher, dass die Situation gerade mehr Chance als Krise darstellt.
Alles und Nichts
Aber zurück zum Anfang: Ein Club ohne genaues Konzept, ohne konkrete Richtung, in die es gehen soll. Funktioniert das, wenn alles und nichts möglich ist? Wie können Ideen, Perspektiven und Visionen abgestimmt werden?
„Wir haben uns gar keine Nische gesucht, die hat uns gefunden – Vieles hier hat sich irgendwie gefügt“, erzählt uns Marcus über die Zeit der Gründung des mjut. Marcus ist der Geschäftsführer des mjut, alter Hase in der Clubwelt und ambitioniert, den Horizont der Clubkultur in Leipzig ein Stück zu erweitern.
Markus aka Translucid ist Booker und Resident des mjut und sieht genau darin die Stärken des Clubs: „Das ist das, was ich schön finde: Jede Idee, die aufploppt, egal wie banal sie am Anfang klingt, wird versucht umzusetzen und es wird Energie reingesteckt, um etwas Schönes daraus zu machen.“
„Hier werden Ideen nicht so schnell abgewunken wie vielleicht an anderer Stelle, weil‘s zu weird sei, nicht reinpasse oder sonst was. Ich finde es schön, dass wir regelmäßig über irgendwelchen Quatsch nachdenken und dann erst abwägen, ob das Sinn ergibt oder nicht; dass mindestens mal darüber nachgedacht wird“, bestätigt Marcus.
Foto von Paula CharlotteFoto von Paula Charlotte
Happy birthday, liebes mjut
Im April 2020 ist das mjut zwei Jahre alt geworden. Geburtstage scheinen jedoch seit der Gründung des Clubs unter keinem guten Stern zu stehen: Zu Beginn musste ohne Dach ausgekommen werden, zum ersten Geburtstag wurde der Safe aufgebrochen, den zweiten feierte das mjut ohne Gäste.
Eine Leerstelle entsteht.
Ein freier Raum, der gefüllt werden muss, wenn keine Menschen mehr durch das Holztor mitten in einer Industriebrache im Leipziger Zentrum kommen. Wie diese Leerstelle gefüllt werden kann und derzeit gefüllt wird, erfahren wir noch. Zuerst interessiert, was für ein Resümee die Crew nach zwei Jahren mjut für sich zieht.
Vor allem sei es, so Markus, gar nicht so einfach, Menschen mit dem, was man tut, zu erreichen, wenn man diverse Partys, verschiedene Konzepte und Ideen unter einem Dach versammelt. Nach seinem Gefühl wird die Clubkultur in Leipzig aktuell von zwei Motivatoren getrieben: Auf Veranstaltungen zu gehen, die man kennt, weil man weiß, was man bekommt und weil man weiß, dass alle Freund*innen da sein werden.
Oder aber auf Veranstaltungen zu gehen, die total underground sind, von denen man nur durch SMS-Listen erfährt. Das kann schade sein, wenn gut kuratiertes Booking keine Aufmerksamkeit bekommt, weil es schlicht und ergreifend etwas Neues ist, vielleicht eben mal nicht genau das, was wir alle schon kennen. Die Partys eben, auf denen wir alle schon hundertmal waren.
Foto von Paula Charlotte
Markus hofft, dass das mjut mit der Zeit, die vergeht, für genau diese Veranstaltungen mehr Aufmerksamkeit bekommt. „Ich merke schon, dass man immer mehr das Gefühl hat, die Leute kommen nach Abenden im mjut auch wieder, auch wenn sie die Künstler*innen nicht kennen – weil sie wissen, sie können darauf vertrauen, dass was Gutes passiert, dass sie vielleicht auch mal überrascht werden. Es gibt so viele Leute, die super krasse Musik machen, deren Namen aber niemand kennt. Ich hoffe, dass der Club diesbezüglich einfach immer mehr Vertrauen bekommt.“
Auch Marcus sieht als Stärke des Clubs, dass es keine von vornherein festgelegte Linie gibt. Das bringt Herausforderungen mit sich, vor Allem weil es nichts konkret Greifbares für das etwaige Publikum gibt, an dem sich orientiert werden kann. „Zu Beginn haben wir diese ‚Nicht-Definition‘ eher als Makel wahrgenommen als jetzt, weil für uns selbst auch lange nicht greifbar war, wie wir uns definieren wollen. Aber es gibt ganz viele Menschen, die ihren Horizont immer offenhalten, Musik suchen, Technik, Kunst… Das würde ich hier auch gern aufrechterhalten, dass sich nicht eine Schiene so einfährt. Im besten Fall kann man aber ein Ort für alles werden, ohne dass es von vornherein eine festgelegte, immanente Prägung gibt, wie der Abend sich verhalten wird, wie der Flow sein könnte.“
Das mjut als Chamäleon der Leipziger Clubkultur
– an einem Abend eine Goa-Party mit bunt leuchtender Deko, 12 Stunden später clean, industriell und technoid. Es entsteht ein Gefühl, als könne alles passieren. Mit seiner Wandlungsfähigkeit füllt der Club eine Nische, von der wir nicht wussten, dass wir sie brauchen – abseits des Techno-Monopols in Leipzig.
„Da stoßen wir als Subkultur an unsere Grenzen, weil wir eben doch nur in einem Dorf leben – beispielsweise im Vergleich zu Berlin.“ bestätigt Marcus. „Es wäre einfacher gewesen, den Laden in eine massenkompatible Richtung zu drücken und damit den finanziellen Erfolg zu sichern. Aber ich glaube hätten wir das gemacht, wären wir an einem gewissen Punkt von der Moral her versackt, weil uns das nicht glücklich gemacht hätte.“ Der Musikgeschmack der Crew ist so divers wie der Club selbst: Es fehlen aber Disko-Partys, Hip-Hop Partys,… – es gibt viele unterrepräsentierte Genres.
Foto von Paula Charlotte
…and then there was Corona
Zwei Jahre also füllt das mjut einen Freiraum in Leipzigs subkulturellen Kosmos, erschafft Welten und setzt ständig neue Ideen um.
Dann kommt das Frühjahr 2020, die Clubs dürfen nicht mehr öffnen.
Lockdown.
Doch auch an dieser Stelle bleibt die Crew optimistisch: „Natürlich ist es jetzt finanziell schwierig, aber wir waren schon oft wirklich an dem Grund des psychischen, finanziellen oder generell des Machbaren. Ich bin ein Stück weit der Meinung, dass die Institution Club, die wir alle immer noch so ein bisschen vor uns herbeten, dahinsiecht und verschwindet, dass die Konsumverhältnisse sich ändern. Ich glaube, dass wir mit dieser Krise noch schneller zu diesem Punkt gekommen sind, dass das eigentliche Club-Dasein vollständig überdacht werden muss.“ Seine Illusion: Etwas neues kreieren, die Hülle „Club“ wieder mehr als das sehen, was es ist – ein Ort, an dem Menschen aufeinander treffen und Künstler*innen kuratiert werden.
Das ist es letztendlich nämlich, was den Club von einer Diskothek unterscheidet: Ein kuratiertes Programm versus DJs, die als Job auf der Lohnsteuerkarte einen Track nach dem nächsten pumpen. Clubs sind aktuell vielerorts noch als Vergnügungsstätten klassifiziert – was dem Anspruch, den viele Booker*innen haben – ein durchdachtes Kulturprogramm auf die Beine zu stellen – nicht gerecht wird. Gewissermaßen können Clubs aus dem Leerraum, der durch Corona entstanden ist, wieder experimentierfreudiger werden, auch wenn sie eventuell in Musikstilen und Konzepten eingefahren waren. Und vielleicht verändert die aktuelle Situation auch etwas auf Seite der Konsument*innen
– vielleicht hören Zuhörer*innen in Zukunft genauer hin
hofft Klara, die im mjut für Presse und Promo zuständig ist.
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Möglicherweise beginnt das Publikum, wenn es zu Hause die Musik von Künstler*innen konsumiert – ohne das Drumherum im Club – bewusster zu konsumieren. So könnte wieder mehr ein Gefühl dafür entstehen, was die Menschen an den Mischpulten zusammenstellen. Vielleicht gehen dann wieder mehr Personen wegen der Musik zu Veranstaltungen, egal ob nüchtern oder nicht, egal ob die ganze Crew da sein wird oder nicht.
„Ich hoffe, dass die Leute sich jetzt alle mal mehr mit sich selbst beschäftigen und dadurch vielleicht mehr Offenheit für gewisse Dinge entsteht.“ bestätigt Markus. „Eigentlich kann die Szene so, wie sie gerade funktioniert, ohnehin nicht weiter funktionieren, so viele Künstler*innen sind jedes Wochenende von A nach B geflogen, was extrem scheiße ist – die Clubkonzepte müssen in Zukunft variieren, es sollte regionaler gearbeitet werden muss regionaler arbeiten. Deswegen denke ich, es ist gut, wenn ein bisschen über den Horizont geschaut wird und der Fokus nicht nur auf einer Party mit Musik und Feiern liegt.“
Und auch für die Zeit Post-Corona gibt’s im Club ohne konkretes Konzept schon jede Menge Pläne. In den Containern rund ums mjut, die auf der Betonfläche noch leer stehen, sollen Ateliers, Büros, Werkstätten und Coworking-Spaces entstehen. Marcus möchte diverse Gewerke, Bildungsrichtungen und Bildungsschichten zusammenbringen. „In meiner persönlichen Wahrnehmung ist der Club nur der Samen für das, was hier noch entstehen soll. Wenn wir uns immer in unserer linken Bubble bewegen, uns immer von der gleichen Künstlerblase weitertragen lassen, dann machen wir 10, 15, 20 Jahre immer die gleiche Soße. Ich sehe den Ort hier eher ganzheitlich. Der Club ist die Basis, der Startpunkt, es ist schön, dass er uns zusammengeführt hat.“
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Das mjut im Umbau
Zurück im Club selbst hat sich das mjut schon vor Corona dem Umbau gewidmet – viele von euch dürfen die neuen, um 90 Grad gedrehten Ausrichtungen der Tanzflächen schon erlebt haben. Dieses Floor-Konzept wird gerade erweitert: „Jetzt gehen wir noch ein Stück weiter, sägen die Fundamentpodeste raus und bauen in beiden Räumen noch eine Wall of Bass, um den Raumklang zu homogenisieren und ein noch haptischeres Erlebnis zu erzeugen.“ Auch ein Holzfußboden soll her. „In Summe wird der Club vom Aussehen her immer relativ slick bleiben. Wir versuchen nicht besonders industriell fabrikmäßig zu wirken, was oft mit Techno assoziiert wird, weil ich glaube, dass diese Prägung zum Einen überholt ist und zum Anderen wieder eine Verfestigung darstellen würde, die wir einfach nicht haben und nicht sehen.“ sagt Geschäftsführer Marcus.
„Ich vermisse die Zeit des Stumpfsinns nicht wirklich“
Im Außenbereich wird selbstverständlich auch gewerkelt – dort soll vor allem erstmal am Schallschutz gearbeitet werden, um den Nachbarn gegenüber mehr Rücksicht zu zeigen. „Wir versuchen den Außenbereich dahingehend fit zu machen, um in Absprache mit der Stadt, der Kulturbürgermeisterin und der LiveKomm in irgendeiner Form einen außengastronomischen Betrieb aufbauen zu dürfen. Oben wird eine Terrasse aufgesetzt, den neuen Barcontainer bauen wir aus.“
Foto von Paula Charlotte
C.R.E.A.M.
Mit einem Blick auf die Leipziger Szene merkt man: Nicht nur das mjut ist im Wandel. Umdenken, neu erfinden und Krisenprogramm ausfahren lautet die Devise der gesamten Subkultur während Besucher*innen ausstehen und Dancefloors leer bleiben.
Streams, soweit das Auge reicht
Der United We Stream Kick-Off aus Leipzig in Kooperation mit arte concert – wir erinnern uns – wurde vor einem Monat mit fünf ihrer Residents im oberen Floor des mjut gefeiert. DJ Maik, Alto Bloom, Translucid, Sui und DJ Detox boten Zuschauer- und Zuhörer*innen eben das diverse, musikalische Programm, über das sie sich mit uns unterhielten. Smoothe Breaks im Opening, danach experimentelle und Bass-Sounds, Disco- und Synth-Vibes, Electro und, schließlich, schnelle und trippy tunes.
Mit sowohl den United We Stream Global als auch den United We Stream Mitteldeutschland Modellen mit arte concert und dem MDR war und ist es das Ziel, Geld für die Rettung der Clubkultur zu sammeln – mit Hilfe des Spendenmodells Club-Soliticket. Zwar bekommen alle elf Clubs und Musikspielstätten der LiveKomm das Geld aus diesem Spendentopf, jedoch hat das mjut, wie einige andere, eine separate Crowdfunding-Aktion ins Leben gerufen.
Warum? „Wenn ich mir die laufenden Kosten von zehn Spielstätten angucke, selbst nach positivster Milchmädchenrechnung mit dem, was über das Soliticket reingekommen ist – keine Chance,“ meint Marcus.
Foto von Paula Charlotte
Die LiveKomm hat bekannt gegeben, dass bereits 100.000 Euro mit dem Soliticket gesammelt wurden und, klar, das ist auf den ersten Blick viel Geld. Wenn allerdings monatelange Einnahmen ausbleiben und Mieten trotzdem ausstehen, kommen elf Clubs mit dieser Summe nicht weit. Den Unterstützer*innen sei man wirklich dankbar, doch eine gemeinsame Crowdfunding-Kampagne nach Dresdner Vorbild wäre laut mjut solidarischer und damit zukunftsweisender gewesen. (Anm. d. Red.: in Dresden sind bisher knapp 60.000 Euro für 13 Clubs zusammengekommen.)
„Die Szene hat eine gewisse Größe, einen gewissen Pool. Wir leben alle in unserer Bubble und denken, dass alle etwas mitbekommen. Und diese kleine Bubble hat einen kleinen Markt – wenn man den für eine gewisse Zeit ausreizt, wird am Ende für die Leute, die es bis dahin nicht getan haben, nichts mehr übrig bleiben. Das sehen wir an unserer Kampagne und das werden wir bei nachfolgenden sehen.“
Goodies, goodies, goodies
Auch, wenn die Crowdfunding-Aktion im mjut ein wenig Unbehagen auslöst – man ist stolz auf das, was man auf die Beine gestellt hat. Über 12.000 Euro hat der Club bereits sammeln können; es gibt Poster, Platten, Merch und viele Specials als Dank für die Solidarität der Spender*innen.
Die Specials, die der Crew besonders am Herzen liegen, sind beispielsweise die Zimmerlampen, Club-Dinner und DJ-Workshops. Und: die Nerdshops (nerdy Workshops) zu Soundsystemen und Raumakustik. „[Letzeren] Workshop empfehle ich allen Leuten, die etwas mit Sound, Musik, Produktion zu tun haben. Viele Produzent*innen und Veranstalter*innen haben nicht die Möglichkeit Zuhause ihre Produktionen auf einer großen Anlage zu hören oder eben mit dieser für eine Party zu üben. Den Umgang mit dieser und die Wirkung auf die Raumakustik wollen wir zeigen. Wir wollen da wirklich wissen vermitteln.“
Das mjut hat außerdem eine auf Breakbeat fokussierte, 16-Track Digital-Compilation herausgebracht.
Ganz schöne Ansage.
Residents, Freunde des Clubs und Veranstalter*innen sind vertreten, von melancholisch bis geradlinig ist das komplette Spektrum abgedeckt, im Mittelpunkt stehen Club-Sounds. Eine Rezension und weitere Infos bekommt ihr demnächst bei uns auf frohfroh (Spoiler: Banger alert!), eine zweite Listening-Compilation ist schon in Planung. So sind aus der Not heraus sehr viele Projekte und Ideen entstanden, manche sind bereits abgeschlossen, andere stehen noch an.
Foto von Paula Charlotte
What the future holds
Und wie geht’s jetzt weiter? „Im besten Fall finden wir eine Möglichkeit, uns mit Dingen über Wasser zu halten, die wir jetzt noch nicht auf dem Schirm haben. Dazu gehört für mich auch bedeutend mehr als Streaming – das finde ich derzeit eine gute Brücke, aber es ist für mich eben nur das: eine Brücke, um in diese Phase reinzuschlittern.“ Diese Phase heißt, einen größeren Mehrwert aus Konzepten zu generieren, als nur der stumpfe Konsum. „Im besten Fall wird der Außenbereich ganzheitlich genutzt, im Sommer mit Outdoor-Yoga mit Sicherheitsabstand, Sportgruppen – ganzheitliche Nutzungskonzepte – meinetwegen auch sieben Tage die Woche und es muss nicht jedes Mal ein Beat drunter laufen,“ resümiert Marcus.
Um noch einen draufzusetzen: „Gerade planen wir noch eine mobile Bar: in den Parks Getränke verkaufen, um uns über Wasser zu halten und im besten Fall ein bisschen Subkultur zum mitnehmen anbieten können. Damit die Leute uns nicht aus den Augen verlieren, hier her kommt zurzeit niemand – also müssen wir hin zu den Leuten.“
Das mjut zeigt, wie wichtig es ist, kreativ und optimistisch zu bleiben; den Blick auf das Licht am Ende des Tunnels nicht zu verlieren. So flexibel kann gewiss nicht jeder Club sein, doch das mjut geht mit gutem Vorbild voran. Streams – ja. Sich davon abhängig machen – nein.
Vielleicht überstehen am Ende diejenigen die Krise, die am innovativsten bleiben, oder diejenigen, die die günstigsten Rahmenbedingungen haben. Vielleicht sind es diejenigen, die das Publikum bedingungslos auf ihrer Seite haben. Aber dass das mjut die Krise nicht übersteht, ist keine Option.
Das Groove-Magazin hat durch die Pandemie große finanzielle Einbußen erlitten. Nach 31 Jahren kämpft das Magazin ums Überleben.
Die letzten beiden verbleibenden Macher*innen des Groove-Magazins haben einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie beschreiben, was gerade bei dem Szene-Magazin los ist.
Klar ist: They need our support! Ohne die Groove ginge das letzte große, kritische (Online-)Magazin verloren. Das darf einfach nicht passieren.
Zwar wurde den Macher*innen bisher viel Solidarität ausgesprochen und mehr als 400 neue Abos wurden abgeschlossen, aber das reicht noch (lange) nicht. 1100 Abos fehlen noch, um die Groove bis April 2021 zu finanzieren.
Die frei-festen Redakteur*innen Laura Aha und Raoul Kranz können vorerst nicht weiter beschäftigt werden. So weit ist es also schon.
Was können wir tun, um das Groove-Magazin zu erhalten?
Kauft ein Abo! Kauft zwei Abos! Verschenkt ein Abo! Gerade gibt es auch noch eine andere Aktion. Ihr könnt eines von 16 exklusiven Postern verschiedener Künstler*innen im Rahmen der „2020 Solidarity“-Kampagne zu jedem Abo dazu bekommen, der Preis liegt bei 50 Euro für Poster und Abo (außer einer Ausnahme).
Und klar, auch wir wissen, dass viele von euch schon etliche Euros in das Überleben der Clubs via Startnext oder in Soli-Tickets gesteckt und investiert haben. Aber, die Groove ist (uns) echt wichtig. Ich persönlich kann sagen, dass die Groove für mich wahnsinnig bedeutsam ist. Unter anderem wegen diesem Magazin und deren kritischer Auseinandersetzung mit der Szene wollte ich irgendwann über Techno schreiben. Und nicht zuletzt auch ein Printmagazin herausgeben.
Also, wer noch kein Groove-Abo hat, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, eins zu ordern!
Das Leipziger Kollektiv Nebula veröffentlicht eine neue EP und will damit humanitäre Arbeit auf Lesbos unterstützen.
Nach einer längeren Kreativpause kündigt das Nebula Kollektiv mit der nächsten Various Artists EP die insgesamt dritte Veröffentlichung aus den eigenen Reihen an. Die „Vault V/A“ Digital-EP trumpft mit sechs Tracks der Leipziger Artists Kontinum, Murky fm, NVLS, SPLINTER, Tillman und VANTA auf.
Den Gewinn aus den Verkäufen spendet das Kollektiv an die Hilfsorganisation One Happy Family, die ein Gemeinschaftszentrum für geflüchtete Menschen auf Lesbos bauen will.
Vault Series
Mit ihrer „Nebula Vault Series“-Podcast-Reihe machen sie bereits seit einiger Zeit durch einen wöchentlich erscheinenden Mix auf Organisationen oder Kampagnen aufmerksam, welche vor allem zu Zeiten von Corona mehr Unterstützung denn je benötigen.
Gerade jetzt wollen sie mit ihrer Soli-EP nochmals deutlichst auf die prekären Zustände auf Lesbos hinweisen und die humanitäre Arbeit vor Ort unterstützen.
Sarah Farina ist seit Jahren eine bekannte DJ und stand schon unzählige Male hinter dem DJ-Pult, davon auch einige Male vor der Boiler-Room-Kamera. Mit ihrem #Rainbowbass reist sie normalerweise durch die Welt und versucht, mit ihrem Publikum nicht nur zu feiern, sondern auch musikalisch-politisch zu arbeiten.
Sie wäre, wenn nicht gerade Corona wäre, dieser Tage als eine der sehnlichst erwarteten Headliner*innen des Balance Club / Culture-Festivals nach Leipzig gekommen. Wäre, hätte, würde, könnte – es ist, wie es ist und wir alle machen das Beste draus! Wir haben Sarah also via Facetime getroffen, um mit ihr über Musiker*innenförderung, DJ-Gagen nach Corona und Musik als universelle, unabdingbare Sprache gesprochen.
Am Freitag, den 22. Mai 2020, werden wir den Laptop aufklappen und ihr Balance-Set via Streaming anschauen. Genau wie ihr, hoffentlich! Ihr verpasst sonst was, that’s for sure.
Interview
ff: Hallo Sarah, ich freue mich mega, dich virtuell via Facetime zu treffen. Ich hatte noch kein „digitales“ Interview – es fühlt sich einerseits sehr fortschrittlich an, andererseits wissen wir ja, warum wir uns nicht einfach in Leipzig oder Berlin auf einen Kaffee treffen können. Und damit sind wir schon mitten im Thema. Wie erlebst du gerade als Künstler*in diese Pandemie-Zeit? Bist du viel zu Hause, hörst oder machst du mehr Musik?
Sarah Farina: Ich gehe durch verschiedene Phasen. Zu Beginn waren es Schock und Angst, da ich selbständig bin – ich habe keinen Nebenjob. Und mein Job besteht aus der Interaktion mit Menschen und ich kann meine Arbeit nicht so verändern, dass ich, während die Maßnahmen gelten, einfach weiterarbeiten könnte. Deshalb war ich verunsichert, wie die allermeisten wahrscheinlich. Dann kam die Phase der Akzeptanz. Manchmal habe ich launische Phasen, dann gibt es aber auch wieder Tage, in denen ich joyful bin und sehe, wie die Community zusammenhält. Das sehe ich zum Beispiel an United We Stream und auch am Balance-Festival.
Und ich bin natürlich viel zu Hause. Durch dieses erstmal vorherrschende Gefühl der Angst, konnte ich aber gar nicht kreativ arbeiten. Mittlerweile geht das und ich arbeite viel an meiner Musik. Zwar nicht jeden Tag, aber mehr als vorher. Ich muss mir jetzt überlegen, was ich zukünftig machen kann und will, denn ich glaube, es wird noch sehr lange dauern, bis ich wieder in Clubs auflegen kann und davon leben kann.
Clubkultur und Politik
Ich habe mich eigentlich schon immer gefragt, wie das mal sein wird, mit dem Auflegen als Hauptjob – wie kann ich daraus „noch mehr machen“? Ich möchte eigentlich sowieso die Clubmusik aus dem Clubkontext herausholen und etwas Politisches damit machen. Ich persönlich bin nämlich auch keine Partymaus, was vielleicht auch etwas damit zu tun, dass ich keine Drogen nehme (lacht). Aber der Community-Aspekt der Clubkultur, dass man sich mit Menschen verbunden fühlt, über die Musik. Das ist und war mir schon immer sehr wichtig.
Sarah Farina bei Auf Klo (funk)
Denn, wenn ich in anderen Ländern auflege, und ich die Sprache dort nicht spreche, aber es kommt doch zu einer Verbindung – eben wegen der Musik – dann fühlt sich das immer nach ein paar Minuten Weltfrieden an. Und ich frage mich eben: Könnte man davon eine Remix-Version kreieren? Dass das nicht nur im Club stattfindet, sondern auch außerhalb der Clubwelt. Ich hoffe, dass ich noch herausfinde, wie ich dieser Idee mehr Raum geben kann.
Du wärest eigentlich als eine der Headliner*innen beim diesjährigen Balance Club / Culture Festival aufgetreten. Einige meiner Freund*innen haben sich extra Urlaub genommen, um zum Festival zu kommen und sich auch auf dich schon sehr gefreut. ABER! Das Balance fällt ja – zum Glück – nicht aus. Es gibt eine Webedition des Festivals. Mich macht das sehr froh, wie sieht es bei dir aus? Ist es schon ‚normal‘, dass Festivals und Gigs ins Digitale abwandern und somit stattfinden?
Ich habe alle meine Gigs verloren. Außer das Balance-Festival. Und ich finde das toll, dass das Team die Webedition so schnell auf die Beine stellen konnte. Das Festival ist ein politisches Festival und ich habe sehr viel Liebe dafür und bin mega dankbar, dass sie auch wirklich dafür stehen! Ich bin auch schon sehr gespannt, wie das Festival wird.
Du standest schon öfter vor der Boiler-Room-Kamera. Und ich habe gesehen, dass du vor Kurzem für United We Stream in der IPSE in Berlin aufgelegt hast. Wie ist das so – bist du da viel konzentrierter ohne die physische, „energetische“ Interaktion mit dem Publikum? Ist es langweiliger? Ergebnisorientierter?
Es ist super traurig! Ich lege zum Beispiel auch zu Hause nicht auf. Das macht für mich keinen Sinn. Also klar, ich kann mir eine Playlist anmachen, dazu tanzen und Spaß haben, aber es ist komplett anders, wenn da Menschen um dich herum sind – wenn man eine Energie kreiert, wenn es diesen Weltfrieden-Vibe gibt.
Ich glaube aber, dass das manchen DJs mal ganz gut tut, zu merken, wie wichtig das Publikum ist. Es gibt nämlich immer mehr DJs, die sehr ego-fokussiert sind und narzisstische Züge haben – was ok ist. Aber ich finde es manchmal krass, wie sehr der oder die DJ der Mittelpunkt vom ganzen Clubgeschehen ist. Für manche ist es sicher eine gute Erfahrung, zu merken, wie verunsichert sie doch sind, wenn keine Leute schreien, wenn sie einen coolen Track spielen.
Ich hatte trotzdem Spaß beim Auflegen, weil mir die Musik einfach Spaß macht.
„Aber es gibt nichts, was diese menschliche Interaktion und das Tanzen ersetzen könnte.„
– Sarah Farina
Was findest du persönlich am Balance Festival besonders cool? Welche Veranstaltung würdest du oder wirst du selbst besuchen?
Ich will mir wirklich Alles anschauen. Das Balance ist für mich ein modernes Festival, so sollte für mich jedes Festival sein. Denn es beweist, dass es nicht langweilig oder runterziehend ist, politische Aspekte in ein Programm mit einzubringen. Es geht nicht nur um Spaß und Feiern. Wobei es auch Spaß machen kann, politische Themen zu bearbeiten. Zwei Veranstaltungen interessieren mich aber besonders: „Dance as decolonial and feminist practice“ mit Anisha Müller und Femme Fitness und “Let’s talk about alliances„ mit und von Arpana Aischa Berndt und Mine Wenzel.
Dann lass uns über deine Musik sprechen. #Rainbowbass steht bei Soundcloud in deiner Beschreibung. Was bedeutet das?
Als DJ werde ich oft gefragt „Was legst du denn für Musik auf?“ und ich fand das schwer zu beantworten. Ich dachte mir dann, vielleicht kann ich ein Wort erfinden – zum Beispiel in dem ich Musikstile in Farben übersetze. Ich bin zwar kein Mensch, der Musik hört und Farben sieht, aber ich finde eben, dass die verschiedenen Musikstile bunt sind auch alle miteinander verwoben und verbunden – wie bei einem Regenbogen.
Musik als Regenbogen
Das lässt sich auch auf die Geschichte von Musik übertragen. Zum Beispiel bei Techno: Techno verbindet so viele verschiedene Musikstile und -richtungen, das finde ich einfach schön. Historisch sind Musikstile miteinander verbunden und die Farben des Regenbogens sind es auch. Der Regenbogen an sich weckt dazu noch Freude und Positivität, das macht es auch nicht so ernst (lacht).
Und Bass ist für mich die Essenz von Clubmusik. Du kennst es sicher auch, dieses Gefühl, wenn man im Club ist, und der Bass setzt ein. Leute fangen dann an, sich zu bewegen und darauf zu reagieren. Mir geht es mit dem Begriff auch darum, Genregrenzen aufzubrechen. Ich kann mich selbst auch nicht einem Genre zuordnen, da ich einfach verschiedene Musikstile liebe.
Manchmal würde ich mir auch schon wünschen, dass sich Menschen mehr mit Musikgeschichte beschäftigen. Ganz nach dem Motto „How can you know where you’re going, if you don’t know where you’ve been?“ – und das ist auch wieder politisch! Ich war letztes Jahr in Detroit, dem Geburtsort von Techno, habe dort so viel gelernt und gemerkt, wie schade es ist, dass Genres wie Techno so krass weiß-gewaschen sind und weiß-gewaschen wurden.
Durch ein Set, das viele Stile verknüpft, kann man also auch eine Message ans Publikum schicken.
Du wurdest bereits von der Initiative Musik gefördert, wie ich gelesen habe. Wie war das und kannst du es empfehlen, als Künstlerin aus der elektronischen Musikwelt, sich dort zu bewerben?
Initiative Musik, Musicboard, Shape
Ich wurde schon zwei Mal gefördert, einmal, richtig, von der Initiative Musik und einmal vom Musicboard Berlin. Und ich kann es total empfehlen! Die Barriere fühlt sich vielleicht erst einmal hoch an. Aber wenn man einmal angefangen hat, so eine Bewerbung zu schreiben, merkt man doch ziemlich schnell, dass es gar nicht so schlimm ist.
Was ich wichtig finde, ist, dass man schon ungefähr wissen sollte, wer man ist und wo man hin will. Denn es geht in so einer Bewerbung vor allem um das Narrativ, damit diejenigen, die bei so einer Initiative arbeiten und darüber entscheiden, wer gefördert wird, verstehen können, wer du bist, wo du warst, wo du jetzt bist und was du machen willst.
Ich habe da glücklicherweise tolle Leute um mich herum, die mich motiviert haben und mir das empfohlen haben. Weil ich selbst unter dem Imposter-Syndrom* leide (lacht). Ich dachte, dass DJs wie ich, die solche Musik machen und spielen, da keine Chance haben. Aber diese Institutionen werden immer offener. Jetzt ist es sogar so, dass ich in der Jury des Muicboards sitze und anderen Menschen ermöglichen kann, gefördert zu werden. Ich hoffe, das motiviert viele Menschen, sich zu bewerben! Denn, der Papierkram ist wirklich nicht so schlimm. Man kann mit den Leuten, die bei diesen Institutionen arbeiten, wirklich gut reden.
Und du bist eine von vielen Shape-Artist-Alumni. Die Shape-Plattform ist bekannt dafür, aufstrebende, interessante und vor allem Live-Künstler*innen aus der ganzen Welt in ihr Förderprogramm aufzunehmen und dort zu vereinen. Wie hast du von Shape erfahren?
Ich bin als DJ bei Disk Agency und Shape und Disk Agency sind miteinander verbunden, daher hatte ich Shape immer auf dem Schirm. Vor zwei Jahren wurde ich bei Shape aufgenommen und hatte damit Möglichkeiten, an Orten aufzulegen, die sehr besonders sind. Zum Beispiel bei einem Festival in Norwegen, zu einer Zeit, wo es dort immer dunkel ist. Das war richtig abgefahren. Es kam zu einem sehr schönem Austausch und ich durfte über das Shape-Network auch Workshops besuchen, und zwar komplett kostenlos. Da ging es zum Beispiel um Mental Health oder Musiklizensierung, mit Menschen aus aller Welt.
Ich bin immer noch dankbar, bei Shapedabei zu sein. Und ich finde, Musiker*innen sollten sich für genau solche Förderungen und Stipendien viel mehr bewerben.
Verfolgst du, wer jedes Jahr in die Artist-Reihe aufgenommen wird..?
Ja! Ich folge Shape weiterhin auf Instagram und bekomme da alles mit.
Sarah Farina
Du hast auch vor kurzem in Tokyo eine kleine Tour gehabt! Wie war das, das ist ja noch gar nicht lange her. Wie wird dort gefeiert und hast du es besonders genossen, in Japan aufzutreten?
Ich war schon drei Mal in Asien als DJ. Jede Erfahrung dort war super. In Japan war es auch total cool, die Menschen dort waren so unfassbar höflich. Das ist zwar auch so ein typisches Klischee, aber das ist kulturell dort stark verankert. Die Clubs waren die saubersten Clubs, die ich jemals gesehen habe (lacht). In Japan ist mir aufgefallen, dass die Menschen dort teilweise komplett anders auf Tracks reagiert haben, als an anderen Orten. Dann gibt es aber auch Tracks, die wirklich überall die gleiche Reaktion hervorbringen können. Das sind so die universellsten Tracks der Welt. Ein solcher Track ist zum Beispiel The Bug – Skeng! Den finden immer alle gut.
Am krassesten feiern aber die Leute in Shanghai. Diese europäische „Coolness“ in Clubs kann nämlich dazu führen, dass sie länger brauchen, um loszulassen. Und in asiatischen Ländern werden die Artists richtig krass appreciated. Manchmal habe ich in Berlin das Gefühl, dass das Publikum sehr verwöhnt ist und deshalb die Artists nicht so feiert.
Du bist schon wirklich sehr weit herumgekommen und warst viel mit deiner Musik unterwegs. Fehlt dir das Reisen?
Das Reisen fehlt mir schon. Aber es hat mich auch sehr gestresst. Je nach Persönlichkeit ist das sicher auch verschieden. Ich bin eher introvertiert, daher ist es für mich vielleicht in bestimmten Situationen anstrengender. Es kann schon ein komisches Gefühl sein, mit 800 Leuten im Club zu sein, und wirklich keinen zu kennen. Und manchmal kommt eben auch keine Verbindung zu Stande und der Gig wird schlecht.
Aber beim Reisen merke ich immer wieder, wie wichtig Musik als universelle Sprache ist. Und wie wichtig es ist, safer spaces zu haben, in denen Menschen loslassen, im Jetzt leben, sich selbst und die Menschen um sich herum feiern können. Dass gerade diese Orte derzeit so bedroht sind und werden, macht mir echt Sorgen. Denn diese Orte brauchen wir – angesichts des Rechtsrucks überall auf der Welt – mehr denn je.
Und noch eine letzte Frage: Wie sieht die Clubwelt nach der Krise aus, was meinst du?
Nehmen wir mal an, dass es Anfang nächsten Jahres wieder losgeht. Dann glaube ich, dass Clubnächte was die Anzahl des Publikums angeht, stark limitiert sein werden und das Line-Ups eher lokal sind. Was ich gut finde! Denn wir haben so viel lokales Talent, das immer übersehen wird. Und die Gagen werden sich verändern, was ich teilweise auch richtig gut finde. Im besten Falle wird eine Umverteilung stattfinden, dahingehend, dass 15.000 Euro nicht mehr nur für einen Headliner-DJ ausgegeben werden, sondern dieses Geld an mehrere Künstler*innen verteilt wird.
Clubwelt nach der Krise
Ich hoffe, dass es nicht dazu führt, dass Safer-Space-Guidances ihre Jobs verlieren, also das gerade hieran dann gespart wird. Dass es einen Ausbruch der Freude gibt, im besten Falle! Das kennt man ja auch der Geschichte, beim Mauerfall zum Beispiel. Vielleicht geben Menschen zukünftig dann auch wieder mehr Geld für Clubnächte aus und es führt dazu, dass wir insgesamt kollektiver denken – und nicht nur jede*r schaut, irgendwie auf die Gästeliste zu kommen. Und ich hoffe sehr, dass Clubs sich gegenseitig unterstützen und sich die Konkurrenz nicht noch verschärft.
Interview_Webedition
Danke an Sarah Farina und danke – again – an das Balance Club / Culture Festival. Wenn ihr das Festival unterstützen möchtet, kauft ein Soli-Ticket!
Das Conne Island hat seinen ersten Slot bei für UWS Global auf arte concert bekommen.
Sieben Künstler*innen treten auf – und die Island-Crew ist ziemlich excited. „Live-Ambient über ’nem riesigen Technikhaufen, ein Stream zum Liegen.“
Unter dem Schirm der Import/Export Reihe spielen von 20-24 Uhr unter anderem Molto aka Mix Mup und P.A. Hülsenbeck, der eigentlich nächste Woche im Gewandhaus mit „Two Play To Play“ aufgetreten wäre. Ihr könnt eine Klangdokumentation der Künstlerin Anna Schimkat zu den „Glocken von Mutzschen“ erwarten, Violonistin Izabela Kałduńska und White Wine Music-Chef Fritz Brückner aka Turbofritz aka Modus Pitch sind ebenfalls dabei.
Bunt, bunt, bunt! Das Artwork ist von unfun, Visuals von Lumalenscape. Die Facebook-VA inkl. full Line-Up findet ihr hier. Der Stream wird der vorerst letzte aus Leipzig auf arte concert ein.
Monate Arbeit in ein Festival zu stecken, welches dann nicht stattfinden kann, tut weh! Aber das Kollektiv rund um das Balance Club / Culture Festival lässt sich so schnell nicht entmutigen.
Sie wollen viel mit diesem Festival und haben deswegen Wege gefunden, jedem Act (außer einer Künstler*in) die Chance zu geben, dabei zu sein und jedes Thema, welches erarbeitet wurde, zu besprechen und Workshops anzubieten.
Balance Club / Culture Festival
Vom 20. bis 24. Mai 2020 könnt ihr dabei sein! Dieses Mal besonders niedrigschwellig, egal wo ihr gerade seid. Also alles wie gehabt beim Balance? Nur neu und irgendwie anders! Wie, darüber hat Kathi Groll mit einer der Macher*innen des Festivals, Ulla Heinrich, gesprochen.
Das Balance Club / Culture Festival hätte vom 20.-24. Mai in Clubs, Konzertorten und Off- Locations in Leipzig als interdisziplinäres Festival mit über 30 Acts und ebenso vielen Einzelveranstaltungen stattgefunden.
Die aktuelle Situation rund um Covid-19 fordert nun gewisse Änderungen – dennoch findet das Balance Club / Culture Festival statt, als Web Edition mit einem Großteil der bereits angekündigten Künstler*innen statt! Yay!
Auch wenn das Erlebnis im Club unnachahmbar ist, bedeutet Clubkultur 2020 eben einfach mal selbstbewusst von der Couch aus raven. Und zoomen, streamen, chatten, vor dem Laptop sitzen, zuhören, tanzen… Das Festival wird in die digitale Webwelt projiziert, aber damit nicht weniger eindrücklich.
Surprise, Surprise: Balance-Sampler
Alles wird ein wenig anders, aber der Community-Gedanke wird nochmals stärker ausgespielt, könnte man sagen. Gemeinsam mit dem Publikum wird das Festival zu einer kollektiven, wenn auch etwas fragmentierte(re)n Erfahrung werden, da sind wir uns jetzt schon sicher.
Zum krönenden Abschluss wird übrigens der erste Balance-Sampler: „Various Artists – Tender Squads“ veröffentlicht. Damit erfüllt sich das Festivalteam zugegebenermaßen selbst einen Herzenswunsch.
Wir dürfen uns auf Hard-Drum, Rap, Elektro und Breakbeat, lokale Acts und internationale Musikprojekte freuen. Bisher bestätigt sind folgende Acts: ABOGAR (Leipzig), Ana Bogner solo (Leipzig), Avbvrn (Frankfurt), Crystallmess (Paris), Kelman Duran (US), Moesha13 (Paris), TSVI (London), Animistic Beliefs (Rotterdam) und Tadleeh (Mailand).
Web Edition: Artists, Art, Diskurs
Artists
Aleen Solari _ Lyzza _ Solaris _ Flufflord _ Dorian Electra _ Peter Hermanns _ Dopplereffekt _ Lotic _ Lotion _ Nazira _ Authentically Plastic _ Anastasia Kristensen _ DJ Fart in the Club _ Resom _ Anna Adams _ Crusat _ Futurecore2000 _ Myss Keta _ Sarah Farina _ FemmeFitness Anisha Müller _ Arpana Aischa Berndt/Mine Wenzel _ Inga Zimprich/Julia Bonn _ Moesha13 _ Torvs _ fr. JPLA _ Holfeld/Kaiser _ Vice Versa _ Carbon Dehydrate _ ANTR
Art & Soli-Merch
Eigentlich hätte Aleen Solari das Festivalzentrum mit ihrer Rauminstallation zum ästhetischen und inhaltlichen Container für alle weiteren Beiträge gemacht. Für das Webfestival wird die Hamburger Künstlerin nun eine exklusive Merch-Edition herstellen, die ihr während des Web-Festivals kaufen könnt. Die Gewinne fließen an Seawatch.
Vorträge, Podcasts, Workshops, Multimedia-Texte
Das Diskursprogramm des Festivals mit u.a. einem Vortrag zum Thema Gabber von Bianca Ludewig, einem Multimedia-Beitrag zu Drag, einem Workshop zum Thema „Allianzen“ und dem Tanzworkshop von Femme Fitness wird komplett online stattfinden.
Soli-Ticket für das Balance
Trotz aller Förderungen, die das Festival bekommt, ist eines klar: Das Festival war ursprünglich darauf ausgelegt, Einnahmen durch Eintritte zu generieren. Dass das Festival, das auch in seiner ursprünglichen Form einen großen Anteil kostenloser Workshops und Screenings für uns alle angeboten hätte, mit finanziellen Einbußen zu rechnen hat, ist an einer Hand abzählbar.
Daher: Wer kann, dem sei das Soli-Ticket ans Herz gelegt.
Hier findet ihr das Ticket und (noch) mehr Infos zum Festival.
Stream on and stay safe!
Wir freuen uns jetzt schon auf die Web Edition des Balance Festivals und werden nicht müde zu betonen: Unser Lieblingsfestival findet statt. Zum Glück. Lasst uns also bitte alle „hingehen“ und lernen, tanzen, raven und neue Erfahrungen machen. Bleibt solidarisch und kauft ein Ticket, wenn ihr könnt.
Würde Carlotta Jacobi durch die Zeit reisen können, wäre sie wohl dennoch im Jahr 2020 am liebsten. Oder in der Zukunft. Ihre Sets und eigenen Produktionen sind zeitgemäß im Hier und Jetzt – aber niemals retroperspektivisch. Unsere Podcasterin und Autorin Kathi hat sich in Zeiten der Kontaktsperre mit ihr zu einem digitalen Frühstück getroffen.
Aufgewachsen in Hamburg, zwischen klassischem Klavierunterricht und durchtanzten Nächten im Golden Pudel Club und dem autonomen Kulturzentrum Rote Flora, ist Carlotta Jacobi zu einer Musikerin gewachsen, die verschiedenste Erfahrungen in ihrer Musik verarbeiten kann. Und das macht ihren Sound, sowohl als DJ als auch als Produzentin, so tiefgründig.
Die Liste ihrer weiteren Projekte, neben dem Musikmachen ist ebenso lang, wie ihre musikalischen Einflüsse: Sie ist eine der Organisator*innen der Fe*male Ableton User Group Leipzig, arbeitet im Institut fuer Zukunft mit, ist Mitglied der Connwax-Crew, macht für das Connwax-Label die Öffentlichkeitsarbeit und organisiert für das Netzwerk feat.fem den monatlich erscheinenden Podcast.
Die Corona-Krise fühlt sich für sie also nicht wie eine Ruhepause an, auch wenn alle Auftritte der letzten Wochen ausgefallen sind. Besonders schmerzlich war die Absage ihres allerersten Gigs im ://about blank Ende März. Diesen nicht spielen zu können, hat ihr – völlig verständlich – das Herz gebrochen. Auch wenn zur Zeit der Schutz der Feiernden das Wichtigste ist und die Clubs geschlossen bleiben müssen.
Hamburg, Stockholm, Montreal, Leipzig
Als Carlotta Jacobi vor knapp 7 Jahren nach Leipzig kam, war sie zunächst als Gast in Clubs unterwegs und wuchs langsam in die lokale Szene hinein. Vorher lebte sie in Hamburg, zog mit 8 Jahren mit ihrer Familie nach Schweden und dann mit 13 Jahren wieder zurück in die Hansestadt. Der Job ihres Vaters bestimmte die Wohnorte der Familie.
Nach ihrem Abi ging Carlotta ein Jahr nach Kanada und lebte einige Zeit in Montreal. Sie kaufte sich eine kleine Gitarre und verdiente etwas Geld als Straßenmusikerin. Schon von Kanada aus, beschloss sie, danach nach Leipzig zu ziehen. Auch in der Hoffnung, dass die Stadt ähnliches zu bieten hätte. Und, ja, für Carlotta ist Leipzig eine Heimat geworden. Derzeit studiert sie Kulturwissenschaften im Master an der hiesigen Uni.
Trotz des Studiums ist ihr WG-Zimmer ist zu einem Musikstudio geworden. Auch wenn sie es nicht mit zuviel Instrumenten zustellen möchte. Denn für sie ist wichtig, jeden ihrer Synthesizer und ihre Drum Machine auch verstehen zu lernen und eine „gewisse Beziehung zum Instrument“ aufzubauen. Ihre Tracks dürfen zuhause entstehen, da sie tolerante Nachbarn hat. Ihr Nachbar von unten spielt selbst gern laut Gitarre und ihre Nachbarin von oben geht gerne feiern. So ist Leipzig!
Producing, Ableton, Clubs
Die Stadt veränderte auch Carlottas Musik. Was mit Kompositionen am Klavier begann und in Kanada das Gitarren Spielen und Singen war, wurde hier das Produzieren von Beats. Durchs Feiern gehen wurde ihr Interesse an Elektronischer Musik immer größer, sie begann aufzulegen und fasste den Mut, sich das Produzieren mit Ableton selbst beizubringen.
Damals noch ohne den Support der fe*male Ableton User Group, denn die gab es damals noch nicht. Umso wichtiger ist ihre Arbeit für diese Gruppe mittlerweile, denn nach wie vor sind weibliche Produzierende in der Szene unterrepräsentiert.
News: Erster Release bei Human
Bald kommt der erste digitale Release von Carlotta Jacobi auf dem Soli Sampler vom Leipziger Label Human raus. Es wird eine limitierte Ausgabe, und dass ein Teil der Einnahmen gespendet wird, ist für Carlotta ein Grund mehr, genau dafür einen Track beizusteuern. Und es wird ihr erster offizieller Release, obwohl sie schon seit längerem Tracks produziert und diese in ihren Sets spielt.
Aber gut Ding will Weile haben und einen gewissen Perfektionismus kann Carlotta nicht ganz ablegen. Die Tracks sollen einfangen, was sie gerade spürt: Manchmal stellt sie sich dabei Trakt 1 im IfZ vor oder ein Publikum, das bei den Klängen mitgeht.
Aber auch der Druck von Außen spielt eine Rolle. Immer noch werden Produzent*innen „strenger“ bezüglich ihrer technischen Versiertheit beurteilt. Auch die Gefahr als Quotenfrau auf einem Line Up zu stehen, und nicht wegen des großartigen Sounds, besteht nach wie vor.
…straighter, sphärischer Techno
Für unsere Spot on-Reihe hat Carlotta einen exklusiven Mix zur Verfügung gestellt. In ihrem Set hört ihr neben geliebten Tracks auch eine eigene Produktion.
Aufgenommen hat sie das Set während des Connwax Closings Ende Januar im IfZ. Der Abend war einfach großartig: Das Publikum war die kompletten zwei Stunden dabei und da das Set relativ kurz war, ist es komprimiert (und on point!). Also ein echtes Hits Hits Hits Set!
Genießt es!
Disclaimer
Die wundervollen Fotos stammen von Fotografin und Autorin Paula, die sich für ihre Porträt-Reihe noch vor Corona mit Carlotta getroffen hat. It’s a match, oder?
Danke an dieser Stelle an Paula, Kathi und Carlotta für die gemeinsame Arbeit an dieser Spot On-Ausgabe!
Zuletzt dachte ich, die große Label-Gründerzeit in Leipzig ist durch. Doch es gibt immer noch Neuentdeckungen. Hier sind drei davon: QC Records, Bitterfeld Musik und GLYK.
House- und Ambient-Glück mit GLYK
Schon 2016 erschien die erste GLYK-Platte, also wirklich neu ist es nicht. Aber erst im letzten Jahr gab das Label von DJ Balduin etwas mehr Gas. Und hey, GLYK hat es in den Kompakt-Vertrieb geschafft. Völlig zurecht, denn die bisher fünf veröffentlichten EPs (Vinyl und Digital) sind ohne Ausnahme hörenswert. Besonders durch ihre experimentellen und freieren Ansätze.
Natürlich gibt es auch schön deepe und klassische House- und Electro-Tracks, aber noch vielmehr wird auf GLYK musikalisch geforscht. Ich mag es immer, wenn sich Labels trauen, abseits der Clubgrenzen zu bewegen. Und GLYK wagt einiges.
Zuletzt kamen zwei Releases von Knat heraus, einem Session-Projekt von Steve Hartmann und Jan Harder (haben die beide wirklich zufällig hart/hard im Namen??). Zwei Mini-Alben sind das, die sehr spannend und scheinbar analog Drones, Ambient und Electronica ausloten. Wer lieber ein paar gerade Bassdrums möchte, sollte zur DJ Balduin-EP greifen.
Roughe Sounds aus Bitterfeld
Auch das nächste Label ist nicht taufrisch. Seit Ende 2017 gibt es Bitterfeld Musik und ich wollte es schon längst mal vorgestellt haben. Gegründet haben es der Leipziger Carmel und Marius Reisser und Berlin. Bitterfeld liegt quasi dazwischen und die Chemie-Industrie-Tristesse der kleinen Stadt dürfte für Electro- und Techno-Heads mit Hang zu darken Sounds ein echter Sehnsuchtsort sein.
Das Logo von Bitterfeld Musik greift die Industriegeschichte direkt auf – und auch musikalisch ist es eher dark und teils richtig kantig, mit Ausflügen in Richtung Techno, Jungle, UK Garage, Acid, EBM, House und Electro. Zugleich ist das Label eine Plattform für Carmels gute Connections in die australischen und Leipziger Szenen. Da finden Interviews genauso eine Heimat wie Guy Contact und Consulate aus Perth.
Schaut man bei Bandcamp rein, zeigt sich schnell: Bitterfeld Musik hat sich eine beachtliche internationale Fanbase aufgebaut. Sie will einfach Musik for a bitter tomorrow. Ganz im Sinne des besten EP-Titel im bisherigen Labelkatalog.
Happy Vibes mit QC Records
Zum Schluss noch einmal Carmel. Es ist wirklich Wahnsinn, wie aktiv der australische Wahl-Leipziger derzeit seine Spuren in der Stadt hinterlässt. Gerade kam ja eine neue R.A.N.D. Muzik-Compilation heraus, die auch Carmel kuratiert. Zusammen mit Qnete hat er letztes Jahr noch ein weiteres Label an den Start gebracht: QC Records.
Ich dachte erst, das QC steht für Qnete und Carmel, aber es ist die Abkürzung von Quality Control. Und die scheint ziemlich gut zu klappen bei den beiden. Die drei bisher veröffentlichten EPs sind so herrlich euphorisch und happy. Egal ob sie House, Jungle, Downbeat oder 90s-Rave als Rahmen nehmen – jeder Track klingt so positiv und unbefangen.
Klar, irgendwie auch naiv und voller musikalischer Zitate, aber so what. Neben dem ganzen Dark-Techno-Game ist das eine echte Erfrischung. „Happyrave“ heißt passenderweise ein Track der aktuellen EP. Genau darum geht es den beiden wohl. Ich bin Fan!
Ein 2 Sekunden kurzes Sample schreibt über 20 Jahre Rechtsgeschichte. Das heutige Urteil des BGH im Streit zwischen Kraftwerk und Moses Pelham hat das Potenzial, die elektronische Musikszene nachhaltig zu verändern. Es geht um nichts Geringeres als die Grundlage einer gesamten Musikrichtung. Rechtsanwalt Henning Fangmann ordnet den Fall für uns ein.
Ein Paukenschlag ertönte heute aus Karlsruhe. Dort verkündete der Bundesgerichtshof (BGH) sein Urteil im Streit zwischen Kraftwerk und Moses Pelham. Das Gericht entschied dabei über die Zulässigkeit des Samplings – und damit auch über die Zukunft der elektronischen Musik, wie wir sie bisher kennen. Wie passend, dass dabei ausgerechnet deren deutsche Gründungsväter involviert waren.
Was war passiert?
Dem Urteil ging ein 21 Jahre andauernder Rechtsstreit voraus. Moses Pelham, bekannt als Musikproduzent, Rapper und Nasenbrecher Stefan Raabs, produzierte und komponierte in den 90er-Jahren nahezu alle Songs von Sabrina Setlur, darunter auch den Track „Nur mir“.
Für den Beat des Liedes wurde ein Ausschnitt aus einem Stück der Technopioniere Kraftwerk genutzt. Es handelte sich dabei um ein zweisekündiges Sample aus deren Song „Metall auf Metall“ aus dem Jahr 1977.
Als Sample werden Töne oder Tonfolgen bezeichnet, die einem bereits bestehenden Musikstück entstammen. Werden diese Ausschnitte in ein neues Musikstück eingefügt, spricht man von Sampling. Meist wird das Sample dazu bearbeitet, indem etwa die Geschwindigkeit oder Tonhöhe verändert oder das Sample fortlaufend wiederholt wird.
Auch die von Pelham genutzte Tonfolge, die wie aufeinandergeschlagene Metallstücke klingt, wurde geloopt und leicht verändert und lag dem ganzen Song als Rhythmus zugrunde. Um Erlaubnis gebeten wurde Kraftwerk vorher aber nicht.
Kraftwerk, die übrigens in einigen ihrer Stücke selbst Samples nutzen, war davon nicht gerade begeistert. Deren Gründungsmitglieder Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben haben daher im Jahr 1999 Klage erhoben und wollten vor allem erreichen, dass der Song nicht mehr verbreitet werden darf und Moses P. Schadensersatz für die Nutzung zahlt.
Was folgte war ein wilder Ritt durch die Instanzen um die Frage zu klären, ob überhaupt und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen die Nutzung des Samples ohne Zustimmung von Kraftwerk zulässig ist.
Grundsätzlich ging es dabei um die Abwägung zwischen den urheberrechtlichen Ansprüchen Kraftwerks auf der einen und dem durch die Kunstfreiheit geschützten kreativen Schaffen Pelhams auf der anderen Seite.
Es steht viel auf dem Spiel
Es geht als um Grundsätzliches. Und um die Zukunft einer ganzen Branche. So offenbart ein Blick auf die laut der Website www.whosampled.com meistgenutzten Tracks den maßgeblichen Einfluss von Sampling auf ganze Musikrichtungen.
Weit oben steht dabei der Amen Break, ein über vier Takte reichender Ausschnitt aus dem Song „Amen, Brother“ der Band The Winstons von 1969. Dieses treibende Schlagzeug-Sample liegt als Rhythmus nahezu allen Drum’n’Bass Beats zugrunde. Gleiches gilt für den Think Break, einen Ausschnitt aus dem Lied „Think (About It)“ von Lyn Collins. Ohne Sampling dieser Tracks wäre Drum’n’Bass vermutlich nicht entstanden. Dies ist die kulturelle Seite.
Auf der juristischen Seite steht die Rechte von Komponisten und Producern aus dem Urheberrechtsgesetz. Dem Produzenten eines Albums stehen an den Aufnahmen bestimmte Rechte zu. Das ist das sogenannte Leistungsschutzrecht des Tonträgerherstellers. Dahinter verbirgt sich vor allem das Recht, zu entscheiden, wer in welcher Art und Weise die Aufnahmen nutzen darf. Dabei sind selbst einzelne Töne geschützt und dürfen grundsätzlich nicht einfach ohne Zustimmung des Produzenten verwendet werden.
Das Urheberrecht sieht aber selbst auch Einschränkungen dieses Rechts vor, insbesondere durch das Recht auf freie Benutzung und das Zitatrecht. Im Rahmen dieser Einschränkungen muss auch die Kunstfreiheit der Sampler berücksichtigt werden. Es stellen sich also viele urheberrechtliche Einzelfragen, die zum Teil sehr komplex sind.
Hinzu kommt eine Änderung des Urheberrechts auf europäischer Ebene aus dem Jahr 2002. Diese führte dazu, dass sich sich im vergangenen Jahr auch schon der Europäische Gerichtshof (EuGH) mit dem Fall befasst und manchen Vorschriften des deutschen Urheberrechts für europarechtswidrig und nicht anwendbar erklärt hat.
Das heutige Urteil
Heute hat der BGH zwar noch keine endgültige Entscheidung getroffen, sondern die Sache nochmal an das OLG Hamburg zurückverwiesen. Dabei hat er dem OLG aber Leitlinien mit auf den Weg gegeben, wie dies den Fall zu beurteilen hat. Die schlechteren Siegchancen hat dabei Moses Pelham.
Nach den europarechtlichen Änderungen im Jahr 2002 ist laut BGH die Verbreitung des Samples ohne Zustimmung von Kraftwerk nur dann rechtmäßig, wenn der durchschnittliche Musikhörer das Original im neuen Song nicht wiedererkennen würde. Im Fall von „Nur mir“ ist das aber nach Ansicht des BGH so.
Damit blieb Moses Pelham nur noch der Notanker des urheberrechtlichen Zitatrechts. Aber auch dies hat der BGH abgelehnt, da aus seiner Sicht für die Hörer nicht erkennbar war, dass der dem Beat zugrundeliegende Loop aus einem anderen Song übernommen wurde. Zudem wurde Kraftwerk nicht als Quelle des Samples benannt.
Auswirkungen auf Sampling und die Szene
Das Urteil dürfte für alle Producer elektronischer Musik große Auswirkungen haben. Der BGH hat klargestellt, dass Sampling nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen zulässig ist. Dies ist von nun an nur noch in vier Konstellationen der Fall.
Erstens, das Sample ist ein Zitat. Dazu muss der Originalausschnitt wiedererkennbar im neuen Song eingebaut werden, mit dem Original interagieren und die Quelle des Ausschnitts etwa im Booklet oder der digitalen Beschreibung benennen.
Zweitens, das Sample wird so stark bearbeitet und verändert, dass es in dem neuen Beat nicht mehr wiederzuerkennen ist. Wann diese Voraussetzung erfüllt sind, lässt sich pauschal kaum sagen.
Drittens, das Sample wird selbst nachgespielt. Das dürfte in der Praxis wohl nicht realistisch sein.
Und viertens, die einfachste und verbreitetste Lösung: Man holt sich vor der Nutzung die Zustimmung der Rechteinhaber ein. Das kann zwar den Schaffensprozess verzögern oder sogar das Sampling unmöglich machen, wenn die Interpreten die Zustimmung verweigern. Es ist aber auf jeden Fall der sicherste Weg.
Ausblick
Nun liegt der Ball also wieder beim OLG Hamburg. Eine Entscheidung des Gerichts ist frühestens Mitte nächsten Jahres zu erwarten. Danach kann sich Moses Pelham überlegen, ob er noch Chancen sieht, mit dem Fall wieder vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen.
Headerbild von Robert Handrow.
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